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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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XXVII

Um diese Zeit begann Tundas Geld auszugehen.

Er schrieb seinem Bruder. Georg antwortete, daß er mit barem Geld leider nicht helfen könne. Sein Haus stände allerdings immer offen.

Die Kühnheit der schönen Hotelwirtin, die Tunda so bewundert hatte, verwandelte sich in Hohn. Denn die schönen, jungen und kühnen Wirtinnen der Hotels haben nicht umsonst ein Leben hinter dunklen, billig geblümten Vorhängen verbracht. Dafür will man bezahlt sein.

Die Armut eines Mieters halten sie für eine ausgeklügelte Bosheit, ihnen persönlich vom Mieter zugedacht.

Die Vorstellung, die der kleine Bürger von der Armut hat: der Arme hat sich lange um die Armut beworben, um mit ihrer Hilfe seinem Nächsten ein Leid anzutun.

Aber gerade vom kleinen Bürger ist, wer gar nichts hat, abhängig. Hoch oben hinter den Wolken lebt Gott, dessen Allgüte sprichwörtlich geworden ist. Ein bißchen tiefer unten leben die verwöhnten Menschen, denen es gut geht und die vor jeder Ansteckung mit der Armut so gefeit sind, daß sich bei ihnen die wunderbaren Tugenden entwickeln: Verständnis für die Not, Barmherzigkeit, Güte und sogar Vorurteilslosigkeit. Aber zwischen diesen Edlen und den andern, die den Edelmut am ehesten brauchen, sind als Isolatoren die Mittelständler geklemmt, die den Brothandel betreiben und die Versorgung der Menschen mit Kost und Quartier. Die ganze »soziale Frage« wäre gelöst, wenn die Reichen, die ein Brot verschenken können, auch die Bäcker der Welt wären. Es gäbe viel weniger Ungerechtigkeit, wenn die Juristen vom obersten Gerichtshof in den kleinen Strafgerichten säßen und die Polizeipräsidenten selbst die kleinen Diebe verhaften wollten.

So aber ist es nicht.

Der Hoteldiener fühlte zuerst, daß Tunda kein Geld mehr hatte. Im Laufe eines langen Lebens hatte er seinen angeborenen Instinkt für den Besitzstand der wechselnden Herren zu einer Prophetie entwickelt. Er hatte Millionen Rasierklingen stumpf werden sehen, Millionen Seifen kleiner werden, Millionen Zahnpastatuben flach werden. Er hatte tausend Anzüge aus den Kleiderschränken auswandern sehen. Er lernte erkennen, ob einer hungrig aus einem Park zurückkehrte oder satt aus einem Gasthaus.

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