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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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39.
Der Steppenbrand

Kaum ein Stündlein mochten unsere Freunde so der Ruhe gepflogen haben, als Osman, der sich eben wieder erhoben hatte, um Umschau zu halten, plötzlich ausrief: »Vater, dort kommen Leute des Kalifa!«

Mit seinen scharfen Augen hatte der Jüngling entdeckt, daß sich ein Trupp Reiter in schnellstem Trab nahte, und trotz der großen Entfernung vermochte er bereits ihre Tracht so sicher zu erkennen, daß er gleich wußte, es könnten nur Derwische im Dienste Abdullahis sein.

»Es ist kaum glaublich, daß man uns schon auf der Spur sein sollte!« meinte Sieger, sich erhebend und das Fernrohr hervorziehend, das er vorsorglich mitgenommen hatte.

Kaum aber hatte er den Feldstecher auf die Nahenden gerichtet und scharf eingestellt, als er in höchstem Schrecken ausrief: »Wahrhaftig! Der Junge hat recht! Auf, auf! Nur die schnellste Flucht kann uns noch retten!«

Es war aber geringe Aussicht, auf den übermüdeten Kamelen den Verfolgern zu entkommen, die jedenfalls unterwegs öfters Gelegenheit gefunden hatten, ihre ermatteten Tiere gegen frische einzutauschen.

Doch es mußte versucht werden.

Alle bestiegen ihre Dromedare, Johannes und Fanny wieder das ihnen gemeinsam gehörige Baër, das kräftigste und schnellste von allen. Nur Josef zögerte noch, was aber von den Anderen nicht gleich bemerkt wurde.

Als jedoch abgeritten werden sollte, sah sich Helling noch einmal um, ob auch Alle bereit seien, und rief in höchstem Erstaunen: »Aber Josef, was fällt denn dir ein? Du läufst ja dem Feind in die Hände! Willst du dich für uns aufopfern? Auf mit dir, und fort! Es hat doch keinen Zweck: du allein kannst die Kerls unmöglich lange aufhalten, waffenlos, wie du bist.«

Nun zögerten auch die Anderen mit dem Antreiben ihrer Dromedare und sahen sich um, was mit dem Diener los sei.

Dieser war durch das Bett des Chor Gandul zurückgegangen, und bald zeigte sich, was er beabsichtigte: während er zurückkehrte und sein Kamel bestieg, sah man an der Stelle, die er soeben verlassen, einen schwarzen Rauch aufsteigen; dann zuckten Flammen auf, die aber bei der flimmernden Sonnenglut kaum sichtbar waren; Josef hatte das dürre Gras der Steppe angezündet, und da der Wind aus Nordwesten blies, entstand in kurzer Zeit ein breiter Flammengürtel, der sich den Häschern des Kalifa entgegenwälzte. Diese waren bisher ahnungslos im schnellsten Trabe weitergeritten; nun aber stutzten sie, dann wandten sie die Kamele und in rasendem Lauf ging es zurück. Gelang es ihnen nicht, den Chor Laban zwischen sich und das Flammenmeer zu setzen, ehe das Feuer sie erreichte, so waren sie unrettbar verloren.

.

»Das ist grausam!« sagte Sieger zu seinem Diener.

»Herr, es gilt Euer Leben und der Kinder und des Herrn Helling. Meinetwegen dürfen alle entkommen, wenn nur der verräterische Salami, der sicher dabei ist, auf dem Platze bleibt.«

Unsere Freunde dachten im Augenblick an gar keine Flucht mehr: das Schauspiel war zu aufregend, wie die Kamele in verzweifelter Hast mit ihren geängstigten Reitern dahinstoben, während die züngelnden Flammen hinter ihnen her wehten. Bald aber entzog eine Mauer von Qualm mit Funken durchsetzt die Bedrohten den Blicken.

Jetzt erst erwachten unsere Freunde wieder zum Bewußtsein der eigenen, dringenden Gefahr; und nun ging's weiter zwischen den Erhöhungen des Djebel Bayuda hindurch dem Chor el Ghanem zu.

Wie sie jedoch das Gebirge verließen, fielen einige Schüsse aus einem Hinterhalte. Zwei der Kamele stürzten getroffen zu Boden, und dem dritten fiel ein Mann in die Zügel, der hinter einem Felsblock hervorsprang, und dem noch sechs weitere Bewaffnete folgten. Ehe unsere Freunde an eine völlig aussichtslose Gegenwehr denken konnten, waren sie gefesselt, auf Kamele gebunden und wurden den Weg zurückgebracht, den sie eben gekommen waren.

Johannes und Fanny hätten entkommen können, denn sie allein, die etwas abseits ritten, waren nicht angefallen worden, und ihr Tier war, wie gesagt, besonders schnellfüßig: seine Doppellast, die nicht allzuschwer war, behinderte es nicht im geringsten.

Als jedoch die Kinder ihren Vater, Onkel Helling und Jussuf gefangen sahen, kehrten sie freiwillig um. Etwas anderes wäre ihnen gar nicht denkbar erschienen.

Da Emin Gegr wußte, daß Sieger mit den Seinigen durch die Margayaberge geflohen war und von dort an den Wadi Mokattam gelangen mußte, so konnte er ihren Weg mit fast unfehlbarer Sicherheit erraten: sie würden zweifellos den Fluß entlang reiten bis nach Ambukol, wo er sich in den Nil ergießt, und sich dann nach Dongola wenden.

Als es ihm nun nicht gelang, den Kalifa gleich zu sprechen, ihm die Flucht zu verraten und so die sofortige Verfolgung zu veranlassen, bestimmte er eine Anzahl Leute durch Versprechung eines hohen Lohnes, sofort aufzubrechen und in beschleunigtem Ritt diese ihm bekannte Stelle zu erreichen, die ein geeignetes Versteck zu einem Hinterhalte bot, an dem die Flüchtlinge ohne allen Zweifel vorüberkommen mußten.

Seine Berechnung hatte sich als nur zu richtig erwiesen, und somit war sein Anschlag geglückt, der sonst durch Josefs kluge Tat vereitelt worden wäre.

Emin Gegr selber hatte sich diesem Vortrab nicht anschließen können, weil er für alle Fälle eine größere Macht auf die Spur der von ihm so glühend Gehaßten hetzen wollte. Dazu mußte er aber erst dem Kalifa seine Mitteilungen machen, und das gelang ihm, wie wir wissen, erst nach dem zweiten, so kläglich verlaufenen Probeschießen. Er hatte dem Herrscher gleich mitgeteilt, welche Schritte er schon auf eigene Faust unternommen hatte, und dieser billigte gerne seine vernünftige Maßregel, versprach auch den Vorangerittenen die reiche Belohnung zu gewähren, die der Einäugige ihnen versprochen, und die er ihnen aus seinen geringen Mitteln unmöglich hätte auszahlen können. Emin hatte auch in Rechnung gezogen, daß der Kalifa dafür aufkommen werde, hatte er doch in dessen Interesse gehandelt, wenn auch aus durchaus selbstsüchtigen Gründen.

Der Zweck des Hinterhalts war erreicht, und die Häscher ritten mit ihren Gefangenen siegesfroh nach Süden, um sich mit den Leuten des Kalifa zu vereinigen, deren Nahen sie bemerkt hatten. Freilich wußten sie nicht, ob es ihnen gelungen war, dem Flammenmeer zu entrinnen, das die Verfolgten ihnen entgegensandten.

Die Bedrohten hatten aber mit knapper Not den Chor Laban erreicht und ihn überschreiten können, ehe die Glut sie erfaßte; denn die entsetzten Kamele entwickelten eine Schnelligkeit, wie wohl sonst nie in ihrem Leben: die Hitze und der Brandgeruch, den der Wind den Flammen vorausjagte, genügten, sie zur höchsten Eile anzutreiben; es galt ihr Leben, wie das ihrer Retter, und dessen schienen sie sich bewußt zu sein.

Unsere Freunde waren bei dem Ritt, zurück in die Höhle des Tigers, tief niedergeschlagen, denn daß sie nichts Gutes erwartete, war selbstverständlich. Sie konnten nur noch heiß zum Himmel flehen, es gnädig zu machen.

Beim Bir el Bayuda mußte ein Umweg gemacht werden, da der Steppenbrand zur Linken noch wütete und da, wo er erloschen war, rauchende Gluten auf dem Boden zurückgelassen hatte.

Nach einigen Stunden eines angestrengten Rittes erreichten die Häscher des Kalifen ihre dem Steppenbrande glücklich entronnenen Gefährten, deren Führer jedoch der Begegnung mit den Gefangenen auswich und fortan mehrere hundert Schritt vor dem Zuge herritt.

»Es ist gut,« murmelte er, »daß ich eine Vorhut aussandte, sonst wären mir die Vögel am Ende doch noch entgangen; den Wiedersehensauftritt aber mit Freund Helling will ich auf gelegenere Zeit aufsparen.«

Als dem Kalifa die Einbringung der Flüchtlinge gemeldet wurde, befahl er, sie zu fesseln und in den Seier zu schaffen. Um Salama vernahm dies mit teuflischer Freude: »So mögt ihr den Vorhof der Hölle auch kosten, wie ich ihn kennen lernte! Ich bin ihm entronnen, ihr aber sollt nicht so leichten Kaufes davonkommen!«

Der Kalifa war hocherfreut, daß er die Entwichenen wieder in seiner Gewalt hatte, und überlegte sich, ob er nun zur Strafe die angedrohte Verstümmelung anordnen oder die Gefangenen hinrichten lassen solle, oder aber beides, wie Emin Gegrs satanische Bosheit ihm riet.

Bis er zu einem Entschluße gekommen wäre, sollten sie eben im Seier schmachten, was ja schon an und für sich eine entsetzliche Strafe war.

Dabei hinderte ihn noch ein anderer Gedanke, allzurasch eine Gewalttat zu verüben, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte: seine Hoffnung, eine Menge Kanonen zu bekommen, war ihm gar zu sehr ans Herz gewachsen, und es handelte sich dabei um etwas für ihn und den Fortbestand seiner Herrschaft so ungemein Wichtiges, daß er sich nicht so leicht entschließen konnte, denjenigen, der allein imstande war, ihn ans Ziel dieser Wünsche zu bringen, zu töten oder durch eine Verstümmelung seiner selbst oder seiner Kinder und Freunde sich derart zu verfeinden, daß sein tödlicher Haß ihn für immer verhindert hätte, dem Tyrannen zu Willen zu sein.

So rasch er daher sonst mit den unmenschlichsten Strafen bei der Hand war, so gebot ihm doch in diesem Falle die Vernunft, sich vor jeder Übereilung zu hüten.

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