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Die Flucht ohne Ende

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleDie Flucht ohne Ende
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Eines Tages erschien im österreichischen Konsulat in Moskau ein Fremder in einer schwarzen Lederjoppe, in zerrissenen Schuhen, mit Bartstoppeln in einem braunen und hart geschnitzten Gesicht, mit einer alten Pelzmütze, die noch älter aussah, als sie war, weil draußen die erste warme Märzsonne leuchtete. Sie fiel durch zwei breite Fenster auf die braune Holzbarriere, hinter der ein Beamter saß, und bestrahlte bunte Prospekte aus den Kurorten von Salzburg und Tirol. Der Fremde sprach einen einwandfreien ärarischen Dialekt, den Dialekt der besseren österreichischen Stände, der auch manche hochdeutsche Worte gestattet, wenn sie mit Melodie gesagt werden, und der aus der Ferne wie eine Art nasales Italienisch klingt. Dieser Dialekt bekräftigte und erhärtete die Erzählungen des Fremden besser, als es jedes Dokument vermocht hätte. Eines Nachweises bedurften diese Erzählungen allerdings, denn sie klangen unwahrscheinlich.

Der Fremde gab an, daß er im Jahre 1916 als österreichischer Oberleutnant in ein sibirisches Kriegsgefangenenlager gekommen war. Von dort war es ihm gelungen zu fliehen. Seit dem Tage seiner Flucht lebte er in den sibirischen Wäldern, mit einem Jäger zusammen, der ein Haus am Rande der Taiga besaß. Beide Männer nährten sich von der Jagd. Endlich hatte den einen das Heimweh ergriffen. Er begann, ohne Geld, seine Wanderung. Sechs Monate war er unterwegs. Mit der Bahn konnte er nur kurze Strecken zurücklegen. Er hatte noch ein altes Dokument, einen offenen Befehl. Daraus war zu ersehen, daß der Fremde Franz Tunda hieß und Oberleutnant in der alten österreichischen Armee gewesen war. Die österreichische Staatsbürgerschaft hatte er auch nach dem Zerfall der Monarchie nicht verloren, weil er nach seinem Vater in Linz, Oberösterreich, zuständig war. Ein Telegramm nach Linz mit bezahlter Rückantwort bewies die Behauptungen des früheren Offiziers. Im Archiv des Kriegsministeriums in Wien befanden sich noch alte Klassenbücher der Kadettenschule, die des Oberleutnants Angaben ebenfalls bestätigten. Die letzten Bedenken des Konsuls zerstreute die sympathische und aufrichtige Art des Fremden, der so aussah, als ob er nie in seinem Leben gelogen hätte, und die Tatsache, daß der schlaue Beamte einem ehemaligen Offizier nicht die Klugheit zutraute, die zu einer Lüge gehört.

Es bestand kein Gesetz, demzufolge verspätete Heimkehrer aus Sibirien eine Heimfahrt auf Kosten des sparsamen österreichischen Staates unternehmen konnten. Wohl aber gab es eine Unterstützungskasse für »besondere Fälle« – und der österreichische Gesandte gestattete nach einigem Zögern, das er mehr seinem Amt als seinem Gewissen schuldig war, die Einreihung Tundas unter »besondere Fälle«.

Tunda bekam einen österreichischen Paß, durch Vermittlung der Gesandtschaft eine Ausreisebewilligung vom russischen Kommissariat für Auswärtige Angelegenheiten und eine Fahrkarte über Kattowitz nach Wien. Es war schneller gelungen, als er gedacht hatte. Er konnte also seine Absicht, nach Baku zu fahren und von seiner Frau Abschied zu nehmen, nicht mehr ausführen. Denn er nahm an, daß er von der Polizei beaufsichtigt und daß seine Rückkehr ihn verraten würde. Er befand sich in einer jener Situationen, in denen man durch äußere Umstände gezwungen wird, ein Unrecht, das man mit Willen und Wissen begeht, noch gegen den eigenen Willen zu verschärfen. Er war feige, weil er eine Frau allein ließ. Aber er wurde noch jämmerlicher, weil er von dieser Frau nicht einmal Abschied nahm. Er schrieb ihr nur, daß er für einige Monate verreisen müsse. Er legte einige Geldscheine in den Brief, weil er Angst hatte, das Geld auf der Post aufzugeben. Er teilte seiner Frau noch die Adresse seines Bruders mit, Irkutsk, postlagernd, für alle Fälle.

Dann saß er eines Abends in einem Zug, der nach dem Westen fuhr, und es schien ihm, daß er nicht freiwillig fahre. Es war so gekommen wie alles in seinem Leben, wie das meiste und Wichtigste auch im Leben der anderen kommt, die durch eine geräuschvolle und mehr bewußte Aktivität verführt werden, an die Freiwilligkeit ihrer Entschließungen und Handlungen zu glauben. Indessen vergessen sie nur über ihren eigenen lebhaften Bewegungen die Schritte des Schicksals.

An einem jener schönen Aprilvormittage, an denen Wiens innere Stadt ebenso fröhlich wie elegant ist, an einem jener Vormittage, an denen auf der Ringstraße schöne Frauen mit unbeschäftigten Herren spazierengehen, auf den jungen Terrassen der Kaffeehäuser dunkelblaue Siphons leuchten und die freiwillige Rettungsgesellschaft Propagandaumzüge mit Musik veranstaltet, erschien auf der bevölkerten Sonnenseite des Grabens Franz Tunda in demselben Anzug, in dem er vor dem Moskauer Konsulat aufgetreten war, und erregte zweifellos Aufsehen. Er sah genauso aus, wie sich ein Drogist, der an der Ecke vor der Tür seines duftenden Ladens stand, einen »Bolschewiken« vorstellte. Tundas lange Beine erschienen noch länger, weil er Reithosen und hohe weiche Kniestiefel trug. Sie verbreiteten einen starken Geruch von Leder. Die Pelzmütze saß tief über seinen mißmutigen Augen. Der Drogist las jedenfalls in diesem Gesicht Gefahr für seinen Laden.

Tunda befand sich also in Wien. Er bezog Arbeitslosenunterstützung, lebte kümmerlich und suchte einige seiner alten Freunde auf. Man erzählte ihm, daß seine Braut geheiratet hatte und wahrscheinlich in Paris lebte.

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