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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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40.
Im Vorhof der Hölle

Idris el Seier, ein roher, grausamer Mensch, war seit des Mahdi Tagen der Gefangenenwärter von Omderman. Das Gefängnis wurde daher »Bet el Seier«, späterhin kurzweg »Seier« benannt.

Wenn es selbst von den harten Sudanarabern, die gewohnt waren, große Qualen stillschweigend zu ertragen, ein Vorhof der Hölle genannt wurde, so mußte der Aufenthalt im Seier schon etwas ganz außergewöhnlich Schauderhaftes sein. Ja, einige erklärten und glaubten, die Hölle könne so schlimm nicht sein wie das Bet el Seier.

Die Gefangenen wurden gekettet in einen niederen Steinbau getrieben, dessen Luft aufs entsetzlichste verpestet war und wie in einem Backofen glühte. Hier standen sie eng aneinander gedrängt; von Sitzen oder gar Liegen konnte keine Rede sein: dazu war der Raum zu überfüllt.

Osman, der stets an frische Luft gewöhnt war, fiel nach wenigen Minuten in Ohnmacht, und hätten ihn sein Vater und Jussuf nicht mit starken Armen aufrecht gehalten, so wäre er zu Boden gesunken und unter den Füßen der Mitgefangenen zertreten worden. Helling wurde vor Hitze und Luftmangel beinahe wahnsinnig. »Die Marter hat der Teufel erfunden!« keuchte er, »dieser Idris scheint mit dem Satan ein und dieselbe Person zu sein. Wie ist mir doch? Nennen die Araber den Bösen nicht Idris?«

»Iblis heißt er in den Märchen von ›Tausend und einer Nacht‹,« erwiderte Sieger.

»Na, Iblis oder Idris, ganz egal! Jedenfalls hat er genau ausgerechnet, wie viel Menschenleiber dieser Höllenraum faßt: es möchte ihm kaum gelingen, noch einen weiteren Insassen hier unterzubringen.«

Darin täuschte sich Leutnant von Helling: die Ketten vor der Eingangstüre rasselten, die Türe öffnete sich und ein weiterer Zug von etwa zehn Gefangenen wurde eingetrieben. Es schien unmöglich, sie in den überfüllten Raum noch einzupferchen, und dennoch fanden die Wächter Mittel und Wege, dies zu ermöglichen!

Vier oder fünf wurden gewaltsam hineingepreßt: dann aber schien es ausgeschlossen, für die Anderen Raum zu gewinnen. Da ließ Idris den Korbatsch, die schreckliche Nilpferdpeitsche, über die Köpfe der Insassen sausen, und das half! Die Vordersten wichen zurück, alles hinter sich zusammenschiebend. Dennoch konnten nicht alle die neuen Ankömmlinge untergebracht werden. Schließlich ist es doch ein Naturgesetz, daß nicht mehr Menschen in einen Raum gebracht werden können, als er zu fassen vermag.

Doch Idris el Seier kümmerte sich um kein Naturgesetz, das ihm nicht paßte: er hatte noch nicht alle seine Mittel erschöpft. Er warf Hände voll brennenden dürren Grases zur Türe hinein, und wirklich gab die Angst vor Brandwunden den Nächststehenden so viel Kraft, daß sie noch einmal zurückzuweichen vermochten, bis alle Gefangenen hineingestopft waren und die Türe sich wieder schloß.

Nun aber begann ein Wüten und Toben, das jeder Beschreibung spottet: Die Männer standen so dicht aufeinander, daß selbst ein genügendes Atemholen zur Unmöglichkeit wurde, und sie fürchten mußten, zu ersticken. Der Selbsterhaltungstrieb veranlaßte sie, alles zu versuchen, um sich gewaltsam ein wenig Luft zu verschaffen. Und obgleich es schien, daß keiner mehr ein Glied zu rühren vermöge, so drängten und stießen sie doch aus Leibeskräften, schlugen wild um sich, bissen und kratzten, wobei das Gebrüll und Kettengerassel einen höllischen Lärm verursachte.

Einige Male noch öffneten die Wärter die Türe und stellten durch sausende Korbatschhiebe die Ruhe wieder her. Allein nach kurzer Zeit begann der Kampf ums Leben wieder so rasend wie zuvor. Wer dabei zusammenbrach, war rettungslos verloren: unter den zahlreichen kettenschweren Füßen seiner stampfenden Leidensgenossen wurde er zertreten und zermalmt.

Diese naturgetreue Schilderung des Gefängnisses des Kalifa Abdullahs in Omderman wird genügen, um klar zu machen, wie sehr es den Namen »Vorhof der Hölle« verdiente: die Wirklichkeit war so entsetzlich, daß die verworfenste menschliche Phantasie nicht vermocht hätte, sie zu überbieten oder nur zu erreichen.

Ein Glück war es für unsere Freunde, daß sie in eine Ecke gedrängt worden waren, wo sie im Rücken und zur Seite die Mauern hatten. So waren sie dem Gedränge bloß von zwei Seiten ausgesetzt, statt von vier und konnten diese schreckliche Nacht wenigstens überleben. Da sich hier auch ein Luftloch in der Mauer befand, erholte sich Osman nach und nach von seiner Ohnmacht.

Hie und da stürzte ein Elender vom Schlage getroffen nieder. »Das Blut hat ihn geschlagen,« sagten die Umstehenden und freuten sich, etwas mehr Raum gewonnen zu haben.

Als am anderen Morgen die Türe sich öffnete, und die schweißtriefenden, halbtoten Jammergestalten ins Freie gelassen wurden, lagen mehr als zehn bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leichen auf der Erde!

»Solche Nächte halten wir nicht viele aus!« sagte Helling zu Sieger, als sie sich im Schatten einer Mauer ausstreckten. »Um mich ist's ja nicht schade, ich habe solches und ähnliches verdient. Aber du tust mir leid und besonders der Knabe Osman.«

»Und an allem ist dieser Salami schuld!« knirschte Jussuf wütend.

Nun erschien Hassan Bey Omkadok, dessen Gesicht auch an dieser Stätte des Elends das Lachen nicht verlernte. »Ich habe vom Kalifa erwirkt, daß Osman befreit werden soll, damit ihr wenigstens nicht Hungers sterbet. Ich werde schon alle Tage etwas übrig haben, das ich euch durch den Knaben zukommen lassen kann.«

Die Gefangenen bekamen nämlich zur Nahrung bloß, was ihnen von Verwandten oder Freunden zugeschickt oder gebracht wurde; aber auch davon nahmen die Wächter mit Gewalt oder unter Drohungen das Beste und Meiste für sich. Diejenigen, die keine oder nur ganz arme Freunde hatten, mußten elend verhungern; wenn ihnen auch das Mitleid der Mitgefangenen manchen Bissen zukommen ließ, so hatten doch diese selbst meist kaum genug, um ihr Leben zu fristen, so daß diejenigen, die auf solche Mildtätigkeit angewiesen waren, über kurz oder lang vor Schwäche zugrunde gingen.

Osman wurde tatsächlich der Fesseln entledigt und freigelassen. Er konnte das Elend der vielen Hungernden nicht mit ansehen. Die Not machte ihn erfinderisch: er suchte da und dort reicheren Einwohnern in Omderman Dienste zu leisten und Arbeiten zu verrichten, um etwas zu verdienen, sei es an Speise, sei es an Geld. Für letzteres kaufte er dann Lebensmittel, so daß er täglich nicht bloß die Seinigen versorgte, sondern auch für die vielen Hungernden im Seier noch etwas übrig hatte.

Dieses edelmütige Handeln machte ihn bald bekannt und beliebt, und die Gaben flossen dem freundlichen, sympathischen Jüngling von allen Seiten reichlich zu, solange er den Seier besuchte, und das tat er fortan täglich; in der ganzen Zeit, da er in Omderman und im Margayatale war, starb kein Gefangener mehr an Entkräftung.

Die Araber, welche, ohne selber die Gebote des Korans mehr als äußerlich zu befolgen, doch einen solchen Edelmut nach dem Sinne des Propheten an Anderen hoch zu schätzen wußten, rühmten überall den jungen Osman als den Engel der Gefangenen.

Ali bin Said hatte sich inzwischen der kleinen Fatme angenommen und väterlich für sie gesorgt. Sie war nicht mit den anderen eingesperrt worden, sonst wäre sie kaum mit dem Leben davongekommen. Nun half sie ihrem Bruder in seinem Liebesdienst, und das anmutige Mädchen fand überall offene Hände, besonders auch unter den Arbeitern ihres Vaters, die jetzt freilich beschäftigungslos waren. Ihr Lohn war jedoch so reichlich bemessen worden, daß fast alle noch für längere Zeit gut zu leben hatten. Sie wußten, daß sie dies ihrem Fabrikherrn zu danken hatten, der stets auf ihr Wohl bedacht gewesen war und mehr für sie als für sich selber sorgte, während es ihm doch leicht gewesen wäre, sich Reichtümer anzusammeln, hätte er niedrigere Löhne ausbezahlt, wie es in seinem Belieben gestanden wäre.

Nun erwiesen sie sich dankbar und freuten sich, ihrem edlen Herrn in seiner Not nach Kräften beistehen zu können.

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