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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XVII

Es war zehn Uhr abends.

Auf dem Bahnsteig standen Menschen mit Regenschirmen, in nassen Kleidern. Die Bogenlampen schaukelten und wischten leichte Schatten über die feuchten Steine. Auf den Bogenlampen saßen viele Mücken und ließen sich wiegen. Man mußte sie bemerken, denn sie verdunkelten das Licht ganz erheblich, ließen aber dennoch nicht vergessen, daß es Bogenlampen waren.

Alle wunderten sich über die schwache Leuchtkraft der Lampen, sahen auf und schüttelten die Köpfe über die Frechheit der Insekten.

Tunda spähte, einen schweren Koffer in der Hand, nach einem bekannten Gesicht aus.

Ihn zu erwarten, war natürlich Klara gekommen. Georg war aus mehreren Gründen zu Hause geblieben. Erstens war es ein Sonnabend, an dem der Klub tagte. In diesem Klub versammelten sich die Akademiker der rheinischen Stadt und die Künstler, die Journalisten und von den anderen Berufen nur diejenigen, die das Ehrendoktorat hatten. Die Stadt selbst hatte eine Universität, die Ehrendoktorate für die Aufnahme in den Klub verteilte wie Eintrittskarten. Denn man konnte die Statuten, die nur Akademiker aufzunehmen erlaubten, nicht umstoßen. Allmählich war der Andrang in den Klub und zu den Ehrendoktoraten so groß geworden, daß die Universität einen Numerus clausus für Stifter aus Industriellenkreisen einführen mußte, nachdem schon ein anderer Numerus clausus für ausländische Juden einige Jahre lang bestanden hatte. Den Numerus clausus gegen ausländische Juden hatten die einheimischen Juden durchgesetzt, die behaupteten, ihre Vorfahren wären schon vor der Zeit der Völkerwanderung absichtlich mit den Römern an den Rhein gekommen. Es sah beinahe so aus, als wollten die Juden sagen, ihre Vorfahren hätten den Germanen erlaubt, sich am Rhein anzusiedeln, weshalb es die dankbare Pflicht der heutigen Deutschen wäre, die rheinisch-römischen Juden vor den polnischen zu bewahren. In diesem Klub war Georg heute.

Zweitens kam er nicht zur Bahn, weil er dadurch Klara ihres alten Vorrechts beraubt hätte, allein alle Angelegenheiten durchzuführen, die gewöhnlich in anderen Familien eine männliche Hand verlangen.

Drittens kam Georg nicht, weil er ein wenig Angst vor dem Bruder hatte und weil ein friedlicher Bruder, sobald er schon im Zimmer und womöglich vielleicht auch noch im Bett lag, viel weniger gefährlich war als ein eben aus dem Zug gestiegener.

Klara steckte in einer Lederjoppe aus braunem Kalb, es erinnerte an die Lederhemden, die mittelalterliche Ritter unter der Rüstung trugen. Sie erweckte den Eindruck, daß sie von weither kam, Gefahren in dunklen Wäldern zu bestehen hatte, sie erinnerte an Bürgerkrieg. Sie kam mit der offenen lauten Herzlichkeit verlegener und braver Menschen zu Tunda.

»Ich habe dich gleich erkannt«, sagte sie.

Dann küßte sie ihn auf den Mund. Dann versuchte sie, ihm den schweren Koffer abzunehmen. Er konnte ihn ihr nicht entwinden und lief neben ihr her, wie ein Kind, das ein Dienstmädchen von der Schule abgeholt hat.

Vor dem Bahnhof sah er ein Gewimmel von Drähten, Bogenlampen, Automobilen, in der Mitte einen Schutzmann, der wie ein Automat die Arme streckte, rechts, links, aufwärts, abwärts, gleichzeitig aus einer Trillerpfeife Signale gab und so aussah, als würde er im nächsten Augenblick auch noch seine Beine für die Verkehrsregelung in Anspruch nehmen müssen. Tunda bewunderte ihn. Aus einigen Kneipen tönte Musik, sie füllte die Pausen, die der Verkehrslärm gelegentlich offen ließ, es war eine Atmosphäre von Sonntagsfreude, Becherklang, Steinkohle, Industrie, Großstadt und Gemütlichkeit.

Der Bahnhof schien ein Zentrum der Kultur zu sein.

Tunda kam erst zu sich, als sie vor der Villa des Kapellmeisters hielten.

Da war ein Gitter, das sofort zu knarren anfing, wenn man einen Knopf drückte, und gleichzeitig leicht aufging wie Butter. Da stand ein Diener in blauer Livree und verneigte sich wie ein Edelmann. Man ging über knirschenden nassen Kies, es war, als hätte man Sand zwischen den Zähnen. Dann kamen ein paar Treppen, auf deren oberster, unter einer silbernen Bogenlampe, ein weißes Mädchen stand, wie ein Engel, mit Schwingen am Hinterkopf, mit sanften braunen Augen und knicksenden Beinen. Dann kamen sie in eine braungetäfelte Halle, in der man Hirschgeweihe vermißte und in der eine Beethovenmaske das Jagdgerät vertrat.

Denn der Herr dieses Hauses war ein Kapellmeister.

»So reich seid ihr also?« sagte Tunda, der manchmal in seine alte Naivität zurückfiel.

»Nicht reich!« lächelte Klara verzeihend, deren soziales Gewissen sich mehr gegen das Wort als gegen den Zustand empörte:

»Wir leben nur kultiviert. Georg muß es haben.«

Georg kam erst in einer Stunde nach Hause.

Er war im Smoking, hatte weiße und glattgepuderte Wangen, roch nach Wein und Rasierseife, was zusammen einen Geruch von Menthol ergab.

Franz und Georg küßten sich zum erstenmal in ihrem Leben.

Der Kapellmeister hatte vor Jahren von russischen Flüchtlingen einen silbernen Samowar gekauft, als Kuriosität. Zu Ehren des Bruders, der eine Art Russe geworden sein mochte, wurde das Möbelstück von dem livrierten Diener auf einem rollenden Tischchen hereingefahren. Der Diener trug weiße Handschuhe und griff mit einer silbernen Zuckerzange kleine Kohlenwürfel, um den Samowar zu heizen.

Ein Gestank wie von einer Kleinbahnlokomotive erhob sich.

Hierauf mußte Franz darlegen, wie man einen Samowar behandelt. Er hatte in Rußland keinen benützt, gestand es aber nicht, sondern verließ sich auf seine Intuition.

Indessen sah er viele jüdische Geräte im Zimmer, Leuchter, Becher, Thorarollen.

»Seid ihr zum Judentum übergetreten?« fragte er.

Es stellte sich heraus, daß in dieser Stadt, in der die ältesten jüdischen verarmten Familien wohnten, viele kostbare Geräte von künstlerischem Wert »halb umsonst« zu haben waren. Übrigens gab es in anderen Zimmern auch Buddhas, obwohl weit und breit am Rhein keine Buddhisten leben, es gab auch alte Handschriften von Hütten, eine Lutherbibel, katholische Kirchengeräte, Madonnen aus Ebenholz und russische Ikonen.

So leben Kapellmeister.

Franz Tunda schlief in einem Zimmer, das der modernen Malerei gewidmet war. Auf seinem Nachttisch dagegen lag »Der Zauberberg« von Thomas Mann.

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