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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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50.
Hoffnungslos

Als die Luftschiffe ihre höchste Höhe erreicht hatten, gerieten sie in einen wahren Orkan, der sie mit rasender Geschwindigkeit fortriß. 120 bis 150 Kilometer wurden in der Stunde zurückgelegt; allein die Richtung war eine nordwestliche, wie Sieger durch Beobachtung der Sterne feststellte.

»Auf diese Art lassen wir den Tsadsee weit links und steuern gegen Algerien oder Marokko,« dachte er bedenklich, »das bedeutet eine Strecke von 3000 bis 4000 Kilometern, die auch bei Anhalten des Sturmes in gleicher Stärke an die dreißig Reisestunden erfordern dürfte. Ich fürchte sehr, wir werden in der Sahara stranden und dann gnade uns Gott! Jedenfalls aber überhebt uns der Sturm wieder des Pedaltretens, und wir werden unsere Kräfte für den äußersten Notfall sparen.«

Als es tagte, schwebten sie über einer endlosen Wüste, etwa 2000 Meter hoch über dem Erdboden, also in der Höhe der höchsten Gipfel des Gebel Marrah, von dem aus sie aufgestiegen waren. Der Orkan wehte in der Wüste ungeheure Sandwolken auf, die nichts von der Landschaft durchblicken ließen; seine Kraft nahm jedoch bald ab, und gegen Mittag trat völlige Windstille ein.

Nun galt es, die Pedale zu treten; doch konnte mit äußerster Anstrengung höchstens eine Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Stunde erreicht werden.

Sieger hoffte in den unteren Luftschichten etwas Wind zu finden; er gab den Gefährten das Zeichen, eine Klappe zu öffnen und tat desgleichen. Die Luftschiffe senkten sich um 1000 Meter, jedoch überall herrschte Windstille. Die Sonne brannte glühend; die Kräfte unserer Freunde erschöpften sich rasch, und als gegen Abend eine fruchtbare Landschaft zu ihren Füßen erschien, rief Sieger: »Hier ist unsere letzte Hoffnung! Wir müssen landen! Gebe Gott, daß wir keinen blutdürstigen Wilden in die Hände fallen!«

Diesen Ausruf konnten zwar die Anderen nicht hören, doch sahen sie seine nach unten stoßenden Arme, nachdem er ihnen das Zeichen zum Aufmerken gegeben hatte, das sie nachahmten, um ihm kund zu tun, sie hätten es gesehen. Da er diesmal zuletzt die Arme nach hinten streckte, begriffen sie, daß es sich um eine Landung handelte, die sie schon lange herbeisehnten, todmüde wie sie waren.

Wieder wurde so viel Gas ausgelassen, als erforderlich war, um ein sanftes Fallen zu bewerkstelligen, und wenige Minuten darauf versanken die Lufträder in über mannshohem Grase und berührten den Erdboden ohne empfindliche Erschütterung.

Bald waren unsere Freunde abgestiegen und hatten sich zusammengefunden.

»Unsere Luftreise findet hier ihr Ende!« sagte der Ingenieur »Unser Ballast ist erschöpft, und wir haben nicht mehr Gas genug in den Behältern, um einen Auftrieb zu ermöglichen. Wo wir uns befinden, können wir nur vermuten. Meiner Schätzung nach haben wir Borku und Tibesti schon hinter uns gelassen und dürften im Süden oder Südwesten von Tripoli sein, zwischen dem zehnten und fünfzehnten Längegrad und dem zwanzigsten und fünfundzwanzigsten Breitegrad.«

»Was fangen wir jetzt an?« fragte Osman.

»Beim Niedersteigen,« sagte Onkel Siegmund, »sah ich Kokospalmen und Bananen, die gar nicht fern von unserem Landungsplatz sein können, wenn auch das hohe Gras uns jetzt die Aussicht darauf verhüllt. Ich meine, wir lagern uns dort, stillen Hunger und Durst an den Früchten und halten dabei Kriegsrat.«

»Das ist ein vernünftiger Vorschlag,« pflichtete der Ingenieur bei: »Ich sah den Hain ebenfalls und habe mir die Richtung gemerkt.«

Josef nahm nun das Wort, indem er äußerte: »Wir sollten aber doch alles mitnehmen, was wir noch brauchen können, daß es uns nicht gestohlen wird, wenn wir es unbewacht auf den Rädern lassen.«

»Du hast recht!« sagte sein Herr: »Einen Diebstahl fürchte ich zwar weniger, obgleich auch ein solcher nicht ausgeschlossen wäre, da diese Oase kaum unbewohnt sein dürfte; immerhin könnte nur ein unwahrscheinlicher Zufall zur sofortigen Entdeckung unserer Räder in dem hohen Grase führen. Für alle Fälle aber ist es gut, wenn wir unsere Gewehre mit uns nehmen, und es ist kein Grund vorhanden, warum wir uns nicht auch gleich mit den geringen noch übrigen Vorräten an Patronen und Lebensmitteln belasten sollten: dann brauchen wir nicht mehr zu den Fahrzeugen zurückzukehren, die wir ja doch nicht mitnehmen können.«

»Es ist nur gut, daß wir uns auf eine Fußreise gefaßt gemacht haben,« meinte Fanny: »Jetzt können wir unsere starken Rucksäcke brauchen.«

Die Rucksäcke wurden von den Fahrrädern genommen und alles darin untergebracht, was mitnehmenswert sein konnte. Dann wurden die Taschen auf den Rücken geschnallt und die Büchsen umgehängt. Auch Fanny besaß eine solche und war schon eine ganz gewandte Schützin: sie hatte sich im Margayatale oft mit Osman im Scheibenschießen geübt, seit ihr Vater vom Kalifa sechs Gewehre zu Mustern erhalten hatte, von denen fünf mitgenommen worden waren. Sie tat es dabei ihrem Bruder ziemlich gleich.

Nach einem Marsch von wenigen Minuten traten die Wanderer aus dem hohen Grase und befanden sich gleich mitten unter Bananen und Kokospalmen. Sie pflückten sich die saftigen Früchte und lasen die milchreichen Nüsse auf. Dann lagerten sie sich im Schatten und hielten ein köstliches Mahl. Die frischen Bananen sind ebenso durstlöschend wie sättigend. Das gleiche gilt von den Kokosnüssen, nur daß hier der erquickende Milchsaft und der nahrhafte Kern gesondert auftreten.

»Wollen wir nicht hier bleiben und ein Schlaraffenleben führen?« fragte Fatme schelmisch, als sich alle die Ruhe und die köstliche Speise so recht schmecken ließen.

»Der Gedanke wäre nicht übel,« meinte Sieger, »vorausgesetzt, daß wir keine feindlich gesinnten Wilden hier träfen, die uns den Aufenthalt verwehren würden. Vielleicht könnte ich in dieser fruchtbaren Oase mein erträumtes Friedensreich verwirklichen.«

»Das wäre herrlich!« rief Osman begeistert.

»Das ist auch meine Meinung,« stimmte Onkel Siegmund bei: »Doch wir müssen mit der Wirklichkeit und ihren Möglichkeiten rechnen. Ich bin dafür, daß wir noch morgen an diesem auserwählten Fleckchen Erde bleiben, um uns gründlich auszuruhen und herauszufüttern. Dann aber erforschen wir die Oase, um festzustellen, ob wir längere Zeit ohne Gefahr hier verweilen können. Ist dies der Fall, so lassen wir uns wenigstens für die nächsten Wochen oder Monate hier häuslich nieder. Sehen wir jedoch, daß unseres Bleibens hier nicht sein kann, so nehmen wir unsere Rucksäcke wieder auf und wandern weiter.«

»Aber wohin?« fragte Jussuf.

»Wenn wir aus irgendwelchen Gründen dieses Paradies verlassen müssen,« nahm nun Sieger das Wort, »so müssen wir uns nach Norden oder nach Nordwesten wenden, um nach Tripoli oder Algier zu gelangen. Nach Süden oder Westen zu wandern, wäre Torheit; denn da stünde uns eine endlose Reise bevor durch Wüsten und durch Länder, die von reißenden Tieren und grausamen Wilden bevölkert sind. Schon der Mangel an genügender Munition verbietet jeden Gedanken an ein solch tollkühnes Unternehmen.«

»Nach Osten zurückzukehren in das Reich des Kalifa, fällt uns am allerwenigsten ein,« sagte Helling: »Also bleibt nur eine mehr oder weniger ausgesprochene nördliche Richtung übrig. Somit hast du wieder einmal recht.«

»Ja, aber ...,« begann der Ingenieur wieder: »Denn ein großes Aber erhebt sich auch hier: ich fürchte, daß wir auch dort auf so ausgedehnte Wüstenflächen stoßen, daß wir keine Aussicht haben, lebend hindurchzugelangen, vollends zu Fuß. Das steht nämlich leider fest, daß die schreckliche Sahara uns von den Küstenländern trennt.«

»Das sind freilich unangenehme Aussichten,« brummte Onkel Siegmund: »Vorerst aber sind wir noch geborgen und leben in Hülle und Fülle. Morgen können wir weiter beraten. Für heute gedenke ich, mich schlafen zu legen, denn die Nacht bricht herein, und ich fühle mich ordentlich schläfrig.«

Letzteres war allgemein der Fall und so schlug Sieger den Rückzug ins hohe Gras vor, wo sich's am sichersten schlafen lasse. Dieser Rat wurde befolgt, und bald lagen Alle tief versteckt im schönsten Schlummer.

Am anderen Morgen wurde ein naher Bach ausgesucht, der eine gar zu lang entbehrte gründliche Waschung ermöglichte. Dann wurde wieder ein üppiges Frühstück von Kokosnüssen und Bananen eingenommen.

Diesmal aber sollten unsere Freunde sich keinem ungestörten Genusse hingeben können.

Ohne daß sie es bemerkt hatten, waren sie von einem Neger aus der Ferne beobachtet worden. Dieser war fortgeeilt und hatte mit seiner Kunde das ganze nahe Dorf in Aufruhr gebracht.

Ein Mark und Bein durchdringendes Geheul schreckte die arglos Lagernden empor, und sie erblickten eine Schar speerschwingender schwarzer Gestalten, die anscheinend gewillt waren, nach ihrer Art, ohne Verhör noch Urteil, die unberufenen Gäste ins Jenseits zu befördern.

»Wir müssen schießen,« erklärte Helling.

»Leider bleibt uns nichts anderes übrig,« gab Sieger zu: »Allein ich bitte euch, schont das Leben dieser Unwissenden, solange die Notwehr nichts anderes gebietet. Es ist anzunehmen, daß in diesen noch nie erforschten Gegenden die Schußwaffen noch nicht bekannt sind, und daher einige Schreckschüsse genügen, unseren Angreifern eine heilsame Furcht einzujagen.«

Fünf Schüsse krachten und das Wutgebrüll der Wilden verwandelte sich in ein Gewinsel des Entsetzens.

Der Ingenieur hatte dem Häuptling seinen stolzen Kopfputz vom Haupte geschossen: bei seiner Treffsicherheit konnte er sich das leisten. Drei Kugeln waren, der Verabredung gemäß, vorbeigesaust. Nur Josef hatte, ohne es zu wollen, einen der Neger in die Schulter getroffen.

In einem Augenblick war die ganze Bande verschwunden, gescheucht von abergläubischer Angst.

»Hier bleiben können wir unter keinen Umständen,« erklärte nun Sieger: »Ist das erste Grauen dieser Naturkinder überwunden, so wird der Groll und das Verlangen nach Rache die Oberhand gewinnen, und sie werden uns hartnäckiger angreifen als dies erstemal. Sie werden vorsichtiger sein und uns umzingeln oder die Nacht zu ihrem Überfall wählen. Eine Wache wird uns da nicht viel nützen: wir sind zu wenige und sie zu viele.«

»Es ist wahr,« meinte Helling: »Jedenfalls sind wir hier unseres Lebens keine Stunde mehr sicher, und es dürfte das Gebotene sein, sofort aufzubrechen.«

»Nehmen wir so viel Kokosnüsse und Bananen mit, als wir tragen können,« schlug Osman vor.

Dieser Rat wurde einstimmig gutgeheißen und ungesäumt befolgt: es ging ja zweifellos in die Wüste hinaus.

Als alle ihre Rucksäcke gefüllt hatten, wurde der Marsch nach Norden angetreten.

Die Oase erwies sich als wenig ausgedehnt, wenigstens in dieser Richtung: schon nach einer halben Stunde gähnte unseren Freunden die trostlose, sonnendurchglühte Sandwüste entgegen, durchzogen von kahlen Dünen, die ihre Endlosigkeit verschleierten.

Es wurde rüstig fortgewandert, solange die Kräfte in der ausdörrenden Hitze ausreichten.

»Wir müssen gleich von Anfang an unsere Vorräte ängstlich zu Rate halten,« mahnte der Ingenieur: »Hunger und Durst müssen wir ertragen, solange es uns irgend möglich ist, und uns dann mit karger Erquickung begnügen. Denn wir können nicht wissen, wie lange es währt, bis wir Wasser finden, und so beruht die Hoffnung auf Erhaltung unseres Lebens darauf, daß unsere knappen Vorräte möglichst lange vorhalten.«

Mit wahrem Heldenmut wurde dieser Weisung gefolgt. Die bald genug ausgedörrten Bananen und die durststillenden Kokosnüsse wurden nur in solch geringen Mengen und in so großen Zwischenräumen genossen, daß sie gerade genügten, um das Leben und die notdürftigste Kraft zum Weitermarsch zu erhalten.

Gewandert wurde vom Abend bis in den Morgen hinein. In der Tageshitze wurde geruht, da sonst der Durst das nötige Sparen der Vorräte unmöglich gemacht hätte.

So reichten diese fünf Tage aus, fünf Tage voll unsäglicher Qualen in Gluthitze, Durst und Hunger. Aber keines klagte, keines murrte, nur darauf bedacht, der Anderen Mut nicht zu schwächen.

Die sechste Nachtwanderung mußte mit trockener Kehle und leerem Magen vollbracht werden.

Grell stieg die Sonne empor und schien die Erschöpften verbrennen zu wollen. Von der Höhe der Sanddünen bot sich stets die gleiche trostlose Aussicht auf Sand und wieder Sand oder da und dort auch auf kahle, glühende Felsen.

Dieser schreckliche Tag brachte unsere Freunde an den Rand des Verschmachtens. Sie lagen halb ohnmächtig umher, nur selten in fieberhaften Schlummer verfallend, der ihre versagenden Kräfte nicht mehr auffrischen konnte.

In der Nachtkühle wurde noch ein letztesmal versucht, weiterzukommen. Es war aber kein Wandern mehr, nur noch ein mühsames Vorwärtsschleichen, unterbrochen von immer längeren Rastpausen.

Noch vor Tagesanbruch sank Fanny zu Boden und hauchte: »Laßt mich hier sterben! Ich kann nicht mehr!«

Natürlich hätte keiner sie verlassen. Aber alle waren sowieso am Ende ihrer Kräfte, außer etwa Osman, der vielleicht noch eine Stunde oder zwei hätte aushalten können.

»Es ist aus mit uns!« sagte Sieger hoffnungslos: »Nur ein wirkliches Wunder kann uns noch retten.«

Auch Helling und Jussuf hatten die letzte Hoffnung verloren. Wer mochte noch kraftlos und verschmachtend in dieser endlosen Einöde auf Rettung hoffen? Sie konnten nur noch beten um ein unmöglich scheinendes Wunder oder um einen seligen, wenn auch qualvollen Tod.

Als die Sonne blutig auftauchte, erkletterte Osman noch mühsam eine Sanddüne, um festzustellen, daß in der weiten Ferne nirgends ringsum etwas anderes zu sehen war als die erbarmungslose Wüste.

Stumm schlich er wieder herab und legte sich. Den Anderen allen schienen gleich Fanny die Sinne geschwunden. Sie würden wohl nicht mehr zum Bewußtsein kommen und fanden dann ein gnädiges Ende.

Der Jüngling verlor zwar das Bewußtsein nicht ganz, lag aber in einem Dämmerzustand, der kein klares Denken mehr aufkommen ließ.

Zum erstenmal in seinem an Schrecken und Lebensgefahren so reichen jungen Leben empfand er, was es heißt, alle Hoffnung verloren zu haben.

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