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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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46.
Ein Spielball der Stürme

Als Sieger mit Fanny, Helling und Jussuf aus der Haustüre trat, die Ali hinter ihnen zuwarf, – um zu sterben, damit sie sich retten könnten, – standen die drei Lufträder zum Aufstieg bereit.

»Ich besteige das kleine Rad,« sagte der Ingenieur: »Mir fällt es am leichtesten, zugleich zu treten und zu steuern, auch bin ich der Kräftigste und bedarf nicht so bald einer Ablösung, Helling und Osman, nehmt ihr das zweite, und du, Jussuf, nimm Fatme mit dir. Sie ist ja gesund und kräftig und kann dich zuweilen ablösen, doch wird sie es nicht so lange aushalten, wie etwa Osman, deshalb teile ich sie dir zu, der du nicht so leicht ermüden wirst.

»Ich gedenke, mich nach Norden oder Osten zu wenden, wo wir am raschesten zivilisierte Gegenden erreichen. Jedenfalls aber müßt ihr euch immer ganz nach mir richten und mir nachfolgen. Viel verständigen werden wir uns unterwegs kaum können.«

Während der Ingenieur so seine letzten Anordnungen traf, hatten alle ihre Sitze eingenommen.

»Jetzt rasch!« rief Sieger: »Ich steige zuerst und wende mich gleich etwas nach rechts. Dann folgen mir, nach etwa zehn Sekunden, Jussuf und Fatme: Fanny, du mußt zunächst ein wenig nach links steuern. Nach weitern zehn Sekunden steigen Helling und Osman empor und halten sich in der Mitte: so gibt es keinen Zusammenstoß. Denn jetzt sind wir viel zu nahe beieinander, um ohne Gefahr gleichzeitig abfahren zu können. Und nun hinauf, mit Gott!«

Während der letzten Worte hatte er schon einige Metallplatten abgeworfen, die als Ballast dienten, und sein Fahrzeug stieg schnell nach oben.

Um mit der Abgabe von Ballast stets sicher gehen zu können, waren die in besonderen, leicht zu erreichenden Drahtkörben mitgenommenen Bleiplatten genau auf je zwanzig Pfund abgewägt. Sieger hatte zehn dieser Platten, also zwei Zentner, abgeworfen und fand, daß damit der gewünschte Auftrieb gewonnen wurde, der, angesichts der dringenden Gefahr, nicht zu gering sein durfte, andrerseits aber auch nicht übermäßig sein sollte.

Er rief daher noch hinab: »Jedes Luftrad werfe sechzehn Platten ab, nicht mehr und nicht weniger! Acht von jeder Seite, daß ihr im Gleichgewicht bleibt!«

Er bog nach Norden aus, während Jussuf und Fanny, die gleich darauf abfuhren, nach Süden hielten.

Nun konnte auch Helling mit Osman folgen, keine halbe Minute nach des Ingenieurs Aufstieg.

Nach drei Minuten wiegten sich schon alle drei Räder über dem oberen Rande der Schlucht, und jetzt war es, daß Emil Geiger die Hintere Haustüre der Fabrik öffnete und zu seiner großen Enttäuschung sehen mußte, daß er wiederum überlistet sei, und seine Feinde einen Ausweg gefunden hatten, von dem er sich nie etwas hätte träumen lassen.

Helling merkte, daß Osman und er ein wenig schwerer wogen, als Jussuf und Fatme, und daher etwas unter den andern zurückblieben, die ziemlich in gleicher Höhe miteinander schwebten. Er warf daher noch ein Bleistück ab, das hart an Emins Nase vorbeisauste.

»Das hätte mich beinahe getroffen!« knirschte der Einäugige, die Handlung mißverstehend: »Noch aus der Höhe greifen uns diese Tropfen an, und wie gut sie dabei zielen können! Das geht beinahe ins Übermenschliche!«

Die Derwische aber starrten mit offenem Munde den Entkommenen nach, und einer rief: »Das sind wahrhaftig Scheitans, Teufel! Nun fliegen sie gar noch durch die Luft! Allah lasse sie nie wiederkehren!«

»Ja,« sagte ein anderer: »Sie haben uns mehr Menschenleben gekostet, als wir in der blutigsten Schlacht verloren: mögen sie uns nie mehr zu Gesicht kommen.«

Als aber die Bleiplatte niederfiel, die sie auch für ein absichtlich geschleudertes Wurfgeschoß hielten, besannen sie sich und feuerten ihre Gewehre auf die Flieger ab. Allein die waren schon außer Schußweite.

Sieger hatte, wie gesagt, nach Norden, Ägypten zu, oder nach Osten, gegen das Rote Meer, steuern wollen. In der Schlucht war es ziemlich windstill gewesen und die Richtung der oberen Luftströmungen hatte bei völlig wolkenlosem Himmel nicht erkannt werden können.

Sobald sich aber die Lufträder über die Margayaschlucht erhoben hatten, und die kühnen Schiffer mit dem Pedaltreten beginnen konnten, merkte der Ingenieur, daß ein Ankämpfen gegen die herrschende östliche Luftströmung aussichtslos sei und daß die einzige Hoffnung auf rasche Entfernung von Omderman darauf beruhte, daß sie mit dem Winde nach Westen steuerten.

In dieser Richtung mußte freilich eine weite Strecke über Feindesland zurückgelegt werden, und dann erst noch über unerforschte, gefährliche Gegenden, vielleicht über schreckliche Wüsten. Das war eine bedenkliche Sache: würden sie rasch genug vorwärtskommen, würden die Maschinen so lange aushalten und vor allem, würde die Kraft der Luftschiffer ausreichen? Denn ein Abstieg war nur zu bewerkstelligen, wenn man Gas ausströmen ließ. Das ausgeströmte Gas konnte aber später nicht mehr ersetzt werden.

Immerhin trugen die Fahrzeuge noch so viel Ballast, daß auch nach einem ersten Abstieg durch Abwerfen aller überflüssigen Belastung ein nochmaliger Aufstieg bewerkstelligt werden konnte; dann aber war es aus und eine dritte Fahrt war unmöglich.

Vorerst jedoch war die Hauptsorge von den Gemütern genommen: der Tyrannei des Kalifen waren sie glücklich entwischt, und sie wollten vertrauen, daß Gott ihnen weiter helfe.

Der Wind wurde zum Sturm und der Sturm zum Orkan. Ein Versuch, gegen diese Naturgewalt ankämpfen zu wollen, wäre Wahnsinn gewesen. Die Luftschiffer mußten sich willenlos mit fortreißen lassen, als ein Spiel der Stürme, die sie, wer weiß wohin, verschlagen konnten.

Abgesehen davon, daß sie nun ihr Landungsziel nicht selber bestimmen konnten, sondern dem Zufall oder vielmehr der göttlichen Fügung überlassen mußten, hatte dieser Umstand einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: es hatte rein keinen Sinn, durch Pedaltreten die Fahrt noch beschleunigen zu wollen, – das sahen sie alle sofort ein. Also konnten sie ihre Kräfte schonen und vermochten um so länger in den Lüften auszuhalten. Überdies entführte sie der Orkan mit einer Geschwindigkeit von siebzig bis achtzig Kilometern in der Stunde. Das hätten sie bei Windstille oder mäßigem Winde durch eigene Anstrengung nicht annähernd erreichen können.

Es war nun freilich ein nicht sehr angenehmer Gedanke, ins Innerste Afrikas verschlagen zu werden, in ein gefährliches Wüstengebiet, wo der Tod in verschiedenen schrecklichen Gestalten drohte, und vielleicht eine monatelange Reise nötig wäre, um die Küste zu erreichen, eine Reise durch wasserlose Öden, durch Wälder und Dickichte voll reißender Tiere und giftiger Schlangen, durch Länder, die von grausamen Wilden oder gar Menschenfressern bewohnt waren. Aber war das schlimmer, als der Willkür eines unmenschlichen Wüterichs preisgegeben zu sein? Und dann waren sie alle von starkem Gottvertrauen beseelt, so daß die Gefahren, denen sie voraussichtlich entgegen gingen, sie nicht entmutigen konnten.

Die Lufträder schwebten in einer Höhe von kaum dreihundert Metern über dem Erdboden. Sieger vermied es absichtlich, höher zu steigen, um Ballast zu sparen, da eine weitere Entlastung die Möglichkeit eines zweiten Aufstieges in Frage gestellt hätte. Obgleich nun die Karawanenstraße von der Linie, welcher die Luftschiffe folgten, bis zu fünfzig Kilometer links lag, wurden die merkwürdigen Fahrzeuge doch von dort aus beobachtet, und in jedem Dorf strömten die Leute zusammen, um die Riesenvögel mit den drehenden Flügeln anzustaunen.

Anfangs entzogen sich die wunderbaren Geschöpfe mit Windeseile den Blicken; dann aber verlangsamte sich ihr Flug. Der Wind schlug nämlich plötzlich um und blies nun aus Südwesten, genau in entgegengesetzter Richtung. Jetzt mußten die Luftschiffer ihre äußerste Kraft einsetzen, um überhaupt vorwärts zu kommen und nicht wieder gegen Omderman getrieben zu werden. Ein Glück, daß sie in fünfstündiger Fahrt etwa dreihundertundfünfzig Kilometer Vorsprung gewonnen hatten. Um diese Strecke zurückzulegen, mußten etwaige Verfolger doch drei Tage und drei Nächte bei äußerster Anstrengung brauchen. Übrigens glaubte Sieger an keine Verfolgung; seine einzige Sorge war, daß die Lufträder in ihren Leistungen nicht ausreichen würden, um die europäischen Ansiedelungen an der Westküste Afrikas zu erreichen.

»Ich wollte, ich hätte eine Vorrichtung erfunden,« dachte er, »um den Auf- und Abstieg ohne Gasverluste zu bewerkstelligen. Wir wären dann im stande in höheren Lagen günstigere Luftströmungen aufzusuchen und könnten unbesorgt landen, so oft wir wollten. Vielleicht wäre es ganz gut gegangen, wenn ich in den Kammern einfach luftleeren Raum hergestellt und durch Einströmenlassen und Auspumpen der Luft Auf- und Abstieg geregelt hätte. Leider aber drängte die Zeit, und ich konnte mich nicht mehr mit unsicheren Versuchen abgeben.«

Nach stundenlangem Kampfe mit dem widrigen Winde war die Erschöpfung unserer Freunde so groß, daß sie mit einbrechender Nacht eine Landung bewerkstelligen mußten, wenn der Sturm sie nicht über Nacht nach Omderman zurückverschlagen sollte.

Sieger, Jussuf und Helling ließen das Gas aus je zwei Kammern der Zylinder ausströmen, und während des Entweichens des Wasserstoffs senkten sich die Fahrzeuge allmählich, bis sie zwischen zwei Hügeln, dem Gebel Katul und dem Gebel Kaga, den Erdboden erreichten.

»Das sind böse Aussichten!« klagte Sieger. »Hier sind wir kaum vierhundert Kilometer in der Luftlinie von Omderman entfernt und haben noch etwa eintausendfünfhundert Kilometer bis zum Tsadsee, von dem aus wir hoffen könnten, zu Fuß zivilisierte Gegenden zu erreichen, wenn auch unter großen Schwierigkeiten.«

Die kleine Gesellschaft brachte die Nacht in ungestörtem, erquickendem Schlafe zu. Osman erwachte zuerst und unternahm den Aufstieg auf den Gebel Kaga. Von der Höhe aus konnte er im Südosten bis El Obeid sehen in einer Entfernung von hundertundfünfzig Kilometern, während die kleine Seriba (Umzäunung, Lager) Kaga etwa fünfzig Kilometer nordwestlich lag. Sehr erfreut aber war Osman, zu entdecken, daß in der Ebene eine Menge Wassermelonen wuchsen, und daß mehrere Dattelpalmen den Fuß des Hügels säumten.

Er eilte den Abhang wieder hinunter, um den Anderen, die sich inzwischen ebenfalls ermuntert hatten, seine Entdeckung mitzuteilen.

»Das ist für uns von hohem Wert,« meinte Sieger, »sammeln wir einen Vorrat Wassermelonen und Datteln, die beide sich monatelang halten, und bleiben wir hier verborgen in dem abgelegenen Tale. Vor Hunger und Durst geschützt, können wir dann, wenn es darauf ankommt, wochenlang abwarten, bis der Wind umschlägt. Bei günstigem Winde sind wohl in einer einzigen Fahrt von dreißig Stunden die eintausendfünfhundert Kilometer bis zum Tsadsee zurückzulegen; steigen wir aber bei schlechten oder mäßig guten Windverhältnissen auf, so könnten wir nur eine geringe Strecke bewältigen, bis die Überanstrengung oder Schläfrigkeit uns zum Abstieg zwänge. Da wir nun für den nächsten Aufstieg fast allen Ballast abwerfen müssen, so haben wir kein Mittel mehr, nochmals aufzusteigen, sobald wir das nächstemal gelandet sind.«

Dieser Rat, der Allen einleuchtete, wurde denn auch befolgt. Um vor einer Entdeckung sicher zu sein, mußte sich übrigens stets einer der vier Flüchtlinge auf der Höhe des Gebel Kaga aufhalten, nach allen Seiten hin auszuschauen. Zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen wurde daher dort oben aus Rohr und Blättern ein Schutzdach errichtet.

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