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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/roth/fluchten/fluchten.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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XI

Ende April erhielt ich folgenden Brief von Franz Tunda.

»Lieber Freund Roth,

gestern nacht habe ich zufällig Deine Adresse erfahren. Vor zwei Monaten bin ich heimgekehrt – ich weiß nicht, ob dieses Wort angebracht ist. Ich lebe vorläufig von der Arbeitslosenunterstützung und bewerbe mich um eine Stelle als Schreiber beim Wiener Magistrat. Das ist wahrscheinlich aussichtslos. In dieser Stadt bewerben sich vierzig Prozent der Einwohner um irgendeine Stelle. Außerdem – ich gestehe Dir gerne, daß ich unglücklich wäre, wenn ich hier einen Posten bekäme.

Du fragst natürlich, warum ich Rußland verlassen habe. Ich weiß keine Antwort. Ich schäme mich auch nicht. Ich glaube nicht, daß es einen Menschen in der Welt gibt, der Dir mit reinerem Gewissen sagen könnte, weshalb er das oder jenes getan oder unterlassen hat. Ich weiß nicht, ob ich nicht morgen nach Australien, nach Amerika, nach China oder zurück nach Sibirien, zu meinem Bruder Baranowicz, ginge, wenn ich gerade könnte. Ich weiß nur, daß nicht eine sogenannte ›Unruhe‹ mich getrieben hat, sondern im Gegenteil – eine vollkommene Ruhe. Ich habe nichts zu verlieren. Ich bin weder mutig noch abenteuerlustig. Ein Wind treibt mich, und ich fürchte nicht den Untergang.

Ich esse nur einmal täglich kalt und trinke Tee in einem kleinen Volkskaffee.

Ich trage eine blaue Rubaschka und eine graue Mütze und falle auf.

Wenn Du kannst, schick mir einen alten Anzug, aber einen neuen Hut. Ich wandere mindestens dreimal täglich über die Ringstraße, auch über den Graben am Vormittag, wenn das elegante Publikum spazierengeht. Ich lasse mir inzwischen einen Bart wachsen, weil ich ohnehin schon auffällig bin.

Heute vor zehn Jahren gehörte ich selbst zu diesem Publikum. Es war mein letzter Urlaub. Fräulein Hartmann ging an meiner Rechten, an meine Linke schlug der Säbel. Es war damals mein einziger Wunsch, nach dem Krieg zur Kavallerie transferiert zu werden. Der alte Herr Hartmann hätte es durchsetzen können. Jetzt liegt er am Zentralfriedhof. Ich habe aus Pietät und Langeweile sein Grab gesehen. Es ist eine sogenannte Familiengruft. Ewige Veilchen blühen hier, unter einer roten Laterne, die ein geflügelter Knabe hält. Die Inschrift ist würdig und einfach, wie Hartmann selbst immer gewesen ist.

Ich höre, daß meine Braut erst vor vier Jahren geheiratet, also eine erheblich lange Zeit auf mich gewartet hat. Vor vier Jahren wäre ich vielleicht auch noch ein Mann für sie gewesen.

Heute aber – ich glaube, daß ich sehr fremd in dieser Welt geworden bin. – –

Du fragst, ob ich in Rußland heimisch war?

Ich lebte in den letzten Monaten in einem Zustand, für den es keinen Namen gibt, weder im Russischen noch im Deutschen, wahrscheinlich in keiner Sprache der Welt, in einem Zustand zwischen Resignation und Erwartung. Ich stelle mir vor, daß die Toten einen Augenblick lang in dieser Situation sind, wenn sie das irdische Leben aufgegeben und das andere noch nicht begonnen haben. Es kam mir vor, als hätte ich eine Aufgabe vollendet, so ganz, so rund vollendet, daß ich kein Recht mehr hatte, im Anblick ihrer unerbittlichen Fertigkeit zu verharren. Es war mir, als wäre Baranowicz gestorben und Tunda noch nicht geboren.

Ich lebte mit Alja, meiner kaukasischen Frau in Baku, in einer ganz bestimmten Vorläufigkeit, die kein Ende hat. Ich hatte die Aufgabe, photographische und Kinoaufnahmen aus dem Leben kaukasischer Völker zu machen und machen zu lassen. Ich strengte mich nicht an. Aber es ist ein großes und breites, verworrenes, mit Absicht, Kunst und viel Raffinement verworrenes Verwaltungssystem in den Sowjetstaaten, innerhalb dessen jeder einzelne nur ein kleiner oder größerer Punkt ist, verbunden mit einem nächstgrößeren Punkt und nichts ahnend von seiner Bedeutung für das Ganze. Du siehst im Leben, in den Straßen, in den Büros lauter solche Punkte, die in einer geheimen und wichtigen Beziehung, sogar in einer sehr nahen, zu dir stehen, aber du kennst diese Beziehung nicht. Es gibt einige erhöhte Punkte, die alle Beziehungen kennen, sie sehen dich gewissermaßen aus der Vogelperspektive. Du selbst aber siehst nicht, daß sie höher gelegen sind. Du weißt nicht, ob du ruhig in deiner Lage verbleiben wirst. Es ist möglich, daß du bald, im nächsten Augenblick, verschoben wirst – und gar nicht von oben her, sondern gleichsam von dem Fundament aus, auf dem du stehst. Stelle Dir ein Schachbrett vor, auf dem die Figuren nicht stehen, sondern in dem sie stecken, und die Hand des Spielers, der unter dem Tisch sitzt, dirigiert sie von unten her.

Du kannst nicht nur fürchten und hoffen, du hast sogar Pflichten und Funktionen. Du hast einen Idealismus, es ist Raum für einen persönlichen Ehrgeiz. Manchmal kannst du den Erfolg oder den Mißerfolg einer Handlung auch voraussehen. Aber in vielen Fällen geschieht etwas wider alle deine Erwartungen. Du hast zum Beispiel eine Pflicht außer acht gelassen und erwartest eine sehr unangenehme Folge. Aber es geschieht entweder gar nichts oder etwas sehr Angenehmes. Dabei weißt du nicht, ob sich die unangenehme Konsequenz nicht in der Maske einer angenehmen gezeigt hat. Du traust weder deinen Erfolgen noch deinen Mißerfolgen.

Das schlimmste ist, daß du fortwährend beobachtet wirst und nicht weißt, von wem. In dem Büro, in dem du arbeitest, ist jemand Mitglied der Geheimpolizei. Es kann die Putzfrau sein, die jede Woche den Boden scheuert, es kann aber auch der gelehrte Professor sein, der eben ein Alphabet der tattischen Sprache zusammenstellt. Es kann die Sekretärin sein, der du diktierst, oder der Hausverwalter, der sich um die Beschaffenheit der Büroutensilien kümmert und zerbrochene Fensterscheiben durch neue ersetzt. Alle sagen dir gleichmäßig: Genosse. Alle nennst du gleichmäßig: Genosse. Aber du wähnst in jedem einen Beobachter und weißt gleichzeitig, daß jeder dich für einen Beobachter hält. Du hast kein schlechtes Gewissen, du bist ein Revolutionär, du hast keine Beobachtungen zu fürchten. Dann fürchtest du zumindest, daß du für einen Spitzel gehalten würdest. Du bist harmlos. Aber weil du dich bemühen mußt, harmlos zu erscheinen, merken die anderen deine Bemühungen. Du hast dann Angst, sie könnten dich nicht mehr für harmlos halten.

Es gehören gesunde Nerven zu diesem Leben und eine große Portion revolutionärer Überzeugung. Denn man muß voraussetzen, daß die Revolution, von lauter Feinden umgeben, keine anderen Möglichkeiten hat, ihre Macht zu sichern, als die, jedes Individuum zu opfern, wenn es nötig ist. Stelle Dir also vor: man liegt jahrelang auf einem Altar und wird nicht geschlachtet.

Ich wäre dennoch in Rußland geblieben – ich glaube es wenigstens –, wenn nicht eines Tages eine Gesellschaft aus Frankreich gekommen wäre, mehr Vergnügungs- als Studienreisende, ein Rechtsanwalt mit seiner Frau und seinem Sekretär. Der Sekretär war der Liebhaber der Frau, und der Rechtsanwalt wußte es so einzurichten, daß ich einen Tag allein mit seiner Frau zubrachte, einen Tag und einen unvergeßlichen Abend in einem Hotel. Ich war das Werkzeug seiner Rache. Die Frau, die mich für einen gefährlichen Spitzel von der Tscheka hielt, ließ mir beim Abschied einen Zettel zurück, auf dem sie mit triumphierender Schrift geschrieben hatte: ›Sie sind also doch von der Geheimpolizei!‹ – nachdem ich mich bemüht hatte, ihr den absurden Gedanken auszureden. Deshalb also hatte sie mit mir geschlafen.

Das nur nebenbei. – Wichtig ist, daß die Ankunft dieser Fremden mir plötzlich klarmachte, daß ich mein Leben erst zu beginnen hätte, obwohl ich schon ziemlich viel erlebt hatte. Merkwürdig war, daß mir sofort, als ich die Dame sah, der Name meiner Braut einfiel: Irene. Ich sehne mich nach ihr. Vielleicht weil ich nicht erfahren kann, wo sie lebt, mit wem sie verheiratet ist, und vielleicht, weil ich weiß, daß sie lange Zeit auf mich gewartet hat.

Ich glaube, daß die Ankunft der fremden Dame in Baku mehr bedeutet als einen Zufall. Es war, als hätte jemand eine Tür geöffnet, von der ich die ganze Zeit gedacht hatte, sie wäre keine Tür, sondern ein Teil der Mauer, die mich umgab. Ich sah einen Ausgang und benützte ihn. Jetzt stehe ich draußen und bin allerdings ratlos.

Das also ist Eure Welt! Ich wundere mich immer wieder über ihre Festigkeit. Als wir in Rußland für die Revolution kämpften, dachten wir gegen die Welt zu kämpfen; und als wir siegten, war der Sieg über die ganze Welt nahe. Noch jetzt weiß man drüben gar nichts von der Standhaftigkeit dieser Welt. Ich fühle mich fremd in ihr. Es ist, als protestierte ich gegen sie, wenn ich es Dir zweimal sage. Ich gehe mit fremden Augen, fremden Ohren, fremdem Verstand an den Menschen vorbei. Ich treffe alte Freunde, Bekannte meines Vaters und verstehe nur mit Anstrengung, was sie mich fragen.

Ich spiele meine Rolle als eben heimgekehrter ›Sibiriak‹ weiter. Man fragt mich nach meinen Erlebnissen, und ich lüge, so gut ich kann. Um nicht in Widersprüche zu geraten, habe ich angefangen, alles aufzuschreiben, was ich im Laufe einiger Wochen erfunden habe; es sind fünfzig große Quartseiten geworden, ich amüsiere mich dabei, ich bin gespannt darauf, was ich weiter schreiben werde.

Es ist ein sehr langer Brief geworden. Du wunderst Dich darüber nicht – es ist lange her, seitdem wir uns zuletzt gesprochen haben. Ich grüße Dich in alter Kameradschaft

Franz Tunda

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