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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XXI

Manchmal fuhr der Kapellmeister in die nächste kleinere oder größere Stadt am Rhein, blieb einige Tage fort und kam blaß und erholungsbedürftig zurück.

»Er muß Klimawechsel haben, der arme Georg«, sagte Klara.

»Ich brauche Entspannung«, sagte der Kapellmeister.

Er fuhr, wie sich bald herausstellte, zu Liebeszwecken. Er erinnert an einen Vogel, der von Ast zu Ast hüpft und überall ein Liedchen schmettert. Die jungen Mädchen in den alten Kulturzentren verehren neben Boxern und Turnlehrern auch die Priester der Kunst. Dadurch unterschieden sie sich von ihren Schwestern in den größeren Städten, in denen die Barbarei heimisch ist.

Die Ehe des Kapellmeisters glich einem stillen See mit ständiger kühler Brise. Das Kind schwamm vergnügt zwischen Vater und Mutter, wie zwischen zwei Häfen. Es wurde niemals krank, es bekam nicht einmal Keuchhusten. Es weinte nicht. Es hatte keine Launen. Es hatte die ruhige, rauschfreie Milch seiner Mutter eingesogen und dementsprechend seinen Charakter gebildet. Es war ein Muster von einem kleinen Mädchen. Es spielte mit Puppen aus Schwämmen, mit denen es gleichzeitig gewaschen werden konnte. Es sagte Papa und Mama und nannte alle Menschen mit gleichmäßiger Freundlichkeit Tante und Onkel.

Man aß im Hause des Kapellmeisters viel Gemüse und Eier, Rahm und Früchte und manche Süßspeisen, die nach Papier schmeckten. Man trank bekömmliche Tischweine und erhob sich von den Mahlzeiten leicht wie ein Luftballon. Dennoch schlief der Kapellmeister nach dem Essen, er legte sich auf sein Sofa, aber es schien, als schliefe er nicht, als hätte er sich nur zurückgezogen, um allein mit seiner persönlichen Kultur zu sein.

Man empfing und machte Besuche.

Innerhalb der Stadt, die selbst ein Kulturzentrum war, gab es noch Häuser, die kleinere Kulturzentren waren. Es gab Künstler, die in Ateliers wohnten und die Bohème darstellten. Es gab einen Rechtsanwalt, der zu den jüdischen Festtagen die christlichen Mitbürger einlud und so wenigstens in den höheren Sphären den konfessionellen Frieden herstellte. Es gab einen christlichen Zeichner, der von jüdischen Ornamenten lebte und gegen angemessene Honorare die Stammbäume aller alten rheinischen Familien herstellte. Es gab einen Briefmarkensammler, der alle paar Wochen Ausstellungen seiner besten Markenexemplare veranstaltete, verbunden mit Festen, bei denen hie und da eine Ehe zustande kam. Es gab Nachfahren alter Dichter von der Zweiten romantischen Schule, bei denen man interessante, unveröffentlichte Briefe einsehen konnte. Es gab einen lebendigen Lyriker von Ruf, der ein Stübchen in einem Museum bewohnte, und einen alten Professor, der den ganzen Tag auf einem Kirchturm saß und das berühmte Glockenspiel verursachte, das im Baedeker erwähnt wird. Es gab einen alten Friedhof, auf dem die Schüler der Zeichenakademie ganze Vormittage zubrachten, um die malerischen Grabsteine in Skizzenbüchern festzuhalten. Es gab ein paar alte historische Brunnen, die der Magistrat eines Tages gesammelt und zu einer einzigen Gruppe im Stadtpark vereint hatte, der Bequemlichkeit halber und weil in diesem Park schon ohnehin ein Kriegerdenkmal im Jahre 1920 errichtet worden war und seit dem Jahre 1872 eine Bismarck-Eiche, von Stacheldraht umgeben, durch die Sommer rauschte. Außerdem gab es viele Inhaber von Fahrrädern, welche die Automobile des kleinen Mannes genannt werden.

Das Ansehen, das der Kapellmeister genoß, übertrug sich schließlich auch auf Franz, der nur gelegentlich einiger Besuche von Sibirien erzählen mußte. Er fügte zu den fünfzig Quartseiten noch weitere dreißig. Er hatte schon eine Menge Abenteuer erfunden, es war ihm ein leichtes, ein berühmter Sibirienforscher zu werden.

»Meine vollkommene Untätigkeit«, schrieb er in sein Tagebuch, »bedrückt mich in dieser Stadt gar nicht. Und wenn ich hier noch weniger arbeiten würde, ich käme mir sehr nützlich vor.

Es gibt keinen arbeitenden Menschen unter den Leuten, die ich sehe, es seien denn die Fabrikanten, nicht einmal die Geschäftsleute arbeiten. Es kommt mir vor, daß die Menschen mit den Füßen noch auf der Erde stehen, ihr ganzer Unterleib ist irdisch, aber von den Händen aufwärts leben sie nicht mehr in irdischen Luftschichten. Jeder besteht aus zwei Hälften. Eines jeden obere Hälfte schämt sich der unteren. Jeder hält seine Hände für bessere Gliedmaßen als seine Füße. Sie haben zwei Leben. Ihr Essen und Trinken und Lieben vollziehen die unteren, die minderwertigen Partien, ihren Beruf die oberen.

Wenn Georg dirigiert, so ist er ein anderer Georg als jener, der mit seinen kleinen Anbeterinnen schläft. Gestern erzählte mir eine Dame, sie wäre im Kino gewesen und wenig hätte gefehlt, und sie hätte ihr Gesicht verhüllt. Sie ging ins Kino nur mit der unteren minderwertigen Körperpartie, sie sah den Film mit einem Paar vulgärer, zu niedrigen Zwecken verwendbarer Augen, die sie zur Verfügung hat wie ein Opernglas und ein Lorgnon. Ich schlief mit einer Frau, die mich nach einer Stunde weckte, um mich zu fragen, ob meine seelische Liebe zu ihr auch meiner körperlichen Leistungsfähigkeit entspreche. Denn ohne Seelisches käme sie sich ›beschmutzt‹ vor. Ich mußte mich sehr schnell anziehen, und während ich meinen davongerollten Hemdknopf unter dem Bett suchte, erklärte ich ihr, daß meine Seele immer in jenen Körperteilen wohne, die ich gerade zur Ausübung irgendeiner Tätigkeit brauche. Also wenn ich spazierengehe, in den Füßen, und so weiter.

›Du bist ein Zyniker‹, sagte die Frau.

Unter meinen dümmsten Kameraden in der Kadettenschule und später beim Regiment habe ich mich besser gefühlt. Die weiblichen Hilfskräfte zweiter Klasse aus der Etappe waren klüger als diese Damen. Die einzige Konzession, die sie an die Wirklichkeit machen, sind ihre Turnübungen jeden Morgen um sechs Uhr. Da heißt aber das Turnen auch nicht Turnen, sondern Eurhythmie. Sonst kämen sie sich bei jeder tiefen Kniebeuge beschmutzt vor.

Meine Schwägerin erinnert mich an Natascha. Ich hätte mich niemals in Natascha verliebt, wenn ich den umgekehrten Weg gemacht hätte, aus dem Haus meines Bruders nach Rußland. Natascha hat der revolutionären Idee geopfert, Klara opfert teils der Kultur und teils der sozialen Gesinnung. Natascha aber handelte offensichtlich gegen ihre Natur, während Klara sich überhaupt nicht zu überwinden braucht. Nichts fällt ihr leichter als dieses soziale Empfinden, das sie veranlaßt, die Gesundheit des Lakaien zu schonen, Kellner wie Kriegskameraden zu behandeln und mich wie einen Milchbruder. Ich denke manchmal, daß sie ein verzaubertes Wesen ist, sie könnte auf einen gesunden Weg gebracht werden, man könnte aus ihr eine Frau machen. Aber das ist ebenso unwahrscheinlich wie die Liebe zu einem Staubsauger, Vacuum genannt, mit dem sie hierzulande des Morgens über die Teppiche fahren.

Mein Bruder spricht mir wahrscheinlich die moralische Berechtigung zu leben ab, weil ich keinen Beruf habe und kein Geld verdiene. Ich komme mir selbst schuldbewußt vor, weil ich sein Butterbrot esse. Übrigens könnte ich gar keinen Beruf in dieser Welt haben, es sei denn, man würde mich dafür bezahlen, daß ich mich über die Welt ärgere. Ich passe nicht einmal zu irgendeiner der herrschenden Gesinnungen.

Vor einigen Tagen habe ich eine Frau kennengelernt. Schriftstellerin und Kommunistin. Sie hat einen rumänischen Kommunisten geheiratet, ebenfalls einen Schriftsteller, der mir talentlos und dumm vorkommt, der aber schlau genug ist, seine Dummheit in der kommunistischen Gesinnung zu verbergen und seine Faulheit mit Politik zu entschuldigen. Dieses Ehepaar lebt von den Subventionen eines kapitalistischen Onkels, eines Bankiers, und Aufsätzen für radikale Zeitschriften. Die junge Frau trägt Schuhe mit niedrigen Absätzen und verspottet die Gesellschaft, von der sie lebt. Mit ihrer eigenen Tochter spricht sie wie die Leiterin einer Besserungsanstalt mit einem minderjährigen Zögling. Man hält sie für einen launischen Auswuchs der Familie und sieht ihr alle Unarten nach. Sie hat einen unwahrscheinlich überlegenen Blick, sie verkehrt mit einigen Literaten, kennt ein Berliner Nachtlokal und hat einmal, aus Protest und der Gesinnung wegen, in einem proletarischen Viertel gelebt. Nach drei Monaten schickte ihr der Onkel Geld, und sie zog nach dem Westen. Seit jener Zeit kennt sie alle Höhen und Tiefen der Gesellschaft und schreibt Novellen aus dem Proletarierleben. Sagt man ihr: Gnädige Frau, so bekommt man ihre Verachtung zu fühlen, und sagt man ihr: Frau Tedescu, so ist sie schockiert. Mich verachtet sie schon von vornherein, weil ich nicht in Rußland geblieben bin. Sie weiß natürlich nicht, daß ich im Bürgerkrieg gekämpft habe, und würde es mir wahrscheinlich auch nie glauben. Höflichkeit hält sie für eine bürgerliche Gemeinheit. Ich habe eine besondere Art von Behandlung für sie erfunden. Ich drücke männlich ihre zarte kleine Hand, schüttle sie, sage ihr Genossin und spreche unverblümt von geschlechtlichen Dingen, die sie in ihren Novellen behandelt. Manchmal ist sie nahe am Weinen.

Ich werde nur bei einer einzigen Gelegenheit warm und wehmütig: wenn ich an Irene denke. Es ist nicht einmal Irene, meine Braut, die ich gekannt habe, als ich noch ein dummer Oberleutnant und Bräutigam war. Es ist irgendeine unbekannte Frau, die ich liebe und von der ich nicht weiß, wo sie lebt.

Georg sagte mir, er hätte gehört, sie wäre in Paris. In diesem Augenblick wurde mir kalt und warm, ich sah etwas leuchten, es war wie in Baku, als mir die Dame die lächerlichen Schaufenster von der Rue de la Paix nannte. Es ist so, als wäre ich mein ganzes Leben auf der Suche nach Irene und da und dort sagte mir einer, er hätte sie getroffen. Ich suche sie aber in Wirklichkeit ja nicht. Ich sehne mich auch nicht nach ihr. Vielleicht ist sie etwas ganz anderes als die übrige Welt, und es ist ein letzter Rest von Gläubigkeit in mir, wenn ich an sie denke. Man müßte vielleicht ein Schriftsteller sein, um das genau auszudrücken.

Manchmal erscheint es mir notwendig, sie aufzusuchen. Ich müßte nach Paris fahren, vielleicht würde sie mir begegnen. Dazu müßte man Geld haben. Aber ich kann es nicht von Georg nehmen. Das ist eine lächerliche Hemmung. Er würde es mir wahrscheinlich geben und wäre obendrein noch sehr erfreut, daß ich ihn verlasse. Aber für alle anderen Zwecke nähme ich Geld von Georg, nur nicht für diesen.

Und es ist außerdem an der Zeit, daß ich etwas verdiene. In dieser Weltordnung ist es nicht wichtig, daß ich arbeite, aber es ist um so nötiger, daß ich Geld einnehme. Ein Mensch ohne Einkommen ist wie ein Mann ohne Namen oder wie die Schatten ohne Körper. Man kommt sich vor wie ein Gespenst. Das ist kein Widerspruch zu dem, was ich oben geschrieben habe. Ich habe keine Gewissensbisse wegen meiner Untätigkeit, sondern weil meine Untätigkeit kein Geld einbringt, während die Untätigkeit aller anderen gut bezahlt ist. Geld allein verleiht Existenzberechtigung.«

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