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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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6.
Der Mahdi

»Sollten wir uns nicht selber nach den Wällen begeben, um nachzusehen, ob nichts Verdächtiges im Gange ist?« fragte Leutnant Helling.

»Ich glaube nicht, daß wir etwas zu befürchten haben,« erwiderte Sieger, »auch mangelt es ja nicht an Wächtern.«

»An Wächtern, die schlafen!«

»Alle werden sie ja kaum schlafen. Übrigens ist die Nacht schon weit vorgeschritten, und ich habe kein Bedürfnis zu schlafen. Sie anscheinend auch nicht. Da bin ich gerne bereit, einen Gang mit Ihnen zu machen. Doch dürfte das jetzt wenig Wert haben, denn man sieht draußen wirklich nicht die Hand vor den Augen. Plaudern wir noch ein Stündchen und begeben wir uns dann hinaus. Die Dämmerung wird bald eintreten, und es wird möglich sein, festzustellen, ob etwas an Josefs Vermutungen ist oder nicht.«

»Wäre es nicht geratener, keine kostbare Zeit zu verlieren?«

»Sie sind wirklich gar zu ängstlich! Mein Diener meinte, die Feinde möchten damit beschäftigt sein, den Umwallungsgraben auszufüllen. Glauben Sie wirklich, daß ihnen dies so geräuschlos gelingen könnte, daß niemand etwas davon merken würde? Und wenn auch – halten Sie es für menschenmöglich, daß sie dieses ungeheure Werk in wenigen Nachtstunden vollenden könnten?«

»Ich muß zugeben, daß dies undenkbar scheint.«

»Also ist die Gefahr, wenn sie vorhanden sein sollte, keinesfalls so dringend.«

»Nun denn, so warten wir noch eine Stunde. Inzwischen können Sie mir noch berichten, was nach Gordons Abgang von seinem Statthalterposten im Sudan vorging. Haben seine Nachfolger die Beschwerdepunkte nicht abgestellt?«

»Leider dauerte die Mißwirtschaft fort. Allerdings hat Reus Pascha, der 1879 Gordons traurige Erbschaft antrat, alle Maßnahmen seines Vorgängers ausgehoben; aber er ging viel zu rücksichtslos und überstürzt vor. Er entließ sofort alle eingeborenen Beamten und schuf damit ein neues Heer von Unzufriedenen. An ihrer Statt setzte er durchweg ägyptische Beamte ein. Um die zerrütteten Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen, setzte er alle Gehälter erheblich herab und trieb die Steuern unnachsichtlich ein. Die zu gering besoldeten Beamten waren nun umso mehr auf Erpressungen angewiesen, und die Eingeborenen, welche die rückständigen Steuern zugleich mit den laufenden bezahlen sollten, wurden noch mehr verbittert. Wer nicht zahlen konnte, erhielt die Bastonade, was die Stimmung in keiner Weise verbessern konnte.

»Die Sandjaks, die Offiziere der Baschibozuks, hatten die Steuern einzutreiben. Zu diesem Zwecke quartierten sie sich mit ihrer Mannschaft in den Ortschaften ein. Sie ließen sich beherbergen, verköstigen und beschenken, wenn erpreßte Gaben noch Geschenke genannt zu werden verdienen. Sie waren die Herren im Hause, denen alles zu Gebote stehen mußte, selbst die Angehörigen des unglücklichen Hausherrn. Der Sandjak erhöhte die Steuerbeträge nach Belieben, und die Zahlung hatte unweigerlich zu erfolgen. Sich über diese Erpressungen zu beklagen, wäre nicht nur aussichtslos, sondern lebensgefährlich gewesen.

»Alle Arbeiter, die zu öffentlichen Arbeiten benötigt wurden, und die Mehrzahl der Soldaten hatten die Eingeborenen zu stellen, ohne Rücksicht darauf, ob ihnen die nötigen Arbeitskräfte verblieben. Es wurden aber mehr als vorgeschrieben eingezogen. Die Überschüssigen mußten sich dann mit hohen Summen loskaufen.

»Der Sklavenhandel war streng verboten. Dennoch konnte jeder Sklavenhändler ihn ungestört betreiben, wenn er die Überwachungsbeamten bestach. Tat einer dies nicht, so wurde mit der ganzen Schärfe des Gesetzes gegen ihn eingeschritten. Seine Sklaven wurden unter die Beamten verteilt und von diesen verkauft!

»Ebenso käuflich waren Polizei und Richter: gehörig geschmiert, öffneten sich die Schlösser der Gefängnisse und löste sich die Schlinge des Henkerstrickes vom Halse des Verbrechers.

»Gewiß gab es viele rechtlich denkende Beamte. Allein sie erlagen nur zu bald den Versuchungen, und wenn einer je standhaft blieb, so wurde er in kurzer Zeit gestürzt. Nur ein Beispiel: da kam ein neuer Statthalter in eine Sudanprovinz. Er war das Urbild der Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit. Es galt, ihn zu Fall zu bringen. Man sandte einen Abgeordneten an ihn ab. Vor dem Aufbruch bat er den Statthalter um die Gunst, sein Töchterlein sehen zu dürfen. Er zeigte sich ganz entzückt von dem Kind, liebkoste es und schmeichelte ihm auf jede Weise. Dann ließ er seinen Diener hereinkommen, der ein großes Paket brachte. Da kam denn eine schön verzierte Silberplatte zum Vorschein, auf der ein Huhn mit vierundzwanzig Küchlein stand, alles in Lebensgröße und aus feinstem Golde. Ein Druck auf eine Feder, und die Vögel bewegten sich und schlugen mit den Flügeln.

»Natürlich wollte der Statthalter dieses kostbare Geschenk nicht annehmen. Allein der Besucher versicherte ihn, Gott solle ihn bewahren, daß er dem Herren ein Geschenk machen wolle. Nur dem reizenden kleinen Fräulein, das sein ganzes Herz gewonnen habe, wolle er dies kleine Spielzeug zur Unterhaltung verehren. Solcher Bitte vermochte der Vater nicht zu widerstehen, und der Abgesandte konnte seinen Auftraggebern berichten: ›Das Kamel hat die Alika gefressen, jetzt könnt ihr ihm die eure geben.‹ Der neue Statthalter war seitdem gleich den anderen und wurde ein reicher Mann.

»Veranlaßten die Klagen über Mißwirtschaft die Regierung, eine Untersuchung gegen einen Beamten einzuleiten, so ging es, wie meist auch bei uns: die Beschwerden ›erwiesen sich‹ als durchaus unbegründet und als böswillige Verleumdung. Bei uns pflegt man in solchen Fällen die Beschwerdeführer obendrein noch zu strafen oder öffentlich bloßzustellen. Auf diesen Punkt will ich daher kein besonderes Gewicht legen. Aber alles übrige wird Sie schon überzeugt haben, daß sich des Zündstoffs genug angesammelt hatte, so daß ein Funke ihn zur Entladung bringen konnte. Den Anstoß zur Entzündung brachte der Mann, vor dem jetzt Khartum zittert.«

Als Sieger hier innehielt, nahm Helling das Wort. »Sie sehen mich aufs höchste gespannt, Näheres von diesem eigentümlichen Genie zu vernehmen und zu erfahren, durch welche Mittel es ihm gelang, Tausende und Abertausende von Anhängern zu gewinnen, den ganzen Sudan in Flammen zu setzen und unter seine Herrschaft zu bringen.«

»Was ich von dem Propheten und seiner Geschichte weiß, läßt sich kurz berichten. Mohamed Achmed ibn Abdullahi ist von Geburt ein Nubier aus Dongola, wo er um 1839 das Licht der Welt erblickte. Er gehörte zur Familie Essuar el Sahab, das heißt ›mit dem goldenen Armband‹, weil ihr Ahnherr angeblich mit einem goldenen Armband geboren wurde. Zunächst ging er bei seinem Onkel, einem Zimmermann, in die Lehre, bevorzugte jedoch von Kind auf religiöse Studien. In Karrari bei Khartum, wohin sein Vater später zog, studierte er unter dem Scheich Nur el Daim, Sohn des berühmten Scheich el Tajib. Dann trat er in die Sekte der Sammanije ein, überwarf sich aber mit seinem Oberscheich Mohamed Scherif, weil er diesem vorwarf, sein Treiben sei gegen die göttlichen Gesetze. Der erzürnte Scheich stieß ihn aus seiner religiösen Gemeinschaft aus, und als Mohamed Achmed wiederholt Abbitte leistete, verweigerte er ihm hartnäckig die Verzeihung. Erbittert hierüber ließ sich der junge Derwisch in die Sekte der Kasirje aufnehmen, deren Oberhaupt, der Scheich el Gureschi, ein eifersüchtiger Nebenbuhler des Mohamed Scherif war. Jetzt bot ihm letzterer, zu spät, die Vergebung an: Mohamed Achmed schlug sie aus. Dies war unerhört und erregte daher das größte Aufsehen: mit einem Schlage wurde Mohamed Achmed im ganzen Sudan berühmt; man gab ihm allgemein recht, weil er gegen sein früheres Oberhaupt für die Religion eingetreten sei. Man pilgerte zu ihm, und er sah sich unversehens zum einflußreichen Manne werden.

»Er trat nun eine Pilgerreise an, besuchte die Moscheen und hielt sich einige Zeit im Dorfe Gabsch auf, um unter dem Scheich Mohamed el Cheir zu studieren. Als er nach Karrari zurückkehrte, starb sein Vater Abdullah Bakri. Hierauf siedelte Mohamed Achmed mit seiner Familie nach Khartum über. Empört über das sittenlose Leben in der Hauptstadt, die Ungerechtigkeiten, Tyranneien, Ausbeutungen und Mißbräuche, begann er die Rückkehr zur Frömmigkeit und die Empörung gegen die Regierung zu predigen. Von seinen besonneneren Freunden vor solch gefährlichem Treiben inmitten der Hauptstadt gewarnt, zog er sich mit seiner Mutter und seinen Schülern auf die Insel Aba zurück.

»Hier ließ er eine Masgid oder Moschee errichten, in der er eine Ghar, das heißt eine Höhle, anlegte, woselbst er monatelang unter Gebet und frommen Betrachtungen weilte, sich nur von Datteln und getrockneten Weinbeeren nährend. Kam er nach drei bis vier Monaten für kurze Zeit hervor, so glich er einem dem Grabe entstiegenen Gerippe und seine Reden hatten etwas derart Begeistertes, daß man ihm mit Andacht und Ehrfurcht lauschte. Dann strömten die Eingeborenen von allen Seiten herbei, um ihn zu hören. Er predigte eine neue soziale Gesellschaftsordnung, die den Unzufriedenen glückverheißend klang, obgleich sie dem nüchternen Verstand als undurchführbar erscheinen mußte.

»Er kam nie länger als auf zwei bis drei Tage aus seiner Höhle hervor, und der Ruf seiner Heiligkeit verbreitete sich derart, daß weder ein Privatschiff noch ein Staatsdampfer an der Insel vorüberfuhr, ohne anzuhalten und Zeichen der Verehrung abzugeben. Aus Furcht und abergläubischer Verehrung wagte es kein Beamter, einen Steuerrückständigen, einen Flüchtling oder Verbrecher, der auf Aba Schutz gesucht hatte, bis hierher zu verfolgen. So wurde die Insel zu einer Zufluchtstätte und Freistatt. Die Schüler des neuen Scheichs vermehrten sich zusehends, und Gaben und Geschenke flossen ihm von allen Seiten reichlich zu. Seine Anhänger bestanden teils aus religiösen Schwärmern, teils aus den vielen Unzufriedenen und Bedrückten, die bessere Zeiten herbeisehnten, vor allem aber aus den Opfern der Ungerechtigkeit und der Erpressungen, die hier vor jeder Verfolgung sicher waren. Diese Flüchtlinge nannte man Mutassahabin.

»Seine soziale Lehre verkündete die Aufhebung alles Eigentums, die Gleichheit aller seiner Jünger, die Ehelosigkeit für alle und die Verpflichtung zur Arbeit. Ruhe und Vergnügen dürfe man erst im Paradiese erwarten.

»Die Zunahme seiner Anhänger und die Verehrung, die ihm selbst von den Regierungsbeamten entgegengebracht wurde, steigerten sein Selbstvertrauen ungemein. Er begann nun Reisen zu machen und offen zur Empörung aufzureizen. Er sagte, Mohammed sei ihm öfters erschienen und habe ihn auf seinem Lichtthron sitzen lassen, wobei er ihm gesagt habe: ›Du bist der Mahdi, der verheißene Erlöser; wer dir nicht gehorcht, ist gottlos; sein Blut soll vergossen werden und seine Habe einem Andern zufallen.‹

»Nun kamen auch allerlei Wundergeschichten in Umlauf. Auf Blättern der Bäume und auf Eierschalen sollte man Inschriften gefunden haben, wie › La ilah illah allah we mohamed achmed mahdi min allah.‹ Das bedeutet, wie Sie wissen: ›Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohamed Achmed ist sein Prophet.‹

»Im Jahre 1880 wurden Brandreden gedruckt und in Tausenden von Exemplaren öffentlich verbreitet, ohne daß die Regierung einschritt. Erst ein ernstes Warnungsschreiben veranlaßte Reuf Pascha, den Generalstatthalter, einen Boten zu Mohamed Achmed zu senden, um ihn nach Khartum zu berufen. Der Prophet jedoch erwiderte, wenn der Statthalter etwas von ihm wolle, solle er zu ihm kommen, denn der Tag sei noch nicht da, an dem er in Khartum einziehen solle. Hierauf schickte der Statthalter zweihundert Mann ab, um den Widerspenstigen mit Gewalt zu holen.

»Das Schiff warf am Abend des 27. Juli 1881 vor Aba Anker. Eine Abordnung forderte den Propheten auf, an Bord zu kommen. Er saß gerade betend auf einem Fell, seine Derwische bildeten in seiner Nähe einen Kreis und verrichteten ebenfalls ihre Andacht. Mohamed Achmed erwiderte den Abgesandten, wer ihn sehen wolle, möge zu ihm kommen, er werde sich nicht hinbemühen. Die Derwische aber erteilten den Soldaten eine Tracht Prügel.

»Hierauf landete die Mannschaft, rückte vor und gab Feuer. Beim ersten Schuß zog der Mahdi sein Schwert und stieß zum erstenmal den Schlachtruf aus, der seither so manchesmal die Vernichtung seiner Feinde einleitete: › La ilah illah allah! Fi sabil allah!‹ – ›Es gibt keinen Gott außer Gott! Für Gottes Sache!‹ Im Augenblick stürzte sich die wütende Menge auf die Soldaten, von denen nur einige wenige dem Gemetzel entrannen.

»Immerhin fühlte sich der Mahdi in Aba nicht mehr sicher und zog mit seiner Familie und allen seinen Anhängern in die Provinz Faschoda auf den Berg Gadir. Lupton Bey sah den ungeheuren Zug bei Kawa den Nil überschreiten und berichtete Emin Pascha über die Vorfälle. Dieser schrieb sofort nach Khartum und warnte die Regierung, denn er sah die ganze Tragweite dieser Vorgänge voraus.

»Der Statthalter von Faschoda wollte die unwillkommenen Gäste unverzüglich vernichten. Als er jedoch mit seiner erschöpften Mannschaft am Berge Gadir anlangte, wurde er sofort von den Derwischen umzingelt. Die Schar wurde vollständig aufgerieben, und alle ihre Waffen und Munition fielen den Feinden zur Beute. Der Statthalter Raschid Bey war auch gefallen.

»Die Kunde von diesem Sieg war das Zeichen zur Erhebung für ganz Kordofan und die Beduinen von Darfur. Der Statthalter von Dara, Slatin Bey, der österreichische Held, der sich jetzt in der Gefangenschaft des Mahdi befindet, hatte schwere Arbeit und wurde am Brunnen Nemeir von überlegenen Derwischtruppen geschlagen.

»Kurz darauf rückte der Statthalter von Kordofan, Mohamed Said Pascha, mit zweitausenddreihundert Soldaten gegen die Aufrührer vor. Eine Abteilung von zweitausend Derwischen vernichtete auch dieses Heer. Ebenso wurde Ali Bey mit dreitausend Mann geschlagen und verlor sein Leben in dem Kampf.

»Infolge dieser glänzenden Waffenerfolge strömten immer neue Scharen dem Heere des Mahdi zu, immer mehr Häuptlinge ließen sich in seine Sekte aufnehmen und erhielten von ihm Befehle und die Anweisung zum Vernichtungskampf. In Khartum erwarteten wir die Ankunft des neuen Generalstatthalters Abd el Kader Pascha. Zu dieser Zeit verbreiteten sich die tollsten Gerüchte in der Stadt, man befürchtete einen Angriff der Derwische, kurz, alles war von Furcht und Entsetzen ergriffen.

»Der neue Generalstatthalter war ein energischer Mann mit weitem Gewissen. Es kam ihm nicht darauf an, einen widerspenstigen Beamten spurlos verschwinden zu lassen, über dessen Schicksal nur die Krokodile des Nil berichten könnten. So erging es zum Beispiel dem Araber Sobeir, den er verlockte, sich nach Khartum einzuschiffen, der aber nie dort ankam. Abd el Kader Pascha hätte vielleicht den Aufstand noch niederwerfen können, wenn er die Verstärkungen bekommen hätte, die er dringend von Kairo erbat. Aber Ägypten war durch die Empörung Arabi Paschas zu sehr geschwächt, um Hilfe bringen zu können.

»Inzwischen war Jussuf Pascha el Schallali mit 7000 Mann aus Khartum zum Berge Gadir vorgerückt. Mohamed Achmed breitete seinen Gebetsteppich zwischen beiden Heeren aus und kniete betend darauf nieder. Jussuf Pascha befahl dem berühmten Schützen Abdallah Wad Dafallah, den Mahdi niederzuschießen. Doch dessen drei Schüsse gingen fehl. Dieses Wunder erhöhte die Begeisterung und das Vertrauen der Derwische. Mohamed Achmed sprang auf, zog sein Schwert und stieß seinen Schlachtruf aus: » Fi sabil allah!« Trotz ihrer Stärke und überlegenen Bewaffnung wurde die ägyptische Armee in kurzer Zeit aufgerieben, und Jussuf Pascha selber verlor dabei sein Leben. Die Mahdisten, die bisher außer Säbel und Lanzen nur alte Perkussionsflinten besessen hatten, erbeuteten hier Schnellfeuergewehre und Munition in Massen.

»Auch dieser Sieg brachte dem Mahdi wieder neue Anhänger. Slatin Bey lieferte inzwischen den Derwischen unaufhörlich Gefechte und Schlachten mit wechselndem Erfolg, niemals aber zogen diese in einem bedeutenderen Treffen den kürzeren: sie hielten sich für unbesieglich und verachteten den Tod, gewiß, für Gottes Sache zu kämpfen und das Paradies zu gewinnen.

»Mohamed Achmed rückte nun mit seinem Heer vom Berge Gadir nach Kaba vor und griff El Obeid an. Die Stadt aber war mit Geschützen wohl versehen und schlug die immer wiederholten wütenden Stürme ab. An einem Tage verlor der Mahdi fast 10 000 Mann. Doch wütete der Hunger in der Stadt, in der ein Eselskopf schon 200 Taler kostete.

»Am 17. Januar 1883 mußte der tapfere Verteidiger von El Obeid, Iskander Bey, die Stadt übergeben. Der Mahdi schonte sein Leben, obgleich er drei seiner Unterhändler, die ihn zur Übergabe aufforderten, hatte hängen lassen. Mohamed Achmed war nun der Herr auch über ganz Kordofan.

»Unterdessen hatten die Engländer den Aufstand Arabi Paschas niedergeworfen, und der Khedive sandte ein 16 000 Mann starkes Heer mit 70 Geschützen, darunter 30 Kruppkanonen, nach Khartum. Der englische General Hicks Pascha war der Oberbefehlshaber. Unerträgliche Hitze und Wassermangel erschwerten den Vormarsch außerordentlich: die Derwische hatten alle Brunnen verschüttet. Überall fanden die Soldaten Briefe des Mahdi auf dem Weg und an den Bäumen, in denen sie zur Übergabe ausgefordert wurden, widrigenfalls sie bis auf den letzten Mann vernichtet würden.

»Tag und Nacht wurde das Heer von feindlichen Scharen umschwärmt und angegriffen, bis es ganz erschöpft am 6. November bei El Birke anlangte. Hier wurde es von den Horden des Mahdi umzingelt und in weniger als einer Stunde vollständig aufgerieben. Hicks Pascha und sämtliche Offiziere, darunter dreizehn Europäer, fielen. Aus den Köpfen der Gefallenen ließ der Sieger eine gewaltige Pyramide auf dem Schlachtfeld errichten.

»Immer noch hatte sich Slatin Bey in Darfur behauptet. Hicks Niederlage zwang ihn, die Waffen zu strecken und den mohammedanischen Glauben anzunehmen.«

Bisher hatte Leutnant Helling der Schilderung des gewaltigen Ringens stillschweigend zugehört, mit lebhaft gespannter Teilnahme. Jetzt nahm er das Wort und sagte: »So hoch ich den tapferen Slatin schätze, die Verleugnung seines Christenglaubens gefällt mir nicht: ich würde mich nie zu einer solchen Demütigung verstehen, die auch mein Gewissen nicht zuließe.«

»Das ist ganz mein Standpunkt,« versicherte Sieger. »Slatin glaubte aber wohl, zum Schein nachgeben zu sollen, um schlechter Behandlung, vielleicht auch dem Tode zu entgehen. Denn die Derwische scheuten vor den entsetzlichsten Greueln und Grausamkeiten nicht zurück. Der Sieg über Hicks Pascha steigerte Mohamed Achmeds Ansehen, wie sich denken läßt, wieder ganz gewaltig, und neue Scharen strömten seinen Fahnen zu. Berber und Kassala erhoben sich. Osman Digma, ein früherer Sklavenhändler, wiegelte die Araber der Gegend von Suakin auf. Vom Mahdi zum Emir von Suakin ernannt, schlug er die Regierungstruppen bei Tokar und Suakin, und als General Baker Pascha mit einem neuen Heere gegen ihn anzog, zerstreute er auch dieses beim Brunnen el Teb.

»In Berber siegte Mohamed el Chair, der vom Mahdi zum Emir von Berber erhoben worden war, über den Statthalter Hussein Pascha Kalifa. Da bestimmten die Engländer den Khedive, den Sudan aufzugeben und Gordon mit der Aufgabe der Räumung zu betrauen. Gordon aber täuschte sich trotz aller traurigen Erfahrungen vollständig über den Ernst der Lage und besaß viel zu viel Selbstbewußtsein. Er nahm den Auftrag an, unter der Bedingung, freie Hand zu haben, eine unabhängige Regierung im Sudan aufzurichten. Er gedachte wohl, den Mahdi spielend zu besiegen, und, da Ägypten seinen Besitz aufgab, sich selber ein großes Reich zu errichten, das dann später wohl an England übergehen sollte. Das weitere wissen Sie ja selber, da Sie mit General Gordon hier ankamen.«

»Ja, und Gordon wird nun auch erkennen, daß seine törichten Träume zerrinnen. Ihre Berichte haben mich erst völlig über die Lage aufgeklärt, und ich muß sagen, ich habe keine geringe Meinung von diesem Mahdi gewonnen, den ich bisher nur für einen religiösen Schwärmer und Fanatiker ansah, dessen Erfolge mehr auf glücklichen Zufällen und Fehlern seiner Gegner beruhten. Nach allem Gehörten scheint er mir ein gewaltiger Krieger, wohl gar ein bedeutender Feldherr zu sein.«

»So viel möchte ich doch nicht behaupten. In dieser Beziehung ist ihm sein Vetter Abdalla Walad Mohamed oder Abdullahi weit überlegen. Für ihn hat der Mahdi stets eine besondere Zuneigung gehegt und ihn zu seinem Kalifa, das heißt Stellvertreter und Nachfolger ernannt. Dieser tapfere, aber grausame Mann ist überhaupt sozusagen seine rechte Hand.«

»Nun aber wollen wir doch aufbrechen,« drängte der Leutnant. »Der erste Schimmer der Morgendämmerung zeigt sich bereits am östlichen Horizont, und ich fühle eine ganz unerklärliche Unruhe in mir, umso unerklärlicher, als ich ja eigentlich hierher kam, um einen ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfelde zu suchen, und es für einen, dem der Tod als Erlöser willkommen ist, keine Ursache zu irgendwelchen Befürchtungen mehr geben sollte.«

Die beiden Freunde erhoben sich und verließen das Haus. Freilich, hätte Sieger ahnen können, wie verhängnisvoll dieser Gang für sein Lebensglück werden sollte, keine Macht der Welt hätte ihn vermocht, seine sorglos schlummernden Lieben in dieser Stunde allein zu lassen.

Die beiden traten in die Nacht hinaus. Noch lag alles in Schweigen und tiefe Finsternis gehüllt, und erst ein schmaler grauer Streifen am Himmelsrande ließ erkennen, daß der Morgen nicht mehr fern sein konnte.

Die nächtlichen Wanderer schlugen den Weg nach den Gärten ein, die zwischen der Stadt und der Festungsmauer sich hinzogen in der Richtung auf Omderman zu.

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