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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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XII

Wozu hatte er Rußland verlassen? Man könnte Tunda unsittlich nennen und charakterlos. Männer, die einen klaren Weg und ein sittliches Ziel haben, auch die Menschen, die einen Ehrgeiz haben, sehen anders aus als mein Freund Tunda.

Mein Freund aber war das Muster eines unzuverlässigen Charakters. Er war so unzuverlässig, daß man ihm nicht einmal Egoismus nachsagen konnte.

Er strebte nicht nach sogenannten persönlichen Vorteilen. Er hatte ebensowenig egoistische Bedenken wie moralische. Wenn es unbedingt nötig wäre, ihn durch irgendein Attribut zu kennzeichnen, so würde ich sagen, daß seine deutlichste Eigenschaft der Wunsch nach Freiheit war. Denn er konnte seine Vorteile ebenso wegwerfen, wie er Nachteile abzuwenden wußte. Er tat das meiste aus Laune, manches aus Überzeugung, und das heißt: alles aus Notwendigkeit. Er besaß mehr Lebenskraft, als die Revolution augenblicklich nötig hatte. Er besaß mehr Selbständigkeit, als eine Theorie, die sich das Leben anzupassen sucht, brauchen kann. Im Grund war er ein Europäer, ein »Individualist«, wie gebildete Menschen sagen. Er brauchte, um sich auszuleben, kompliziertere Verhältnisse. Er brauchte die Atmosphäre verworrener Lügen, falscher Ideale, scheinbarer Gesundheit, haltbaren Moders, rotbemalter Gespenster, die Atmosphäre der Friedhöfe, die wie Ballsäle aussehen, oder wie Fabriken, oder wie Schlösser, oder wie Schulen, oder wie Salons. Er brauchte die Nähe der Wolkenkratzer, deren Baufälligkeit man ahnt und deren Bestand für Jahrhunderte trotzdem gesichert ist.

Er war ein »moderner Mensch«.

Freilich lockte ihn seine Braut Irene. Er hatte den Weg, vor sechs Jahren begonnen, ein wenig unterbrochen. Er nahm ihn wieder auf. Wo lebte sie? Wie lebte sie? Liebte sie ihn? Hatte sie auf ihn gewartet? Was wäre er heute gewesen, wenn er damals zu ihr gelangt wäre?

Ich gestehe, daß ich, nachdem ich Tundas Brief gelesen hatte, zuerst alle diese Fragen überlegte und nicht die nächste: wie Tunda zu helfen? Ich wußte, daß er zu den Menschen gehörte, denen eine materielle Sicherheit gar nichts bedeutet. Er hatte niemals Furcht unterzugehen. Er hatte niemals die Angst vor dem Hunger, die heute fast alle Handlungen der Menschen bestimmt. Es ist eine Art Lebenstüchtigkeit. Ich kenne ein paar Menschen dieser Art. Sie leben wie Fische im Wasser: immer auf der Jagd nach Beute, niemals in der Furcht vor dem Untergang. Sie sind gefeit gegen Reichtum und gegen Elend. Entbehrungen sieht man ihnen nicht an. Daher sind sie auch mit einer Hartherzigkeit ausgestattet, die sie die private Not anderer nicht empfinden läßt. Sie sind die größten Feinde der Barmherzigkeit und des sogenannten sozialen Empfindens.

Sie sind also die geborenen Feinde der Gesellschaft.

Ich dachte erst eine Woche später daran, Tunda zu helfen. Ich schickte ihm einen Anzug und überlegte, ob ich nicht an seinen Bruder schreiben sollte, mit dem Tunda seit seinem Eintritt in die Kadettenschule nicht gesprochen hatte.

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