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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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XIV

Nach dem Krieg heiratete Georg seine Kusine.

Er heiratete seine Kusine aus Mangel an Phantasie, aus Bequemlichkeit, aus Gewohnheit, aus Courtoisie, aus konzilianter Freundlichkeit, aus praktischen Gründen – denn sie war die reiche Tochter eines reichen Grundbesitzers. Nur ein Mann, dem es an Phantasie mangelte, konnte sie heiraten, denn sie war eine von den Frauen, die man »gute Kameraden« nennt und die einen Mann mehr stützen als lieben können. Man kann sie gut verwenden, wenn man zufällig Bergsteiger, Radfahrer oder Zirkusakrobat ist oder auch gelähmt in einem Rollstuhl liegt. Was aber ein normaler Städter mit ihnen anfängt, ist mir immer rätselhaft geblieben.

Klara – schon dieser Name scheint mir verräterisch – war ein guter Kamerad. Ihre Hand glich ihrem Namen, sie war so einfach, so gesund, so bieder, so zuverlässig, so ehrlich, daß ihr nur noch die Schwielen fehlten, es war die Hand eines Turnlehrers. Klara hatte, sooft sie einen Mann begrüßen mußte, Angst, er könnte ihr die Hand küssen. Sie gewöhnte sich deshalb einen ganz besonderen Händedruck an, einen resoluten, biederen, bei dem der ganze Unterarm des Mannes nach unten gedrückt wurde – schon dieser Händedruck war eine Turnübung. Man ging gestärkt daraus hervor. In Deutschland und in England, in Schweden, Dänemark, Norwegen, in vielen protestantischen Ländern gibt es Frauen, die derart Männern die Hand drücken. Es ist eine Demonstration für die Gleichberechtigung der Geschlechter und für die Hygiene, es ist eine wichtige Episode in dem Kampf der Menschheit gegen die Bazillen und die Galanterie.

Klaras Beine waren sachliche, gerade Beine, Wanderbeine, keineswegs Instrumente der Liebe, sondern eher des Sports, ohne Waden. Daß sie in seidene Strümpfe gehüllt waren, schien ein unverzeihlicher Luxus. Irgendwo müssen sie doch Knie haben, dachte ich immer, irgendwo müssen sie in Schenkel übergehen, es ist doch unmöglich, daß Strümpfe in Unterhöschen hineinwachsen und damit basta?! Es war aber so, und Klara war kein Geschöpf der Liebe. Sie hatte sogar etwas wie einen Busen, aber es schien nur ein Etui für ihre sachliche Güte zu sein. Ob sie ein Herz besaß, wer kann es wissen?

Ich habe bei dieser Beschreibung Klaras kein gutes Gewissen. Denn es scheint mir sündig, einen der tugendhaftesten Menschen, die mir im Leben begegnet sind, zuerst nach seinen sekundären Geschlechtsmerkmalen zu beurteilen. Sie war nämlich tugendhaft, Klara, wie konnte sie anders? Sie bekam ein Kind, natürlich von ihrem eigenen Mann, dem Kapellmeister – und obwohl es keineswegs eine Sünde, sondern im Gegenteil eine Tugend ist, von dem eigenen Mann Kinder zu bekommen, sah die legitime ehrwürdige Schwangerschaft bei Klara wie ein Seitensprung aus, und wenn sie das Kind säugte, war es wie das achte Wunder, wie eine Anomalie und eine Sünde zugleich.

Übrigens konnte das Kind – es war ein Mädchen – schon im vierten Jahr radfahren.

Von ihrem Vater, dem reichen Gutsbesitzer, hatte Klara ihre soziale Gesinnung gelernt und geerbt. Soziale Gesinnung ist ein Luxus, den sich die Reichen gestatten dürfen und der außerdem noch den praktischen Vorteil hat, daß er zum Teil den Besitz erhält. Ihr Vater pflegte mit dem Oberförster ein Gläschen Wein zu trinken, mit dem Förster einen Kognak und mit dem Forstgehilfen ein Wort zu wechseln. Auch die soziale Gesinnung kennt feine Unterscheidungen. Er ließ sich niemals die Stiefel von einem seiner Diener ausziehen, er benutzte aus Gründen der Menschlichkeit den Stiefelknecht. Seine Kinder mußten sich im Winter mit Schnee waschen, allein den weiten Weg in die Schule gehen, um acht Uhr abends in ihre stockdunklen Zimmer steigen und die Betten selbst machen. Nirgends in der Nachbarschaft hatten Dienstboten eine bessere Behandlung. Klara mußte ihre Hemden eigenhändig bügeln. Kurz: der Alte war, wie man zu sagen pflegt, ein Mann von Schrot und Korn, ein tugendhafter Grundbesitzer, eine lebendige Abwehrmaßnahme gegen den Sozialismus, weit und breit verehrt und in den Reichstag gewählt, wo er als Mitglied einer konservativen Partei den Beweis lieferte, daß Reaktion und Humanität nicht unvereinbare Widersprüche sind.

Er erlebte noch Klaras Hochzeit, war loyal gegen den Kapellmeister und starb einige Wochen später, ohne auch nur mit einer Miene verraten zu haben, daß ihm ein Gutsbesitzer lieber gewesen wäre: Humanität bis zum Grabe.

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