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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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37.
Neue Flucht

Sieger beauftragte Josef und Helling, die Päcke in die Höhle zu befördern, die für den Fall der Flucht zur Mitnahme gerichtet waren, und Fanny sollte die Beiden gleich begleiten. Er würde so bald als möglich nachfolgen, denn jetzt gälte es keine Minute mehr unnötig zu verlieren, um möglichst weit fort zu sein, wenn ihr Entweichen bemerkt und die Verfolgung aufgenommen würde.

Die Päcke waren so leicht bemessen, daß sie ohne zu große Beschwerung getragen werden konnten, bis sich die Möglichkeit bot, Kamele zu erwerben. Sie enthielten die nötigsten Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände.

Dann ordnete der Ingenieur an, daß sämtliche Arbeiten in der Fabrik eingestellt würden, da der Tag gefeiert werden müsse, an dem der erste Erfolg die lange, mühevolle Arbeit gekrönt habe.

Die Arbeiter und die Wächter unter dem Bimbaschi Ismain lagerten sich vor der Sperrmauer am Eingang des Margayatals, und Ali, dem einige Sklaven beigegeben wurden, war beauftragt, sie reichlich mit Speisen und namentlich mit Getränken zu versehen. Die Merisa sollte heute in Strömen stießen.

»Ich selber will mit den Meinen den Tag im Margayatale feiern,« sagte Sieger zu Ismain. »Denn wollten wir uns hier draußen bei euch lagern, so wäret ihr nur im Genusse gestört, weil ihr stets ein scharfes Auge auf uns haben müßtet. Siehe, da kommt ja auch Hassan Bey Omkadok, dein Bruder.«

»Die Biene wird vom Wohlgeruch des Honigs angelockt und Hassan vom Dufte der Merisa, den er von ferne wittert,« erwiderte der Bimbaschi, der seinen Bruder genau kannte. In der Tat schien der Mulazem bis tief nach Omderman hinein den Geruch seines Lieblingsgetränkes wahrgenommen zu haben, der ihn unwiderstehlich zu der Stelle zog, von der er ausströmte.

»Ali, sorge dafür, daß Hassans und Ismains Krüge nie leer sind!« befahl der Gastgeber, wofür die beiden Bevorzugten ihm Allahs Segen wünschten.

Bei dem bunten Treiben und der freudigen Erregung, die hier draußen herrschten, bemerkte niemand, daß sich eine tiefverhüllte Gestalt in das Wächterhaus schlich, und von hier aus durch die Fabrik in die Schlucht, wo sie sich hinter einem Felsen verbarg.

Das war natürlich Emin Gegr um Salama.

»Es sollte mich wundern,« sprach er vor sich hin, »wenn die Gebrüder Helling mit diesem Feste nicht etwas im Schilde führen und irgend eine List dahinter verbergen. Mit der Kanone haben sie den Kalifa wieder in Vertrauen eingewiegt; aber ich werde dafür sorgen, daß sie diesmal nicht entkommen, und wenn es ihnen auch gelingt, sämtliche Arbeiter und Wächter derart in Merisa zu berauschen, daß ihnen die Bahn aus dem Tale offen liegt.«

Sieger hielt sich nicht länger als nötig unter den Schmausenden und Zechenden auf. Sobald er das Gelage so recht im Gange sah, begab er sich in die Fabrik zurück. Er konnte sich jetzt getrost entfernen, ohne daß es auffiel; niemand würde ihn vermissen, da man ihn mit den Seinen ebenfalls feiernd im Tale glaubte.

Alles kam jetzt darauf an, ob sich Helling und Johannes nicht getäuscht hatten und der Tunneldurchbruch bald gelang oder inzwischen schon erfolgt war. Denn morgen, das wußte er sicher, würde die gnädige Stimmung des Kalifa in grenzenlose Wut umschlagen, wenn die unvermeidliche Katastrophe mit der Kanone eintrat.

In höchster Eile lief er durch die verlassenen Fabrikgebäude in die Schlucht hinaus und durch diese bis zu dem Felsen, der den Eingang zur Höhle verschloß. Unterwegs schloß er rasch das Schleusentor. Die Eisenstange, die als Riegel diente, lag in einer Felsspalte verborgen, wie immer, wenn sich jemand in der Grotte befand. Denn von innen konnte der Riegel nicht vorgeschoben werden. Dies erschien auch belanglos, denn wer konnte hinter dem Felsblock ein Geheimnis ahnen, und wenn auch, welcher Uneingeweihte hätte es vermocht, den Stein zurückzuschieben, da er den Kunstgriff nicht kannte, durch den dies allein ermöglicht wurde?

Der Ingenieur hatte bald den Eingang zur Höhle freigelegt und schlüpfte hinein. Da er sich allein in der Schlucht wußte oder wenigstens glaubte, sich völlig unbemerkt zu wissen, hatte er nicht Umschau gehalten, und so war es ihm völlig entgangen, daß ihm in gemessener Entfernung eine Gestalt gefolgt war, die sich hinter jeden Felsvorsprung duckte und dann wieder mit katzenartigen Sprüngen der nächsten Deckung zueilte, sich dahinter zu verbergen und behutsam vorzuspähen.

Zuletzt stand der Spion vor dem Felsblock, der hinter Sieger den Eingang zur Höhle wieder verschlossen hatte.

»Hier ist er im Erdboden verschwunden!« murmelte der Verfolger zwischen den Zähnen: »Was will er da drinnen, was für ein Geheimnis birgt dieser verborgene Zugang? Ich werde ihm doch auf die Schliche kommen! Zu dumm, daß ich ihn gerade im letzten Augenblick nicht beobachten konnte, weil er so scharf zurückschaute und ich den Kopf schnell wieder zurückziehen mußte. Aber als ich wieder nach ihm spähte, war er weg, und es schien mir, als habe sich dieser Fels bewegt.«

Nun versuchte er es auf jede Weise, den Block wegzuwälzen; allein dieser erwies sich als zu schwer und wankte nicht. Da strengte der Einäugige seine ganze, mehr als gewöhnliche Kraft an und siehe, der Stein bewegte sich! Noch ein gewaltiger Ruck, und plötzlich kam die schwere Masse aus dem Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Um ein Haar hätte sie hiebei Emin Gegr zermalmt. Nur ein rascher Sprung rettete den Bedrohten, dessen linker Fuß jedoch von dem Felsen getroffen wurde, derart, daß ein ansehnliches Stück Fleisch aus der Ferse gerissen wurde.

Mit einem abgerissenen Streifen seines Turbans verband Um Salama die blutende Wunde und hinkte dann dem gähnenden Loche entgegen, das sich vor seinen Füßen öffnete.

Als inzwischen der Ingenieur bis an das äußerste Ende des Tunnels vorgedrungen war, empfing ihn ein dreifaches Hurra. »Licht, Licht!« rief Osman, »die Wand ist durchbrochen!«

»Es ist aber auch höchste Zeit,« sagte Sieger, von freudiger Hoffnung belebt, »wenn wir nicht einen ansehnlichen Vorsprung gewinnen, ehe unsere Flucht entdeckt wird, so sind wir bald verloren. Ein Glück, daß ich nun Geld genug habe, um Kamele zu kaufen; aber wo werden wir welche finden? Wenn der Kalifa wüßte, zu was mir seine Spende dienen soll! Doch rasch nun voran!«

»Ich habe schon die Ladung gelegt, um den Ausgang hinter uns zu sprengen,« sagte der Leutnant. »Dort in der Seitennische hängt die Lunte herab.«

»Gut! So laßt uns die Bohrmaschine da hineinschieben, daß wir vorbeikommen. Ihre Bohrer sind schon wieder ganz stumpf, obgleich ich erst vorgestern neue einsetzte. Aber das macht nun nichts mehr; sie hat ihre Schuldigkeit getan und mag nun untergehen. Wir haben keine Zeit, sie in Sicherheit zu bringen, und es wäre auch zwecklos, da wir ihrer nicht mehr bedürfen.«

Während die Männer die Maschine in die Nische schoben, zwängte sich Fanny durch das enge Durchbruchsloch ins Freie.

Noch einige Pickelhiebe und der Ausgang war so weit vergrößert, daß auch die Männer mit ihren Päcken, wenn auch mit Mühe, hindurchgelangen konnten.

Sieger, als der Letzte, glimmte noch die Lunte an, dann folgte er den Anderen.

»Lebe wohl, getreuer Maulwurf!« rief er noch zurück, nicht ohne Wehmut: »Du hast mir jahrelang redlich gedient und uns den Weg zur Freiheit gebahnt, und nun ist Vernichtung dein Lohn. Aber es geht nicht anders!«

Jetzt standen alle draußen in einem engen Felstal, ähnlich der Margayaschlucht am Südende der Höhle, aber bedeutend schmäler.

Sie nahmen ihre Päcke auf und verfolgten die Klinge in ihrem Verlauf nach Norden. Sie hatten Eile, um die nächste Biegung zu kommen, weil die bald zu erwartende Explosion im Innern des Tunnels immerhin einige Gesteinsbrocken und Splitter nach außen schleudern konnte, denen es nicht ratsam schien, sich ohne Not auszusetzen. Außerdem wollten sie keine Zeit verlieren, um so bald wie möglich in den Besitz von Kamelen zu kommen, auf denen sie ihre Flucht beschleunigt fortsetzen konnten.

Als Emin Gegr seinerseits die Höhle betrat, hätte er beinahe das Genick gebrochen, denn er stürzte in den Abgrund, der sich an dieser Stelle befand. Zu seinem Glück war der tiefe Spalt durch die von der Tunnelbohrung herrührenden Trümmer fast ausgefüllt, so daß der Sturz ihm nur einige Schmerzen verursachte.

Um Salama war bald wieder hervorgekrochen und tastete sich nun, vorsichtiger schreitend, der Stelle zu, von der aus ein Lichtschimmer aus weiter Ferne zu ihm drang. Von dort her vermeinte er auch ein dumpfes Geräusch zu vernehmen.

Als er die Stelle endlich erreichte, stand er zunächst starr vor Erstaunen, da er die kunstvolle Bohrmaschine erblickte. »Ein Teufelskerl, dieser Ingenieur!« dachte der verblüffte Schurke. »Wie er das Ding nur daherschaffen konnte? Und jahrelang offenbar hat er nun in aller Heimlichkeit an diesem Tunnel gebohrt. Aber es ist alles umsonst! Helling! Der Geiger ist dir auf der Spur und wird dir ein böses Lied vorgeigen!«

Durch den Ausgang des Tunnels spähend, sah Emin Gegr noch die Flüchtlinge, die eben um eine Ecke bogen; dann eilte er, so rasch es sein hinkender Fuß gestattete, zurück.

Ohne daß er eine Ahnung gehabt hätte, bedeutete dieser rechtzeitige und beschleunigte Rückzug die Rettung seines Lebens; denn noch nicht hatte er den Ausgang des Bohrlochs bei seiner Mündung in die natürliche Höhle erreicht, als ein furchtbarer Knall sich vernehmen ließ, dem das Donnergepolter einstürzender Gesteinsmassen folgte. Der Luftdruck, der sich mit dem rollenden Getöse durch den Schacht fortpflanzte, warf den Erschrockenen jählings zu Boden.

Helling hatte eine außerordentlich starke Mine gelegt, um eine möglichst ausgedehnte Verschüttung des Ganges zu erzielen, damit er nicht so leicht ausgeräumt werden könne, wenn er je entdeckt würde und man versuchen wollte, den Flüchtlingen auf diesem Wege nachzusetzen. Die Ladung betrug die zehnfache Menge an Sprengstoff, wie sie zu gewöhnlichen Sprengungen bei der Bohrarbeit verwendet worden war.

Eine Zeitlang lag Emin halb betäubt am Boden. Als sich jedoch der Geruch der Sprenggase bemerkbar machte, erhob er sich mühsam und mit schmerzenden Gliedern, um das unheimliche Loch zu verlassen, und nicht zu guter Letzt noch den Erstickungstod zu erleiden, nachdem er bei seinem Sturz und der Explosion so glimpflich davongekommen war.

Zu seiner Überraschung sah er durch den Eingang Wasser einströmen, das vorerst noch in dem mit Geröll gefüllten Abgrund verschwand. Draußen aber versperrte ihm ein See den Rückzug, und er mußte ihn durchschwimmen, um die Staumauer zu erreichen.

»Wie das alles ausgeklügelt ist!« dachte er: »Man sollte es nicht für möglich halten!«

Als er auf dem Damme stand, schüttelte er die triefenden Gewänder und zog die Schleusenfalle auf, um dem See einen Abfluß zu schaffen durch das Bachbett, das unter der Fabrik durch in die Ebene hinauslief, wo es einige kleinere Zuflüsse aufnahm, um dann durch Omderman dem Nil zuzufließen.

Wie nun Emin vor dem Eingang der Margayaschlucht die zechenden Arbeiter und Wächter traf, rief er dem Bimbaschi Ismain zu: »Du bist ein schlechter Diener des Kalifa: sie sind alle entflohen, die du bewachen solltest!«

»Malesch! es tut nichts! Wer lange lebt, sieht viel. Die Merisa ist gut; wer sie jedoch nicht verträgt, wird wirr im Kopf davon; es redet aber keiner verständiger als er ist.«

»Dummkopf! wenn ich dir sage, sie sind entflohen! Ich bin kein Merisatrinker wie du, ich achte die Gesetze des Propheten.«

»Deine Worte sind eine mir von Gott auferlegte Prüfung! Seit wann wollen die Muselmaniun, die Verleugner ihres Glaubens, die Gläubigen lehren, was die Gesetze des Propheten von ihnen fordern? Was wir trinken ist Medizin und kein geistiges Getränke.«

»Gut! aber ich werde dem Kalifa berichten, welche Medizin ihr trinket.«

Damit eilte Um Salama weiter und ließ die Zecher in größtem Schrecken zurück; denn die strengen Gesetze des Kalifa bestraften die Merisatrinker zum mindesten mit Einziehung des gesamten Vermögens.

»Malesch!« tröstete Ismain die Genossen, »der Kalifa wird einem Muselmanieh keinen Glauben schenken, trinken wir weiter! Es geht doch alles, wie Allah vorherbestimmt hat. Der Vater des einen Auges ist trunken und hat sich mit Merisa übergossen, denn er trieft gleich einer Wassermaus!«

Des Bimbaschi Weisheit leuchtete den meisten ein und nur wenige zogen sich, aus Furcht vor der Strafe, vom Gelage zurück.

Es dämmerte bereits, als Emin Gegr in Omderman anlangte und sich eine Audienz beim Kalifa erbat. Diese wurde ihm jedoch nicht gewährt, da Abdullahi ihm noch wegen seiner Verleumdung Siegers zürnte. Es half auch nichts, daß Um Salama wiederholt die hohe Wichtigkeit seiner Enthüllungen betonte; er wurde abgewiesen und zog sich grollend zurück.

Anderen Tags wurde die zweite Probe mit dem neuen Geschütz veranstaltet. Der Ingenieur erschien nicht, wurde auch nicht gefunden. Als die Kanone nun abgefeuert wurde, bekam das Rohr schon beim zweiten Schuß einen derartigen Sprung, daß weitere Versuche lebensgefährlich gewesen wären.

Nun wütete der Kalifa gegen Sieger und gewährte Emin Gegr Um Salama bereitwillig Gehör.

Die Nachricht von der Flucht der Weißen brachte ihn zur höchsten Wut. Er ordnete sofort die Verfolgung an. Und da keine Kamele den Weg geführt werden konnten, den die Flüchtigen eingeschlagen hatten, er sich auch derart verschüttet erwies, daß er in absehbarer Zeit nicht zugänglich gemacht werden konnte, übertrug er die Leitung der Verfolgung Um Salama, der versprach, die Flüchtlinge auf dem Weg über Kerreri bald einzuholen oder ihnen gar den Weg abzuschneiden, da sie sich wohl nicht so rasch beritten machen konnten.

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