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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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II

Tunda wollte nach der Ukraine gelangen, von Shmerinka, wo er in Gefangenschaft geraten war, nach der österreichischen Grenzstation Podwoloczyska und dann nach Wien. Er hatte keinen bestimmten Plan, der Weg lag unsicher vor ihm, lauter Windungen. Er wußte, daß es lange dauern würde. Er hatte nur den einen Vorsatz: weder den weißen noch den roten Truppen nahe zu kommen und sich um die Revolution nicht zu kümmern. Die österreichisch-ungarische Monarchie war zerfallen. Er hatte keine Heimat mehr. Sein Vater war als Oberst gestorben, seine Mutter schon lange tot. Ein Bruder war Kapellmeister in einer mittelgroßen deutschen Stadt.

In Wien erwartete ihn seine Braut, Tochter des Bleistiftfabrikanten Hartmann. Von ihr wußte der Oberleutnant nichts mehr, als daß sie schön, klug, reich und blond war. Diese vier Eigenschaften hatten sie befähigt, seine Braut zu werden.

Sie schickte ihm Briefe und Leberpasteten ins Feld, manchmal eine gepreßte Blume aus Heiligenkreuz. Er schrieb ihr jede Woche auf dunkelblauem Feldpostpapier mit angefeuchtetem Tintenstift kurze Briefe, knappe Situationsberichte, Meldungen.

Seitdem er aus dem Lager geflohen war, hatte er nichts von ihr gehört.

Daß sie ihm treu war und auf ihn wartete, daran zweifelte er nicht.

Daß sie auf ihn wartete, bis zu seiner Ankunft, daran zweifelte er nicht.

Daß sie aber aufhören würde, ihn zu lieben, wenn er einmal da war und vor ihr stand, schien ihm ebenso gewiß. Denn als sie sich verlobt hatten, war er ein Offizier gewesen. Die große Trauer der Welt verschönte ihn damals, die Nähe des Todes vergrößerte ihn damals, die Weihe eines Begrabenen lag um den Lebendigen, das Kreuz auf der Brust gemahnte an das Kreuz auf einem Hügel. Rechnete man auf ein glückliches Ende, so warteten nach dem triumphalen Marsch der siegreichen Truppen über die Ringstraße der goldene Kragen des Majors, die Stabsschule und schließlich der Generalsrang, alles umweht von dem weichen Trommelklang des Radetzkymarsches.

Jetzt aber war Franz Tunda ein junger Mann ohne Namen, ohne Bedeutung, ohne Rang, ohne Titel, ohne Geld und ohne Beruf, heimatlos und rechtlos.

Er hatte seine alten Papiere und ein Bild seiner Braut im Rock eingenäht. Es schien ihm günstiger, mit dem fremden Namen, der ihm geläufig war wie sein eigener, durch Rußland zu wandern. Erst jenseits der Grenze wollte er seine alten Papiere wieder verwenden.

Den Pappendeckel, auf dem seine schöne Braut abgebildet war, fühlte Tunda hart und beruhigend auf der Brust. Die Photographie stammte von dem Hofphotographen, der den Modezeitungen Bilder von Damen der Gesellschaft lieferte. In einer Serie »Bräute unserer Helden« hatte sich auch Fräulein Hartmann als die Braut des tapferen Oberleutnants Franz Tunda befunden; eine Woche vor der Gefangennahme noch hatte ihn die Zeitung erreicht.

Den Ausschnitt mit dem Bild konnte Tunda bequem der Rocktasche entnehmen, sooft ihn die Lust befiel, seine Braut zu betrachten. Er betrauerte sie schon, noch ehe er sie gesehen hatte. Er liebte sie doppelt: als ein Ziel und als eine Verlorene. Er liebte das Heldentum seiner weiten und gefährlichen Wanderung. Er liebte die Opfer, die nötig waren, die Braut zu erreichen, und die Vergeblichkeit dieser Opfer. Der ganze Heroismus seiner Kriegsjahre erschien ihm kindisch im Vergleich zu dem Unternehmen, das er jetzt wagte. Neben seiner Trostlosigkeit wuchs die Hoffnung, daß er allein durch diese gefährliche Rückkehr wieder ein begehrenswerter Mann wurde. Er war den ganzen Weg über glücklich. Hätte man ihn gefragt, ob ihn die Hoffnung oder die Wehmut glücklich machten, er hätte es nicht gewußt. In den Seelen mancher Menschen richtet die Trauer einen größeren Jubel an als die Freude. Von allen Tränen, die man verschluckt, sind jene die köstlichsten, die man über sich selbst geweint hätte.

Es gelang Tunda, den weißen und roten Truppen aus dem Weg zu gehen. Er durchquerte in einigen Monaten Sibirien und einen großen Teil des europäischen Rußlands, mit der Bahn, mit Pferden und zu Fuß. Er gelangte in die Ukraine. Er kümmerte sich nicht um den Sieg oder die Niederlage der Revolution. Mit dem Klang dieses Wortes verband er schwache Vorstellungen von Barrikaden, Pöbel und dem Geschichtslehrer an der Kadettenschule, Major Horwath. Unter »Barrikaden« stellte er sich übereinandergeschichtete schwarze Schulbänke vor, mit aufwärts ragenden Füßen. »Pöbel« war ungefähr das Volk, das sich am Gründonnerstag bei der Parade hinter dem Kordon der Landwehr staute. Von diesen Menschen sah man nur verschwitzte Gesichter und zerbeulte Hüte. In den Händen hielten sie wahrscheinlich Steine. Dieses Volk erzeugte die Anarchie und liebte die Faulheit.

Manchmal entsann sich Tunda auch der Guillotine, die der Major Horwath immer Guillotin, ohne Endung, aussprach, ebenso wie er Pari sagte statt Paris. Die Guillotine, deren Konstruktion der Major genau kannte und bewunderte, stand wahrscheinlich jetzt auf dem Stephansplatz, der Verkehr für Wagen und Automobile war eingestellt (wie in der Silvesternacht), und die Häupter der besten Familien des Reiches kollerten bis zur Peterskirche und in die Jasomirgottstraße. Ebenso ging es in Petersburg zu und in Berlin. Eine Revolution ohne Guillotine war ebensowenig möglich wie ohne rote Fahne. Man sang die Internationale, ein Lied, das der Kadettenschüler Mohr an den Sonntagnachmittagen vorgetragen hatte, den sogenannten »Schweinereien«. Mohr zeigte damals pornographische Ansichtskarten und sang sozialistische Lieder. Der Hof war leer, man sah zum Fenster hinunter, leer und still war er, man hörte das Gras zwischen den großen Quadersteinen wachsen. – Eine »Guillotin« mit dem abgehackten, gleichsam von ihr selbst abgeschnittenen »e« war etwas Heroisches, Stahlblaues und Blutbetropftes. Rein als Instrument betrachtet, schien sie Tunda heroischer als ein Maschinengewehr.

Tunda nahm also persönlich keine Partei. Die Revolution war ihm unsympathisch, sie hatte ihm die Karriere und das Leben verdorben. Aber er war nicht im Dienst, sobald er sich der Weltgeschichte gegenüberstellte, und glücklich, daß ihn keine Vorschrift zwang, eine Partei zu ergreifen. Er war ein Österreicher. Er marschierte nach Wien.

Im September erreichte er Shmerinka. Er ging am Abend durch die Stadt, kaufte teures Brot für eine seiner letzten Silbermünzen und hütete sich vor politischen Gesprächen. Er wollte nicht verraten, daß er über die Lage nicht orientiert war und daß er von weither kam.

Er beschloß, die Nacht zu durchwandern.

Sie war klar, kühl, fast winterlich; noch war die Erde nicht gefroren, aber der Himmel war es schon. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich Gewehrschüsse. Eine Kugel schlug ihm den Stock aus der Hand. Er warf sich zu Boden, ein Hufschlag traf ihn in den Rücken, er wurde ergriffen, hochgezogen, quer über einen Sattel gelegt, über ein Pferd gehängt, wie ein Wäschestück über eine Leine. Der Rücken schmerzte ihn, vom Galopp vergingen ihm die Sinne, sein Kopf war mit Blut gefüllt, es drohte ihm aus den Augen zu schießen. Er erwachte aus der Ohnmacht und schlief gleich ein – so, wie er hing. Am nächsten Morgen band man ihn ab, er schlief noch, gab ihm Essig zu riechen, er schlug die Augen auf, fand sich auf einem Sack in einer Hütte liegen, ein Offizier saß hinter einem Tisch. Pferde wieherten hell und tröstlich vor dem Haus, auf dem Fenster saß eine Katze. Man hielt Tunda für einen bolschewistischen Spion. Roter Hund! nannte ihn der Offizier. Sehr schnell begriff der Oberleutnant, daß es nicht gut war, russisch zu sprechen. Er sagte die Wahrheit, nannte sich Franz Tunda, gestand, daß er auf dem Heimweg begriffen war und daß er ein falsches Dokument besaß. Man glaubte ihm nicht. Schon machte er eine Bewegung nach der Brust, wollte sein richtiges Papier vorzeigen. Aber er empfand den Druck der Photographie wie eine Warnung oder wie eine Mahnung. Er legitimierte sich nicht, es hätte ihm übrigens gar nicht geholfen. Er wurde gefesselt, in einen Stall geschlossen, sah den Tag durch eine Lücke, sah eine kleine Gruppe von Sternen, sie waren hingestreut wie weißer Mohn – – Tunda dachte an frisches Gebäck – – er war ein Österreicher. Nachdem er zweimal die Sterne gesehen hatte, wurde er wieder ohnmächtig. Er erwachte in einem Meer von Sonne, bekam Wasser, Brot und Schnaps, Rotgardisten standen um ihn, ein Mädchen in Hosen war unter ihnen, ihre Brust ahnte man hinter zwei großen, mit Papieren gefüllten Blusentaschen.

»Wer sind Sie?« fragte das Mädchen.

Sie schrieb alles auf, was Tunda sagte.

Sie reichte ihm ihre Hand. Die Rotgardisten gingen hinaus, sie ließen die Tür weit offen, plötzlich fühlte man die glühende Sonne, obwohl sie weiß und ohne Lust zu brennen war. Das Mädchen war kräftig, sie wollte Tunda emporziehen und fiel selbst nieder.

Bei strahlender Sonne schlief er ein. Dann blieb er bei den Roten.

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