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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XXVI

Tunda konnte bei Frau G. den intimen Freund eines großen Dichters und andere Menschen sehen.

Die Damen saßen in Hüten, eine ältere Dame zog nicht die Handschuhe aus. Sie nahm das kleine Gebäck mit den ledernen Fingern entgegen, steckte es zwischen Lippen aus Karmin, kaute es mit Zähnen aus Porzellan – ob ihr Gaumen echt war, blieb zweifelhaft. Aber nicht sie, sondern der Freund des großen Dichters erregte Aufsehen.

Der Freund des Dichters, ein Ungar, hatte sich in Paris so akklimatisiert wie einmal in Budapest. Die ungarische Melodie, mit der er französisch sang, hätte die empfindlichen Ohren der Franzosen beleidigt, wenn er nicht in dieser Melodie Geschichten aus dem Leben seines großen literarischen Freundes vorgetragen hätte. Auch der Ungar war ein Kulturvermittler und polyglott seit seiner Geburt. Er konnte davon leben. Denn er übersetzte Molnár, Anatole France, Proust und Wells – jeden in die Sprache, in der er gerade verlangt wurde, und außerdem die gangbaren Possen in alle Sprachen zugleich. Er war bekannt auf der Pressetribüne des Völkerbundes in Genf, in den Kanzleien der Berliner Revuetheater, der Theateragenten und in den Feuilletonredaktionen aller großen Zeitungen des Kontinents.

Er sprach wie eine Flöte. Es war wunderbar, daß er mit dieser weichen Kehle in der Liga für Menschenrechte Protektionen für ungarische Freunde durchsetzen konnte. Er tat überhaupt manches Gute, nicht aus angeborener Hilfsbereitschaft, sondern weil ihn seine Verbindungen zwangen, Gefälligkeiten zu erweisen.

Es traf sich, daß er mit Tunda zusammen das Haus der Frau G. verließ. Er gehörte zu jenen mitteleuropäischen Männern, die ihre Gesprächspartner am Arm führen, bei jeder Straßenecke stehenbleiben oder zu sprechen aufhören müssen. Sie verstummen, wenn man ihnen den Arm entzieht, wie eine elektrische Lampe erlischt, wenn man den Kontakt aus der Wand entfernt.

»Sie kennen Herrn de V.?« fragte er.

»Nicht sehr genau!« erwiderte Tunda.

»Welch ein geschickter Mann – sehen Sie, jetzt kommt er gerade aus Amerika zurück. Eine Weltreise ist für ihn ein Katzensprung. Er hat übrigens schon die halbe Welt gesehen. Das kostet ihn keinen Pfennig. Er ist immer bei irgendeinem reichen oder wenigstens einflußreichen Mann beschäftigt. Als Sekretär oder –«

Er wartete eine lange Minute, dann sagte er: »Mit Frau G. ist es aus.«

Er ließ Tundas Arm los, stellte sich ihm gegenüber, als erwarte er etwas Außerordentliches.

Statt dessen aber sagte Tunda gar nichts.

»Sie wußten es wohl?« fragte er.

»Nein!«

»Aber Sie interessieren sich nicht für den Herrn.«

»Nur wenig.«

»Dann gehen wir einen Kaffee trinken.«

Und sie gingen einen Kaffee trinken.

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