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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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5.
Der treue Diener

Josef stand bereits seit acht Jahren in Siegers Diensten. Schon vor seiner Verheiratung hatte der Ingenieur sich bewogen gefühlt, sich einen dienstbaren Geist einzutun, der ihn auf seinen Reisen begleitete und ihm die Sorge für all die tausend Kleinigkeiten abnahm, um die er sich zu wenig bekümmern konnte, wenn ihn seine Fachtätigkeit ganz in Anspruch nahm, und deren Vernachlässigung doch peinlich und oft schädigend geworden wäre.

So hatte ihn Josef nach Nordamerika und dann nach Ägypten begleitet. Da galt es, sich oft tage- und wochenlang in wenig bevölkerten Gegenden, ja Wildnissen aufzuhalten, um Vermessungen und Untersuchungen für geplante großzügige Unternehmungen und Anlagen vorzunehmen. Dort fehlte es meist an Gasthöfen oder sonstiger Gelegenheit zu Unterkunft und Verpflegung, und in solchen Fällen erwies sich der anstellige, begabte und willige Diener als geradezu unentbehrlich und wurde seinem Herrn zum Freund.

Hatten sie sich in gemeinsamer Arbeit eine Hütte errichtet, so sorgte Josef für das tägliche Behagen, Ordnung und Beköstigung: er machte die Betten, wichste die Stiefel, säuberte die Kleidung, unterhielt im Winter das wärmende Feuer. Er handelte Lebensmittel ein, oder, wo hiezu keine Gelegenheit war, sammelte er Früchte, ging auf die Jagd nach Wild und Geflügel, kochte die schmackhaften Mahlzeiten, fällte Holz, trug Reisig zusammen, verpflegte die Pferde oder Maultiere, – kurz, er besorgte aufs pünktlichste alles, was notwendig oder wünschenswert war. Dabei fand er noch Zeit, seinem Herrn an die Hand zu gehen.

Nach seiner Verheiratung mochte sich Sieger von der treuen Seele nicht trennen: Josef blieb sein stets brauchbarer Gehilfe und ersetzte zugleich der Hausfrau die Magd und das Kindermädchen, verstand er es doch prächtig, mit Kindern umzugehen und sie mit allerlei Geschichten zu unterhalten, sie lustige Spiele zu lehren, sie auf Spaziergängen zu begleiten, kurzum ihr Freund und Beschützer zu sein.

Heute abend hatte er einen Rundgang auf den Wällen unternommen, um nach dem Stande der Dinge zu sehen.

Da fand er nicht viel Erfreuliches! Die vom Hunger und den Nachtwachen erschöpften Wächter, die infolge von Gordons Nachlässigkeit viel zu wenig Ablösung fanden, zeigten sich schläfrig und unaufmerksam, zum Teil lagen sie schon schnarchend einzeln oder in Gruppen zusammen.

Josef, von feinem Tagewerk ermüdet, setzte sich auf die Mauer nieder und ließ seine Blicke ins nächtliche Dunkel schweifen. Dort drüben ragte als finstere Masse die Festung Omderman, die vor zehn Tagen den Aufständischen in die Hände gefallen war, und jetzt die Hauptmacht der Mahdisten beherbergte. Alles war still und regungslos, Gefahr schien keine zu drohen.

Die Gedanken des jungen Mannes schlugen die Pfade der Erinnerung ein: wie merkwürdig war doch sein Lebensgang gewesen. Seine Heimat lag auf der schwäbischen Alb: ein frisches, liebliches Tal, umrahmt von grünen Hügeln, stieg vor seinem Geiste auf. Da schmiegte sich ein freundliches Dörflein mit weißgetünchten schmucken Häusern und hellen roten Dächern an die sanft ansteigenden Höhen. Ein klares Bächlein floß lustig plätschernd hindurch. Hier hatte er seine sonnige, wenn auch arbeitsreiche Jugendzeit verbracht.

In den grünen Matten, die sich an den Hängen hinaufzogen, weideten die Schafe, da und dort ragten Felsblöcke aus den Wiesen empor und boten Klüfte, Höhlen und Verstecke, die sich zu den herrlichsten Räuberspielen eigneten. Droben aus der Höhe im Süden stand eine einsame, riesige Buche auf der »Wacht«, von dort aus sah man bei hellem Wetter die gewaltigen, weißschimmernden Firnen der Schweizeralpen, die zum erstenmal die Sehnsucht nach den lichten Fernen in des Knaben Seele geweckt hatten, nach den geheimnisvollen Wundern, die dem Auge so nah erschienen.

Auf der gegenüberliegenden Höhe saß die Gänseliesel mit ihrer weißen Herde. Kam der Abend, so erhob sich ein Gekreisch und Geschnatter, und wie auf Kommando schwang sich die ganze Schar flatternd in die Lüfte. In weniger als einer Minute hatte sie den Talgrund erreicht: das war ein prächtiger Anblick, wie die leuchtende Wolke mit wogendem Flügelschlag aufstieg und sich dann schwebend niedersenkte in die Gassen des Dorfes, wo jedes der gefiederten Geschöpfe seine Heimstätte aufsuchte, während ihre Hirtin mühsam auf steilen Pfaden hinabklettern mußte und wohl eine Viertelstunde brauchte, um die Strecke zu durchmessen, die ihre Pflegebefohlenen so mühelos zurücklegten.

Dort hinten starrten düstere Tannenwälder und da vorn lachten Buchenforste, wo es schmackhafte Bucheln und köstliche Erdbeeren gab. Schlehen und Brombeeren wuchsen in dichten Hecken am Waldsaum: oh! da gab es der Herrlichkeiten genug! Aber noch verlockender waren die süßen, gelben Habermarken in den Wiesen. Freilich, die durfte man nicht pflücken, weil man sonst das schöne Gras zertrat, – aber man tat es doch. Ja, wie sie eben im schönsten Naschen waren, kam der geizige Onkel zornglühend herbeigerannt: da galt es, Reißaus nehmen! Allein der Oheim hatte die meisten erkannt und eilte zum Schultheißen, dem er zuschrie: »Die Buben haben mir wieder Habermarken gestohlen, und dein Josef war auch dabei!« Nun wurden die Missetäter auf sechs Stunden in den Ortsarrest gesteckt. Aber der Philipp hatte einen Ball in der Tasche, mit dem vergnügten sie sich so lustig, daß die Zeit wie im Fluge vorbeistrich.

Noch einmal hatte ihn sein gestrenger Vater mit anderen Missetätern eingesperrt. Das war ja wohl ein schlimmerer Fall. Gar zu gern spielten sie auf dem Kirchhof Bockspringen. Das war dem dicken Meßner ein gewaltiges Ärgernis. Und er mochte recht haben, denn der Friedhof war nicht der Ort zu tollen Knabenspielen. Doch so weit dachten sie damals nicht. Eines Tages hatten sie sich wieder auf den Gottesacker begeben. Einer von ihnen lehnte sich gegen das große Tor, der nächste sprang ihm auf den gekrümmten Rücken, der Dritte wieder auf den Rücken des Zweiten und so fort. Aber der wachsame Meßner vernahm den Lärm und rannte wütend herzu. Rasch riß er das Tor auf, das sich nach außen öffnete, und die ganze Pyramide stürzte unversehens nach außen, den Dicken auf den Rücken werfend und ihn unter sich begrabend. Schaden erlitt keiner, aber dem Meßner taten noch drei Tage alle Glieder weh.

Josefs Vater, der Schultheiß, hielt strenge Zucht im Ort. Vor allem war er der Trunksucht feind. Nun gab es einen unverbesserlichen Säufer im Dorf. Den drei Wirten zur Krone, zum Rößle und zum Hirsch wurde verboten, ihm irgendwelche geistigen Getränke zu verabreichen. Aber der Mann ging nun einfach in das nur zehn Minuten entfernte Städtchen Trochtelfingen und holte sich dort seinen regelmäßigen Rausch. Als er nun eines Nachts durch den Wald, der die beiden Orte trennte, heimschwankte, erschien ihm ein fürchterliches Gespenst in weißem Leichentuch, warf ihn zu Boden und verprügelte ihn jämmerlich, ihm mit hohler Stimme ins Gewissen redend. Von da an wagte es der Geängstigte nicht mehr, ein auswärtiges Wirtshaus aufzusuchen: er war von seiner Trunksucht geheilt und besserte sich. Lange Jahre nachher erfuhr Josef von seinem Vater, daß der Amtsdiener das Gespenst dargestellt und im Auftrag des Schultheißen gehandelt habe.

In der Schule war der Schulzensohn immer der erste, besonders im Rechnen tat es ihm keiner gleich. Einmal gab der junge Hilfslehrer seinen ältesten Schülern eine Rechnung auf, die so schwer war, daß Josef allein sie richtig löste. Alle anderen begriffen überhaupt nicht, wie sie anzugreifen sei. Der Lehrer fragte nun den Knaben, auf welchem Wege er die Lösung gefunden habe. Dieser aber hatte seinen Stolz und verweigerte ihm rundweg die Auskunft. Da beschwerte sich der Lehrer beim Ortsvorsteher. Der Schultheiß rief seinen Buben und fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Josef antwortete: »Ich habe gleich gesehen, daß dies eine Rechnung ist, die man Volksschülern gar nicht geben kann, weil sie weit über das hinausgeht, was wir im Rechnen lernen. Ich habe auch wohl gemerkt, daß der Herr Lehrer selber nicht weiß, wie sie gelöst werden muß, und jetzt möchte er es nur von mir erfahren. Aber die Lehrer sind doch dazu da, die Schüler zu belehren, und nicht umgekehrt.«

Hierauf gestand der Lehrer: »Ich will es nur gleich bekennen, es ist so, wie der Bube sagt. Wir haben die Aufgabe in der zweiten Prüfung bekommen und keiner von uns vermochte sie zu lösen. Nun möchte ich gar zu gern wissen, wie sie behandelt werden muß.«

Da ließ sich Josef dazu herbei, auseinanderzusetzen, was ihm sein scharfer Verstand ohne Belehrung geoffenbart hatte, und heute noch mußte er heimlich lachen, wie demütig sein Lehrer ihn um Belehrung gebeten hatte.

Schon während der Schulzeit hatte der Knabe viel bei den Feldarbeiten helfen müssen. Nach seinem vierzehnten Jahr ersparte er dem Vater einen Knecht. Es war eine harte Arbeit, vor allem das Ackern auf dem steinigen Boden der Alb. Wie oft geriet der Pflug auf eine Felsplatte und wurde aus der Bahn geworfen: da galt es, auf der Wacht zu sein und ihn augenblicklich mit festem Griff wieder zurückzuwerfen, um eine gerade Furche zu ziehen.

Aber auch in diesen Jahren saurer Anstrengung gab es manches Vergnügen. Da war vor allem das Osterfest. Nachmittags versammelten sich die jungen Burschen auf der Wiese gegen Trochtelfingen. Die Mädchen und auch viele Erwachsene kamen als Zuschauer. Es galt einen Wettkampf, und jeder, der sich daran beteiligen wollte, mußte eine Anzahl buntgefärbter Ostereier stiften, so daß es im ganzen gerade hundert gab. Waren es also zwanzig Burschen, so mußte jeder fünf Eier mitbringen. Dann bildeten sich zwei Parteien; die eine stellte den Läufer, die andere den Werfer und Fänger.

Die Eier wurden in einer Reihe auf der Wiese niedergelegt. Drei Schritte vom untersten entfernt stellte sich der Fänger auf. Der Werfer warf ihm ein Ei um das andere zu, bei dem entferntesten anfangend. Der andere fing sie auf und legte sie sorgsam in einen großen Korb zu seinen Füßen.

Das mußte aber rasch und Schlag auf Schlag gehen, wenn nicht die Partei des Läufers siegen sollte. Zum Läufer wurde meist Josef erwählt, weil seine Füße so behende waren wie sein Geist: keiner konnte im Wettlauf mit ihm Schritt halten. Sowie des erste Et geworfen wurde, mußte er durch den Wald nach Trochtelfingen jagen. Dort waren zwei oder drei Burschen der Gegenpartei aufgestellt, von denen er ein Fähnchen in Empfang zu nehmen hatte, als Wahrzeichen, daß er den Lauf wirklich und vollständig ausgeführt habe. Dann raste er wieder zurück. Erschien er wieder auf der Wiese am Waldsaum, ehe das letzte der hundert Eier im Korbe war, so hatte seine Partei es gewonnen. Waren jedoch bei der Gegenpartei durch ungeschicktes Werfen oder Auffangen mehr als drei Eier zerbrochen, so war für sie das Spiel verloren, auch wenn sie vor der Rückkehr des Läufers fertig wurde. Dadurch wurde ein gar zu hastiges Vorgehen ausgeschlossen.

Wenn Josef der Läufer war, hatte seine Partei immer gesiegt, und wenn er nicht die Fahne geschwungen hätte, die bewies, daß er am Ziel gewesen war, hätte kein Mensch geglaubt, daß er den Weg in so kurzer Zeit habe zurücklegen können.

O du schönes Heimattal und du biederes, lustiges Volk mit deinen harmlosen und doch so herrlichen Vergnügungen!

Dann kam der Dienst im Heere fürs teure Vaterland: auch das war eine schöne Zeit für den gesunden, an harte Arbeit gewöhnten Dorfschulzensohn.

Da lernte ihn im Manöver der Reserveleutnant Sieger kennen und fand Wohlgefallen an seinen Kenntnissen und Fähigkeiten und an seiner ganzen Art. Josef selber war ganz begeistert für den allgemein beliebten Offizier, und als dieser ihm vorschlug, in seine Dienste zu treten und zunächst ihn nach Amerika zu begleiten, da erwachte die alte Jugendsehnsucht nach fernen Ländern und wundersamen Abenteuern mächtig in ihm, und er schlug freudig ein.

Und wahrhaftig! An Abenteuern hatte es nicht gefehlt dort über dem großen Wasser und dann im alten Lande der Pharaonen! Ja, und jetzt? Da saß er, von vergangnen Tagen träumend, auf dem Wall von Khartum, umzingelt von wilden, grausamen Feinden: was würde er wohl noch in den nächsten Tagen erleben?

So zogen die Bilder des ereignisreichen Lebens in der nächtlichen Stille an Josefs Geist vorüber, als ihm plötzlich eigentümlich zumute wurde. War er noch allein? War noch alles so lautlos wie zuvor? Bewegte es sich nicht weit umher in der jetzt undurchdringlich gewordenen Finsternis und drangen nicht gedämpfte Geräusche an sein scharfes Ohr?

Jetzt glaubte er dunkle Schatten über dem tiefen Wallgraben zu erblicken, der die ganze Stadtmauer umgab, den Feinden die Annäherung zu erschweren. War es nicht, als ob sie vorsichtig und möglichst geräuschlos allerlei große Gegenstände herbeischleppten und in die Tiefe gleiten ließen?

Josef weckte den nächsten Wächter und teilte ihm seine Beobachtungen mit. Unwillig und schlaftrunken lauschte der eine Weile, brummte dann, es sei nichts, und legte sich wieder zur Ruhe.

Auf dem Posten Farag Paschas war Licht. Dorthin eilte nun der Diener. Farag saß dumpf brütend, aber doch vollkommen wach, in der Hütte. Er nahm die Mitteilungen mit Ruhe entgegen und versprach, einige Aufklärungsabteilungen auszusenden.

Hierauf begab sich Josef zu seinem Herrn zurück und erstattete Bericht. Sieger meinte, wenn er Farag gewarnt habe, so genüge dies. Helling freilich schien anderer Ansicht zu sein. Doch begab sich der Diener auf seines Herrn Geheiß in seine Schlafkammer im oberen Stockwerk, um für den morgenden Tag im Schlafe neue Kräfte zu sammeln.

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