Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Wilhelm Mader >

Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
projectid
Schließen

Navigation:

35.
Eine willkommene Arzenei

Bald war die Fabrik wieder in Gang und Sieger gab sich redliche Mühe, endlich ein paar Kanonen fertigzustellen, wie er es versprochen hatte. Ob sie brauchbar sein würden, war eine andere Frage.

Noch eifriger betrieb er jedoch den Durchbruch seines Tunnels durch die Margayaberge. Er hatte allerdings auch versprochen, nicht zu fliehen, aber nur solange der Kalifa ihn und die Seinigen nicht bedrohen werde.

Dieses Versprechen zu halten, war er fest entschlossen. Doch ebenso fest stand es ihm, daß es nicht lange dauern könne, bis der Tyrann eine solche Drohung wieder ausstoßen werde.

Mit dem Kanonenbau ging es immer noch langsam voran, diesmal nicht sowohl, weil Sieger ihn absichtlich nicht zu eilig betrieb, sondern deswegen, weil dazu noch einige besondere Kenntnisse gehörten, die dem Ingenieur abgingen. Sein Wissen und sein Verstand befähigten ihn gewiß, mit der Zeit alle Schwierigkeiten zu überwinden, und die einzuschlagenden Wege selbständig zu entdecken. Aber vorerst handelte es sich um tastende Versuche, und erst aus den anfänglichen Mißerfolgen konnte er lernen, was besser zu machen sei, und wie es gemacht werden mußte.

Inzwischen lag Emin Gegr um Salama dem Herrscher immer in den Ohren, dem Betrüger nicht zu trauen, der gar nicht daran denke, ihm jemals brauchbare Geschütze zu liefern, sondern ganz andere Dinge plane, die dem Kalifa noch zum Verderben ausschlagen müßten.

Diese Einflüsterungen verfehlten nicht, bald wieder das Mißtrauen des Tyrannen zu wecken, und als ihm die Sache zu lange dauerte, beschloß er, rücksichtslos vorzugehen, wie es ja seinem Charakter entsprach.

So erschien denn eines Tages bei Sieger Hassan Bey Omkadok, ein Mulazem des Kalifa, das heißt, einer von dessen Leibwächtern.

Die außergewöhnlich wohlbeleibte Gestalt mit dem allzeit freundlichen Grinsen auf dem fetten Gesicht machte stets auf unsere Freunde einen angenehmen, erheiternden Eindruck, und trotz des Ernstes ihrer Lage wirkte auch diesmal Hassans Lächeln ansteckend.

»Was bringst du Gutes?« fragte Sieger.

»O Abd el Ziger, die Weisheit des Kalifa fand es für gut, mich bei dieser Mittagshitze zu dir zu senden; mein Fett ist geschmolzen und hat den Weg von Omderman bis zu dir getränkt und meine Zunge ist vertrocknet, daß sie nicht zu reden vermag.«

Die vertrocknete Zunge, die nicht zu reden vermochte, hatte diese verhältnismäßig lange Rede mit großer Geläufigkeit hervorgesprudelt, und Sieger wußte wohl, was der langen Rede kurzer Sinn sei: er kannte Hassans Schwäche für einen guten Trunk und wußte, wie sehr der Araber nach der herrlichen Merisa lechzte, die der Ingenieur so vorzüglich zu brauen verstand, daß sie eine besondere Berühmtheit erlangt hatte. Merisa wird das sudanesische Bier genannt, das meist aus Getreide gebraut wird, und auch sonst in Afrika pflegt man die Negerbiere so zu heißen, die auch aus allerlei andern Stoffen, wie Honig, Bananen und dergleichen bereitet werden.

Am Sonntag Nachmittag teilte Sieger das Getränke freigebig unter seine Arbeiter aus, doch nicht in solcher Menge, daß sie sich daran berauschen konnten.

Nur wenige hielten das Verbot des Propheten so hoch, daß sie den köstlichen Trank verschmähten.

Der Mulazem war sichtlich enttäuscht, als er zur einzigen Antwort das Wort »Kismet!« erhielt, begleitet von einem bedauernden Achselzucken.

Kismet ist das Schicksal, das unabänderlich von Allah vorherbestimmte Geschick, gegen das schlechterdings nichts zu machen ist.

»O Herr!« rief Hassan Bey Omkadok: »Soll es mein Kismet sein, daß ich Durst leide, da doch dieser Qual so leicht abzuhelfen wäre?«

»Freund, denke doch darüber nach: wenn Allah in seiner Weisheit vorherbestimmt hat, daß du heute dürsten sollst, was können wir beide dagegen machen?«

Aber das Verlangen nach dem duftigen Bier schärfte den Geist des Arabers, so daß er um eine Erwiderung nicht verlegen wurde: »Allah weiß alles zuvor und bestimmt alles nach seinem Vorherwissen. Spendest du mir einen labenden Trunk, so hat Allah dies vorhergesehen, und dann hat er eben nicht beschlossen, daß ich Durst leide, sondern daß ich ihn stille. Die Vorherbestimmung des Allmächtigen richtet sich ganz nach dem Verhalten der Menschen.«

»Du willst doch nicht sagen, daß der Erhabene in seinen freien Entschlüssen gebunden sei, daß er abhängig ist von dem, was wir ohnmächtigen Sklaven beschließen? Was er von ewigen Zeiten her in das Schicksalsbuch eingetragen hat, das muß sich erfüllen, und all' unser Wollen und Tun kann nichts daran ändern. So denke, daß im Buche der Geschicke geschrieben steht, daß du heute kein Labsal für deine schmachtende Zunge finden wirst, außer einem Krug Wassers, den ich dir gerne spenden will, und füge dich ohne Murren in den göttlichen Willen, wie es einem gläubigen Moslem geziemt.«

Wasser, schales Wasser, wenn der Gaumen nach prickelnder Merisa verlangte? Das wäre ein allzuhartes Geschick gewesen. Der Mulazem erwiderte daher: »O Abd el Ziger, du irrst! Nimm es mir nicht übel, wenn ich dich darauf aufmerksam mache und dich in unserer erhabenen Religion besser belehre. Allah mag es im Buche des Schicksals eingetragen haben, wie du sagst, daß ich heute nur Wasser zu trinken bekomme. Sobald er aber sieht, daß dein edler Sinn mitleidiger ist, als er dachte, und daß du mir großmütig einen Krug Bier spendest, wird er nicht zögern, die Bestimmung in seinem ewigen Buche abzuändern, und statt Wasser Merisa zu schreiben, denn das wird dann sein gnädiger Wille sein.«

»So sei es denn!« sagte der Ingenieur lachend: »Es macht mir Freude, Allah zu zwingen, seine irrige Vorherbestimmung zu verbessern, und deine Weisheit soll mich nicht umsonst belehrt haben, denn du hast mein Herz zum Mitleid bewegt.«

Er ließ alsbald einen dickbauchigen Krug, voll des schäumenden Getränkes holen, woraus sich Hassan Bey freudestrahlend auf die Metallschwelle vor der Fabrik niederließ, seinen Becher hervorzog und ihn füllte, um den vergossenen Schweiß in langen, durstigen Zügen doppelt und dreifach zu ersetzen.

Wie von einer Ahnung herbeigezogen erschien nun auch Hassans Bruder, der Bimbaschi oder Major Ismain unter der Tür, die aus dem Wächterhaus durch die Sperrmauer in den Vorhof des Gebäudes führte. Er war an Stelle des abgesetzten Raschid bin Karam der Befehlshaber der Wache, die den Eingang des Margayatales besetzt hielt.

Ismain war lang und hager, sein Gesichtsausdruck zeigte eine ernste Würde: so erschien er äußerlich als das genaue Gegenteil seines rundlichen Bruders mit den lustig zwinkernden Äuglein. Doch in seinem unersättlichen Bierdurst glich er ihm aufs Haar.

»Was sehe ich?« rief er mit gut geheucheltem Erstaunen: »Mein Bruder ist hier? Welche angenehme Überraschung!«

Es lag auf der Hand, daß der gute Mann durch die Anwesenheit seines Bruders keineswegs überrascht sein konnte, da dieser an ihm vorbei durch das Wachthaus hatte gehen müssen, weshalb seine Ankunft dem wachsamen Auge des Bimbaschi unmöglich hatte entgehen können.

Sieger lud ihn lächelnd ein, sich auch zu erlaben. Dies ließ sich Ismain nicht zweimal sagen, und nun wetteiferte er in stummem Trunke mit seinem Bruder.

Letzterer konnte jedoch seine geschwätzige Zunge nicht lange im Zaum halten: »Allah ist groß,« begann er, »er segne den Kalifa; aber es geht doch nichts über den Duft deiner Merisa, Abd el Ziger. Seit Gordon nicht mehr ist, habe ich keinen so trefflichen Menschen kennen gelernt wie dich!«

»Ja, Gordon!« seufzte Ismain und trank weiter.

»Gordon hatte Verständnis und Liebe für unsereinen,« fuhr Hassan fort, »nie kann ich es vergessen, wie ich einmal krank war und er mich besuchte. Da klagte ich ihm, daß ich keine geistigen Getränke habe, ohne die ich nicht leben könne. ›Hassan!‹ sagte Gordon, ›was muß ich hören? Du bist Muselman und deine Religion verbietet dir den Genuß geistiger Getränke. Den Vorschriften seiner Religion muß man gehorchen.‹ ›Ach, Herr,‹ erwiderte ich, ›du siehst ja, ich gehorche ihnen, so schwer es mir fällt: seit drei Tagen habe ich keinen Schluck Merisa getrunken, und doch glaube ich nicht, daß ich wieder gesund werden kann, wenn ich so weiter darben muß.‹ Gordon ging und ließ mich enttäuscht zurück; denn ich hatte auf seine Großmut gerechnet, er aber hielt mir eine Moralpredigt. Aber so seid ihr Christen! Nun, Abd el Ziger, denke dir meine Überraschung, wie mir gleich darauf derselbe Gordon drei Flaschen Kognak schickte. Er war ein edler Mensch!«

»Ja,« fiel Ismain gerührt ein, »der Kognak war herrlich; es war kein geistiges Getränk, sondern eine Medizin.«

»Gewiß!« bestätigte Hassan. »Und diese köstliche Medizin machte mich gesund; und so trinke ich auch die Merisa als Medizin: Medizin verbietet der Koran nicht.«

»Du hast aber einen Auftrag des Kalifa an mich?« fragte nun Sieger.

»Wohl dem, der nichts gelernt hat und nichts versteht! O Herr, Abdalla Nofel (so hatte der Kalifa Karl Neufeld benannt) kann Pulver machen und das hat ihn wiederum in den Seier gebracht, weil es ihm mißlang. Du kannst Kanonen machen – Allah bewahre dich vor dem Seier oder noch Schlimmerem!«

»Was läßt mir denn der Kalifa durch dich entbieten?«

»Er will dich heute noch sehen.«

»Weiter nichts?«

»O Herr, dein Mut ist groß! Weiter sagte er nichts; aber wer lange lebt, sieht viel: mögest du noch vieles sehen!«,

Hassan Bey Omkadok erhob sich, so gut es gehen wollte und Sieger folgte ihm alsbald zum Kalifa.

»Wo sind deine Kanonen?« herrschte der Tyrann sogleich den Ingenieur an.

»Herr, es wird fleißig daran gearbeitet; alles hat seinen Anfang, seinen Fortgang und sein Ende.«

»Doch bei dir scheint es beim Anfang zu bleiben; als ich dir erlaubte, die Fabrik zu bewohnen, sagtest du, in einem Jahre werdest du voraussichtlich eine Kanone fertigstellen können, und dann alle Jahre eine ganze Menge. Nun vergeht Jahr für Jahr, und du hast noch nicht eine einzige abgeliefert!«

»Herr, ich habe dir nichts bestimmt versprochen, denn ich sagte dir gleich, daß ich den Kanonenbau nicht erlernt habe.«

»Ja! So oft ich dich frage und dich mahne, bist du voller Ausflüchte! Du betrügst mich, wie Nofel mich betrogen hat, der mir Pulver schaffen sollte. Meine Langmut hat ein Ende: morgen will ich eine brauchbare Kanone sehen, oder ich werde dir und den Deinigen Hand und Fuß abhauen lassen, wie ich es schon Hunderten von Verrätern und Unbotmäßigen tun ließ. So verdienen es alle, die den Nachfolger des großen Mahdi el Monteser zu betrügen wagen.«

»Herr, du würdest dich durch solch ein voreiliges Gericht um einen großen Vorteil bringen. Bedenke, die Engländer werden sicher einmal mit einem großen Heer und vielen Kanonen kommen, um den Sudan wieder zu erobern. Vielleicht dauert es nicht mehr lange. Deine erhabene Einsicht weiß selber, daß du ihnen dann nicht widerstehen kannst, wenn du nicht genug Geschütze besitzst: die wenigen, die du erobert hast, können dir nicht helfen gegen ihre Macht. Gedulde dich nur noch zwei Wochen oder drei ...«

Wütend unterbrach ihn der Tyrann: »Habe ich nicht mehr Geduld bewiesen, als Abu Zaber, der Geduldige? – Drei Tage gebe ich dir noch Frist, aber keine Stunde weiter!«

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.