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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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45.
Der Kampf um die Fabrik

Sieger hatte über Nacht alle Leute aus der Fabrik entfernt, außer Ali bin Said, der erklärte, mit ihm leben und sterben zu wollen.

»Wir werden kämpfen gegen die Macht des Kalifa,« sagte ihm der Ingenieur warnend: »Sie werden den Bau erstürmen; vielleicht schenkt Allah mir und den Meinigen Gnade, daß wir entkommen auf den Flügeln des Windes. Was aber wird aus dir werden? Hast du mit uns gekämpft, so hast du keine Gnade von Abdullahi zu erwarten.«

»Dann wird Ali zu sterben wissen!«

»Nein! Das soll nicht der Lohn deiner Treue sein. Es ist noch Raum für dich auf unseren Fahrzeugen: du sollst mit uns entkommen.«

Nun machte Sieger sich daran, mit Alis und Jussufs Hilfe, das Tor in der Sperrmauer von innen zu verrammeln, so daß vorerst niemand durch das Wärterhaus eindringen konnte. Helling und Osman leiteten inzwischen die Füllung der Lufträder mit Wasserstoffgas in die Wege.

Allein, kaum war die Sonne aufgegangen, so nahte schon der Kalifa mit zahlreichen Bewaffneten.

Der Ingenieur sandte Helling auf die Zinne der Sperrmauer, an die zu diesem Zweck eine Leiter angelegt wurde. Der Leutnant sollte mit dem Tyrannen verhandeln, während Sieger in die Schlucht eilte, die Vollendung der Vorbereitungen zu beschleunigen.

Als Abdullahi fand, daß sich das Tor im Wärterhaus mit keiner Gewaltanstrengung öffnen ließ, trat er heraus vor die Mauer, und da er Helling oben erblickte, rief er ihn zornig an:

»Ismain el Heliki! Was soll das heißen, daß ihr das Tor vor eurem Herrn und Gebieter verschlossen habt? Es werde sofort geöffnet, sonst seid ihr des Todes!«

Der Leutnant erwiderte in spöttischem Tone: »Ihr müßt euch schon selber die Mühe geben. Aber ihr seid zu wenig! Du brauchst dein ganzes Heer, um den Eingang zu erzwingen. Wir haben jetzt brauchbare Kanonen, wie du befohlen, und wollen dir gleich beweisen, wie trefflich sie sind, um feindlichen Heeren die Annäherung zu entleiben.«

»Schießt ihn herunter!« schrie der Tyrann, schäumend vor Wut über diese unerhörte Verhöhnung.

Allein Helling hatte nichts anderes erwartet und deckte sich beizeiten hinter den Zinnen der Mauer, so daß keine Kugel ihn treffen konnte.

In diesem Augenblick erschienen Jussuf und Ali mit Gewehren bewaffnet. Sieger sandte sie ihm zur Verstärkung, und sie duckten sich ebenfalls hinter den überragenden Vorderrand der breiten Mauer, die eigens zur Verteidigung des Eingangs gebaut schien, so trefflich bot sie Gelegenheit, aus sicherer Deckung nach außen zu schießen.

»Erstürmt die Mauer!« gebot jetzt der Kalifa seinen Kriegern.

Diese begannen sofort, das Torwärterhaus zu erklettern, von dessen Dach aus die Zinne zu erreichen war.

Doch nicht umsonst stand der beste aller Scharfschützen im Anschlag, unterstützt durch zwei andere Schießkundige: keiner der Derwische gelangte auf das Dach.

Als Abdullahi einen um den anderen seiner Leute zu Tode getroffen oder schwer verwundet herabstürzen sah, zog er sich mit den Übriggebliebenen zurück, um mit seiner ganzen Macht, soweit sie sich in der Eile sammeln ließ, den Sturm zu unternehmen.

Jetzt kam Sieger in den Vorhof, und Helling meldete ihm den Verlauf des ersten Geplänkels.

»Ohne Zweifel,« sagte der Ingenieur, »wird der Kalifa bald mit großer Macht anrücken, denn es läßt sich denken, daß unser Widerstand, den er als Aufruhr ansehen wird, ihn aufs äußerste gereizt haben muß.

»Die Verteidigung der Mauer hat dann keinen Zweck mehr: begebt euch auf das Dach der Fabrik zu den Kanonen. Es gilt, durch Geschützfeuer die Annäherung der Massen solange als möglich aufzuhalten.«

»Sind die Fahrräder noch nicht in Stand?« fragte der Leutnant: »Jetzt wäre der günstigste Augenblick, durch die Lüfte zu entfliehen.«

»Leider, leider sind wir noch nicht so weit. Ich bedaure es auch besonders deshalb, weil wir unnötiges Blutvergießen vermeiden könnten, wenn wir jetzt schon aufzusteigen vermöchten. Allein eines der Räder hat sich als undicht erwiesen, und ich glaube kaum, daß es vor Ablauf von drei Stunden in Stand gesetzt und gefüllt sein kann. Solange müssen wir noch Zeit gewinnen. Dazu helfen uns die Geschütze und hernach meine eiserne Schwelle. Aber es wird viel Tote geben auf feindlicher Seite, und das fällt mir schwer aufs Herz!«

»Laß gut sein, Freund!« tröstete ihn Onkel Siegmund: »Du darfst das nicht als unnötiges Blutvergießen betrachten. Die Derwische hausen so gräßlich im unglücklichen Sudan, daß jede Schwächung ihrer Macht ein gutes Werk ist. Es ist sicher, daß über kurz oder lang europäische Heere gegen sie ausziehen werden, um den Greueln ein Ende zu machen. Sie werden umso weniger Verluste haben, je mehr Feinde wir heute unschädlich machen. Wir wollen daher weniger an Schonung dieser unmenschlichen Horden denken, als an die Rettung so vieler unserer christlichen Brüder, denen unser heutiger Kampf zugute kommt.«

»Du hast recht, Freund Helling! Wir wollen unbeirrt unsere Pflicht tun, sozusagen als die Vorhut des Heeres, das nach uns den Kampf gegen den Wüterich aufnehmen wird. Wenn nur wir ohne Verlust davonkommen! Das gebe Gott!

»Ich sehe jetzt nach Osman, der das Luftrad dichtet, und kehre dann zu euch zurück, da der geschickte Knabe die Arbeit allein vollenden kann, und meine Beteiligung beim Kampfe notwendiger sein wird.«

Unter diesen Reden waren sie in die Fabrik gelangt. Sieger eilte auf der anderen Seite hinaus zu Johannes, dem Fanny zur Hand ging, während die drei anderen das flache Dach der Fabrik erstiegen, wo die Kanonen in guter Deckung aufgestellt waren. Von hier aus konnte man über die weit niedrigere Sperrmauer hinwegschießen.

Helling sah nach der Ladung und stellte noch einmal fest, daß alles zur Aufnahme des Kampfes bereit war.

Noch herrschte Ruhe. Schwer stiegen die herrlichen Wohlgerüche aus dem Dachgarten empor, der auf halber Höhe, auf der Terrasse des ersten Stockes, zu Füßen unserer Freunde lag. Wie bald würde Pulverdampf diese lieblichen Düfte verdrängen!

Jetzt kehrte Sieger zurück und nahm seinen Posten ein.

Bald vernahm man ein gellendes Geschrei in der Ferne, und gleich darauf wälzten sich die Scharen der Krieger des Kalifa von Omderman heran.

Sofort wurde das Geschützfeuer eröffnet.

Stein- und Eisenkugeln, vor allem aber kleinere Metallstücke, mit denen die Rohre geladen waren, richteten große Verheerungen in der anrückenden Truppenmasse an. Sowie eine Kanone abgeschossen war, wurde sie aufs neue geladen: so gab es immer Arbeit genug für die Belagerten, da sie eine ganze Batterie von drei Geschützen zu bedienen hatten.

Der Geschoßhagel trieb die Derwische einigemal zurück; doch da die fanatischen Horden, die so oft ihre Todesverachtung bewiesen hatten, nicht daran dachten, einer Handvoll Gegner zu weichen, sahen sie ein, daß jedes Zögern ihre Verluste nur vermehren konnte, und daß ihr Heil in möglichst beschleunigtem Vorgehen lag.

So stürmten sie bald unaufhaltsam voran, unbekümmert um die klaffenden Lücken, die immer wieder in ihre Reihen gerissen wurden und die rasch wieder durch Nachrückende ausgefüllt wurden. Sie vertrauten auf Allah und ihre große Übermacht und ließen sich durch das verheerende Feuer nicht mehr zurückschrecken.

Als die Derwische so nahe gekommen waren, daß die Kanonen nicht länger gegen sie gebraucht werden konnten, richtete Helling die Rohre auf die Stadt und rief: »Hurra! Jetzt schießen wir Omderman in Grund und Boden und machen der ganzen Mahdia ein Ende!«

Natürlich glaubte er selber nicht an einen solchen Sieg. Dennoch stutzten die Angreifer, als sie sahen, wie die Häuser der Stadt trotz ihrer großen Entfernung beschossen wurden und einstürzten.

Omderman wurde von Entsetzen ergriffen, und eine wilde Flucht der Einwohner begann. Einige kühne Männer benutzten die Verwirrung, um die Gefangenen im Seier zu befreien, unter denen sie Freunde und Angehörige besaßen. Dumpf schallte der Tumult und das Geheul Tausender herüber, und der Kalifa besann sich einen Augenblick, ob die Truppen jetzt nicht notwendiger in der Stadt wären, wo vielleicht ein Aufruhr ausbrechen konnte. Andererseits sagte er sich, daß ein Rückzug neue ungeheure Verluste kosten und den kühnen Feinden eine weitere Beschießung der Häuser ermöglichen würde. Kurz, er hielt es für ratsamer, zuerst hier ein Ende zu machen.

Schon hatten die Derwische das Tor in der Sperrmauer gesprengt und ergossen sich in Scharen auf den Vorhof der Fabrik.

Sie stürmten vor, und die Vordersten betraten die eiserne Schwelle; die in einer Breite von zehn Metern den Boden vor dem Gebäude bedeckte.

Nun aber ereignete sich etwas Wunderbares, etwas Entsetzliches: sowie einer der Eindringlinge den Fuß auf die Eisenplatten setzte, stürzte er, wie vom Blitze getroffen, tot nieder.

Anfangs glaubten die Angreifer, es seien die Flintenkugeln der Belagerten, die derart unter ihnen aufräumten; denn als das Geschützfeuer verstummt war, fielen wieder Gewehrschüsse und streckten manchen der durch das Tor Eindringenden nieder.

Aber die Kugeln flogen nur in die hinteren Reihen, und der Verteidiger der Fabrik waren es so wenige, daß es ihnen unmöglich war, so viele Geschosse zu gleicher Zeit zu versenden.

Schon türmten sich die Leichen auf der Schwelle, und wer eine berührte, sei es, um sie wegzuschaffen, sei es, um über sie wegzusteigen, brach ebenfalls lautlos zusammen, auch wenn gar kein Schuß fiel.

Diese unerhörte Erscheinung erfüllte die Derwische mit abergläubischem Entsetzen: sie drängten zurück, und keiner wagte es mehr, das todbringende Hindernis zu betreten.

Unterdessen hatten die Angreifer an mehreren Stellen die Sperrmauer niedergerissen, um durch die Breschen einzudringen, da das einzige Tor für die Massen zu eng war und den Verteidigern den Vorteil bot, daß sie die meisten der sich Durchzwängenden sofort niederschießen konnten, weil sie nur diesen einen schmalen Durchgang mit ihrem Feuer zu bestreichen brauchten.

Es war keine leichte Arbeit gewesen, die dicke Mauer zu durchbrechen, aber wo so viele Hände, mit starken Brechwerkzeugen bewaffnet, an der Arbeit waren, mußte der Wall schließlich nachgeben.

Jetzt fluteten die dichtgedrängten Scharen unaufhaltsam herein, aber nur bis zu der mörderischen Schwelle, die keiner lebend zu betreten vermochte.

Das Geheul verstummte. Von Schrecken gebannt, starrten die Derwische auf die Leichen, die begannen, den Weg zu versperren und jeden töteten, der sie auch nur zu berühren wagte.

Was brauchten diese weißen Zauberer mit Gewehren und Kanonen zu schießen? Das hatten sie offenbar nur zum Vergnügen getan! Verstanden sie doch, durch ein Hexenwerk, das alles in den Schatten stellte, was die Märchen aus Tausend und einer Nacht zu berichten wußten, ihre Festung unnahbar zu machen für jeden Sterblichen.

Die Belagerten hatten ihr Feuer eingestellt, um abzuwarten, ob die Einsicht, daß jeder Annäherungsversuch das Leben koste, die Angreifer nicht zum Rückzug bewegen werde.

Da drängte sich eine hagere Gestalt vor durch die erstarrten Reihen. »Ich kenne den Zauber der Giaurs,« rief er: »Dem Unkundigen bringt er den Tod, dem Kundigen aber ist er ungefährlich. Folget mir und tut wie ich tue!«

»Nur heran!« rief Helling spöttisch hinter seiner Deckung hervor.

Der Dürre erkannte ihn an der Stimme und brüllte in deutscher Sprache hinauf:

»Kennst du mich noch, Siegmund von Helling?«

Der Leutnant fuhr empor und schaute hinab auf ein abschreckend häßliches Antlitz, entstellt durch eine gräßliche Narbe und ein fehlendes Auge: »Emil!« rief er entsetzt.

»Ja! Emin Gegr oder Emil Geiger, – wie du willst! Die Stunde meiner Rache ist gekommen!«

Eine Kugel fuhr an Hellings Wange vorbei, der noch wie erstarrt dastand. Das brachte ihn zum Bewußtsein der Gefahr, der er sich aussetzte: er verschwand alsbald wieder hinter einer Steinplatte.

Der Einäugige aber sprang über Leichen hinweg mit beiden Füßen zugleich auf die unheimlichen Metallplatten. Er hatte erraten, daß ein hochgespannter elektrischer Strom hindurchgeleitet wurde, der jeden töten mußte, der sie mit einem Fuße betrat, während der andere mit dem Erdboden in Berührung stand, so daß der Körper des Unvorsichtigen zum Leiter des Starkstroms wurde, gleichsam Kurzschluß herbeiführend. Wer jedoch mit beiden Füßen zugleich darauf sprang, wurde zwar selber elektrisch geladen, konnte jedoch keinen Schaden nehmen. Genau so können ja auch die Vögel ohne Gefahr auf den Drähten einer Starkstromleitung sitzen, vorausgesetzt, daß sie nicht zwei Drähte zugleich berühren und so zur Leitung vom einen zum anderen werden, was ihren sofortigen Tod herbeiführen mußte.

Emin schritt auf der isolierten Eisenfläche vor und sprang dann wieder mit einem Satz auf die steinerne Schwelle des Fabrikeingangs. Unter der Türe wandte er sich um und rief den Derwischen zu: »Machet es, wie ich: springet über die Leichen eurer Brüder weg, daß ihr mit beiden Füßen zugleich auf die Schwelle gelangt, und ebenso springet mit beiden Füßen zugleich wieder herunter, dann ist der Zauber machtlos, wie ihr an mir gesehen habt!«

»Jetzt sind wir verloren!« flüsterte Albert Sieger dem Leutnant zu. »Eilen wir in die Schlucht, vielleicht ist Osman doch schon so weit fertig, daß wir durch die Lüfte entkommen können.«

In diesem Augenblick kam Fanny heraufgesprungen: »Papa, Onkel Siegmund! Ihr sollt alle gleich kommen. Die Räder sind bereit, Osman schraubt gerade die letzte Luftklappe zu!«

Helling hatte schon zuvor die drei Geschützrohre überladen, um sie zu sprengen, damit sie nicht in Abdullahis Hände fielen. Er brannte die gelegten Lunten an und sagte: »Schade nur, daß ich dem Schurken nicht eine Kugel gab, solange er auf der Schwelle stand. Jetzt ist es zu spät, weil er gut gedeckt unter dem Torbogen steht. Da wir in offenem Kampfe stehen, hätte ich mit gutem Gewissen aus ihn schießen dürfen, zumal wir uns ihm gegenüber immer in Notwehr befinden. Jetzt ist mir der tödliche Haß dieses Emin Gegr erklärlich, seit ich weiß, daß er kein anderer ist als Emil Geiger, dem mein Hieb damals ein Auge gekostet zu haben scheint. Aber warum er auch dich verfolgt, ist mir ein Rätsel. Oder halt! Es muß wegen deiner unglücklichen Gattin sein, die ihn einst abwies, und die wohl er in jener unseligen Nacht gemordet hat! Und nun soll er wieder entkommen!«

Inzwischen brannten die Lunten und Sieger rief: »Schnell, schnell! Denke jetzt an keine Rache! Jede Sekunde ist kostbar, es handelt sich um unser aller Leben. Es ist die höchste Zeit! Sie erbrechen schon die Haustüre!«

Sie eilten in größter Hast die Treppe hinunter, gefolgt von Jussuf und Ali.

Emin Gegr hatte mit seiner Aufforderung zunächst keinen Erfolg: alle scheuten das lebensgefährliche Hindernis.

Er wiederholte seine Aufforderung dringender, und der Kalifa, der jetzt auch in den Hof getreten war, befahl, ihm zu folgen. Da wagten die Mutigsten den Sprung, und als sie unbeschädigt hinübergelangten, folgten ihnen andere nach und ihre Äxte donnerten gegen das starke Tor, bis es zertrümmert zusammenbrach.

Die Derwische ergossen sich in den Flur.

»Zu spät!« rief Sieger, der eben mit den Seinen das Untergeschoß erreichte.

»Zu spät!« kreischte Emin Gegr in höhnischem Triumph, denn er vernahm den Ausruf durch die dünne Glastüre, die ihn noch allein von seinen Opfern trennte. Er schlug eine Scheibe ein und brüllte hindurch: »Auch dich, Otto von Helling, wird meine Rache jetzt vernichtend treffen, nachdem diese Lanze Ellas Herz durchbohrte!«

Dieser Ausruf gab unseren Freunden den Schlüssel zum letzten Rätsel: Geiger haßte den Ingenieur so glühend, weil er ihn für Siegmund von Hellings Bruder, Siegers Doppelgänger, hielt.

Die Glastüre war in einem Augenblick eingedrückt. Unsere Freunde sahen sich verloren.

Da rief Ali ihnen zu: »Habt ihr einen Weg zur Flucht, wie ihr sagt, so eilet, und Allah sei mit euch!«

Damit schlug er die hintere Haustüre hinter ihnen zu und verriegelte sie blitzschnell. Er selber legte rasch sein Gewehr an und schoß auf die durch die Glastüre drängenden Derwische auf drei Schritt Entfernung.

Die siegesgewissen Verfolger waren auf einen neuen Angriff nicht gefaßt gewesen. Es herrschte ziemliche Dunkelheit im Flur, nachdem die Ausgangstüre geschlossen war. Einen Augenblick zuvor hatte der grell hereinflutende Sonnenschein die Leute geblendet, deshalb konnten sie bei dem jetzigen Düster vorerst nichts erkennen. Sie merkten nur, daß auf sie geschossen wurde und einer um den anderen stürzte. Dann dachten sie, es könne auch hier noch eine lebensgefährliche Schutzvorrichtung auf sie lauern. Kurzum, im ersten Schrecken wichen sie zurück.

»Vorwärts! Vorwärts!« drängte Emin Gegr wütend. »Es ist ein einziger Mann, es ist Ali, der Verräter!« Sein eines Auge sah schärfer als die Augen der Zweiäugigen.

Ali bin Said hatte seine Munition verschossen und schwang drohend seine Lanze.

Die Derwische, die nun auch den einzelnen Mann erkannten, stürmten auf ihn ein. Die beiden ersten durchbohrte Alis Speer. Dann erhielt er selber eine tiefe Wunde. Er lehnte sich zurück an die Türe, die er verteidigte, und wehrte sich mit Löwenmut.

Doch es währte nicht mehr lange: aus zahlreichen Wunden blutend, sank er zuletzt entseelt zu Boden. Er hatte sein Leben für den geopfert, den er einst hatte morden wollen, um schnöden Gewinnes willen, und dessen Großmut sein im Grunde edles Herz gewonnen hatte.

Emin Gegr riß die Riegel zurück, öffnete die Türe und stieß eine gräßliche Verwünschung aus bei dem unerwarteten Anblick, der sich ihm darbot.

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