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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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4.
Die Eroberung des Sudans

»Hören Sie!« begann Helling die Unterhaltung, nachdem sich Frau Sieger mit den Kindern zurückgezogen hatte: »Sie sind nun schon lange in Khartum und kennen gewiß die Geschichte des Sudans, seit er unter die Oberhoheit Ägyptens kam, und auch über den Aufstand des Mahdi sind Sie zweifellos gut unterrichtet. In Europa, wenigstens in Deutschland, hat man sich wenig um diese Vorgänge gekümmert, und wenn die Zeitungen Nachrichten darüber brachten, blieben sie unsereinem ziemlich unverständlich, weil uns die Vorgeschichte und die Zusammenhänge unbekannt waren. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich über das alles aufklären wollten.«

»Gerne!« erwiderte der Ingenieur: »Nur fürchte ich, daß ich Ihnen nicht viel mehr sagen kann, als Sie schon wissen dürften. Denn einigermaßen müssen Sie doch auf dem laufenden sein: Sie können sich doch unmöglich entschlossen haben, für eine Sache zu kämpfen, über die Sie nicht genügend unterrichtet sind?«

»Und doch ist es so! Ich muß mich ja schämen, es zu gestehen: ich stehe da mitten drinnen, ohne recht zu wissen, um was es sich handelt. Die Ereignisse, die mich aus der Heimat trieben, kamen so plötzlich, daß ich ohne viel Überlegung die nächste Gelegenheit ergriff, die sich mir bot, an einem Feldzuge im Ausland teilzunehmen. Ich hörte, daß General Gordon gegen die Aufständischen im Sudan ziehe und tat sofort erfolgreiche Schritte, mir die Erlaubnis zum Kämpfen unter seinen Fahnen zu erwirken. Was sich aber eigentlich im Sudan begeben hat, wer die Rebellen sind und warum sie sich empörten, war mir äußerst unklar und kümmerte mich, offen gestanden, in meiner Stimmung auch nicht viel. Nun jedoch würde mir einige Aufklärung hierüber sehr willkommen sein.«

»Was ich weiß, steht Ihnen gerne zu Diensten. Ich erzähle es am besten im Zusammenhange; Zeit genug haben wir ja. Was Ihnen etwa schon bekannt ist, mag dann immerhin noch verständlicher für Sie werden, wenn Sie es in seinen Ursachen und Folgen zu hören bekommen.«

»Das ist es eben, was ich wünsche. Doch dürfen Sie überzeugt sein, daß mir fast gar nichts von dem bekannt sein wird, über das Sie mich belehren werden.«

»Nun denn! Mohamed Ali Pascha war, wie Sie zweifellos wissen, der erste Khedive oder Vizekönig von Ägypten, der Begründer des heutigen Herrscherhauses. Er war ein tatkräftiger und weitblickender Mann. Als er in seinem Lande geordnete Zustände geschaffen hatte, faßte er den Plan, seine Herrschaft weiter nach Süden auszudehnen und das ungeheure Gebiet des Sudans zu erobern und seinem Reiche einzuverleiben. Er strebte nach dem Ruhm, Länder aufzuschließen, die noch in rätselhaftem Dunkel lagen und deren Besitz für Ägypten von unschätzbarem Werte sein mußte. Unerschöpfliche Hilfsquellen, Schätze an Mineralien, einen gewaltigen Aufschwung von Handel und Industrie versprach er sich mit Recht von dieser Erwerbung.

»Im Juli 1820 sandte er seinen Sohn, den Prinzen Ismail Pascha mit einem Heere von 6000 Mann, das meist aus Tscherkessen bestand, den Nil hinauf. Von Assuan bis Dongola begegnete der Zug keiner Schwierigkeit, und erst an der Grenze des Gebiets von Berber leistete der Stamm der Schaikije den ersten Widerstand, mußte sich jedoch mit großen Verlusten zurückziehen, da er der ägyptischen Bewaffnung nicht gewachsen war.

»Ismail klärte sodann das ganze Land zwischen dem Weißen und Blauen Nil auf und trat hierauf den Rückmarsch an. In Schendi schlug er ein Lager auf und erpreßte Lieferungen von den Eingeborenen, namentlich Holz und Stroh. Der König Nemr, das heißt ›Tiger‹, war ein schlauer Neger, der seinem Namen Ehre machte: er ließ das Brennmaterial absichtlich rings um die große Hütte des Prinzen aufhäufen und im Dunkel der Nacht an mehreren Stellen gleichzeitig in Brand stecken. In einem Augenblick umschloß ein gewaltiger Flammengürtel Ismail Paschas Wohnung. Vergeblich taten die Seinigen alles, um ihn zu retten: er fiel dem Feuer zum Opfer. König Nemr aber floh an die Grenze von Abessinien.«

»Gräßlich!« rief Helling aus.

»In der Tat,« stimmte Sieger bei. »Aber an derartige Greuel muß sich gewöhnen, wer die Geschichte dieses unseligen Landes vernehmen will. Die Rache folgte der Untat bald und war noch gräßlicher. Mohamed Ali Pascha beauftragte den Mohamed Bey el Defterdar, der mit 5000 Baschibosuks zurzeit in Kordofan stand, die Mordbrenner zu züchtigen. Mit Feuer und Schwert verheerte dieser grausame Mensch das Land, weder Weiber noch Kinder und Greise verschonend. So eroberte er das ganze Stromgebiet des Weißen Nils und die Bayudawüste einschließlich Kordosans für Ägypten.

»Im Jahre 1840 reiste der Vizekönig selber nach Khartum und richtete eine geordnete Verwaltung für den Sudan ein, mit dieser Stadt als Mittelpunkt. Zugleich verkündete er die Abschaffung des Sklavenhandels und das Regierungsmonopol für den Handel mit den wichtigsten Landeserzeugnissen, nämlich Elfenbein und Straußenfedern. Dies war ein verhängnisvoller Mißgriff.«

»Wieso?« unterbrach Helling den Hausherrn: »Die Abschaffung des Sklavenhandels, dieser Pest Afrikas, werden Sie doch nicht als Mißgriff bezeichnen?«

»Verstehen Sie mich recht: diese Maßregel machte gewiß dem Edelsinn des Fürsten alle Ehre, und jeder anständige Mensch muß die Vernichtung des Sklavenhandels mit seinen entsetzlichen Greueln wünschen und fördern. Allein eine solch tief einschneidende Neuerung verlangt die sorgfältigste Vorbereitung und darf nicht so Hals über Kopf verhängt werden. Die Araber, ob sie nun Eigentümer von Herden, Händler oder Ackerbauer waren, konnten die Sklaven nicht entbehren, ehe Ersatz beschafft war. Sie wurden durch die unvorbereitete Maßregel unmittelbar vom Reichtum an den Bettelstab gebracht. Dazu kam die Vernichtung des einträglichsten Handels, den die Regierung ohne weiteres an sich riß. Hier liegen die ersten Wurzeln der Verbitterung, die im Mahdistenaufstand zum Ausbruch kam.

»Nach seiner Rückkehr ernannte der Vizekönig zum ersten Statthalter des Sudans – Ahmed Pascha, der später den Beinamen Abu Beidan el Gasar erhielt, infolge seiner Grausamkeit. Die grausame Züchtigung der Eingeborenen in Khartum erwarb ihm den Zunamen Abu Beidan, und das Hinschlachten einer Menge von Einwohnern bei einer Reise durch die Berge von El Taka trug ihm die zweite Bezeichnung »el Gasar«, der Schlächter, ein.

»Vergeblich rief ihn der Vizekönig wiederholt ab und sandte zuletzt einen Bevollmächtigten, ihn zurückzuholen: Ahmed gehorchte nicht. Schon wollte Mohamed Ali mit Gewalt gegen den Rebellen vorgehen, als dieser von seinen mißhandelten Frauen vergiftet wurde.«

»Das ist allerdings eine Kette von Blut- und Mordtaten!« sagte Helling schaudernd.

Sieger aber fuhr fort: »Es folgte nun eine friedliche Zeit, und als der Khedive Abbas Pascha das Handelsmonopol wieder abschaffte, blühte der Handel des Sudans auf. Kaufleute und Industrielle aller Völker durchzogen das Land und brachten ihm die Erzeugnisse europäischer Kultur. Mit dem Elfenbeinhandel kam jedoch auch der Sklavenhandel wieder auf.

»Said Pascha, Mohamed Alis Enkel, teilte das Land in die fünf Provinzen Khartum, Kordofan, Taka oder Kassala, Berber und Dongola. Zugleich ergriff er strenge Maßregeln gegen den Sklavenhandel, im Sinne seines Großvaters. Er dachte auch an den Bau einer Eisenbahn von Kairo nach Khartum, ein Plan, der später noch öfter auftauchte, aber stets an den ungeheuren Kosten scheiterte. Und doch hätten die Vorteile einer solchen Bahnverbindung alle Opfer reichlich aufgewägt.«

»Das meine ich auch!« sagte der Leutnant: »Hätten wir heute diese Bahnverbindung, so hätten wir längst Entsatztruppen in der Stadt, und der Sudan bliebe Ägypten erhalten.«

»Hoffen wir, daß er auch so nicht verloren geht: in zwei bis drei Tagen spätestens muß der Entsatz da sein.«

»Und dann ist es vielleicht zu spät!« erwiderte Helling düster. »Doch fahren Sie nur fort.«

»In der Folgezeit trat die Türkei die Häfen Massaua, Suakin und Seila an den Sudan ab. Dann wurde das Gebiet von Harar und das große Königreich Darfur hinzugebracht. Letzteres wurde durch einen Händler, Sobeir Rahmi, erobert, der sich zum Herrn des Landes machte. Er ließ sich jedoch überreden, nach Kairo zu kommen, wo er gefangen gesetzt wurde. Hierauf nahm Ismail Pascha Ajub Darfur fast ohne Schwertstreich in Besitz.

»Auf Ismail folgte Gordon Pascha als Statthalter des Sudans. Seine Verwaltung war so widerspruchsvoll und ungeschickt, daß die Unzufriedenheit den höchsten Grad erreichte. Zunächst führte er das Handelsmonopol der Regierung wieder ein und hob den Sklavenhandel, der wieder zur Blüte gekommen war, neuerdings auf. Allein auch hierin zeigte er kein folgerichtiges Vorgehen, sondern drückte gelegentlich beide Augen zu. Gordon entließ alle alten ägyptischen Beamten und setzte an ihre Stelle wahllos einheimische Leute, die keinerlei Ahnung vom Geschäftsgang hatten und völlig unfähig waren. Sie waren die ersten, die beim Aufkommen der mahdistischen Bewegung die Regierung verrieten.

»Je nach seiner Laune setzte er Beamte ab und ein, machte irgend einen Privatmann zum Obersten, verdoppelte Gehälter und schlug Beförderungen vor: alles, was er begehrte, wurde von der ägyptischen Regierung ohne weiteres genehmigt. Beispielsweise erhielt ein Beamter in Lado von Gordon eines Tages nicht weniger als elf Befehle zu Beförderungen und Absetzungen, die einander derart widersprachen, daß ihre Befolgung unmöglich war, zumal sie alle das gleiche Datum trugen. Mit vollen Händen teilte Gordon Ämter und Orden an Eingeborene aus, an Kaufleute, Jäger, Fleischer und so fort, ohne Grund und Wahl. Dadurch zog er Anmaßung und Unbotmäßigkeit groß. Da er die Landessprache nicht verstand, war er von seiner Umgebung völlig abhängig und ahnte die Mißbräuche nicht, die den schwergeprüften Sudan vollends zur Verzweiflung brachten. Sehen Sie, ich habe hier die Abschrift einer Eingabe der angesehensten Bürger des Landes an den Khediven Ismail Pascha, aus der ich Ihnen einiges vorlesen will, um Ihnen zu zeigen, welche Zustände die Gordonsche Verwaltung zeitigte.

»Es heißt da: Die Bevölkerung des Sudan, die einheimischen Kaufleute und Industriellen flehen hiermit den erhabenen Schutz und die wohlwollende Fürsorge Seiner Hoheit Ismail Paschas, Vizekönigs von Ägypten, an, damit ihrer beklagenswerten Lage und den Leiden, die sie seit der Ernennung Gordon Paschas zum Generalstatthalter des Landes zu erdulden haben, gnädigst ein Ende gemacht werde. Denn tatsächlich sind wir in den fünfzig Jahren, seit welchen der Sudan zu Ägypten gehört, niemals so schwer bedrückt worden wie unter Gordon.«

»Das will viel heißen!« bemerkte Helling, »nach all den Greueln, von denen Sie schon zu berichten wußten.«

»Allerdings,« bestätigte Sieger, »doch ist es leider nicht übertrieben, wie Sie aus den Tatsachen ersehen werden, die in der Bittschrift enthüllt werden. Hören Sie weiter: Dank seiner käuflichen und bestechlichen Umgebung, die aus Leuten, wie Konsul F. (hier wird noch eine ganze Reihe von Persönlichkeiten mit Namen angeführt), besteht, dank dem hohen Einflusse, welchen diese auf Gordons Entschließungen ausüben, werden die wichtigen Ämter der Mamurs und Mudirs Verbrechern und Erzspitzbuben anvertraut (auch hier wird wieder eine Anzahl solcher genannt). Räuber und Verbrecher dürfen sich unter dem Schutze derselben, die ihre Helfershelfer sind, ungestraft alle Schandtaten erlauben. So vergeht denn auch kein Tag, ohne daß man von Diebstahl sprechen hört. Die öffentliche Sicherheit fehlt vollständig, die Heerstraßen sind in wahrhafte Halsabschneideplätze verwandelt, der Handel ist vernichtet und Gordon Pascha durch seine Umgebung derart abgeschlossen, daß er von dem, was außerhalb seiner Residenz vorgeht, fast gar nichts erfährt. Die Erpressungen dieser Beamten haben den höchsten Grad erreicht, und das Volk seufzt unter dem Joche der Willkür. So erheben diese Satrapen, unter dem Vorwande einer durch Gordon angeordneten Rekrutierung, nicht bloß eine Steuer von fünf bis zehn Talern auf den Kopf der Sklaven, welche die Felder der Vornehmen und der größten Grundbesitzer bebauen, sondern entreißen auch diese Leute ihrer Arbeit, ohne sie jedoch zum Heeresdienste zu verwenden. Die Soldaten und Beamten erhalten keinen Lohn und können uns deshalb ihre Schulden nicht bezahlen, und wir haben alle Hoffnung verloren, unsere Forderungen eintreiben zu können. Und dabei begnügen sich die Soldaten nicht mit der Nichtbezahlung ihrer Schulden, sondern nehmen uns auch noch unsere Vorräte und Waren mit Gewalt weg, und einen Offizier, der sie zur Ordnung bringt, gibt es nicht. Kurz, es ist die volle Zucht- und Rechtlosigkeit und der allgemeine Ruin. Jede Klage bleibt unnütz, da sich Gordon Pascha nur mit der Absetzung und Ernennung von Beamten beschäftigt. Diese Absetzungen und Ernennungen sind so häufig, daß wir nicht mehr wissen, mit wem wir es zu tun haben. Alle anständigen und gesinnungstreuen Paschas werden auf die falschen Berichte der habgierigen Ratgeber hin entfernt und verabschiedet. Diese Schurken, die Gordons Umgebung bilden, teilen sich in die Ausbeutung der unterdrückten Bevölkerung mit ihren Freunden, die sie zu allen wichtigen Ämtern ernennen lassen. Die Interessen des Staatsschatzes werden so wenig berücksichtigt wie die unserigen. Dank der sträflichen Nachsicht von Gordons Günstlingen dürfen die Dorfscheichs die Steuern und Abgaben zu ihrem eigenen Nutzen erheben und den Eintrag der Beträge in die Bücher unterlassen, indem sie dem Statthalter vorspiegeln, der Einzug sei bei der Zahlungsunfähigkeit der Steuerpflichtigen unmöglich gewesen. So werden die öffentlichen Kassen leer und die unserer Blutsauger voll. Der Statthalter beschützt die Verbrecher und bedrückt die Unschuldigen, die von seinen Günstlingen verleumdet werden.

»Hier ist das Gerücht verbreitet, Seine Hoheit der Khedive, unser erhabener Herr, habe den Sudan den Engländern abgetreten, und diese hätten Gordon Pascha zu ihrem Vertreter ernannt. Was diesem Gerücht eine gewisse Wahrscheinlichkeit verleiht, ist der Umstand, daß Gordon Pascha alle höheren Beamten und die treuesten Diener der Regierung nach Kairo zurückschickt, weil sie den Mut haben, seinem Vorgehen keine Begeisterung entgegenzubringen. Er ersetzt sie durch einheimische Nullen, deren einziger Befähigungsnachweis im blinden Gehorsam für seine Befehle besteht. Seine willkürliche, eigenmächtige Verwaltung und Mißregierung geben der Vermutung Raum, als ob eine Besitzergreifung des Sudans durch Gordon Pascha stattgefunden habe. Wenn dies auch nicht der Fall sein sollte, wie wir gern glauben möchten, so steht doch zu befürchten, daß Gordon Paschas Vorgehen in kurzer Zeit den Verlust des ganzen Sudans für Ägypten herbeiführen wird. Dies ist das Unheil, das wir befürchten.«

»Diese Befürchtung scheint sich jetzt bewahrheiten zu wollen,« bemerkte der Leutnant.

»Gewiß! Aber schon damals war sie wohl begründet, und die Eingabe führt zu ihrer Bekräftigung eine ganze Anzahl von Aufständen und Unruhen an, die wegen Gordons Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit nicht unterdrückt werden konnten. Mehrfach wurden die zu schwachen Grenzbesatzungen niedergemetzelt, und schon hatte der Sudan mehrere Gebietsverluste zu beklagen, und dem allem sah der Engländer untätig zu. Die Eingabe schließt mit den Worten: ›In dieser traurigen Lage bitten wir Seine Hoheit den Khedive, die schleunigsten und wirksamsten Maßregeln zur Vorbeugung aller drohenden Gefahren anordnen und das Leben und die Habe seiner getreuen Untertanen im Sudan gegen Räuber und Meuchelmörder gnädigst schützen zu wollen, bevor es zu spät ist und der Sudan für Ägypten vollständig verloren geht. Sollte dagegen die Behauptung der Scheichs und Beamten, die ihre Stellungen Gordon Pascha verdanken, wahr sein, daß nämlich Seine Hoheit der Khedive den Sudan diesem Generalstatthalter wirklich übergeben hat, um daraus einen unabhängigen Staat zu bilden und dort als unumschränkter Herr zu herrschen, so bitten wir, daß man es uns offen sage, damit wir unseren Herd verlassen und in einem anderen Lande leben können, wo wir Schutz finden vor solchen Quälereien und Tyranneien.‹«

»Das spricht allerdings Bände!« sagte Helling, als Sieger die Urkunde beiseite legte: »Wenn die Leute lieber Herd und Heimat verlassen wollten, als eine solche Mißwirtschaft länger zu erdulden, so mußte sie allerdings unerträglich geworden sein.«

Sieger aber schloß: »Ich habe Ihre Aufmerksamkeit mit dieser Leidensgeschichte und namentlich mit der umfangreichen Bittschrift lange in Anspruch genommen. Aber diese haarsträubenden Tatsachen muß jeder kennen, der richtig begreifen und würdigen will, wie die Stimmung im Sudan eine so erbitterte und verzweifelte werden konnte, daß der Aufstand des Mahdi überhaupt möglich wurde und in so kurzer Zeit einen so gewaltigen Umfang annehmen konnte. Denn leider hatte auch der Notschrei, den Sie soeben vernahmen, keinerlei Erfolg. Jedenfalls war der Khedive ohnmächtig, weil das edle England hinter Gordon, seinem würdigen Vertreter, stand.«

»Nach alle dem,« sagte Helling nachdenklich, »ist ja Gordon selber eigentlich und wesentlich schuld an den Schrecken, die uns hier umtoben. Und sagen, daß nun eben diesem, offenbar unfähigen Manne die Rettung der Lage anvertraut wurde! Da ist freilich nicht viel zu hoffen.«

Hier fand die Unterhaltung der beiden Freunde eine Unterbrechung durch den Eintritt Josefs, des Dieners der Familie Sieger.

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