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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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38.
In der Bayudasteppe

Ich wollte, ich hätte den elektrischen Strom in die Metallplatten geleitet,« sagte Sieger, als unsere Freunde durch die Schlucht, in dem sie aus dem Tunnel gelangt waren, dem Uadi Chemba zueilten. »Wie konnte ich nur daran nicht denken! Niemand hätte in das Margayatal einzudringen vermocht, und tagelang hätte man unsere Flucht nicht mit Sicherheit feststellen können. So hätten wir einen Vorsprung gewonnen, der jede Verfolgung aussichtslos gemacht hätte.«

»Malesch!« erwiderte Leutnant Helling, »vielleicht hätte die elektrische Sperre nur Verdacht erregt. Den Eingang zur Höhle hast du doch nicht offen stehen gelassen?«

»Nein, gewiß nicht! Den habe ich wieder sorgfältig verschlossen, wie immer. Nur den Riegel konnte ich natürlich nicht einschieben, weil ja das nur von außen möglich ist.«

»Dann ist keine Gefahr,« bemerkte Jussuf: »Selbst der schlaue Salami würde hinter dem harmlosen Felsen kein Geheimnis wittern, und wenn auch, so könnte er niemals erraten, wie man es angreifen muß, um den Block beiseite zu schieben.«

»Das ist wahr,« stimmte Sieger zu: »Voraussichtlich wird unsere Flucht nicht vor morgen entdeckt, und dann haben unsere Feinde nicht den geringsten Anhaltspunkt, der ihnen verriete, wohin wir uns gewendet haben. Gott ist auch noch da, auf dessen Schutz und Hilfe wir uns verlassen dürfen – also wollen wir uns keine überflüssigen Sorgen machen.«

Als die Nacht hereinbrach, wurde einige Stunden in dem öden Felstale geruht, das den besten Schutz bot. Doch lange vor Tagesanbruch weckte Sieger die Schläfer und mahnte zum Weitermarsch, der nach einem kleinen kalten Frühstück angetreten wurde.

Bald wurde der Ausgang der Schlucht erreicht, man ließ die Margayaberge hinter sich und trat in die weite Bayudasteppe ein, die nur mit spärlichem, jetzt völlig dürrem Grase bewachsen war. Nur an den zahlreichen Chors, den Bächen und Flüßchen, die sie durchschneiden, so wie an einigen nie vertrocknenden Wassertümpeln zeigte sich saftiges Buschwerk und reicherer Pflanzenwuchs.

Den ganzen Tag wanderten unsere Freunde durch die Savanne, ohne ein lebendes Wesen anzutreffen, außer einigen Antilopen und Hyänen. Die Lebensmittel begannen ihnen schon knapp zu werden, da Sieger keine großen Vorräte hatte mitnehmen können, die auf der Fußwanderung zu sehr belastet, und so die Flucht verzögert hätten. Ein Glück, daß man wenigstens immer wieder trinkbares Wasser fand!

Am Ufer eines kleinen Wasserlaufes wurde genächtigt. Doch wurde wieder in aller Frühe bei Mondschein aufgebrochen.

Unsere Freunde fanden auch diese Nachtwanderungen am angenehmsten und zogen es vor, den versäumten Schlaf während der größten Tageshitze nachzuholen.

Gegen Morgen stießen sie auf ein Lager nomadisierender Kababisch. Dieser Völkerstamm, der die Bayudasteppe bewohnt und seine Kamele von einem Weideplatz zum anderen führt, lebt hauptsächlich vom Vermieten und Verkauf von Kamelen an Karawanen. Hier konnte Sieger fünf gute Reittiere erstehen, die mit einigen Wasserschläuchen, einem Vorrat von Datteln und Durrah (Getreide) beladen wurden, und, alsbald bestiegen, die Flüchtlinge in raschem Trabe dem Wadi Mokattam zutrugen.

Tag und Nacht reitend, erreichten sie am vierten Tage jenes Tal, dessen nur in der Regenzeit wasserführender Chor dem Nil bei Dongola zufließt.

Hier mußte den erschöpften Tieren endlich Ruhe gegönnt werden; auch die Reiter bedurften dringend des Schlafes, der sie immer wieder im Sattel zu überfallen drohte. Durch laute Rufe hatten sie einander jedesmal ermuntert; denn ein Sturz von der Höhe eines Kamelrückens herab ist nicht ungefährlich.

Nachdem die Ermatteten den ganzen Nachmittag und die halbe Nacht geschlafen hatten, wurden sie durch ein schreckliches Geschrei und Gebrüll aufgeweckt. Das Blut erstarrte ihnen in den Adern, als sie einen mächtigen Löwen gewahrten, der sich auf eines der Kamele geworfen hatte, das nun in Todesangst aufsprang und hinwegstürmte, seine Fährte mit Blut bezeichnend.

»Das sind schlimme Aussichten für uns, die wir keine Schußwaffen haben,« sagte Sieger bedrückt.

»Wir müssen bei nächster Gelegenheit welche zu kaufen suchen,« meinte Helling.

»Das wird schwer halten, zumal ich wenig Geld mehr übrig habe; doch Gott wird uns schon durchhelfen.«

Fanny mußte nun ein Kamel mit Johannes besteigen. Wiederum wurde Tag und Nacht geritten, bis am sechsten Tage seit der Flucht der Chor el Laban erreicht wurde, ein Nebenfluß des Mokattam.

Da die Wasserschläuche leer waren, sehnten sich unsere Freunde, an den Bir el Bayuda zu gelangen, einen bekannten Brunnen an der Karawanenstraße. Sieger hielt mit dem Fernrohr Ausschau und entdeckte auch bald den Brunnen, der nicht mehr ferne war. Dort durften sie wohl den ermatteten Gliedern wieder einige Stunden Rast gönnen; denn es wäre ihnen nach den Strapazen der letzten Tage ohne eine Erholung nicht möglich gewesen, die Reise fortzusetzen; auch mußten die Tiere geschont werden.

Bald lagerten denn auch unsere Freunde im Schatten der Palmen am Bir el Bayuda am Fuße des Djebel Bayuda, wo der Chor Gandul sich mit dem Mokattam vereinigt.

Wie behaglich war es, hier im Schatten, am kühlen Wasser den erschlafften und von der Gluthitze ausgedörrten Leib auszustrecken. Zwar mochte die »Kühle des Wassers« nur wie eine übel angebrachte Redensart klingen, denn das Wasser des Brunnens war ziemlich lau und dasjenige der beiden Flüsse, das ganz spärlich floß, noch wärmer. Und doch erregte das verdunstende Naß ein angenehmes Gefühl der Frische, zumal unsere Freunde sich immer wieder Gesicht und Kopf wuschen und trinken konnten, so viel sie nur wollten.

Unterwegs mußte das Wasser in den Schläuchen oft gespart werden, wenn man nicht sicher wußte, daß es bald erneuert werden konnte. Und dann, wie heiß und unerquicklich wurde es so bald in den der Sonne ausgesetzten Schläuchen! Da schätzte man es um so mehr, wenn man einen verhältnismäßig kühlen Trunk genießen konnte, und sich keine Beschränkung dieses köstlichen Genusses aufzuerlegen brauchte.

Die Schläuche wurden gefüllt, der Hunger wurde gestillt, und dann gab man sich ganz der wohligen Ruhe hin.

Nur Osman erhob sich zuweilen und spähte nach allen Seiten in die sonndurchglühte Steppe hinaus.

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