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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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52.
Eine märchenhafte Erscheinung

Wie tot lag Sieger mit den Seinen im brennenden Sande. Von Zeit zu Zeit öffnete er mühsam die Augen und warf einen Blick auf die andern. Schliefen sie, waren sie tot oder lagen sie im Sterben? Er konnte sich keine Antwort auf diese Fragen geben und war nicht imstande, sich zu erheben, um festzustellen, ob noch Leben in ihnen sei. Was hätte es auch genützt? Einen Trost konnte es ihm nicht bringen, zu erfahren, daß sie den Qualen des Durstes noch nicht erlegen seien: zu retten waren sie ja doch nicht mehr, so wenig wie er selber, wenn sie auch Alle die kommende Nacht noch einmal überleben sollten, was er nicht glaubte.

Zum Weiterwandern waren sie zu schwach. Ja, wenn es sich noch um einen Weg von einer Stunde oder zweien gehandelt hätte, mit der sicheren Aussicht, Wasser zu finden, dann hätten sie vielleicht noch in der Nacht, von der Hoffnung belebt; so weit kriechen können, vorausgesetzt, daß sie bis Sonnenuntergang noch am Leben blieben. Aber im Umkreis von zehn Stunden rüstigen Marschierens war ja kein Anzeichen zu sehen gewesen, daß ein Quell, ein Brunnen oder Tümpel zu finden sei.

Schnell schloß er die müden Augen wieder: der flimmernde Sonnenschein war ihm unerträglich.

Gegen Mittag erwachte Osman noch einmal. Auch ihm wurde es schwer, die Augen zu öffnen und dann hätte er sie am liebsten gleich wieder geschlossen, um weiter hinzudämmern und bald zu sterben. Aber er nahm alle seine Willenskraft zusammen, um völlig aufzuwachen: er wollte noch einmal die Sanddüne ersteigen um eine letzte Ausschau zu halten.

Schwerfällig kroch er zu seinem Vater und griff nach dessen Fernrohr. Dann mühte er sich auf allen Vieren die wenigen Meter auf den Hügel hinauf. Oben blieb er liegen: die Anstrengung hatte ihn so erschöpft, daß er sich unfähig fühlte, sich zu erheben.

Nach einigen Minuten wiederholte er den Versuch und mit äußerster Anstrengung gelang es ihm, auf die Beine zu kommen, doch schwankte er wie ein Trunkener, zitternd an allen Gliedern.

Langsam drehte er sich im Kreise auf derselben Stelle: überall der gleiche, hoffnungslose Ausblick!

Er setzte das Glas an und stellte es auf den Horizont ein. Das kostete Mühe, da er es nicht unbeweglich zu halten vermochte. Ebenso schwierig war es, den Horizont abzusuchen, ohne das Rohr auch nur eine Sekunde lang in Ruhe bringen zu können.

Doch, was war das dort im Nordosten? Hatte er nicht geglaubt, einen Farbenschimmer blitzartig im schwankenden Glase auftauchen zu sehen, um gleich wieder zu verschwinden? Farben im eintönigen Grau der Wüste!

Es mußte natürlich Täuschung sein, oder irgend etwas durchaus Gleichgültiges: buntes Gestein oder dergleichen. Doch schien die flüchtige Beobachtung so merkwürdig, daß sie die Nerven des Jünglings plötzlich spannte, und es ihm nun wirklich gelang, den Feldstecher eine Weile ruhig zu halten.

Was er nun erblickte, konnte unmöglich Wirklichkeit sein: es erschien ihm wie ein Märchen aus Tausend-und-Einer-Nacht: eine endlose Karawane, hier auftauchend, dort hinter Dünen verschwindend, ein Zug von Kamelen und Reitern, leuchtend in bunten Farben und mit wehenden Fahnen! Das heißt, das Wehen war nur eine Redensart, denn die Wimpel hingen schlaff in der regungslosen Luft. Aber das war ja belanglos: da war der Märchenzug, ja, er war deutlich sichtbar, und er bewegte sich, wenn auch kaum merklich bei der großen Entfernung!

Ein Traum konnte es nicht sein: die furchtbaren Qualen des Durstes, das Stechen der sengenden Sonnenstrahlen waren nur allzu wache Wirklichkeit. Aber eine Fata Morgana mußte es sein, eine Luftspiegelung, wie sie schon so manchen verschmachtenden Wüstenpilger narrte. Allerdings pflegen solche täuschende Erscheinungen alles auf den Kopf zu stellen; allein Osman wußte, daß ihre Bilder zuweilen auch aufrecht zu sehen sind, wenn eine doppelte Brechung stattfindet.

Das war die einzige natürliche Erklärung, die kaum einen Zweifel duldete, das heißt in diesem Falle, keine Hoffnung aufkommen ließ.

Aber konnte es nicht auch ein göttliches Wunder sein, eine Gebetserhörung? Ach! Der Vater hatte gesagt, diese Wüste sei noch ganz unerforschtes Gebiet, fern von allen Karawanenstraßen. Und tagelang waren sie gewandert, und hatten es bestätigt gefunden: keine der Spuren, die jede Karawanenstraße bezeichnen, keine Kamelslosung, kein verlorener oder weggeworfener Gegenstand, keine bleichenden Gebeine hatten sich gezeigt. Und da solche Spuren wochen-, ja monatelang unverwischt den Weg einer Karawane verraten, war es nur zu gewiß, daß kein Mensch diese Einöden zu durchziehen pflegte.

Und doch! War denn keine Ausnahme möglich, wenn Gottes Fügung es so wollte? Oder konnte nicht dort im Norden, wohin sie noch nicht gelangt waren, eine unbekannte Karawanenstraße vorüberführen?

So stritten sich Zweifel und Hoffnung in des Jünglings Gedanken. Doch so viel war ihm gewiß, er mußte alles tun, was getan werden konnte, um sich bemerklich zu machen, für den Fall, daß tatsächlich Menschen dort unterwegs waren.

So riß er seinen weißen Turban vom Kopfe und schwenkte ihn in der Luft.

Vergebliches Bemühen! Ohne Fernglas konnte wohl niemand dieses Zeichen auf solche Entfernung gewahren, und wer würde ganz zufällig und zwecklos mit dem Feldstecher gerade diesen winzigen Punkt in der Unendlichkeit beobachten?

Aber der Knall einer Büchse konnte in der Lautlosigkeit dieser Einöden auf weite Entfernungen hin gehört werden.

»Ach! Hätte ich mein Gewehr zur Hand!« seufzte Osman.

Es half nichts! Er mußte es holen, ob er gleich keinen Schritt mehr gehen konnte. So warf er sich zu Boden und ließ sich den sandigen Abhang hinabrollen. Er erreichte seine Flinte, die geladen war wie immer, und feuerte sie liegend in die Luft ab. Weil er sich jedoch sagte, daß der Schuß weiter hallen müsse, wenn er von der Höhe der Dünen abgegeben werde, in der Richtung auf die rätselhafte Erscheinung zu, schob er sich noch einmal krampfhaft hinauf und gab halb aufgerichtet einen zweiten Schuß gegen Nordosten ab. Dann sank er wieder zurück.

Der erste Schuß, der in ihrer nächsten Nähe gefallen war, hatte die Bewußtlosen und Halbohnmächtigen in der Sandmulde wieder zur Besinnung gebracht. Nur Fatme blieb regungslos liegen.

Siegers sah seinen Sohn an der Düne hinaufkriechen und droben sein Gewehr zum zweitenmal abschießen.

»Was tust du, Osman?« fragte er mit schwacher Stimme.

»Notzeichen abgeben!« scholl es ebenso schwach herab.

Der Vater lächelte schmerzlich: die Leiden mußten seinem Sohne die klare Denkfähigkeit geraubt haben, sonst wäre er nicht auf etwas so Aussichtsloses verfallen.

Onkel Siegmund richtete sich auf: er hatte wirklich geschlafen und war wieder etwas beweglich, so zerschlagen er sich auch fühlte. Er traute Osman auch jetzt keine vernunftwidrige Handlung zu, und rief hinauf:

»Hast du etwas gesehen?«

»Ja! Eine Riesenkarawane oder eine Luftspiegelung.«

»Eher das letztere!« seufzte Helling. Doch erhob er sich und schritt zu Johannes hinauf, der nicht mehr die Kraft hatte, aufzustehen.

Der Leutnant griff nach dem Feldstecher und spähte in der Richtung aus, die der Jüngling ihm angab.

»Gott sei gelobt!« rief er: »Es ist tatsächlich eine Karawane: der vorderste Reiter schaut mit dem Fernrohr herüber: er muß die Schüsse vernommen haben. Jetzt gilt es, sich bemerklich zu machen!«

Rasch bückte er sich zur Erde, legte das Glas nieder und nahm dafür Osmans Gewehr und seinen daneben liegenden Turban auf, welch letzteren er schnell am Büchsenlauf festband. Dann schwenkte er die Flinte hoch in der Luft, so daß der lange weiße Tuchstreifen gleich einer Fahne flatterte.

So zuversichtlich er gesprochen hatte, so war doch auch ihm der wahrhaft märchenhafte Anblick so unwahrscheinlich erschienen, daß er insgeheim noch stark im Zweifel war, ob es sich nicht dennoch um eine Fata Morgana handle.

Mit dem bloßen Auge konnte man auf die weite Entfernung hin nicht erkennen, welche Richtung die kleinen dunklen Punkte, die sich gegen den Horizont abhoben, einschlugen. Wer nicht wußte, daß sie dort vorhanden waren, hätte sie überhaupt nie entdeckt.

Helling nahm daher bald wieder das Glas auf.

»Sie machen eine Wendung!« rief er gleich darauf entzückt: »Sie kommen auf uns zu. Nun kommt es darauf an, daß sie die rechte Richtung nicht verlieren.«

»Er bohrte den Schaft des Gewehres fest in den Sand ein, denn es fehlte ihm die Kraft, es länger zu schwenken. Hing jetzt auch die Notfahne schlaff hernieder, so zeigte ihr leuchtendes Weiß den Nahenden doch ihr Ziel.

Neu erwachte Hoffnung wirkt Wunder bei Verzweifelten, auch noch dann, wenn das Leben schon am Erlöschen scheint.

Osman vermochte allmählich, sich wieder zu erheben, Sieger und Jussuf fühlten auch die Rückkehr eines Schimmers von Kraft. Sie bemühten sich um Fanny, deren Schläfen sie mit heißem Sande rieben, da sonst nichts zur Hand war.

Lange Zeit fürchteten sie, das Mädchen sei nicht mehr ins Leben zurückzurufen. Endlich tat ihnen ein kaum gehauchter Seufzer kund, daß ihre Anstrengungen von Erfolg gekrönt wurden: Fatme schlug die Augen auf und flüsterte: »Wo bin ich?« Das ist ja fast ausnahmslos die erste Frage eines Jeden, der aus langer Ohnmacht erwacht.

Sie wartete keine Antwort ab und hauchte: »Wasser, Wasser!«

»Geduld, mein Kind!« erwiderte Sieger: »Die Rettung naht: man bringt uns Wasser, es wird bald da sein.«

Es war aber noch eine harte Geduldsprobe für Alle: denn volle fünf Stunden währte es, bis der Kaiser der Sahara mit seinem Gefolge zur Stelle war. Seine Soldaten hatten auf seinen Befehl einige Schläuche mit Wasser auf ihre Reittiere geladen, denn er hatte sich wohl denken können, daß die Notzeichen von Verdurstenden herrührten.

Nun wurden die Schmachtenden gelabt und empfanden alle zum erstenmal, welche Herrlichkeit in dem Wort »Lebenswasser« sich birgt. Denn Leben durchströmte sie mit dem Trank, wonniges Leben! Und bei jedem Zuge wichen die Schatten eines qualvollen Todes weiter zurück.

Sie waren nicht imstande, irgendwelche Auskunft zu geben, das sah Jack I. gleich ein. Es waren ja auch schließlich keine Erklärungen nötig.

Die Sonne versank und es dunkelte. Die Geretteten verfielen alle in Schlaf, sobald sie ihr Dürsten gestillt hatten.

Der Kaiser der Sahara und seine Leute verzehrten die Vorräte, die sie bei sich hatten und legten sich dann ebenfalls zur Ruhe nieder.

Die Karawane mit den Lasttieren mußte auch lagern, als es dunkel wurde, weil sie sonst leicht von der Richtung abgekommen wäre. Sobald es tagte, brach sie auf und erreichte nach drei Stunden den Lagerplatz ihres Herren.

Nun konnte ein üppiges Frühmahl bereitet werden, das besonders unsere Freunde wieder zu Kräften brachte.

Jack I. erklärte jedoch, daß sie sich heute erst gründlich erholen müßten, ehe sie an eine Weiterreise denken könnten. Er wollte mit wenigen Leuten bei ihnen bleiben, während die große Karawane langsam vorauszog. Morgen würde man sie bald einholen.

Da in einer langen Wüstenreise ganze Lasten an Mundvorräten verzehrt und zahlreiche Wasserschläuche geleert worden waren, ließen sich leicht fünf Kamele zum Reiten für die Geretteten frei machen. Auch einige weitere Tiere mit Wasser und Lebensmitteln mäßig beladen, blieben zurück. Mit ihnen konnte man morgen eine viel raschere Gangart anschlagen, als es der voranziehenden Karawane möglich war.

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