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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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48.
In höchster Gefahr

Siegers Hoffnungen auf eine glückliche Weiterfahrt sollten nochmals bitter getäuscht werden.

Ohne es zu wissen, lagerten unsere Freunde an einer Stelle, die von den Eingeborenen des Landes bei Tage ängstlich gemieden wurde, weil hier eine eigentümliche, ganz besonders schreckliche Gefahr lauerte, die jedoch eben nur bei Tageslicht zu fürchten war. Bei Nacht konnte das Tal sorglos betreten werden.

Der Schein des hochlodernden Feuers machte nun die Einwohner darauf aufmerksam, daß sich Leute, zweifellos fremde Eindringlinge, in der verrufenen Gegend aufhielten. Eine stattliche Zahl der kriegerischen Neger schlich sich daher im Dunkel der Nacht heran und umstellte den Platz, an dem das Feuer lohte. Der Ring wurde immer enger geschlossen, und als Jussuf, der die Wache gerade hatte, die Gefahr merkte, konnte er kaum noch einen Schuß abgeben, der aber fehlging.

Das war übrigens ein Glück; denn hätte er einen der Schwarzen getroffen, so hätte er die Angreifer, die, kriegsgeübt wie sie waren, nicht so leicht abgeschreckt werden konnten, nur gereizt und zu blutiger Rache herausgefordert.

Der Diener wurde niedergeworfen und gefesselt, und nicht besser erging es seinen schlaftrunken auffahrenden Gefährten.

Die Gefangenen wurden in die Seriba geführt. Seriba bedeutet ursprünglich, wie Kraal, eine Umzäunung und daher den umfriedeten Hof für das Vieh und ebenso die mit einem Schutzgatter umgebene Ansiedelung der Araber oder Neger im Sudan.

Ohne daß sie es ahnten, bedeutete ihre Gefangennahme die Rettung ihres Lebens, da sie nach Tagesanbruch an dem Orte, an dem sie gelagert hatten, zweifellos einem entsetzlichen Tode verfallen wären.

Die wohlverborgenen Luftschiffe wurden glücklicherweise nicht entdeckt.

Noch in der Nacht wurden die Überrumpelten vor den Sultan Abdullahi Dud Benga gebracht.

Dud Benga war einer der vielen Negerfürsten, die mit ihren Untertanen den Glauben des Propheten angenommen hatten, was ja immerhin einen Fortschritt gegenüber ihrem früheren heidnischen Fetischdienste bedeutete.

Er war ein Mann von ungewöhnlicher Begabung, von scharfem Verstand und, was noch besser war, ein hochsinniger und gerechter Herrscher.

Es war ihm unerklärlich, wie es den Ankömmlingen gelungen war, unbemerkt mitten durch sein wohlbewachtes Gebiet bis zu seiner Hauptstadt Niurnja vorzudringen, und überhaupt eine so weite Reise zu Fuß zu vollbringen; denn man hatte keine Kamele noch sonstigen Reittiere bei ihnen gefunden.

Ihrer Kleidung nach schienen sie Leute des Kalifa zu sein, dessen Eroberungssucht auch sein Land bedrohte. Er sagte ihnen daher auf den Kopf zu:

»Ihr seid Kundschafter des Sultans Abdullahi und kamet auf Schleichpfaden, mein Land zu erkunden, damit er die besten Mittel und Wege finde, mich zu überfallen!«

»Herr!« erwiderte Sieger: »Wir waren Gefangene des Kalifa, und er bedrohte uns mit Verstümmelung und Tod. Wir haben gegen ihn gekämpft und ihm große Verluste beigebracht.«

»Ihr wenigen Leute?« fragte der Sultan ungläubig.

»Ja! Abdullahi verlangte, daß ich ihm Kanonen baue zur Vertilgung seiner Feinde. Ich habe die Geschütze hergestellt, aber auf seine Derwische gerichtet und sie niedergemäht wie Heuschrecken. Dann gelang es uns, zu fliehen. Allah führte uns diesen Weg. Wir wollen in deinem Lande nicht bleiben, sondern unsere Flucht fortsetzen, dem großen Tschadsee zu: die Häscher des Tyrannen sind uns auf der Spur, und erst vor kurzem sind wir ihnen mit Mühe entronnen.«

Die Anderen bezeugten das gleiche, doch das konnte ja Verabredung sein. Immerhin war der Fürst Menschenkenner genug, um den Eindruck zu bekommen, dies seien Männer, die keinen Lügnern und Betrügern glichen.

Er pflegte sich jedoch nicht auf Eindrücke, sondern auf Tatsachen zu verlassen und beschloß, die Verdächtigen vorerst in strenger Gefangenschaft zu halten.

Er ließ sie abführen, und sie wurden in eine luftige Negerhütte gebracht, die ihnen als Kerker dienen sollte.

»Gottlob! Ein Seier ist das nicht!« sagte Josef aufatmend, als er sich behaglich auf dem Erdboden niederließ.

Die Blockhütte wurde wohl bewacht, doch litten die Gefangenen keinen Mangel an Speise und Trank.

Der Sultan verhörte sie noch mehrmals einzeln und gewann immer mehr den Eindruck, daß er es mit vertrauenswürdigen Leuten zu tun habe; denn ihre Aussagen stimmten stets überein, auch da, wo er nach geringfügigen Nebenumständen fragte, über die sie sich unmöglich verabredet haben konnten. Besonderes Wohlgefallen gewann Dud Benga an Fatme und Osman.

Leider glaubten unsere Freunde, von ihren Flugzeugen schweigen zu müssen, und so blieb für den Sultan noch ein Rätsel übrig, nämlich auf welche Weise sie hierhergelangten, und deshalb wurde sein Verdacht nicht ganz beseitigt. Und endlich, wo blieben die Verfolger, von denen Sieger gesprochen hatte? Als jedoch diese eintrafen, war er geneigt, seine Zweifel schwinden zu lassen.

Emin Gegr war den Flüchtigen stets auf der Spur geblieben, und als er zehn Tage später den Gebel Marrah erreichte, erfuhr er die Gefangennahme von vier Spionen des Kalifen.

Um Eingang in das feindliche Gebiet zu erlangen, bestätigte er, daß es Kundschafter seien, und erklärte, er selber, als Gegner des Kalifa, sei ausgezogen, die Verräter unschädlich zu machen. Durch solche Lügen gelang es ihm, unbehelligt nach Niurnja zu gelangen.

Sultan Abdullahi wußte nicht, wem er Glauben schenken sollte. Auf der einen Seite versicherten seine Gefangenen, sie seien vom Kalifa in der Gefangenschaft gehalten worden, hätten ihn bekämpft und seien geflohen; auf der anderen schwuren Um Salama und seine Begleiter hoch und teuer, es seien Spione des Kalifen. »Sie haben für den Tyrannen Flugmaschinen erfunden,« fügte der Heuchler bei, »und auf diesen sind sie in dein Land gekommen, auszukundschaften.«

»Schaffe die Flugmaschinen bei, so will ich dir glauben,« erwiderte der Sultan, »und die Gefangenen sollen heute noch sterben.«

Emin Gegr erkundigte sich nach dem Ort, wo die Fremden gefunden worden waren. Man wies ihm ein abgelegenes Waldtal, und er begab sich allein dahin. Als Führer wollte ihm niemand dienen, wenn er bei Tag gehe. Emin sah nicht ein, warum er die Nacht abwarten solle und entfernte sich in der angegebenen Richtung. »Hüte dich vor den fliegenden Lanzenträgern,« riefen ihm die Eingeborenen höhnisch nach. Er glaubte, das sei eine spöttische Anspielung auf die Flugmaschinen, von denen er geredet hatte, und legte weiter keinen Wert auf die Warnung. Die langen Speichen, welche die Radreifen durchbohrten, konnten ja füglich als Lanzen angesehen werden und so den Lufträdern bei den Eingeborenen den Namen »fliegende Lanzenträger« aufgebracht haben.

Aber diese naheliegende Auslegung war ein verhängnisvoller Irrtum!

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