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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XVIII

Als er am nächsten Tag erwachte, war es Sonntag.

Hochmoderne, von pazifistisch umgestellten Kanonenfabriken aus Kriegsmaterial erzeugte Glocken riefen die Welt zum Gebet.

Im Hause roch es nach Kaffee. Beim Frühstück erfuhr Tunda, daß es ein koffeinfreier Kaffee war, der dem Herzen nicht schadete und dem Gaumen schmeckte.

Der Kapellmeister schlief noch. Künstler brauchen Schlaf. Klara aber hatte auch in der Ehe die gesunde Sitte ihres Elternhauses nicht vergessen. Sie erwachte wie ein Vogel mit dem ersten Sonnenstrahl. Mit dünnen Gummihandschuhen, wie sie die Operateure gebrauchen, wischte sie den Staub von den religiösen Gegenständen.

Tunda beschloß spazierenzugehen.

Er ging in die Richtung, aus der das Klingeln der Straßenbahn von Zeit zu Zeit ertönte. Er ging durch stille Gartenstraßen, in denen gutgekleidete Knaben und Mädchen auf Fahrrädern schön geschlungene Schleifen machten. Dienstmädchen kehrten vom Gottesdienst heim und kokettierten. Stolze Hunde lagen wie Löwen hinter den Gittern.

Herabgelassene Jalousien erinnerten an Ferien.

Dann geriet Tunda in den alten Stadtteil, zwischen bunte Giebel, zwischen Weinstuben mit mittelhochdeutschen Namen; armselig gekleidete Männer kamen ihm entgegen, offenbar Arbeiter, die zwischen gotischen Buchstaben wohnten, aber wahrscheinlich in Bergwerken internationaler Besitzer ihr Brot verdienten.

Musik ertönte. Junge Männer, in Doppelreihen, mit Stöcken bewaffnet, marschierten hinter Pfeifern und Trommlern. Es klang wie Musik von Gespenstern oder wie von einer Art militarisierter Äolsharfen. Die jungen Leute marschierten mit ernsten Gesichtern, keiner sprach ein Wort, sie marschierten einem Ideal entgegen.

Hinter und neben ihnen, auf den Bürgersteigen und in der Straßenmitte marschierten Männer und Frauen, im gleichen Schritt, sie gingen auf diese Weise spazieren.

Alle marschierten zum Bahnhof, der wie ein Tempel aussah, Gepäckträger hockten auf den steinernen Stufen wie numerierte Bettler. Die Lokomotiven pfiffen sakral und ehrwürdig.

Die Doppelreihen fielen ab und verschwanden im Bahnhof.

Hierauf machten die Begleiter kehrt, mit lässigerem Schritt, verklärten Gesichtern, das Echo der Pfeifen noch in den Seelen. Es war, als hätten sie eine freudige Pflicht erfüllt und als dürften sie sich jetzt dem Sonntag mit ruhigem Gewissen hingeben.

Über die Straße fegten abgeschminkte Freudenmädchen außer Dienst. Sie gemahnten an den Tod. Einige trugen Brillen.

Eine Gruppe hurtiger Radfahrer glitt klingelnd einher. Würdig, mit Rucksäcken, wanderten kindlich gekleidete Männer in die Berge.

Vereinzelte, gleichsam versprengte Feuerwehrmänner spazierten blinkend mit Weib und Kind.

Kreiskriegerverbände lockten auf den Litfaßsäulen mit großen Militär-Doppelkonzerten.

Hinter den großen Spiegelscheiben der Kaffeehäuser türmte sich Schlagsahne vor genußfreudigen Menschen in Korbstühlen.

Ein verwachsener, komischer Zwerg verkaufte Schnürsenkel.

Ein Epileptiker lag zuckend in der Sonne. Viele Menschen standen um ihn. Ein Mann erläuterte den Fall wie in der Hochschule. »Er muß immer im Schatten gehn«, so schloß er seine Ausführung.

In kleinen Gruppen kamen junge Männer einher, mit viel zu kleinen Mützen, schwarz verpackten Gesichtern und gläsernen Augen hinter gläsernen Brillen. Es waren Studenten.

In der Ferne rauschte der Rhein.

Es kamen auch noch andere Männer mit Studentenkappen aus Papier.

Aber es waren keine Studenten: es waren Schornsteinfeger, gewaschene, die ein Fest veranstaltet hatten.

Würdige Greise führten Hunde spazieren und Greisinnen.

In der Ferne ragten grün patinierte Kirchenspitzen. Aus Weinstuben scholl Gesang.

Schatten verdichteten sich plötzlich über der Stadt, ein schneller Platzregen ging nieder, weißgekleidete Frauen ließen ihre rundgezackten weißen Unterröcke sehen, es war wie ein zweiter Sommer aus Leinwand.

Über hellen strahlenden Kleidern wölbten sich schwarze Schirme. Alles sah aus wie eine traumhafte, etwas überstürzte, nasse Totenfeier.

Tunda wurde hungrig, vergaß, daß er kein Geld hatte, und trat in eine Weinstube. Als er die Preise auf der Karte sah, wollte er wieder hinausgehen. Drei Kellner verstellten ihm den Weg.

»Ich habe kein Geld!« sagte Tunda.

»Bitte nur den Namen«, sagte der Kellner.

Als er seinen Namen nannte, wurde Tunda als Herr Kapellmeister behandelt.

Sein Bruder begann ihm zu imponieren.

Ein buckliger Mann trat in das Lokal, gedrückt, krank, mit flehenden Augen und furchtsam zitternden Beinen schlich er von Tisch zu Tisch und legte überall einen Zettel hin. Er tat es wie eine geheime Sünde.

Auf dem Zettel las Tunda:

Tanz und Gymnastik.
Schulung des Körpers: Entspannung – Spannung,
Elastizität, Schwung, Impuls, Gehen, Laufen,
Springen, Eurhythmie, Raumgefühl, Choreographie,
Harmonielehre der Bewegung, ewige Jugend,
Improvisationen zu Musikbegleitung bis zur Gruppenform.

Er aß, trank und ging hinaus.

Er erkannte die Straße nicht wieder. Die nassen Steine trockneten schnell. Am Himmel stand ein Regenbogen. Die Straßenbahnen fuhren schwer, mit vielen Menschen bepackt, der Natur in die Arme. Betrunkene stolperten über sich selbst. Die Kinos öffneten ihre Portale. Die Portiers standen rufend mit goldgeränderten Mützen und verteilten Zettel an die Passanten. Die Sonne lag auf den höchsten Stockwerken der Häuser. Alte verhutzelte Frauen gingen durch die Straßen, in Kapotthütchen mit klingenden gläsernen Kirschen. Die Frauen sahen aus, als kämen sie aus alten Schubladen, die der Sonntag aufgesperrt hatte. Wenn sie auf spätbesonnte weite Plätze trafen, warfen sie merkwürdig lange Schatten. Es gab ihrer so viele, daß es aussah wie eine Wallfahrt märchenhafter alter Zauberinnen.

Über den Himmel zogen Wolken aus Perlmutter, aus denen man Hemdknöpfe macht. Sie standen in einer rätselhaften, aber deutlich fühlbaren Beziehung zu den dicken Bernsteinspitzen, die viele Männer zwischen den Lippen hielten.

Immer seltener wurde die Sonne, immer fahler das Perlmutter. Von allen Sportplätzen kehrten die Menschen zurück. Sie brachten Schweiß mit und entwickelten Staub. Autohupen jammerten wie überfahrene Hunde.

Freudenmädchen erschienen in dunklen Torfahrten, von Bernhardinern und Pudeln gezogen. Gespenstische Hausverwalter rutschten mit Stühlen, auf denen sie festgeklebt waren, zu den Türen hinaus und genossen den Feierabend.

Junge Mädchen aus dem Volk kreischten, Proletarier gingen sonntäglich in grünen Hüten, in schiefen Anzügen, mit schweren Händen, die sich überflüssig vorkamen.

Soldaten gingen wie Reklamegegenstände. Es roch nach feuchten Blumen, wie Allerseelen.

Die Bogenlampen, zu hoch über der Straße, schwankten unsicher, wie Windlichter. In verstaubten Anlagen wirbelten Papierknäuel. Ein zager Wind erhob sich mit einzelnen Stößen.

Es war, als wäre die Stadt gar nicht bewohnt. Nur am Sonntag kamen Verstorbene auf Urlaub aus den Friedhöfen.

Man ahnte weitgeöffnete wartende Grüfte.

Am Abend ging Tunda nach Haus.

Ihm zu Ehren gab der Kapellmeister ein kleines Fest.

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