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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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27.
Das verlorene Paradies

»O Papa!« bat Fanny: »Erzähle uns doch etwas vom verlorenen Paradies!«

»Das will ich eben tun,« antwortete ihr Vater: »Durch alle Völker der Erde geht das Sehnen nach einem verlorenen Paradiese, von dem die Kunde sich durch die Jahrtausende fortgepflanzt hat von den Eltern auf die Kinder.

»Die Allgemeinheit dieser Berichte und ihre Gleichartigkeit in den wesentlichsten Punkten verbieten es, meiner Ansicht nach, sie in das Reich der Sage zu verweisen: vielmehr dürfen wir sie als vorgeschichtliche, aber deshalb nicht ungeschichtliche Erinnerungen ansprechen. Jedes Volk hat sie freilich in seiner Weise sagenhaft ausgeschmückt.

»Wir haben zunächst den biblischen Bericht über das verlorene Paradies, der sich von allen anderen dadurch unterscheidet, daß er uns von den ersten Menschen erzählt, die durch den Sündenfall ihr Paradies verloren. Bei den Heidenvölkern aber hören wir von einer Zeit, da schon viele Menschen die Erde bevölkerten, die in Unschuld und Glück miteinander lebten. Allen diesen Erinnerungen ist gemeinsam, daß sie betonen, daß die Menschen damals noch harmlos und gut und eben deshalb auch glücklich waren. Sie fassen also das Böse in der Welt als Folge der Sünde auf, unzertrennlich mit ihr im Zusammenhang stehend, und insofern stimmen sie mit dem biblischen Bericht überein.

»Was uns die verschiedenen Völker über das Verlorene Paradies zu erzählen wissen, ist so eigenartig und köstlich, daß es wohl der Mühe wert wäre, alle diese Sagen zu sammeln und in einem Buche zusammenzustellen.«

»Jetzt sagst du aber selbst ›Sagen‹!« bemerkte Johannes.

»Jawohl! Nur müßt ihr wissen, daß ich eben unter Sage kein Märchen verstehe, sondern wirkliche Ereignisse, die nur beim Weiter- und Weitererzählen immer mehr verändert und ausgeschmückt wurden durch die dichterische Phantasie der Erzähler, verbunden mit ihrem heidnischen Götterglauben, soweit dieser bei einzelnen dieser Sagen hereinspielt.

»So erzählten die Ureinwohner Mexikos, daß der Gott Quezalcoatl einst in einer mit Blumengewinden umkränzten Muschel über das Meer nach Mexikos Küsten schwamm. Er kam von Osten, also wohl von Europa, und wird geschildert als ein schöner Mann mit freundlichen blauen Augen und einem blonden Vollbart. Er war mild, voller Sanftmut und Leutseligkeit, und wollte nichts wissen von blutigen Tier- und Menschenopfern: nur Blumen und Früchte durfte man ihm darbringen. Wohlgeruch ging vor ihm her und liebliche Düfte folgten ihm. Vögel von wunderbarer Farbenpracht umflatterten ihn, vor allem der schönste aller Vögel, Quezal.

»Als er das Land beherrschte, da hatten die Menschen alles im Überfluß, ohne anstrengende Arbeit, Liebe und Frieden bereiteten ihnen sonnige Tage. Nachdem er aber wieder zurückgekehrt war in seine unbekannte ferne Heimat, begann das Elend, Mord, Krieg und Blutvergießen für die Kinder Mexikos.«

»Das scheint ja fast wie eine Erinnerung an einen edlen Europäer,« sagte Helling nachdenklich, »vielleicht einen Wikinger deutschen Geblüts, der den roten Söhnen Mexikos Gesittung und Glück brachte, nachdem sie ihn auf den Thron erhoben. Wie anders zeigten sich später die spanischen Eroberer und leider auch die Deutschen!«

Sieger aber fuhr fort: »An einen weißen König, den Mwesi, knüpft sich merkwürdigerweise auch die Erinnerung der Neger Urundis an die verschwundene, selige Zeit. Ein ganzes Geschlecht dieser weißen oder Mond-Könige soll über ein weites Reich im Herzen Afrikas geherrscht haben, und unter ihnen war das Volk glücklich und zufrieden, denn es ging ihm gut. Der letzte dieser Könige kam von einem Kriegszuge nicht zurück, doch glaubt das Volk fest, daß er einst von Norden her wiederkehren werde und mit ihm das verlorene Glück.

»So hatten die alten Griechen und Römer ihre Sagen vom Goldenen Zeitalter, ja zur Römerzeit glaubte man noch an das Vorhandensein der Glückseligen Inseln im Atlantischen Ozean, von denen man wohl sichere Kunde haben mußte, denn ein Römer machte einmal in allem Ernste den Vorschlag, dorthin auszuwandern, um dem unheilvollen Elend in der Heimat zu entrinnen.«

»Vielleicht ist mit diesen Seligen Inseln Amerika selber gemeint,« vermutete der Leutnant, »oder die Antillen. Aber wenn die Römer dorthin ausgewandert wären, hätten sie wohl nur ihr Elend dorthin verpflanzt, ohne es selber los zu werden, wie es später die Spanier taten und die anderen Völker, die Süd- und Nordamerika überfluteten. Denn das herrlichste Land kann kein Paradies sein, wenn schlechte Menschen es bevölkern.«

»Die meisten Völker,« fuhr der Ingenieur fort, »kennen außer diesen seligen Erinnerungen aus vorgeschichtlicher Urzeit noch eine goldene Zeit, die im vollen Glanze der Geschichte strahlt, und auf deren einstige Wiederkehr sie sehnsüchtig hoffen. Das ist für die Israeliten das glanzvolle Reich Salomos, das nach ihrer Hoffnung der Messias wieder aufrichten soll. Für die Indianer Nordamerikas ist es die Zeit, da sie noch frei ihre wildreichen Jagdgründe beherrschten, ehe die Weißen kamen, ihnen ihr Land und ihr Glück zu rauben. Für die Völker Perus ist es die Erinnerung an die Herrlichkeit und das Glück des Inkareiches, das die Spanier zertrümmerten. Für uns Deutsche und noch mehr für die Sizilianer ist es der Glanz der Hohenstaufenherrschaft, namentlich unter Friedrich dem Zweiten, auf dessen herrliche Wiederkunft sie hoffen.«

»Wieso die Sizilianer?« fragte Helling verwundert.

»Gewiß! Die Erinnerung an das Glück, das sie unter dieses größten Kaisers wohlwollender Herrschaft genossen, ist bei den Sizilianern lebendiger als bei uns. Sie glauben jetzt noch nach Jahrhunderten nicht an seinen Tod und erwarten voll Verlangen seine Wiederkunft und die Wiederaufrichtung des strahlenden Königreichs beider Sizilien, als Perle im Heiligen Römischen Reich. Berichtet doch Goethe, wie er den Sizilianern von Kaiser Friedrich erzählen mußte, aber genötigt war, ihnen seinen Tod zu verheimlichen, um nicht ihren höchsten Unwillen zu erregen.«

»Das nenne ich Ghibellinentreue!« rief Helling aus.

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