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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
projectid
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1.
Ein düsteres Geheimnis

Es war am Sonntag, den 25. Januar 1885. Glühend brütete die Mittagsonne über Khartum, der Hauptstadt des ägyptischen Sudans.

Ein Offizier in europäischer Uniform stand hochaufgerichtet am äußersten Ende des Walles, den Abd el Kader zum Schutze der Stadt errichten ließ, im Westen gegen den Weißen Nil zu. Unbeweglich stand der Mann mit gekreuzten Armen da und schien sich nicht im geringsten um die Kugeln zu bekümmern, die oft in seiner nächsten Nähe in das Mauerwerk einschlugen. Trübe schweifte sein Blick hinaus in die weite Ebene. Dort lagerten in unabsehbaren Scharen die Derwische, wie die Araber und Sudanesen genannt wurden, die dem Rufe des Mahdi gefolgt waren, um unter seiner heiligen Fahne die Welt zu erobern und die Ungläubigen zu bekehren oder auszurotten.

Was hatte diese Massen in Bewegung gebracht? Was erfüllte sie mit solcher Begeisterung und Todesverachtung, daß selbst europäische Kriegskunst ihnen nicht gewachsen war? Und was würden die nächsten Tage bringen, – Rettung oder Vernichtung?

Die fanatischen schwarzen und braunen Horden, Neger und Araber, die mit Weibern und Kindern zu Hunderttausenden die Stadt umlagerten, erfüllten für gewöhnlich die Lüfte mit ihrem wilden Geheul, dessen Schall wie Meeresbrausen nach Khartum herüberdrang. Heute aber war es still; eine bedrückende, unheimliche Stille. Ein Befehl des vergötterten Herrschers hatte den Massen Schweigen auferlegt, und nur das Donnern der Geschütze ließ sich vernehmen.

.

Langsam ließ der Offizier seine Blicke umherschweifen: dort über dem Fluß grüßte die Feste Omderman herüber, die vor zehn Tagen, durch den Hunger gezwungen, sich dem Mahdi hatte übergeben müssen. Dahinter ragte in der Ferne der Berg Margaya. Im Norden leuchteten die flachen Dächer von Khartum, über welchen die Palmenwipfel der Insel Tuti am Zusammenfluß des Weißen und des Blauen Nils sichtbar wurden.

Im ganzen war es ein malerisches Panorama: die Stadt mit ihrem orientalischen Charakter, die beiden Flüsse mit der verschiedenen Färbung ihres Gewässers, die zierlichen Palmenwipfel, das unabsehbare Lager des Mahdi und der tiefblaue Himmel darüber, von welchem aus sich flimmernder Sonnenschein über das ganze Bild ergoß.

Der junge Offizier aber schien kein Auge für die Schönheit der Aussicht zu haben, denn sein Antlitz blieb düster und traurig.

Da schlug eine Kugel hart neben ihm in den Wall; Lehm und Steine bröckelten ab und fielen polternd in den Graben, den die Mauer säumte.

»Zurück, Herr Baron!« rief in diesem Augenblick eine männliche Stimme in deutscher Sprache, »wollen Sie diesen elenden Derwischen Ihr Leben umsonst opfern?«

»Was liegt daran, Herr Ingenieur?«

»Was daran liegt?« entgegnete der andere, den Offizier freundschaftlich am Arm fassend und von der Brüstung herabziehend. »In dieser Zeit gilt jedes Menschenleben viel für eine bedrängte Stadt, deren Männer dahinsterben wie die Fliegen; am wertvollsten aber ist für uns das Leben eines europäischen Offiziers. Hätten wir noch ein Dutzend solcher, wir wären um unser Schicksal nicht mehr bange!«

Ingenieur Albert Sieger, der diese Worte sprach, war ein hochgewachsener Mann; sein Antlitz war von der Sonne gebräunt, wie übrigens jedes Antlitz in diesem Glutklima; der blonde Vollbart jedoch, der dieses dunkle Gesicht umrahmte, ließ auf deutsche Abkunft schließen.

Leutnant Siegmund von Helling war offenbar um mehrere Jahre jünger als sein süddeutscher Landsmann. Fünfundzwanzig Jahre mochte er zählen. Ein glänzend schwarzer Schnurrbart schmückte sein männlich schönes Antlitz, das trotz seines schwermütigen Ausdrucks einen Zug gewinnender Freundlichkeit nicht zu verhehlen vermochte. Anscheinend widerwillig folgte er seinem Begleiter und ließ sich von ihm der Stadt zuführen.

Da Helling schweigend verharrte, begann Sieger aufs neue das Gespräch. »Ich entdeckte Sie auf dem Wall, als ich vom Dach meines Hauses mit dem Fernrohr Umschau hielt, und bin sofort herbeigeeilt, Sie von diesem gefährlichen Standpunkte wegzuholen: Wissen Sie, welchen Eindruck Ihre Tollkühnheit macht? – Als suchten Sie den Tod!«

»Kann sein!« erwiderte Helling achselzuckend.

»Hören Sie einmal! Ein junger Mann wie Sie, der ein reiches Leben vor sich hat ...«

»Mir hat das Leben nichts mehr zu bieten: Ehre verloren – alles verloren!«

»Wer Ihnen in die Augen sieht, wird Sie keiner ehrlosen Handlung für fähig halten.«

Helling lachte trocken auf: »Beweis, daß der Schein trügt. Aber ich weiß nicht, wie ich dazu komme, Ihnen das zu sagen, ich gedenke nicht zu beichten.«

»Ich will nicht in Ihr Geheimnis dringen, und weiß wohl, wie streng die Ehrbegriffe Ihres Standes sind. Aber soll der, welcher einmal gefehlt hat, ein junges, aussichtsvolles, tatkräftiges Leben einfach wegwerfen? Ist es nicht viel ehrenvoller, den Fehler durch ein männliches Aufraffen, durch ein neues Leben voll edler Taten wieder gut zu machen? Verzeihen Sie mir, aber Sie und Ihre Gesinnungsgenossen kommen mir vor, wie Leute, die jeden noch so tragfähigen Obstbaum zum Gefälltwerden verurteilen, weil er einmal eine faule Frucht getragen! Weg mit den faulen Früchten, junger Freund, und vorn anfangen!«

»Sie haben gut reden,« erwiderte der Offizier freundlicher, aber tieftraurig. »Für mich aber liegt der Fall anders.«

»Mag sein! Ich kann mir wohl denken, daß ernste Gründe Sie bewogen haben, Ihre deutsche Heimat und den vaterländischen Heeresdienst in so jungen Jahren zu verlassen. Möglich, daß irgendein Verhängnis Ihnen die Rückkehr, wenigstens vorläufig, verwehrt. Aber jetzt sind Sie im Sudan: da fragt niemand nach Ihrer Vergangenheit, und jedem tüchtigen Europäer winkt hier die glänzendste Zukunft – vollends dem Offizier. Sehen Sie, da ist Giegler Pascha, war ein einfacher Telegraphenbeamter, wurde Generalgouverneur des Sudans; da ist Emin Bey, ein Arzt, dessen Vergangenheit auch ein dunkles und trauriges Geheimnis birgt: er ist Gouverneur von Hat-el-Estiva, der Äquatorialprovinz, ein geachteter Beamter und ein berühmter Mann.«

»Wenn auch solche Aussichten mich locken könnten, damit ist es aus: der Sudan ist verloren und uns allen steht ein trauriges Geschick bevor.«

»Oho! So schlimm ist es doch noch nicht: jeden Tag können die Dampfer mit den Entsatztruppen erscheinen.«

»Wie lange hofft man nun schon darauf! Ich sage Ihnen, Wolseley geht viel zu langsam vor: Ich weiß nicht, was er sich einbildet, aber ich fürchte, er wird endlich ankommen, wenn es zu spät ist.«

»Er kann unmöglich mehr lange ausbleiben, und ein paar Tage halten wir noch aus, trotz Hungersnot und Derwischkugeln.«

»Wenn der Mahdi uns noch ein paar Tage Frist läßt! Aber mir ahnt Schlimmes: die unheimliche Stille heute –: es bereitet sich etwas vor. Und noch mehr! Gordon ist von Verrätern umringt: sehen Sie dort die Stelle? Da ist die größte Bresche im Wall: warum wird sie nicht ausgebessert? Dort kommandiert Farag Pascha: ich traue dem Kerl nicht.«

»Also! Rasch zu Gordon: der Wall muß noch heute ausgebessert werden. Da sehen Sie, wie nützlich Sie sich noch machen können mit Ihrem strategischen Scharfblick. Und Sie wollen Ihr Leben wegwerfen? Soll es gestorben sein – schauen Sie dort die Massen der Derwische: da gibt es nützliche Arbeit für einen, der ehrenvoll und nicht umsonst sterben will!«

»Sie haben recht! Ich habe viel wieder gut zu machen, wenn überhaupt von Wiedergutmachen die Rede sein kann. Ich suche den Tod, als Sühne für meine Verirrungen: das will ich nicht verhehlen. Allein nutzlose Aufopferung wäre in der Tat eine schlechte Sühne. Kämpfend will ich sterben, als ein Held, und das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung soll mir im Tode den Trost gewähren, den ich vom Leben nicht mehr erhoffen darf.«

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