Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
Schließen

Navigation:

XXV

Tunda hatte ein paar Empfehlungen – von seinem Bruder und von Bekannten. Er machte Besuche.

Es waren Besuche höchst langweiliger Art. Es waren gelehrte und halbgelehrte Männer, würdig, aber von einer durch witzige Veranlagung gemilderten Würde. Es waren Männer mit glatten alten und gut erhaltenen Gesichtern und sorgfältig gebürsteten, grauen Bärten, in denen man noch die Zähne der Kämme sehen konnte. Diese Männer bekleideten öffentliche Stellungen, sie waren Professoren oder Schriftsteller oder Präsidenten humanitärer und sogenannter kultureller Vereine. Sie hatten seit dreißig Jahren wenig anderes mehr zu tun gehabt, als zu repräsentieren. Von ihren deutschen Kollegen unterschieden sie sich durch bestimmte, runde, vollkommene Bewegungen und eine Politesse des Redens.

Tunda lernte den Präsidenten Marcel de K. kennen. Er bewohnte eine Villa in einem Vorort von Paris, den er nur zwei- oder dreimal im Jahre verließ, um besonderen, festlichen Sitzungen der Akademie beizuwohnen.

Er versichterte Tunda, daß er Deutschland liebe.

»Herr Präsident«, sagte Tunda, »Sie tun mir eine große Ehre an, indem Sie mich, einen Privatmann, Ihrer wertvollen Liebe zu Deutschland versichern. Aber ich bin beinahe nicht befugt, diese Ihre freundliche Versicherung entgegenzunehmen. Ich habe kein öffentliches Amt, nicht einmal ein privates. Ich wäre sogar in Verlegenheit, wenn ich Ihnen sagen müßte, was mein Beruf ist. Ich bin vor nicht langer Zeit aus Rußland zurückgekommen, habe mich kaum in Deutschland umgesehen und war zwei Wochen in Berlin. Etwas länger lebte ich bei meinem Bruder in der Stadt X. am Rhein. Ich habe nicht einmal Zeit gefunden, mich in meiner Heimat, in Österreich, zurechtzufinden.«

Er hatte den alten ehrwürdigen Herrn in eine gewisse Verlegenheit gebracht. Deshalb sagte er: »Ich könnte Ihnen noch am meisten von Sibirien erzählen, wenn es Sie interessiert.«

Sie sprachen von Rußland. Der Präsident hatte die Vorstellung, daß in Petersburg immer noch geschossen wird.

Tunda erlebte bei diesem Präsidenten einen delikaten Geschmack, der ihm jede Ahnungslosigkeit erlaubte. Er hatte das Recht, gar nichts zu wissen. Frankreich gab ihm alles, was er brauchte: Berge, Meer, Geheimnis, Klarheit, Natur, Kunst, Wissenschaft, Revolution, Religion, Geschichte, Freude, Anmut und Tragik, Schönheit, Witz, Satire, Aufklärung und Reaktion.

Tunda betrachtete den alten Herrn mit dem reinen Vergnügen, das manche Menschen auf einem Spaziergang in einem gepflegten Garten empfinden. Er sah sein altes gleichmäßiges Gesicht, an dem der Kummer mit Vorsicht gearbeitet hatte, die Enttäuschungen lagen in ihren vorbestimmten Falten, die kleinen Freuden des Lebens hatten einen schönen klaren Glanz in den Augen hinterlassen, um den schmalen, scharfen und weiten Mund war der Bart gebreitet wie eine silberne Ruhe, auf dem Kopf waren nur so viel Haare ausgegangen, wieviel nötig sind, eine schöne, kluge, repräsentative Stirn entstehen zu lassen. Welch ein Greis! Keiner konnte mit größerer Berechtigung Herr Präsident heißen als er.

Tunda hatte die Gewohnheit angenommen, der Schönheit zu mißtrauen. Deshalb glaubte er in der ersten Zeit dem Präsidenten kein Wort, auch nicht das gleichgültigste. Wenn er zum Beispiel erzählte, daß er vor zwanzig Jahren in der Kammer diesen oder jenen Minister beiseite gerufen hatte, um ihm unter vier Augen die Wahrheit zu sagen, so hielt es Tunda für eine Übertreibung, die das Alter entschuldigt. Denn die Wahrheiten, die der Herr de K. zu sagen hatte, konnten auch ohne Furcht vor eventuellen Folgen in der Öffentlichkeit gesagt werden.

Nachdem er aber den freundlichen Herrn drei- und viermal gesprochen hatte, begann er zu ahnen, daß der Alte keineswegs übertrieb. Nicht die Tatsachen übertrieb er, sondern den Grad und die Gefahren seiner Aufrichtigkeit. Das, was er mit einem gewissen Schauder die Wahrheit nannte, war ein gleichgültiger, fast ein lächerlicher Teil der Wahrheit. Er übertrieb wirklich nicht mit Wissen. Wenn er ein allgemeines, oft wiederholtes, zur Banalität entwürdigtes Wort über Deutschland sagte, so war es in seinem Mund keine gedankenlose Wiederholung, sondern etwas wie eine höfliche Entdeckung. Er machte immer wieder längst erledigte Erfahrungen. Wenn er väterlich sagte: »Ich schätze Ihre Gesellschaft, lieber junger Herr«, so mußte sich Tunda wirklich ausgezeichnet fühlen. In diesem bedächtigen Munde, infolge der langsamen Bewegungen der Zunge, bekam jede Phrase ihre alte ursprüngliche Bedeutung. Und es war selbstverständlich, daß der alte Herr einen Minister unter vier Augen sprechen mußte, um ihm etwa zu sagen:

»Ich habe den doppelten Sinn Ihrer Rede wohl gemerkt.«

Tunda sah bei diesem Herrn, worin ein wichtiger Teil der Vornehmheit besteht: nämlich in der Furcht vor der Übertreibung (schon die ungeschminkte Wahrheit ist eine Übertreibung); in dem Vertrauen auf die Richtigkeit, auf die Gerechtigkeit der oft erprobten Wendung – denn schon eine neue Formulierung schießt über das Ziel hinaus.

Er lernte bei dem würdigen Präsidenten einige Menschen kennen: den Herausgeber einer Zeitschrift »von Bedeutung«, seine Mitarbeiter, eine Frau, von deren Beziehungen zu einem Minister Andeutungen gemacht wurden, einen Herrn von Adel, der am Rhein zu Hause war und Verwandte auf Schloßruinen in Frankreich, Italien und Österreich hatte. Es war einer von jenen Aristokraten, die Zeitschriften herausgeben, um sich durch eine Abart schöpferischer Tätigkeit ihres klangvollen Namens würdig zu erweisen. Sie haben sich mit der besiegelten Ohnmacht der Aristokratie noch nicht abgefunden, und während sie an den Tischen ihrer Erben, den Industriellen, den Hunger stillen, vergessen sie nicht einen Augenblick, daß sie diese Tische auch zieren. Weil sie nicht, wie manche ihrer Standesgenossen, die Fähigkeit haben, auch nur repräsentative Fabrikdirektoren und Empfangschefs in Kohlengebieten zu werden, beschäftigen sie sich mit der Politik. Und weil sie durch Kriege keine Besitzvergrößerungen mehr erhoffen, machen sie Friedenspolitik. Der besondere Reiz des Mannes, von dem hier die Rede ist, lag übrigens noch darin, daß er aus Prinzip für eine Diktatur war, für starke Fäuste. Er erwartete ein geeinigtes Europa, unter der Herrschaft eines Papstes mit weltlicher Diktaturgewalt oder etwas Ähnliches. Wenn er sprach, legte er die Hände zusammen, so, daß sich die Spitzen der Finger berührten, er muß es einmal von einem Abbé gelernt haben, wie man Giebel aus Händen konstruiert. Er sprach mit der eindringlichen, leisen und klangvollen Stimme beruflicher Hypnotiseure und bekleidete nüchterne Erzählungen mit mystischen Schimmern. Im übrigen gab er sich gerne für einen armen Teufel aus – auch das kann in der guten Gesellschaft ein Reiz sein.

Frauen reicher Fabrikanten, die sich immer noch unverstanden wähnen, aber wenig Gelegenheit haben, mit der Literatur Fühlung zu bekommen – weil Literaten unter Umständen doch gefährlich werden können –, ergeben sich gerne Aristokraten mit literarischen Neigungen, in denen die weibliche Seele alles findet, wessen sie bedarf: Verständnis, Zartheit, Adel, einen Schuß Bohème. Jener Herr aß nicht nur an den Tischen der Industrie, er schlief auch in ihren Betten. In den unregelmäßigen Zwischenräumen gab er seine Zeitschrift heraus. Er hatte Mitarbeiter aus allen Lagern. Denn es gibt auch ehrliche Menschen, die am europäischen Frieden Interesse haben.

Wie zum Beispiel jenen Diplomaten, der, an der Berliner französischen Botschaft beschäftigt, seine Karriere von einer deutsch-französischen Verständigung abhängig gemacht hatte. Er lebte seit Jahren in Deutschland und haßte es aufrichtig. Aber was konnte dieser Haß gegen seine Liebe zu sich selbst? Jeden Schritt der sogenannten Annäherung schrieb man ihm zugute, er vollbrachte Leistungen wider seinen Willen, er war ein Spezialist für Liebe zu Deutschland.

Ehrlicher, aber auch ahnungslos, war die Dame mit den Beziehungen, die außer einem freundlichen Gesicht und einer gutgebauten Statur gerade so viel Verstand hatte, wie ein Zeitungsbericht erfordert und ein Gespräch mit einem deutschen Minister.

Sie alle sprachen in weihevollen Stunden von einer Gemeinsamkeit der europäischen Kultur. Einmal fragte Tunda:

»Glauben Sie, daß Sie imstande wären, mir präzise zu sagen, worin diese Kultur besteht, die Sie zu verteidigen vorgeben, obwohl sie gar nicht von außen angegriffen wird?«

»In der Religion!« – sagte der Präsident, der niemals die Kirche besuchte.

»In der Gesittung« – die Dame, von deren illegitimen Beziehungen die Welt wußte.

»In der Kunst« – der Diplomat, der seit seiner Schulzeit kein Bild betrachtet hatte.

»In der Idee: Europa« – sagte klug, weil allgemein, ein Herr namens Rappaport.

Der Aristokrat aber begnügte sich mit dem Zuruf:

»Lesen Sie doch meine Zeitschrift!«

»Sie wollen«, sagte Tunda, »eine europäische Gemeinschaft erhalten, aber Sie müßten sie erst herstellen. Denn die Gemeinschaft ist ja nicht vorhanden, sonst würde sie sich schon selbst zu erhalten wissen. Ob man überhaupt irgend etwas herstellen kann, scheint mir ja sehr zweifelhaft. Und wer sollte übrigens diese Kultur, wenn sie noch da wäre, angreifen? Etwa der offizielle Bolschewismus? Der will sie ja auch in Rußland.«

»Aber zugleich hier – jedenfalls hier zerstören, um sie vielleicht allein zu besitzen«, rief der Herr Rappaport.

»Ehe er dazu kommt, ist sie wahrscheinlich durch einen neuen Krieg verschwunden.«

»Eben den wollen wir ja verhindern«, sagten mehrere auf einmal.

»Wollten Sie es nicht auch im Jahre 1914? Als aber der Krieg ausbrach, gingen Sie in die Schweiz, gaben dort Zeitschriften heraus, und hier erschoß man die Kriegsdienstverweigerer. Sie haben jedenfalls genug, um ein Billett nach Zürich rechtzeitig zu lösen, und immer Beziehungen, um einen gültigen Paß zu bekommen. Aber das Volk? Ein Arbeiter muß sogar in Friedenszeiten drei Tage auf ein Visum warten. Nur einen Einberufungsschein bekommt er sofort.«

»Sie sind ein Pessimist«, sagte der gütige Präsident.

In diesem Augenblick betrat ein Herr das Zimmer, den Tunda schon kannte. Es war Herr de V. Er kam eben von einer Amerikareise zurück. Er war wieder Sekretär, nicht mehr bei dem Rechtsanwalt, sondern bei einem hohen Politiker.

Nie hätte er gedacht, so sagte er, daß Tunda wirklich nach Paris kommen könnte. Und welch ein glücklicher Zufall, der sie bei seinem alten lieben Freund – so dürfe er doch wohl sagen –, dem Herrn Präsidenten, zusammenführte.

Dann begann der Sekretär von Amerika zu erzählen.

Er war ein »geborener Erzähler«. Er ging von einer anschaulichen und übertriebenen Situation aus und kam von privaten Erlebnissen auf allgemeine Zustände. Er hob und senkte die Stimme, er erzählte die Hauptsachen sehr leise, so daß er Nebensachen mit lauter Stimme übertäuben durfte. Sehr ausführlich schilderte er den Verkehr in den Straßen und die praktischen Hotels. Über die Amerikaner machte er sich lustig. Theatervorstellungen beschrieb er mit Bosheit. Von Frauen deutete er Intimes an. Jedesmal zog er an den Bügelfalten über seinen Knien, es erinnerte von ferne an die schüchterne Bewegung eines jungen Mädchens, das seine Schürze zupft. Der Sekretär war unbedingt ein sympathischer Mensch. Aber seine plötzliche Rückkehr aus Amerika bewirkte, daß der alte gütige Präsident Tunda nicht mehr häufig einlud und daß er nicht mehr »lieber Herr« zu ihm sagte, sondern »mein Herr«.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.