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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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3.
Not und Sorgen

Schon über ein Jahr war Khartum von den Mahdisten belagert. Im November 1883 hatte Hagg Mohamed Abu Karga im Auftrag des Mahdi mit der Einschließung begonnen. England gab der Regierung in Kairo den Rat, den Sudan aufzugeben und den früheren Statthalter der Provinz, den General Gordon, mit der Räumung zu betrauen. Infolgedessen rief der Khedive den tüchtigen General-Statthalter Abd el Kader Pascha ab, dessen Tätigkeit nur zu kurz gedauert hatte, und Gordon erschien an seiner Stelle in der Hauptstadt. Das war im Februar 1884.

Gordon täuschte sich völlig über den Ernst der Lage und besaß allzuviel Selbstvertrauen. Er gedachte, die Ruhe wiederherzustellen durch Zurückziehung der ägyptischen Besatzungen und durch Gewährung der Selbstregierung an die Sudanesen unter seiner eigenen Oberhoheit.

Schon am Tage seiner Ankunft erklärte er den Sudan für unabhängig, ernannte den Mahdi zum Sultan von Kordofan, hob die Steuern auf, verkündete allgemeine Straflosigkeit und gestattete den Sklavenhandel wieder.

Allein Mohamed Achmed biß an diesem Köder nicht an: der Sudan befand sich in seiner Hand, bis auf Khartum, – er wollte nicht Herrscher von Gordons oder Englands Gnaden sein. An der Räumung des Landes durch Ägypten konnte ihm nichts gelegen sein, da sich die ägyptischen Besatzungen in seiner Gewalt befanden, soweit sie nicht niedergemetzelt worden waren. Er beantwortete daher Gordons Angebot mit der Forderung der Übergabe Khartums.

Der Engländer hinwiederum schritt zur Neubildung und Verstärkung seines Heeres und zur Anlage neuer Befestigungen.

Die Lage der Stadt verschlimmerte sich von Monat zu Monat. Die Bevölkerung bestand aus den verschiedenartigsten Elementen: da waren europäische und einheimische Kaufleute, ägyptische und sudanesische Beamte, und vor allem zahlreiche Araber aller Stämme, deren Zuverlässigkeit äußerst zweifelhaft war.

Die einheimische Bevölkerung machte gar kein Hehl aus ihrer Hinneigung zu den Aufständischen, und diese wurden jederzeit über die Vorgänge in der Stadt auf dem laufenden erhalten. Allerdings wurde jeder auf frischer Tat betroffene Verräter erbarmungslos hingerichtet, so daß die Furcht die anderen vielfach im Zaume hielt. Trotzdem mußte man vor den inneren Feinden fast noch mehr auf der Hut sein als vor den äußeren.

Die Stadt war von der Außenwelt völlig abgeschlossen, soweit nicht ihre Nildampfer noch einigen Verkehr aufrecht erhalten konnten. Diese unternahmen freilich häufige Fahrten, zuweilen kamen sie sogar bis Berber. Und doch half das wenig, weil die Stromufer größtenteils mit Rebellenhaufen besetzt waren und die ganze Bevölkerung sich feindselig zeigte, so daß nur unter den größten Schwierigkeiten und Gefahren von Zeit zu Zeit einige wenige Lebensmittel eingebracht werden konnten. So wütete schon zu Ende 1884 die bitterste Hungersnot in der Stadt: Gummi, gekochte Felle und noch zweifelhaftere Nahrungsmittel bildeten fast die einzige Kost.

Um diese Zeit erschien der Mahdi persönlich mit seiner Hauptmacht vor Khartum und umschloß das von Hicks Pascha befestigte Omderman so eng, daß der Hunger die Besatzung Mitte Januar 1885 zur Übergabe zwang. Sie wurde von Mohamed Achmed gütig aufgenommen, wie er sich überhaupt stets menschlich und zugänglich erwies, außer gegen Verräter. Die furchtbaren Greuel, die von seinen unbändigen Beduinenhorden verübt wurden, geschahen wider seinen Willen: weder seine noch irgend eine andere menschliche Macht hätte diese Fanatiker im Zaume halten können.

Inzwischen hatte sich England entschlossen, General Gordon Hilfe zu senden. Ein Heer von fünftausend Mann rückte unter General Wolseley vor. Aber so dringend und verzweifelt Gordon um Hilfe rief, wurde der Vormarsch mit unglaublicher Langsamkeit betrieben. Mitte November hatte das Entsatzheer Dongola verlassen und erst Mitte Dezember Korti erreicht.

Der Mahdi sandte ihm eine Abteilung Derwische nach Metamme entgegen, um es aufzuhalten. Es kam zur Schlacht, und die Verluste waren auf beiden Seiten bedeutend; doch behielten die Engländer den Sieg. Aber leider sollte das nichts helfen.

Das waren die Gegenstände, über die sich Sieger und Helling in der Wohnung des Ingenieurs unterhielten, nachdem sie Gordon bewogen hatten, den Befehl zur sofortigen Ausbesserung der Umwallung zu erteilen.

Wenn auch Not und Sorge das Gespräch beherrschten, so war es doch ein trauliches Stündchen, das der Leutnant im Kreise der kleinen Familie verbrachte: Siegers jugendliche Gattin sorgte für Behaglichkeit, und seine kleinen Kinder, der fünfjährige Johannes und die dreijährige Fanny, die trotz aller Entbehrungen von dem Ernst und den Gefahren der Lage noch nichts begriffen, sorgten durch ihre kindlichen Einfälle und drolligen Fragen für Erheiterung.

»Ich wollte, Gordon hätte meiner Warnung vor Farag Pascha Gehör geschenkt,« sagte Helling nach einer nachdenklichen Pause im Gespräch.

»Nun, jedenfalls haben wir den Befehl erwirkt, daß die Befestigungen gründlich wiederhergestellt werden.«

»Gegen Verrat wird das nicht viel helfen.«

»Glauben Sie mir, unsere Leiden gehen bald zu Ende: der große Sieg, den die Entsatzarmee über die Derwische erfocht, die ihren Marsch aufhalten sollten, hat dem Mahdi gewiß so viel Respekt eingeflößt, daß er keinen Angriff auf uns wagt.«

»Im Gegenteil, er wird schlau genug sein, sich zu sagen, daß seine ganze Sache verloren ist, falls er Khartum nicht einnimmt, ehe Lord Wolseley erscheint.«

Als nun Frau Sieger sich mit den Kindern zur Ruhe begab, wollte auch Helling sich verabschieden. Doch der Ingenieur hielt ihn zurück, indem er sagte: »O bitte, leisten Sie mir noch etwas Gesellschaft. Ich könnte jetzt doch noch keinen Schlaf finden, und Sie erweisen mir einen Dienst und Gefallen, wenn Sie noch eine Weile mit mir plaudern wollten.«

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