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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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XX

Nachdem die Gäste fort waren, blieben die Brüder allein in einem Zimmer; allein, wenn man Bilder, Götter und Heilige nicht mitzählt. Tunda war an diese stillen Lauscher nicht gewöhnt. Was mich betrifft, so mache ich mir selbst aus Lakaien nichts, die hinter meinem Sessel stehen und meine Haare zählen. Im Hause des Kapellmeisters hätte es Lakaien sicherlich gegeben, wenn nicht die soziale Gesinnung der Frau Klara gewesen wäre. Es widerstrebte ihr offenbar, Menschen zu entwürdigen.

Bei Göttern aber machte es nichts.

Übrigens befand sich in dem Zimmer, in dem sie saßen, von Frau Klara hingestellt, eine jener praktischen Erfindungen, die man das Entzücken der Hausfrau nennt.

Es war eine merkwürdige Lampe, eine sanfte, auf einem Sockel stehende Lampe, deren Licht durch mehrere kleine, gleichmäßig im Kreis an ihrem zarten durchsichtigen Leib angebrachte Löcher drang. Aber diese Lampe hatte nicht etwa den Zweck zu leuchten, es war vielmehr ihre Aufgabe, den Rauch zu verschlingen, der sich im Laufe des Abends im Zimmer angesammelt hatte. Diese Lampe ersparte offene Fenster, Zugwind, Verkühlungen und schließlich den Arzt. Derlei ausgezeichnete Erfindungen werden in Deutschland und in Amerika jedes Jahr gemacht. Der Kapellmeister benützte auch eine: er rauchte nämlich nikotinfreie Zigaretten. Und selbst deren Rauch wurde von der Zauberlampe aufgesogen.

Es war ein hygienisches Haus ohnegleichen.

»Gute Nacht!« sagte Klara, nachdem sie die Lampe hingestellt hatte, ging hin und gab ihrem Mann einen herzhaften Kuß auf die Stirn. Es war ein erotinfreier Kuß. Franz bekam einen gleichen und geriet trotzdem in Aufregung. Er schob den Sessel, wollte aufstehen, aber seine Schwägerin drückte ihn bei den Schultern zurück.

So blieben nun die beiden Brüder und sollten zum erstenmal miteinander sprechen.

Der Kapellmeister, dessen Geschicklichkeit, über schwierige Anfänge hinüberzugleiten, bekannt war, ergriff als erster das Wort und sagte sehr vernünftig das Nächstliegende:

»Wie gefällt dir unsere Stadt?«

Nichts ist so ansteckend wie gesellige Höflichkeit. Franz unterdrückte den wichtigsten und größten Teil seiner Meinung und erwiderte:

»Ich habe sie mir viel lustiger, lebendiger, also: rheinischer vorgestellt.«

»Sie hat eine angenehme, ruhige Bevölkerung. Die Arbeiterschaft ist hier nicht so radikalisiert wie in anderen Gegenden. Der Oberbürgermeister ist Mitglied der Deutschen Volkspartei, der Erste und der Zweite Bürgermeister sind Sozialdemokraten. In meinem Orchester sind auch fünf Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei. Der Bassist ist sogar sehr gut.«

»Weshalb wunderst du dich darüber?« fragte Franz. »Weshalb sollte die Partei einen hindern, ein guter Bassist zu sein?«

»Doch«, sagte der Kapellmeister, »eine politische Aktivität ist der Kunst abträglich. Kunst ist etwas Heiliges, dem Tag Abgewandtes. Wer ihr dient, übt eine Art Priesterberuf aus. Kannst du dir vorstellen, daß man eine politische Rede hält und dann ›Parsifal‹ dirigiert?«

»Ich kann mir vorstellen«, sagte Franz, »daß unter Umständen eine politische Rede ebenso wichtig ist wie ›Parsifal‹. Ein guter Politiker kann so wichtig sein wie ein guter Musiker. Ein Priester ist er allerdings nicht. Ein Konzertsaal ist ebensowenig ein Tempel der Kunst wie ein Versammlungslokal ein Tempel der Politik.«

»Du hast keine europäischen Anschauungen mehr«, sagte der Kapellmeister sanft und leise, wie ein Nervenarzt. »Ähnliche Anschauungen haben leider auch schon einen großen Teil von Deutschland ergriffen. Sie gehen von Berlin aus. Aber hier am Rhein gibt es noch ein paar alte Festungen der alten bürgerlichen Kultur. Unsere Traditionen reichen vom Altertum über das katholische Mittelalter, den Humanismus, die Renaissance, die deutsche Romantik. – –«

»Ist das europäische Kultur?« fragte Franz und zeigte auf die Buddhas, die Polster, die breiten und tiefen Sofas, die orientalischen Teppiche.

»Ihr habt, scheint es mir, einige Anleihen gemacht. Deine Gäste haben heute einige Negertänze getanzt, die wahrscheinlich nicht im ›Parsifal‹ vorkommen. Ich verstehe nicht, wie du noch von europäischer Kultur sprechen kannst. Wo ist sie? In den Kleidern der Damen? Hat der Fabrikant, der heute bei dir war, europäische Kultur? Er gefällt mir übrigens besser als die anderen, denn er verachtet euch. Diese alte Kultur hat tausend Löcher bekommen. Ihr stopft die Löcher mit Anleihen aus Asien, Afrika, Amerika. Die Löcher werden immer größer. Ihr aber behaltet die europäische Uniform, den Smoking und die weiße Hautfarbe und wohnt in Moscheen und indischen Tempeln. Wenn ich du wäre, würde ich einen Burnus tragen.«

»Wir machen ein paar Konzessionen«, sagte der Kapellmeister, »nichts mehr. Die Welt ist kleiner geworden, Afrika, Asien und Amerika sind uns näher. Man hat zu allen Zeiten fremde Sitten übernommen und sie der Kultur eingefügt.«

»Wo aber ist die Kultur, der ihr sie einfügen wollt? Ihr habt ja lauter Attrappen einer alten Kultur. Sind die Studenten mit den farbigen und schlechtsitzenden Mützen alte deutsche Kultur? Ist es euer Bahnhof, dessen größtes Wunder es ist, daß Züge von ihm abgehen und in ihm ankommen? Ist Kultur in euren Weinstuben, wo man ›Ein rheinisches Mädchen‹ singt, wenn man besoffen ist, und Charleston tanzt, wenn man nüchtern ist? Ist alte Kultur in euren trauten Giebeldächern, in denen Arbeiter wohnen, keine Handwerker, keine Goldschmiede, keine Uhrmacher, keine Meistersinger, sondern Proletarier, die in Bergwerken leben und in elektrischen Fahrstühlen zu Hause sind, aber nicht zwischen den unleserlichen gotischen Buchstaben? Das ist ja ein Maskenfest und keine Wirklichkeit! Ihr kommt ja aus den Kostümen nicht heraus! Heute sah ich einen Feuerwehrmann in blendender Uniform einen Kinderwagen schieben. Es brannte nicht, weit und breit war es ruhig. War das ein Kindermädchen, das sich als Feuerwehrmann verkleidet hatte, oder ein Feuerwehrmann, der ein Kindermädchen darstellen wollte? Es kamen Studenten mit Mützen aus Tuch und dann Bürger mit Studentenmützen aus Papier. Waren die Studenten verkleidet oder die Bürger? Dann sah ich ein paar junge Leute in Samtkappen, mit Seemannshosen, ich fragte einen Kellner, der sagte mir, es wäre alte Zimmermannskleidung. Ist denn das so? Macht man Särge und Kinderwiegen mit Samtmützen auf dem Kopf? Wandert man noch mit Bündeln über Landstraßen, wo es doch fast keine Landstraßen mehr gibt und nur Automobile und Flugzeuge?«

»Du hast viel an einem Tag gesehen«, sagte der konziliante Kapellmeister, »ich gehe niemals auf die Straße.«

»Warum nicht? Es interessiert dich nicht? Paßt es dir nicht, weil du ein Priester der Kunst bist, dich unter das Volk zu mischen? Bist du zufrieden zwischen deinen Weihbecken und Bildern und deiner alten Kultur? Erfährst du alles nur aus den Zeitungen?«

»Ich lese keine Zeitungen!« lächelte der Kapellmeister. »Ich lese nur musikalische Angelegenheiten.«

»Da wußte ich sogar in der Kadettenschule mehr von der Welt als du!« sagte Franz. »Übrigens haben wir ein ganzes Leben nichts miteinander geredet. Jetzt haben wir nichts Besseres zu tun als Politik zu besprechen, als hätten wir uns in einem Coupé getroffen.«

»Du bist also nicht einmal im Schlafwagen gefahren!« rief der Kapellmeister erschüttert.

Sie hatten nichts miteinander zu reden, wenn sie die Dinge der Allgemeinheit außer acht ließen, wie sich bald darauf erwies.

Selbst dem konzilianten Kapellmeister fiel gar nichts ein.

Endlich entschloß er sich zu fragen:

»Hast du was von Irene gehört?«

»Sie soll geheiratet haben«, sagte Franz.

»Ich habe gehört, daß sie in Paris lebt«, sagte Georg.

Dann gingen sie schlafen.

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