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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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30.
Die Insel Felsenburg

Ich kann mich kurz fassen,« hub der Ingenieur diesen letzten Bericht an: »Oder vielmehr, ich muß das tun, weil diese Geschichte mir nicht mehr so recht im Gedächtnis ist. Das heißt, die Einzelheiten sind mir entschwunden, doch das, was ich noch zu sagen weiß, ist durchaus zuverlässige geschichtliche Wahrheit. Meine notgedrungene Kürze wird jedoch nichts schaden, da der Fall im Wesentlichen mit dem von Pitcairn übereinstimmt, und ich euch ja diesen so ausführlich schildern konnte.

»Diesmal war es ein Schiff, das an einer unbewohnten, aber fruchtbaren Insel scheiterte. Nur wenigen Insassen gelang es, sich an den Strand zu retten. Die Insel bot ihnen Nahrung im Überfluß, und das dem Ufer nahe liegende Wrack spendete ihnen noch der Hilfsmittel und Vorräte genug. Aber, genau wie auf Pitcairn, gab es zunächst blutige Händel, und zuletzt blieb nur noch ein junger Mann, ein Schwede, wenn ich nicht irre, ein junges Mädchen und die Witwe des Steuermanns übrig.

»Da sich diese Überlebenden darauf gefaßt machen mußten, jahrelang auf dieser einsamen, im Weltmeer verlorenen und weit von jedem Schiffskurse abliegenden Insel verweilen zu müssen, sah der junge Mann ein, daß es angesichts der Umstände zweckmäßig, ja notwendig sei, wenn er die beiden Frauen heirate. Nur so schien Eifersucht und Streit vermeidbar.«

»Eine Doppelehe?« fragte Helling bedenklich: »Das fängt wenig versprechend an! Kann das zu etwas Gutem führen?«

»Ich denke, wir müssen die Umstände vorurteilslos erwägen,« erwiderte Sieger, »übrigens sollten wir eben als Christen hierin nicht zu unerbittlich urteilen; fällt es uns doch nicht ein, dem Erzvater Abraham und andern Frommen des Alten Testaments, in denen wir erhabene Vorbilder sehen, zu verübeln, daß sie mehrere Frauen besaßen. Kommt es uns nicht schön und rührend vor, wie Jakob sieben Jahre um Rahel diente, und es deuchte ihm, es wären einzelne Tage, – so lieb hatte er sie. Laban aber betrog den Jakob und gab ihm seine älteste Tochter Lea. Der Getäuschte hat sie aber nicht etwa verstoßen, sondern er erhielt, auf seinen Einspruch hin, nach acht Tagen auch Rahel zur zweiten Frau, und ließ es sich gefallen, noch weitere sieben Jahre um sie zu dienen.

»Wir hören ferner noch, daß Rahel aus eigenem Entschluß ihrem Gatten ihre Magd Bilha zum Weibe gab, und daß Lea es mit ihrer Magd Silpa ebenso machte. Es fällt uns nicht ein, uns darüber zu entrüsten. Umsoweniger dürfen wir es dem schwedischen Robinson verübeln, wenn er einen Entschluß faßte, den die Lage, in die er sich versetzt sah, beinahe unumgänglich machte.

»Die beiden Frauen waren hiermit einverstanden, doch bedang sich die jüngere, das ledige Mädchen, vorsichtig aus, daß sie die alleinige rechtmäßige Gattin sein solle, wenn sie aus ihrer Einsamkeit erlöst würden und wieder in die Heimat zurückgelangten, wo eine Doppelehe unstatthaft sei, also die eine Verbindung gelöst werden müsse. Die Steuermannswitwe war mit dieser Bedingung einverstanden, die nicht unbillig erschien. Das Schiffswrack lieferte Tinte und Papier, so daß ein förmlicher Vertrag aufgesetzt werden konnte, den alle drei unterschrieben. Da weder Geistlicher noch Standesbeamter zugegen sein konnte, mußte das gegenseitige Gelöbnis vor Gott und die selbstverfaßte Eheurkunde die unmögliche Trauung durch Dritte ersetzen, und zweifellos wäre dies vorkommendenfalls von einer einsichtigen Behörde, in Würdigung der zwingenden Umstände, als der Abschluß einer vollkommen rechtsgültigen Ehe anerkannt worden.

»Die Insel bevölkerte sich rasch mit blühenden Kindern, die eine so gute christliche Erziehung erhielten, wie die Jugend auf Pitcairn. Auch alle notwendigen Handwerke wurden erlernt, vor allem aber Felder angebaut, Gärten angelegt, nach Bedürfnis Wohnhäuser errichtet, und was sich sonst als notwendig und wünschenswert erwies, ausgeführt.

»Die Heiraten fanden unter den Stiefgeschwistern statt, im zweiten Geschlecht aber zwischen Vettern und Basen. Da zeigte sich erst recht, wie notwendig die Doppelehe unter den obwaltenden Verhältnissen gewesen war.

»Es dauerte etwa fünfzig Jahre, bis die paradiesische Insel zum ersten Male von einem Schiffe angelaufen wurde. Da fand sich denn eine blühende, glückliche und zufriedene Bevölkerung, die in die Hunderte ging. Alle waren Nachkommen, Kinder, Enkel und Urenkel des einen Greises, der ihr verehrter König und geliebter Vater war, und mit seinen beiden hochbetagten Gattinnen in Gesundheit, Rüstigkeit und Geistesfrische lebte.

»In diesen fünfzig Jahren war nicht ein einziger Krankheits-, Todes- oder Unglücksfall auf der Insel erlebt worden. Aber auch, was noch mehr wert ist, kein Streit, der die Eintracht getrübt, kein Vergehen, das ein Gewissen beschwert, kein böses Wort oder Werk, das einem Herzen wehe getan hätte, hatte einen Schatten auf das sonnige Glück geworfen, dessen sich alle erfreuten.

»Ich glaube, daß dies in aller Kürze die geschichtlichen Tatsachen sind, die den vielen Robinsongeschichten zugrunde liegen, die sich ›Die Insel Felsenburg‹ nennen.«

»In der Tat,« sagte Helling: »Ich erinnere mich, als Knabe eine solche Erzählung gelesen zu haben, die mich ordentlich begeisterte; doch hätte ich nicht geglaubt, daß sie auf wirklichen Ereignissen beruht.«

»Es wäre mein Traum, ein solches irdisches Paradies zu verwirklichen,« schloß Sieger. »Die Weltgeschichte hat erwiesen, daß hiezu zwei grundlegende Bedingungen unerläßlich sind: erstens und vor allem eine lebendig christliche Grundlage, zweitens eine streng monarchische Verfassung. Das darf freilich keine Rappsche Tyrannei sein, sondern eine väterliche Regierung, fest und zielbewußt, und eine vollkommene aber freiwillige Unterordnung in unbedingtem, fröhlichem Gehorsam ohne viel Gesetze und irgendwelchen Zwang, aus Ehrfurcht und Liebe.«

Der Leutnant wandte nach einigem Nachdenken ein: »Ich begreife, daß auf der sogenannten Insel Felsenburg kein Fall von Widerspenstigkeit und Unbotmäßigkeit vorkam, weil die ganze Bevölkerung aus Kindern und Nachkommen des verehrten Oberhauptes bestand, die von klein auf im rechten Geiste erzogen waren. Ähnlich war es auf Pitcairn, wo nur zwei fromme und treuverbundene Freunde, bald aber ein einziger den Staat leiteten. Die wenigen Frauen, sämtlich Eingeborene aus Tahiti, mochten sich ihnen aus natürlicher Ehrfurcht unterordnen. Im übrigen waren es lauter Kinder, die leicht zu beeinflussen waren.

»Wie aber, wenn ein solches Friedensreich zunächst mit Erwachsenen gegründet wird, wie das Rappsche Unternehmen? Da ist es doch undenkbar, daß nicht einzelne schwierige Elemente sich darunter befinden, die mit der Zeit Unfrieden anrichten.«

»Da müßte allerdings gleich den Anfängen widerstanden werden,« erwiderte der Ingenieur: »Zunächst vernünftiges und eindringliches Zureden, väterliche Ermahnung und ernste Warnung. Falls dies nicht fruchtete, müßte der Störenfried oder Schädling aus der Gemeinde ausgeschlossen werden.«

»Ließe sich nicht ein solches Paradies auch auf demokratischer Grundlage errichten?« fragte Helling wieder.

»Unmöglich! Keine demokratische Regierung kann unter sich völlig eines Sinnes sein: verschiedene Meinungen und Streitigkeiten sind unvermeidlich, wo Mehrere zu regieren und zu entscheiden haben. Nun muß sich freilich die Minderheit der Mehrheit fügen, aber dadurch wird sie weder überzeugt noch befriedigt. Groll, Unwille und heimliche Umtriebe sind die Folge, und die Regierenden werden häufig gestürzt und durch andere ersetzt werden, denen es nicht besser ginge. Ist aber Zwiespalt in der Regierung, so ist Einigkeit bei den Untertanen unmöglich. Das gilt auch für ein demokratisches Reich mit frommer christlicher Unterlage. Wir wissen, daß das Reich Gottes auf streng monarchischer Ordnung aufgerichtet ist, und das ist göttliche Weisheit, die jedem Christen zum Vorbild dienen sollte. Übrigens haben sämtliche Erfahrungen bewiesen, daß alle die vielen Versuche, ein Reich der Eintracht, des Glücks und der Gerechtigkeit ohne religiöse Unterlage oder mit demokratischer Einrichtung zu gründen, ausnahmslos scheiterten: statt des erstrebten und erhofften Glücks brachten sie namenloses Elend, Streit und Blutvergießen, bis sie dem frühen Untergang verfielen.

»Ich würde meinem Friedensstaate nur wenige Gesetze geben, vor allem aber einige Hauptgrundsätze zur verbindlichen Richtschnur machen.«

»Und wie würden die lauten?« fragte. Onkel Siegmund.

»Erstens: Du sollst Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten, wie dich selbst. – Diese Vorschrift könnte eigentlich genügen, da sie alles andre in sich faßt; doch würde ich noch andere aufstellen, zu ihrer Erläuterung und Einschärfung.

»Also etwa, zweitens: Kindlein, liebet euch unter einander!

»Drittens: Einer achte den andern höher, als sich selbst! – Das muß für die Höchsten wie für die Niedrigsten gelten, nach dem Vorbild des Sohnes Gottes, der sich selbst so tief erniedrigte, und nach seinem Gebot: ›Der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Vornehmste wie ein Diener.‹

»Viertens: Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat.

»Fünftens: Seid freundlich gegen jedermann, alles, was ihr wollet, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen.

»Sechstens: Seid untertan der Obrigkeit.

»Siebtens: Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern.

»Achtens: Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel.

»Neuntens: Habt mit jedermann Frieden.

»Es ließe sich natürlich noch manches hinzufügen, aber dazu haben wir ja die Heilige Schrift, die allen als Lehrbuch und Richtschnur des Handelns dienen soll, und dann die gottesdienstlichen Predigten, die uns ihre Vorschriften auslegen und einschärfen.«

»Höre,« sagte Helling begeistert: »Wenn uns Gott aus der Hölle von Omderman erlöst, so laß uns beide einen Ort aussuchen, wo wir ein solches Reich der Liebe und des Friedens gründen, in das Alle Ausnahme finden sollen, die sich freiwillig und ernstlich auf diese Grundsätze verpflichten.«

»Inzwischen,« seufzte Sieger, »können wir nichts tun, als zuzusehen, ob wir nicht mit Gottes Hilfe unsere Freiheit gewinnen. Denn hier können wir nicht viel wirken, außer in unserm engsten Kreise. Ach! Was hätte der Mahdi schaffen können und was könnte der Kalifa wirken, wenn sie bei ihrem Einfluß und ihrer Macht für das Reich Gottes gekämpft hätten oder kämpften, statt für den Aberglauben und ihre eigene Macht!«

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