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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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31.
Salami

Osman und Jussuf, wie die Araber Johannes und Josef nannten, wurden nicht so scharf überwacht wie Sieger und Helling. Der Kalifa mochte wohl nicht befürchten, daß sie allein die Flucht ergriffen oder war ihm an ihnen so wenig gelegen, daß ihr Entweichen ihn nicht sonderlich gekümmert hätte. Selbstverständlich hätte jedoch keiner der beiden daran gedacht, eine Gelegenheit, zu entkommen, zu benutzen, wenn sich ihnen eine solche geboten hätte, falls es nicht möglich gewesen wäre, daß der Ingenieur, Fatme und Helling sich ihnen anschlossen.

Osman benutzte seine Freiheit wenig, er zog es vor, bei seinem Vater zu bleiben und ihm an die Hand zu gehen; gab es doch in Omderman wenig Erfreuliches und viel Greuliches zu sehen. Jussuf dagegen streifte viel umher, überall Augen und Ohren offen haltend, um womöglich einmal eine günstige Gelegenheit zur Flucht auszukundschaften. Er sprach zwar nur gebrochen arabisch, doch verstand er so ziemlich alles, und so entging ihm nichts. Freilich konnte er seinem Herrn nie viel Gutes berichten. Die Schreckensherrschaft des Kalifa hielt auch die widerstrebendsten Geister in ängstlicher Zurückhaltung und nach außen hin dehnte sich sein Reich durch glückliche Feldzüge gegen Abessinien und die Äquatorialprovinz immer weiter aus, während keine europäische Macht Lust zu haben schien, mit ihm anzubinden.

Eines Tages kam Jussuf ganz aufgeregt vom Markte in Omderman zurück. »Dieser Salami!« rief er atemlos, als er vor seinem Herrn stand, »dieser schurkische Salami! Was will der Mensch überhaupt von uns? Was haben wir ihm getan? Ich habe doch sonst mein ganzes Leben eine Vorliebe für Salamiwurst gehabt, und nun will uns dieser Salami ins Verderben stürzen.«

Nur mit Mühe konnte Sieger dem Zürnenden entlocken, um was es sich eigentlich handle.

»Da bin ich heute bei meinem Freund Kautschuk-Salat gewesen, und habe Dinge hören müssen, Dinge ...!«

Josef vermochte durchaus nicht, die vertrackten arabischen Namen richtig auszusprechen; so machte er aus Kutschuk woled Salah »Kautschuk-Salat«, und Emin Gegr Um Salama, kurz »Salama« genannt, wurde ihm zu »Salami«.

»Na, was sind es denn für Dinge, die du dort gehört?«

»Der Kalifa hat gedroht, uns alle aufzuhängen, falls nicht baldigst eine brauchbare Kanone die Fabrik verlasse.«

»Und was ist's mit jenem Salami oder wie er heißt?«

»Salami, das ist ein Bösewicht, der den Kalifa gegen uns aufhetzt; man sagt, er habe Khartum verraten helfen; der Mahdi war aber so vernünftig, ihn zum Lohn sofort in den Seier zu sperren; dort brachte er einige Jahre zu. Nun aber ist es ihm gelungen, den Kalifa von seiner Ergebenheit zu überzeugen, er hat sich bei ihm eingeschmeichelt und benutzt die Gelegenheit, uns zu verdächtigen. Gott weiß, was er gegen uns hat! Der Kalifa ist just aufgebracht wegen der mißlungenen Pulverfabrikation, für die er den Karl Neufeld wieder in den Seier gesperrt hat; er ist geneigt, dem guten Willen der Europäer nicht mehr zu trauen, und glaubt, sie führen ihn absichtlich an der Nase herum. So hat Salami mit seinen Verdächtigungen leichtes Spiel. Er schwatzte dem Abdullahi vor, Sie dächten nicht daran, richtige Kanonen zu machen, sonst hätte es Ihnen bei Ihren Kenntnissen schon vor Jahren gelingen müssen, und Herr von Helling sei ein englischer General, der mit Ihnen verschwört, um mittels Ihrer schwarzen Kunst den Tyrannen zu vernichten, und was dergleichen Blödsinn mehr ist.«

Sieger wußte nur zu gut, daß bei dem gewalttätigen Charakter Abdullahis und bei dessen gegenwärtiger Stimmung derartige Einflüsterungen eine Lebensgefahr für ihn und die Seinigen bedeuteten. Er suchte Leutnant von Helling auf.

»Bitte schaue nach Osman; er ist beim Maulwurf in unserem Fluchttunnel; er möge genau berechnen, wie weit die Arbeit gediehen ist, und wie lange es noch bis zum Durchbruch dauern kann. Es scheint, als ob wir uns mit der Flucht beeilen müssen.«

Nach etwa einer Stunde kam Helling mit Johannes zurück. »Ich bleibe mit meinen Berechnungen täglich auf dem Laufenden, Papa,« sagte der Jüngling, »wenn deine Schätzung richtig war, so haben wir noch etwa fünfzehn Meter zu durchbohren, und das würde bei angestrengtester Arbeit noch vier Wochen in Anspruch nehmen, wenn wir von allen unvorhergesehenen Zwischenfällen absehen.«

»Das ist schlimm!« rief Sieger: »So lange wird sich der Kalifa, nach dem, was mir Josef soeben berichtet hat, kaum mehr hinhalten lassen. Und dabei ist es sehr leicht möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß diese meine günstigste Schätzung um ein Bedeutendes zu niedrig gegriffen ist! Übrigens weißt du etwa, wer ein gewisser Salami ist, der uns beim Herrscher zu verdächtigen scheint?«

Osman lachte: »Das ist ja der Schurke, der rätselhafte Emin Gegr um Salama, dessen Namen unser guter Josef sich auf diese Weise mundgerecht gemacht hat.«

»Das macht die Sache um so bedenklicher. Dieser Mann scheint uns oder wenigstens mir den Tod geschworen zu haben, obgleich ich ihn gar nicht kenne und keine Ahnung habe, was er wider mich hat. Ali bin Said, der Scharfschütze, hat mich eindringlich vor ihm gewarnt. Er hat gestanden, daß dieser Mann es ist, der ihn bestach, mich zu erschießen, was wir ja freilich schon wußten. Durch Raschid bin Karam erfuhren wir, daß der gleiche unheimliche Kamerad sich stundenlang in der Fabrik aufhielt, an dem Tage, da die Explosion stattfand, so daß nicht daran zu zweifeln ist, daß er ihr Urheber war. Ebenso steht es mir fest, daß er die Schlangen in die Schlucht beförderte, um uns durch sie zu vernichten.

»Er scheint unaufhörlich tätig zu sein, um uns irgendwie ins Verderben zu stürzen und wird dem so wie so zum Mißtrauen geneigten Kalifa keine Ruhe lassen, bis er uns hinrichten läßt, was ja bei dem Tyrannen die Laune eines Augenblicks zu veranlassen vermag. Wenn nur der Durchbruch vollendet wäre, heute Nacht noch würde ich mich mit euch auf die Flucht machen: es ist ja alles dazu gerichtet.«

In diesem Augenblick kam der junge Hassan und berichtete:

»Mein Vater, Mohammed, läßt Ab del Ziger sagen, daß er um Mitternacht mit Amina und mir beim Marabut der Ghuls sein wird. Wir fliehen über Abessinien nach Somaliland. Er hat alles gut vorbereitet und dafür gesorgt, daß unsere Abwesenheit in den nächsten Tagen keinen Verdacht erregt. Er läßt euch fragen, ob ihr keine Möglichkeit habt, euch ihm anzuschließen?«

»Dein Vater ist sehr edel,« erwiderte Sieger: »Denn unser Anschluß würde euch nur Gefahr bringen, weil unsere Flucht nicht so lange verborgen bleiben könnte. Aber leider sind wir zu gut bewacht, um an ein Entkommen denken zu dürfen.«

»Deine Worte machen Hassans Herz schwer und werden nicht minder seinen Vater betrüben, vor allem auch Amina, deren Tränen unaufhörlich fließen, da ihr die Trennung von euch so schwer fällt. Sie läßt euch zum letztenmal grüßen, wenn unsere Hoffnung auf eure Begleitung sich nicht erfüllen kann.«

Nassen Auges verabschiedete sich der treue Hassan von seinen Freunden und begab sich zu den Seinen zurück.

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