Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
Schließen

Navigation:

XXXII

Dachte Tunda an Irene, so erschien sie ihm ebensoweit von dieser sorglosen und anmutigen Welt entfernt wie er selbst. Man kann ein solches Verhältnis »romantisch« nennen. Es scheint mir, daß dies der einzige Begriff ist, der heute noch Berechtigung hat. Es scheint mir, daß zwischen der Qual, diese Wirklichkeit, diese unwahren Kategorien, seelenlosen Begriffe, ausgehöhlten Schemata zu ertragen, und der Lust, in einer Unwirklichkeit zu leben, die sich selbst bekennt, keine Wahl mehr sein kann. Zwischen einer Irene, die Golf spielt und Charleston tanzt, und einer, die nicht einmal polizeilich registriert ist, vor die Wahl gestellt, entschied sich Tunda für die zweite. Was aber gab ihm das Recht, eine Frau zu erwarten, die anders war als alle, die er sah? Als Frau G. zum Beispiel, die er doch einen Abend lang geliebt hatte, das ferne Abbild der fernen Irene? – Nur die Tatsache, daß er sie versäumt hatte; daß er auf dem Wege zu ihr, von einem fremden Schicksal wie von einem Wind ergriffen, in andere Gegenden getragen worden war, in andere Jahre, in eine andere Existenz.

Es war das letzte Mal, daß er zu Pauline kam. Ihre Koffer standen halbgefüllt und immer offen in ihrem Zimmer. Sie fuhr endlich nach Dresden. Tunda sprach mit ihrem Vater. Herr Cardillac saß auf einem Stuhl, der ihn nicht ganz fassen konnte, er ragte über den Sitz hinaus und über die Lehne, obwohl er nicht etwa allzuviel Fett oder Fleisch besaß, sondern eher muskulös als dick war, eher gedrungen als kolossal. Er war klein, er stand auf kurzen Beinen sehr fest, unerschütterlich, wie ein eiserner Gegenstand, sein Nacken war rot und hart, sein Hals kurz, seine Hände breit, aber seine Finger, als hätte er sie erst spät anfertigen lassen, von einer gewissen Grazie. Sie machten ihn beinahe sympathisch, wenn sie ungezogen auf dem Tische trommelten oder die Knöpfe der Weste abtasteten oder zwischen Hals und Kragen krochen, um den steifen Hemdsaum zu lockern. Ja, Tunda fand Herrn Cardillac sogar erträglich. Die ältere Generation konnte er überhaupt besser leiden. Ein Sohn des Herrn Cardillac wäre ihm unerträglich gewesen. Der Vater aber hatte noch, wenn er sich für kurze Augenblicke vergaß und schwach wurde, die sympathische, biedere, eigentlich mitleidheischende Armut des arbeitenden Mannes, die einer Vorurteilslosigkeit gleich ist und der Güte nahekommt. Seine simple Ehrlichkeit lag begraben, aber fühlbar unter einer Schicht von anerzogenen Manieren, schwer erworbenen und schwer erhaltenen Hemmungen, unter mühsam aufgeschichteten Verteidigungsschanzen aus Stolz, Selbstbewußtsein und nachgeahmter Eitelkeit. Wenn man aber Herrn Cardillac ins Auge sah – er trug eine Brille, ohne weitsichtig zu sein und nur um sein nacktes Auge zu maskieren, über dem die Brauen ausgegangen waren –, wenn man gleichsam mit einem vertrauten Blick diese Brille abnahm und also Herrn Cardillac entkleidete – dann geschah es, daß er mit leiser Stimme von seiner harten Jugend zu sprechen begann und nur wenig log. In dem Augenblick aber, in dem die Rede auf das Allgemeine geriet, wurde Cardillac offiziell, und es war, als hätte er das Mandat, die Gesellschaft zu vertreten, deren Stütze er war und die ihm seine angenehme Lage ermöglichte.

Tunda unterhielt sich also mit Herrn Cardillac, er war sogar ein bißchen wehmütig, da er sein Haus verlassen sollte. Cardillac lud ihn ein, im Winter wiederzukommen. Er gebe kleinere und wohl auch größere, aber meist intime Gesellschaftsabende, bei denen junge Männer immer gerne gesehen würden. Sie schüttelten sich die Hände, Tunda nahm einen Scheck entgegen, verabschiedete sich von Fräulein Pauline und ging.

Vor dem Haustor stand ein Auto, der Motor sang noch, der Chauffeur machte die Tür auf, und eine Dame trat heraus. Sie war schlank, blond, grau gekleidet. Tunda sah mit einem Blick die schmalen Schuhe, graues, glattes Leder, die den Fuß sanft umspannten, sah den dünnen, gleichsam blühenden Strumpf, diese künstliche und doppelt erregende Haut des Beins, er umklammerte mit beiden Augen, wie mit zwei Händen, die schmalen lockeren Hüften. Die Frau kam immer näher, und obwohl vom Rand des Bürgersteigs bis zur Schwelle des Hauses, auf der er stand, kaum drei Schritte zurückzulegen waren, schien es ihm, als dauerte ihr Weg eine halbe Ewigkeit, als ginge sie zu ihm, geradewegs zu ihm und nicht in das Haus und als hätte er schon seit Jahren auf diesem Fleck diese Frau erwartet.

Ja, sie kam heran, er sah in ihr schönes, stolzes, geliebtes Gesicht. Sie erwiderte seinen Blick. Sie sah ihn an, ein bißchen unwillig und ein bißchen geschmeichelt, wie Frauen im Vorübergehen den Spiegel eines Restaurants oder einer Treppe sehen, vergnügt, festzustellen, wie schön sie sind, und die Billigkeit des Glases verachten, das dennoch nicht imstande ist, ihre Schönheit wiederzugeben. Irene sah Tunda und erkannte ihn nicht. Eine Wand stand in der Tiefe ihres Auges, eine Wand zwischen Netzhaut und Seele, eine Wand in ihren grauen, kühlen, unwilligen Augen.

Irene gehörte zur anderen Welt. Sie ging zu den Cardillacs. Sie fuhr mit Fräulein Pauline nach Dresden. Sie lebte gesund und glücklich, spielte Golf, badete an den sandigen Ufern der Meere, hatte einen reichen Mann, empfing und gab Gesellschaften, gehörte Wohltätigkeitsvereinen an und hatte ein gutes Herz. Tunda aber erkannte sie nicht.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.