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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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XXIII

Er kam auf den Einfall, seine sibirischen Erfindungen drucken zu lassen. Dieses Buch war nicht beendet. Ich schrieb ein Nachwort, in dem ich mitteilte, daß der Autor in Sibirien verschollen und daß mir das Manuskript auf eine wunderbare Weise in die Hände gekommen sei. Es erschien unter dem Namen Baranowicz, in der Übersetzung von Tunda. Es erschien in einem großen Berliner Verlag.

Ich entsinne mich noch, wie Tunda überrascht war von den Straßen, den Häusern. Er sah die unwahrscheinlichen Ereignisse und Tatsachen, weil ihm auch die gewöhnlichen merkwürdig erschienen. Er saß auf den Dächern der Autobusse. Er stand vor jedem der hundert grauenhaften hölzernen Pfeile, die in Berlin Richtungen anempfehlen und verbieten. Er besaß die unheimliche Fähigkeit, den unheimlich vernünftigen Wahnsinn dieser Stadt zu begreifen. Er hatte beinahe Irene vergessen.

»Diese Stadt«, so sagte er, »liegt außerhalb Deutschlands, außerhalb Europas. Sie ist die Hauptstadt ihrer selbst. Sie nährt sich nicht vom Lande. Sie bezieht nichts von der Erde, auf der sie erbaut ist. Sie verwandelt diese Erde in Asphalt, Ziegel und Mauer. Sie spendet mit ihren Häusern dem Flachland Schatten, sie liefert aus ihren Fabriken dem Flachland Brot, sie bestimmt die Sprache des flachen Landes, die nationalen Sitten, die nationalen Trachten. Es ist der Inbegriff einer Stadt. Das Land verdankt ihr seine Existenz und geht gleichsam aus Dankbarkeit in ihr auf. Sie hat ihre eigene Tierwelt im Zoologischen Garten und im Aquarium, im Vogelhaus und im Affenhaus, ihre eigenen Pflanzen im Botanischen Garten, ihre eigenen Felder aus Sand, auf denen Fundamente gesät werden und Fabriken aufgehen, sie hat sogar ihre eigenen Häfen, ihr Fluß ist ein Meer, sie ist ein Kontinent. Sie allein von allen Städten, die ich bis jetzt gesehen habe, hat Humanität aus Mangel an Zeit und anderen praktischen Gründen. In ihr würden viel mehr Menschen umkommen, wenn nicht tausend vorsichtige, fürsorgliche Einrichtungen Leben und Gesundheit schützten, nicht weil das Herz es befiehlt, sondern weil ein Unfall eine Verkehrsstörung bedeutet, Geld kostet und die Ordnung verletzt. Diese Stadt hat den Mut gehabt, in einem häßlichen Stil erbaut zu sein, und das gibt ihr den Mut zur weiteren Häßlichkeit. Sie stellt Pfeiler, Hölzer, Planken, ekelhafte, gläserne, bunte, von innen beleuchtete Kröten an die Straßenränder, in die Kreuzungen, auf die Plätze. Ihre Verkehrspolizisten stehen mit metallenen Signalen da, die wie eben und provisorisch von der Eisenbahnverwaltung ausgeliehen sind, und tragen dabei gespenstisch weiße Handschuhe.

Außerdem duldet sie noch in sich die deutsche Provinz, freilich, um sie eines Tages aufzufressen. Sie nährt die Düsseldorfer, die Kölner, die Breslauer, um sich von ihnen zu nähren. Sie hat keine eigene Kultur in dem Sinne wie Breslau, Köln, Frankfurt, Königsberg. Sie hat keine Religion. Sie hat die häßlichsten Gotteshäuser der Welt. Sie hat keine Gesellschaft. Aber sie hat alles, was überall in allen anderen Städten erst durch die Gesellschaft entsteht: Theater, Kunst, Börse, Handel, Kino, Untergrundbahn.«

Wir sahen in einigen Tagen: einen Amokläufer und eine Prozession; eine Filmpremiere, eine Filmaufnahme, den Todessprung eines Artisten Unter den Linden, einen Überfallenen, das Asyl für Obdachlose, eine Liebesszene im Tiergarten am hellichten Tag, rollende Litfaßsäulen, von Eseln gezogen, dreizehn Lokale für homosexuelle und lesbische Paare, ein schüchternes normales Paar zwischen vierzehn und sechzehn, das seine Namen in die Bäume schnitt und von einem Wachtmeister aufgeschrieben wurde, weil es eine Beschädigung öffentlichen Gutes verübte, einen Mann, der Strafe zahlte, weil er quer über einen Platz gegangen war statt im rechten Winkel, eine Versammlung der Zwiebelessersekte und die Heilsarmee.

Ich führte meinen Freund Tunda auch in das Lokal der Künstler.

Es war die Zeit, in der die Literaten, die Schauspieler, die Filmregisseure, die Maler wieder Geld verdienten. Es war die Zeit nach der Stabilisierung des deutschen Geldes, in der neue Bankkontos angelegt wurden, sogar die radikalsten Zeitschriften gutbezahlte Inserate hatten und die radikalen Schriftsteller in den literarischen Beilagen der bürgerlichen Blätter Honorare verdienten. Die Welt war schon so konsolidiert, daß die Feuilletons revolutionär sein durften. Man war so weit entfernt vom Bürgerkrieg, daß die revolutionären Schriftsteller mit einem gewissen Vergnügen den Prozessen und den Staatsanwälten entgegensahen und deren Drohungen als freundliche Komplimente entgegennahmen.

Ich zeigte Tunda alle berühmten Leute: den Schriftsteller, der mit schönem frühgebleichtem Haar da saß, mit silbernem, wie von einem Juwelier verfertigtem Kopf, der die sanften Bosheiten verfaßte und dessen Stil zu einer Hälfte aus gutem Geschmack und zur anderen aus Furcht vor Sentimentalität bestand; den Herausgeber einer Zeitung, der seine Herzensgüte jedem offerierte – auch denen, die nicht auf sie reflektierten –, statt des schriftstellerischen Ehrgeizes eine gewöhnliche männliche Eitelkeit besaß und der, mit einer großen Geschicklichkeit für Börsengeschäfte begabt, Geld verdiente und die Großindustrie bekämpfte; den bekannten Zeichner, der, von mittelmäßigem Talent, so lange alle Berühmtheiten zeichnete, bis sie nicht umhin konnten, ihren eigenen Glanz auf ihn zurückzustrahlen; den revolutionären Autor revolutionärer Erzählungen, der, ein Opfer der Justiz, drei Monate gesessen hatte für die Freiheit, für die Gerechtigkeit, für eine neue Welt – und nichts anderes erreicht hatte als seinen eigenen Ruhm, der vorläufig auch nicht schaden konnte.

Ich zeigte Tunda die nachdrängende, immer wieder sich erneuernde Jugend, die mit dem Hochmut der später Kommenden die bereits Anwesenden grüßte, fremde Erfolge erörterte, um für die eigenen zu profitieren, Monokel trug und bunte Krawatten, an die Nachkommenschaft reicher Bankiers erinnerte und vor der Wahl, der Enkel einer jüdischen Großmutter oder der uneheliche Sohn eines Hohenzollernprinzen zu sein, noch unentschlossen schwankte.

Ich zeigte Tunda alle, die mich verachten und die ich grüßen muß, weil ich vom Schreiben lebe.

Am nächsten Tag schickte Tunda Geld: seiner Frau nach Baku und Baranowicz nach Irkutsk. An Baranowicz schrieb er einen ausführlichen Brief.

Erst am 27. August sollte ich ihn in Paris wiedersehen.

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