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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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44.
Fliegende Fahrräder

Sieger hatte gute Gründe, warum er das Werk mit so fieberhafter Eile betrieb.

Emin Gegr um Salama wagte sich zwar nicht in die Fabrik und war noch ängstlich bemüht, sich weder vom Ingenieur noch vom Leutnant erblicken zu lassen. Er hatte aber einige Arbeiter bestochen, ihm Kundschafterdienste zu leisten, so daß er über alle Vorgänge auf dem Laufenden blieb.

Seine Spione konnten ihm freilich keine Auskunft geben über das, was sie selber nicht sahen oder nicht begriffen. Immerhin gewann der Einäugige die Überzeugung, daß Sieger neben der Arbeit an Gewehren und Kanonen noch etwas anderes betrieb, und das konnte doch nur der Vorbereitung eines neuen Fluchtversuchs gelten.

Höchst ärgerlich über die Freilassung der Gefangenen, hörte er nicht auf, den Kalifa vor ihnen zu warnen, und sie zu verdächtigen. Nun war Abdullahi, wie alle Tyrannen, zum Mißtrauen geneigt, so daß es nicht ausbleiben konnte, daß derartige Einflüsterungen auf die Dauer wieder Einfluß auf sein argwöhnisches Gemüt gewannen. Sein Verdacht wurde dadurch bestärkt, daß der Ingenieur, so oft er an die Ablieferung von Kanonen und Gewehren gemahnt wurde, immer wieder neue Entschuldigungen vorbrachte.

Osman und Jussuf, die sich häufig nach Omderman begaben, erfuhren dort so manche Äußerung des »Herodes«, aus der sie ersahen, daß ein neues, drohendes Gewitter sich über Siegers Haupt zusammenzog.

Dieser beeilte sich daher, zunächst eines der Luftfahrräder in etwas kleinerem Maßstab als die andern fertigzustellen.

Als er so weit war, füllte er einen Behälter mit Schwefelsäure und Wasser und warf Metallstücke hinein, so daß sich Wasserstoffgas entwickelte. Der Deckel des Gefäßes hatte in der Mitte eine Öffnung, die in ein Rohr auslief. Von diesem wurde mittels eines Schlauches das Gas in die luftleer gepumpten Abteilungen im Innern des Fahrradkörpers geleitet.

Das Rad war mit soviel Ballast beschwert, daß es sich nicht vorzeitig vom Erdboden erheben konnte.

Es war eine dunkle, mondlose Nacht, als der Ingenieur in der Margayaschlucht die Füllung vornahm. Erwartungsvoll und mit klopfenden Herzen umstanden ihn die Seinigen, Hand anlegend, wo sie helfen konnten.

Endlich konnten die Ventile zugeschraubt werden.

Sieger bestieg das Rad, warf etwas mehr Ballast ab, als sein Körpergewicht betrug und siehe da! das Fahrzeug erhob sich langsam in die Lüfte.

Als es etwa hundert Meter über den obersten Rändern des Abgrunds schwebte, trat der kühne Luftfahrer die Pedale. Die starke Übertragung konnte mit geringer Anstrengung überwunden werden: der Erfinder hatte bei dem Bau seines Gefährts sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, dies durch sinnreiche Anordnungen zu ermöglichen. Andrerseits bewirkte die Stärke der Übertragung eine ungeheuer rasche Umdrehung der Schaufelräder: sie peitschten die Luft, ohne jedoch viel Geräusch zu verursachen, dank dem dachziegelartigen Übereinandergreifen der einzelnen Flügelteile, zwischen denen die Luft zum Teil entweichen konnte. Unten in der Schlucht hörte man keinen Laut, und das war gut, denn ein größeres Getöse, Rattern und Surren hätte die Wächter darauf aufmerksam machen können, daß in der Luft etwas vorging.

Sieger lenkte sein Fahrrad im Kreise herum und umflog dreimal das ganze Tal. Bei der herrschenden Windstille gelang ihm dies ohne jede Schwierigkeit, und das Treten ging so leicht, daß auch bei stundenlanger Fahrt unter gleichen Bedingungen, das heißt ohne Gegenwind, eine übermäßige Ermüdung ausgeschlossen schien.

Hochbefriedigt von diesem ersten Versuch, steuerte der Ingenieur der Mitte des Abgrundes zu, hielt dort an und öffnete ein Ventil oder eine Luftklappe, wie er sich lieber ausdrückte, um kein Fremdwort zu gebrauchen. Er ließ nur wenig Gas ausströmen, so daß er nur langsam sank und schließlich sanft auf dem Grunde der Schlucht landete.

»Wie war es?« fragte Helling.

»Ganz herrlich!« erwiderte Sieger: »Es ist ein wunderbar beseligendes Gefühl, so leicht durch die Luft zu eilen: da ist kein holperiger Weg, es gibt kein unangenehmes Gerüttel, keinen unliebsamen Stoß, nicht einmal ein leichtes Wellengeschaukel, – es geht so sanft und doch so geschwind dahin, daß der Vogel beim Fliegen kaum eine höhere Wonne empfinden kann. Was jedoch für uns das Wichtigste ist, das Fahrrad steigt, entwickelt eine ungemeine Geschwindigkeit bei geringem Kraftaufwand, läßt sich leicht und sicher lenken und ermöglicht einen langsamen, gefahrlosen Abstieg, ohne stärkeren Aufprall beim schließlichen Landen auf dem Erdboden.

»Darf ich auch einen Versuch machen?« fragte Onkel Siegmund, den es gar zu sehr nach einer solch köstlichen Luftfahrt lüstete.

»Gewiß! Es ist sogar nötig, daß ihr alle heute nacht eure erste Probefahrt macht, damit ihr im Ernstfall schon etwas mit dem Fahrzeug vertraut seid. Ich habe euch ja zu diesem Zweck seit längerer Zeit alles erklärt, so daß ihr die notwendigen Handgriffe kennt, und ich halte den Versuch selbst für Fanny für gefahrlos.«

»O, es ist ja alles so einfach,« meinte Fatme: »Ich habe alles behalten und weiß genau, wie man es machen muß.«

Nun durften Helling, dann Josef, nach ihm Osman und zuletzt Fatme eine kurze Luftfahrt unternehmen, und alle kehrten glücklich und ganz begeistert und entzückt zur Erde zurück.

Die eine Gasfüllung hatte für alle fünf Fahrten genügt, da jedesmal nur wenig Ballast abgeworfen wurde, um einen mäßigen Aufstieg zu ermöglichen, und ebenso beim Abstieg so wenig Gas wie möglich abgelassen worden war.

In den folgenden Nächten wurden noch einige dieser herrlichen Übungsfahrten unternommen, ohne daß je ein Unberufener etwas davon merkte, und bald hatten sich alle die größte Gewandtheit in der Fortbewegung und Lenkung der leichten Fahrzeuge angeeignet.

Ganz besonders wertvoll war es Sieger, durch genaue Messungen feststellen zu können, daß es ihm gelungen war, die Gaskammern so vorzüglich zu dichten und ihre Mündungen so gut zu verschließen, daß selbst nach drei Wochen der Gasverlust kaum merklich erschien.

Das Luftfahrrad war zweisitzig und von Anfang an zur Ausnahme zweier Personen berechnet, von denen die eine das Treten, die andere das Lenken übernehmen konnte. Sie saßen hinter einander, konnten jedoch auch in der Luft ohne Gefahr die Plätze wechseln und so einander beim Treten ablösen.

Allein die Probefahrten ergaben, daß zu wenig Ballast mitgenommen werden konnte, wenn das Fahrzeug mit zwei Fahrern belastet wurde. Sieger beschloß daher, die beiden anderen stärker und größer herzustellen, und dieses erste nur für eine Person zu bestimmen, da sie ja zu fünft waren.

Inzwischen wurden die Mahnungen und Drohungen des Kalifa immer dringender, unter dem Einfluß von Emin Gegrs Verdächtigungen.

Es mußte daher mit größter Beschleunigung an der Fertigstellung der Zweiräder gearbeitet werden, und da war es nicht mehr möglich, zu verhindern, daß nicht einer oder der andere der Arbeiter sie einmal zu Gesicht bekam. Keiner konnte sich zwar den Zweck dieser seltsamen Maschinen erklären, die doch kaum als Lafetten dienen konnten, aber Um Salama erfuhr durch seine Spione von ihnen und sagte sich gleich, daß es sich hier um besonders schnell fahrende Beförderungsmittel handeln werde, die eine Flucht ermöglichen sollten.

Er säumte nicht, dem Kalifa zu verraten, daß Sieger in aller Heimlichkeit ganz eigentümliche Maschinen baue, und teilte ihm seinen Verdacht bezüglich ihrer mutmaßlichen Bestimmung mit.

Die Sache schien Abdullahi so bedenklich, daß er in höchstem Zorn seinen Mulazem Hassan Bey Omkadok mit einem dringenden Auftrag zu Sieger schickte.

»Ich bringe dir eine Botschaft unsres gnädigen Herrn, dessen Leben Allah verlängern möge,« sagte mit freundlichem Grinsen der Dicke.

»Und wie lautet sie?« fragte der Ingenieur, dem nichts Gutes ahnte.

»Möge Allah dich erhalten! Denn niemand versteht es, so köstliche Merisa zu brauen, wie du, und ich wäre trostlos, wenn ich nie mehr ihren Duft zu genießen bekäme!«

»Deine Befürchtung weissagt mir nichts Gutes!«

»Allah hat seinem Knechte die Gabe der Weissagung nicht verliehen, doch der Kalifa, den Gott segnen möge, ist vom Geiste des Grimmes übermannt. Emin, der Vater des einen Auges, – Allah möge ihn auch des andern berauben, das er ihm aus Versehen gelassen! – hat dem Herrscher berichtet, du habest Wundermaschinen erbaut, auf denen ihr fliehen wollet, und die schneller durch die Wüste rollen werden, als das leichtfüßigste Dromedar, so daß euch niemand einholen könne. Auch das wäre meinem Herzen eine unerträgliche Prüfung; denn wenn du entweichst, wer wird dann ein Bier brauen, das die Huris im Paradiese zu kredenzen würdig wären?«

»Und was läßt mir Abdullahi entbieten?«

»O Abd el Ziger! Du sollst ihm erklären, zu was du die Zauberfahrzeuge erbaut hast. Morgen will er sie sehen und du sollst sie ihm geben, daß er sie in Verwahrung nehme und ihren Gebrauch überwache. Er will aber auch gute Kanonen sehen und Gewehre. Das alles sollst du ihm ausliefern zur Stunde des nächsten Sonnenaufgangs.«

»Sage dem Herrn, er solle sich noch einen Tag gedulden.«

»Ich darf ihm das nicht sagen: er läßt dir verkünden, daß er keine Ausflucht mehr hören und keine Stunde länger warten will. Seine Milde ist erschöpft und seine Langmut zu Ende. Wenn du ihm bei Sonnenaufgang nicht deine Redlichkeit beweisest durch Erfüllung seines Begehrs, so will er euch alle verstümmeln und hinrichten lassen.«

»Morgen bei Sonnenaufgang soll dein Herr nicht bloß eine, sondern drei Kanonen bei der Arbeit sehen; er möge selber kommen,« lautete Siegers Antwort.

Als die Arbeiter am Abend bälder als sonst aus der Fabrik entlassen worden waren, redete Sieger mit Helling, Osman und Jussuf: »Es ist alles zur Flucht bereit,« sagte er, »jeder nehme eines der sechs Gewehre, die der Kalifa mir als Modelle sandte. Patronen verlade ich auf unsere Lufträder. Ich bin nicht gewillt, dem Herodes eine brauchbare Kanone zu überlassen. Bei Sonnenaufgang wird er vergeblich Einlaß begehren. Er wird dann unsere Feste stürmen wollen. Ihr müßt sie mit Hilfe der Kanonen verteidigen, bis ich die Luftfahrzeuge zur Abfahrt bereit habe. Dann macht ihr die Kanonen unbrauchbar, und während die elektrische Schwelle unsere Verfolger am Eindringen hindert, steigen wir in die Lüfte empor. Versagen die Fahrräder, dann freilich hat unsere letzte Stunde geschlagen.«

Sofort wurde mit den Vorbereitungen begonnen. Während Jussuf und Helling zu den Kanonen, welche bereits auf dem flachen Dache der Fabrik an günstigem Platze lagen, Munition emporschleppten, trugen Osman und Sieger die soeben vollendeten Flugapparate zur Hintertüre der Fabrik hinaus. Dann wurden sämtliche Vorräte an Schwefelsäure in die hiezu bestimmten Behälter gegossen, Wasser nachgefüllt und die massenhaft vorhandenen Metallabfälle hineingeworfen, hierauf die Gefäße verschlossen und die Schläuche nach einem besonderen Behälter geleitet, in welchem das sich entwickelnde Wasserstoffgas zusammenströmte, um alsbald durch zwei Abzugsschläuche in die Lufträder übergeleitet zu werden.

Die Leichtigkeit der Maschinen hatte es Sieger gestattet, das Innere der Zylinder in mehrere Kammern abzuleiten, die nacheinander luftleer gepumpt und dann mit Gas gefüllt, zuletzt mittels Schraubenventilen verschlossen wurden. Auf diese Weise konnten sie auch eine schwere Beschädigung aushalten, ohne gleich zu sinken.

Aber die Nacht reichte zur Vollendung der Arbeit nicht aus.

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