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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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47.
Verfolgt

Emil Geiger hatte nach seiner ersten Enttäuschung sofort den Plan gefaßt, die Flüchtigen zu verfolgen. Er dachte sich, daß die Luftreise nicht so glatt von statten gehen werde und von nicht allzulanger Dauer sein dürfte, da es sich offenbar um eine ganz neue, noch völlig unerprobte Erfindung Siegers handelte. So konnte er hoffen, wenn er sich beeilte, die Fliehenden einzuholen, wenn sie, auch mit noch so großem Vorsprung, einmal gezwungen wären, ihre Luftschiffe zu verlassen.

Der Kalifa war mit dem Versuch einverstanden, er brannte darauf Rache zu nehmen. So jagte denn Um Salama mit einem Dutzend Begleitern auf den besten Kamelen schon zwei Stunden später auf der Karawanenstraße nach El Obeid dahin.

Unterwegs zog er bei jeder Gelegenheit Erkundigungen ein und vernahm fast überall, daß die Wundervögel mit den drehenden Flügeln im Norden mit großer Schnelligkeit vorbeigeflogen seien. Schon gab er alle Hoffnung auf, sie einzuholen; denn bereits war er mehrere Tage unterwegs, während nach den Berichten die Flüchtlinge die gleiche Strecke in wenigen Stunden zurückgelegt haben mußten. Da endlich, in El Obeid, vernahm er, daß die unheimlichen Geschöpfe sich zwischen dem Gebel Katul und dem Gebel Kaga niedergelassen hätten. Bis dorthin waren es für die Kamele noch beinahe zwei Tagereisen, und Salama hatte wenig Hoffnung, die Verfolgten noch dort zu treffen; dennoch entschloß er sich, vom Wege abzubiegen und in der genannten Gegend nachzuforschen. Er dachte sich, daß nur widrige Umstände, vielleicht eine schwere Beschädigung, eine so frühe Landung erzwungen haben konnten. Der Schade erforderte unter Umständen eine langwierige Wiederherstellungsarbeit, die zu mehreren Tagen Aufenthalt zwang, oder war er überhaupt nicht wieder gut zu machen bei dem Mangel an den nötigen Werkzeugen und Hilfsmitteln.

Auf jeden Fall war es möglich, daß er Spuren entdeckte, die ihm den Weg wiesen, den die Flüchtigen von dort aus eingeschlagen hatten. Waren sie genötigt gewesen, zu Fuß weiter zu wandern, was ja durchaus nicht so unwahrscheinlich schien, so war es ihm zweifellos möglich, sie noch einzuholen, wenn auch erst nach mehreren Tagen.

Unter solchen Gedanken führte Emil Geiger seine Leute dem Bergsattel zu. Sieger hatte soeben Jussuf abgelöst und stand nun Wache auf dem Kaga, als er die kleine Karawane von El Obeid her nahen sah.

Was hatten die Leute vor, daß sie die Karawanenstraße verließen und einen so ungewohnten Weg einschlugen? Das war verdächtig! Auch die rasche Gangart der Kamele weissagte nichts Gutes. Er schaute durch sein Fernrohr und erkannte nun Emin mit Leuten des Kalisa. Mußte der Schurke ihnen schon wieder auf den Fersen sein!

Da gab es kein Abwarten mehr: unverzüglich eilte der Ingenieur ins Tal, wo die Gefährten lagerten, und trieb sie zum Aufbruch, ihnen seine schlimme Beobachtung mitteilend.

»Das ist ein Bluthund!«, zürnte der brave Jussuf: »Wie hätte er sonst unsre Fährte bis hierher verfolgen können, wo wir schon so viele Tage uns verborgen halten?«

»Und dabei sind wir durch die Luft gefahren,« sagte Osman lachend. »Wo auch der beste Spürhund versagt!«

Glücklicherweise blies der Wind seit heute morgen von Osten, nur war er äußerst schwach, und Sieger hatte erst abwarten wollen, ob er nicht an Stärke gewinne. Jetzt aber drängte die Gefahr zu sofortigem Aufstieg, und so besann man sich nicht lange, bestieg die Fahrräder und warf Ballast ab.

Emin Gegr war mit seinen Leuten kaum mehr zwei Kilometer von den Bergen entfernt, als er die Fahrzeuge aufsteigen und gegen El Fascher zu treiben sah. Er erging sich in wilden Flüchen, in der gemeinen, gottlosen Art, wie verworfene Menschen ohne Geistes- und Gemütsbildung ihren wüsten Zorn zu äußern pflegen. So nahe war ihm der Erfolg gewesen, der ihm nun schon so oft im letzten Augenblick entschlüpft war, und wiederum fand er sich genarrt.

Andrerseits gab ihm eben die Nähe dieses Erfolges neue Hoffnung: Trotz ihres gewaltigen Vorsprungs hatte er seine Feinde eingeholt und kannte die Richtung, die sie eingeschlagen hatten. Gewiß! er würde das Ziel, dem er nach jagte, doch noch erreichen und seine Rache kühlen können!

So wandte er sich westwärts gegen Foga hin, die Verfolgung wieder ausnehmend.

Der Ostwind war, wie gesagt, nur mäßig, doch hielt er an und nahm gegen Abend an Stärke zu. Um diese Zeit hatten die Flüchtlinge etwa fünfhundertundfünfzig Kilometer vom Gebel Kaga aus zurückgelegt und schwebten über den Städten Mortal und Mortafal hin. Um über das dortige hohe Gebirge, den Gebel Marrah, hinwegkommen zu können, mußten sie die letzten Ballastvorräte abwerfen, wodurch die Fahrzeuge bis zu einer Höhe von zweitausend Metern stiegen, welche den höchsten Gipfeln jenes Gebirges entspricht. Die Kälte im Gebel Marrah ist nachts oft so groß, daß Slatin Bey, als er dort den Sultan Harun bekriegte, mehrere Leute durch Erfrieren verlor. In den höheren Luftschichten herrschte auch heute eisiger Frost, und da die Luft von Dünsten erfüllt war, schlug sich eine solche Menge Eis auf die Luftschiffe nieder, daß dieselben rasch sanken und bald den Erdboden in einem Gebirgstale berührten.

»Wir werden vom Schicksal verfolgt!« jammerte Helling, als er halb erstarrt, gleich den anderen seinen Sitz verließ.

»Ich halte dieses Ereignis für äußerst günstig,« widersprach Sieger. »Wer weiß, ob uns die Kälte dort oben nicht lebensgefährlich geworden wäre. Jedenfalls hat sie uns eine Landung ohne Gasverlust ermöglicht; sobald das Eis in der Sonnenwärme taut, werden unsere Fahrzeuge wieder von selber emporsteigen. Belasten wir sie sogleich mit Steinen, daß sie uns nicht unversehens zu entweichen vermögen; dann können wir hier der Ruhe pflegen und ein Auffrischen des Windes abwarten. Der Tsadsee mag noch tausend Kilometer entfernt sein; bei günstiger Luftströmung erreichen wir ihn in weniger als zwanzig Stunden; so lange dürften wir es in einer Fahrt wohl aushalten, wenn wir uns nicht durch Treten besonders ermüden müssen oder durch irgendwelche ungünstigen Zwischenfälle behindert werden. Ich habe mehr Hoffnung als je: diese Landung, die uns durch die Vereisung unserer Fahrzeuge ermöglicht wurde, ohne die geringste Gasabgabe, dürfen wir als eine gnädige Fügung Gottes ansehen, der über uns wacht und für uns sorgt, in einer Weise, an deren Möglichkeit wir gar nicht dachten, und die wir getrost zu den Wundern göttlicher Allmacht und Barmherzigkeit rechnen dürfen.«

»Glaubst du an wirkliche Wunder?« fragte Helling.

»Ja! Denn alles ist Wunder. Ich habe nie die Blindheit der Spötter begreifen können, die alle Wunder leugnen, das heißt alle Tatsachen, die über ihren beschränkten Verstand hinausgehen. Was nennt man denn eigentlich Wunder?«

»Nun,« meinte der Leutnant etwas verlegen: »Ich denke, unter Wunder ist alles zu verstehen, was uns unmöglich erscheint, weil es unbegreiflich und unerklärlich ist, alles was gegen den gesetzlichen Lauf der Natur geht.«

»Lieber Freund, du hast wohl recht mit dieser Erklärung; aber bedenke, ist uns denn der gesetzliche Lauf der Natur vollkommen bekannt? Die Leugner der Wunder gehen von dem jeweiligen Stande unserer Erkenntnis aus, ohne zu bedenken, wie unzulänglich unsere Erkenntnis ist. Tausend Wunder, die von solchen Kleingeistern für unmöglich erklärt wurden, sind im Lauf der Zeit durch neue Entdeckungen und Erfindungen verwirklicht worden. Ach! wie stolz sind die Zweifler auf ihre Bildung und ihr Wissen, das sie, wie sie wähnen, befähigt, über alles Unerkannte abzuurteilen. Aber was wissen wir denn?«

»Vieles!« behauptete Helling.

»Nichts!« entgegnete Sieger lachend.

»Oho! Das ist so eine Redensart, die wir dem weisen Sokrates nachsprechen.«

»Besinne dich einmal: wir wissen, daß der Blitz ein elektrischer Funke ist; gewiß! Aber wissen wir nun wirklich etwas Genaues über das Wesen des Blitzes? Nein! weil wir das Wesen der Elektrizität nicht kennen. Kommen wir auch da einen Schritt weiter, so wird es nur sein, um auf ein neues Rätsel zu stoßen. Nehmen wir aber das Nächstliegende: kennen wir uns denn nur selber?«

»Nein!« gestand der Leutnant: »Unser Inneres birgt Tiefen, die wir selber nicht ergründen können. Niemand kann seinen eigenen Charakter richtig beurteilen, noch wissen, zu was er unter bestimmten Umständen fähig wäre.«

»Wir brauchen nicht einmal so weit zu gehen: selbst unsern Leib kennen wir nicht. Das Klopfen unseres Herzens verrät uns sein Dasein, und doch, wer ist imstande, seine genaue Lage und seine Größe zu bestimmen? Unser Magen verrät sich durch das Gefühl, etwa beim Genießen kalter oder warmer Speisen und Getränke und durch allerlei Beschwerden: wer aber weiß, wo etwa seine Leber, seine Milz oder seine Nieren sitzen? Ja, niemand würde vom Vorhandensein dieser Organe etwas ahnen, wenn uns die Anatomie nicht darüber belehrt hätte. Die wirklich wunderbaren, selbsttätigen Arbeiten dieser Körperteile sind aber auch dem gelehrtesten Professor ein Rätsel.

»Was sind wir, was ist der Mensch? Die einen sagen, wir bestehen aus Geist, Seele und Leib, und wissen doch nicht, was Geist und Seele eigentlich für Wunder sind. Andre glauben, wir seien nur zweiteilig und verzichten entweder auf den Geist oder auf die Seele: beide sollen eben ein und dasselbe sein. Die größte Beschränktheit vollends leugnet beides und hält den Menschen für ein nur leibliches, grob stoffliches Wesen, ohne seine geistigen und seelischen Eigenschaften anders erklären zu können, als durch die blöde, nichtssagende Behauptung, sie seien Eigenschaften oder Tätigkeiten des Stoffes!

»Was ist das Leben, das uns zur Selbsttätigkeit befähigt und das Samenkorn zur wunderbaren Entwicklung bringt? Was ist der Schlaf, der so alltäglich ist? Was ist der Tod, der die willkürliche und unwillkürliche Tätigkeit des Leibes und des Geistes auslöscht? Das sogenannte Wissen, das durch Jahrtausende sich entwickelte, Erkenntnisse anhäufte, die im Grunde nichts erklären, und so großartige Fortschritte machte, wie so viele rühmen, daß die Toren staunen vor der Herrlichkeit unserer erhabenen Wissenschaft, dieses gepriesene Wissen versagt vollständig diesen alltäglichsten und nächstliegenden Rätseln gegenüber: sie bleiben unerklärliche Wunder.

»Alle Wunder der Natur werden kurzweg damit abgetan, daß man sie ›natürlich‹ nennt und aus ihnen Naturgesetze ableitet, ohne das wunderbare Wesen dieser vermeintlichen Gesetze zu erkennen. Und dann behaupten die geistigen Schwächlinge, diese Naturgesetze seien unfehlbar und unabänderlich, und was ihnen widerspreche, müsse als Wunder vom Standpunkte des vernünftigen Denkens aus geleugnet werden.

»Ist das vernünftiges Denken? Niemand kann leugnen, daß der Mensch befähigt ist, willkürlich in den Gang der Natur einzugreifen, fördernd oder hemmend, verzögernd oder beschleunigend, unterbrechend und hindernd. Das gehört zu seiner Gottähnlichkeit. Und nun wollen diese übergescheiten Menschlein der Allmacht des Schöpfers die Fähigkeit absprechen, die sie selber in beschränktem Maße besitzen, und deren sie sich so hoch berühmen?«

»Aber die Natur ist Gottes Werk,« wandte Helling ein: »Er wird als ein Gott der Ordnung die von ihm selber bestimmte Ordnung nicht stören, durchbrechen oder aufheben.«

»Ich weiß,« sagte Sieger, »mit diesem Vorwand wird immer der gröbste Unfug getrieben. Kennen wir denn diese göttliche Ordnung? Ist Gott an das gebunden, was wir als die von ihm festgesetzte Ordnung zu erkennen belieben, ohne Rücksicht auf die Schwäche unseres Verstandes, die Geringfügigkeit unseres Wissens und die Mangelhaftigkeit unserer Erkenntnisse? Der Mensch steht selbstherrlich über dem Werk seiner Hände und seines Geistes, ja sogar über den Werken Anderer: er kann in sein Getriebe eingreifen, nach Bedarf und Belieben. Um ein ganz geringes Beispiel zu wählen: du kannst deine Uhr vor- oder nachrichten, entweder um ihren Gang besser zu regeln, oder auch, weil es dir aus irgendwelchen Gründen so paßt, du kannst sie aufziehen und in Gang bringen, aber auch anhalten und stille stehen lassen, so lange es dir beliebt. Dem Schöpfer aller Dinge aber willst du vorschreiben, daß ihm jeder Eingriff in seine Naturordnung unmöglich sei?

»Übrigens ist es eine lächerliche Anmaßung, zu behaupten, das Wunder, das heißt alles, was uns übernatürlich und wunderbar erscheint, weil es außergewöhnlich ist, bedeute eine Aufhebung der Naturgesetze und sei naturwidrig. Einmal kennen wir die göttlichen Naturgesetze gar nicht, sondern nur die menschlichen Sätze, die das ausdrücken, was wir als den regelmäßigen Lauf der Natur erkannt zu haben glauben, auf Grund unserer kurzen, lückenhaften Erfahrung. Anderseits können diese verpönten Wunder gerade zur göttlichen Naturordnung gehören: wer will das wissen oder sich anmaßen, es zu leugnen? Das wäre kindisch!«

»Aber sie stellen dann Unregelmäßigkeiten im natürlichen, gewöhnlichen Verlauf der Dinge dar, deren Zulassung wir Gott doch nicht zutrauen können.«

»Merke auf: Der Weisheitsdünkel der Kleingeister geht immer von Gedanken aus, die er für außerordentlich gescheit hält. Die wahre Vernunft aber muß sich auf die Tatsachen stützen. Nun ist es eben eine Tatsache, ein Naturgesetz, können wir sagen, daß es keine Regel ohne Ausnahme gibt. Die Ausnahme, die also naturgemäß und nicht naturwidrig ist, ist eben das Wunder. Es soll eine Störung des regelmäßigen Verlaufes sein? Nun ja! das eben sollte uns zwingen, es anzuerkennen, statt es blind zu leugnen: denn Unregelmäßigkeiten und Störungen sind ebenfalls eine unleugbare Tatsache, sogar im Laufe der Gestirne. Und schließlich, welchen Mangel an Folgerichtigkeit und vernünftigem Denken beweisen diejenigen, die immer von Entwicklung, Anpassung und dergleichen, als Naturgesetzen prahlen, und dann bei den vermeintlichen Naturgesetzen selber jede Anpassung und Entwicklung für ausgeschlossen erklären, weil ihnen das eben so paßt!

»Gewiß, wir finden in der Natur eine herrliche, staunenswerte göttliche Ordnung, nie aber eine pedantische, philisterhafte Weltordnung, die jede Ausnahme und Unregelmäßigkeit starr ausschlösse. Meine Meinung ist die: Die Leugner der Wunder wollen Gott zu einem kleinlichen Pedanten und erbärmlichen Philister ohne Geist und Genie stempeln, gleich ihnen selber.«

Helling war äußerst nachdenklich geworden und sagte zuletzt: »Ich glaube, du hast nicht so unrecht. Jedenfalls wäre es vernünftiger, nicht etwa zu behaupten: »Es gibt keine Wunder!« sondern vielmehr zu bekennen: »Es gibt nichts in der Welt, das kein Wunder wäre!« Jeder Klardenkende wird das zugeben müssen. Jede Störung in der sichtbaren Weltordnung hat eine natürliche, darum aber nicht minder wunderbare Ursache. So können auch vermeintliche Wunder natürliche Ursachen haben, die wir eben noch nicht kennen.«

Während dieser Unterhaltung waren unsere Freunde nicht untätig geblieben, denn die grimmige Kälte hätte ihnen nicht erlaubt, sich gemütlich niederzulassen und zu plaudern, wenn auch über die anregendsten Fragen und schwierigsten Rätsel der Weltordnung. Sie führten ihr Gespräch, während sie dürres Holz sammelten, das die bewaldeten Abhänge reichlich boten.

Jetzt hatten sie so große Vorräte aufgehäuft, daß sie ein wärmendes Feuer entzünden und unterhalten konnten. Dann schleppten sie noch Steine herbei, um die vom Feuer entfernt stehenden Lufträder, die sie im Dickicht gut verborgen hatten, so zu beschweren, daß sie bei eintretendem Tauwetter nicht von selber emporsteigen und ihnen verloren gehen konnten.

Dann wurden die erstarrten Glieder am hell lodernden Scheiterhaufen erwärmt und ein Mahl gehalten. Mit Lebensmitteln waren sie auf Wochen versehen: sie bildeten einen stets abnehmenden Ballast, der im Notfall durch andersartigen ersetzt wurde.

Während des Nachtessens machte Sieger folgenden Vorschlag: »Als schweren Mangel,« begann er, »habe ich es empfunden, daß wir uns während der Luftfahrt kaum verständigen können. Um einen verhängnisvollen Zusammenstoß zu vermeiden, dürfen wir uns einander nicht zu sehr nähern, und deshalb ist es schwierig, sich durch Zurufe verständlich zu machen, zumal wenn der Sturm uns umbraust. Die Flügelräder machen ja wenig Lärm und wir können sie zum Stillstand bringen, wann es nottut; allein die Erfahrung hat uns gelehrt, daß es trotzdem mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft ist, die Stimme von einem Fahrzeug zum andern vernehmlich zu machen. Darum denke ich, wir sollten einige Verständigungszeichen ausmachen.«

»Das ist ein guter Gedanke,« lobte Onkel Siegmund: »Es ging ja bisher; denn wir folgten dir, indem wir nachahmten, was wir dich tun sahen, aber dabei wären immerhin folgenschwere Täuschungen und Mißverständnisse möglich.«

»Also,« fuhr der Ingenieur fort: »Strecke ich beide Arme wagrecht nach rechts und links aus, so bedeutet das: ›Aufgepaßt!‹ Ihr wisset dann, daß ich euch einen Befehl zu geben wünsche und werdet aufmerksam. Ich werde dieses Zeichen so lange wiederholen, bis ihr alle es nachmacht, zum Zeichen, daß ihr es bemerkt habt. Hebe ich beide Arme empor, so bedeutet das: ›Aufstieg‹, und ihr werfet so viel Ballastplatten ab, als ich euch durch Wiederholungen des Zeichens angebe. Stoße ich mit beiden Armen wiederholt nach unten, so soll dies ein Befehl zum Abstieg sein, und wenn ich die Arme gleich darauf nach rückwärts strecke, so will das heißen, daß der Abstieg bis zum Erdboden gehen soll, nämlich, daß wir landen müssen. Wie viel Gas ihr dann ausströmen lassen müßt, wißt ihr ja schon selber.«

»Steige oder sinke ich ohne vorheriges Zeichen, so dürft ihr mir nicht folgen, bis ich euch durch die entsprechende Bewegung dazu auffordere. Denn dann will ich zunächst nur ausfindig machen, ob wir in höheren oder tieferen Luftschichten bessere Windverhältnisse finden. Ich kann mir zuweilen solche außerordentliche Auf- und Abstiege leisten, da ich größere Ballastvorräte habe als ihr, die ihr zu zweit auf einem Rad sitzet.«

»Das ist ja genug und leicht zu merken, weil es nur drei Zeichen sind und so von selbst verständliche,« sagte Jussuf.

Jetzt gaben sich unsere Freunde einem sorglosen Schlummer hin, während abwechselnd einer von ihnen Wache hielt und das Feuer nährte.

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