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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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24.
Leibliche Leiden

Am nächsten Sonntag nahmen unsere Freunde ihr Gespräch über das Übel in der Welt wieder auf.

»Wir haben gesehen,« begann Sieger, »daß die seelischen Leiden fast ausnahmslos aus solchen bestehen, die Menschen sich selbst oder anderen zufügen aus Schwäche, Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit oder Bosheit, und daß sie daher mit unserer Sündhaftigkeit eng zusammenhängen und sehr wohl zu vermeiden wären, wenn Glaube und Liebe all unser Denken, Reden und Handeln beherrschte.

»Mit unseren Betrachtungen über die Grausamkeit haben wir schon die leiblichen Leiden angeschnitten, die Menschen einander antun. Denn sie schwelgt zwar auch in Zufügung der ausgesuchtesten seelischen Qualen, wie Freiheitsberaubung, Drohung, Hohn und dergleichen, ihre Hauptlust aber besteht darin, ihre Opfer körperlich zu martern, und darin hat sie stets eine teuflische Erfindungsgabe bewiesen. Aber außer den Schmerzen, die durch böswillige Verletzung und Verstümmelung, Quetschung, Ausrenkung und andere Angriffe auf den Leib ausgeübt werden, gibt es noch der leiblichen Übel genug.«

»Die Hitze,« sagte Josef, sich den Schweiß trocknend.

»Die Kälte,« fügte Johannes hinzu, da ihm gerade der Gegensatz einfiel, unter dem man übrigens nachts auch im Sudan häufig zu leiden hat.

»Hunger und Durst,« ergänzte Fanny.

»Gegen das alles kann sich die Menschheit schützen,« meinte Helling: »Selbst bei Polarreisen vermag man sich gegen den Frost derart zu waffnen, daß man wenig darunter zu leiden hat; gegen die Hitze gibt es Kühlmittel, und es ist wohl denkbar, daß ein Musterstaat geschaffen wird, in dem es keine Not noch drückende Armut mehr gibt und niemand Hunger leiden muß. In der Wüste können Quellen gegraben und schattige, fruchtbare Oasen geschaffen werden, und wenn man bald vielleicht mit Eisenbahnen oder Automobilen alle Wüsten durchreisen kann, hat man auch hierbei nicht mehr unter Hitze und Durst zu viel zu leiden. In einem solchen Musterstaate wird jeder seine behagliche Unterkunft haben, wo er der Kälte durch genügende Heizung, warme Kleidung und Decken begegnen kann. Schattige Gärten und Anlagen, Wasserleitungen und so fort, werden die Hitze erträglich machen und keiner wird so viel arbeiten müssen, daß die Ermüdung durch Überanstrengung und Erschöpfung zur Qual wird. Man wird auch dem Mißwachs, der Nässe und Dürre, dem Hagelschlag und Unwetter, wenn man sie nicht ganz zu verhüten lernt, doch alle Schrecken nehmen, durch weise Fürsorge und gegenseitige Hilfe. Auch des Ungeziefers wird man Herr werden können durch gemeinsames zweckmäßiges Vorgehen. Es kann vielleicht bald so weit kommen, daß Blattläuse, Erdflöhe, Blutläuse, Ratten, Mäuse und andere Schädlinge, sowie alle gefährlichen Raubtiere und giftigen Tiere und Insekten, vor allem die Tsetsefliege, die krankheitverbreitenden Schnaken, Flöhe, Wanzen, Läuse, Guineawürmer und was es derart noch gibt, ausgerottet sind, und Raupen, Schnecken und Regenwürmer so vermindert werden, daß sie keinen wesentlichen Schaden mehr anzurichten vermögen.«

»Oder sie werden alle harmlos und unschädlich, was noch viel schöner wäre,« meinte Johannes, »und uns auch verheißen ist, wie der Prophet Jesaia weissagt: ›Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und die Pardel bei den Böcken liegen, ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden an der Weide gehen, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter, und ein Entwöhnter wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken.‹«

»O, das möchte ich erleben!« rief Fanny: »Das wäre das Paradies auf der Erde!«

»Ja!« sagte Sieger: »Und da wird es keine Wüste mehr auf der Erde geben, keine zu heißen noch zu kalten Länder, keine zu trockenen noch zu nassen Gegenden, keinen Mißwachs, keine Not und kein Elend. Ich glaube an eine solche goldene Zeit nach den Verheißungen der Bibel, aber ich zweifle auch nicht, daß wir sie wenigstens annähernd erreichen könnten, wenn wir so lebten und schafften wie wir sollten.«

»Aber es gibt doch auch solches, wo man einfach nichts dagegen machen kann,« wandte Josef ein: »Krankheit und Krüppelhaftigkeit und Unglücksfälle.«

»Und Schicksalsschläge,« fügte Helling hinzu.

»Letztere gehören meist zu den seelischen Übeln,« sagte der Ingenieur, »und wenn wir genauer zusehen, sind sie oft selbstverschuldet oder durch andere Menschen veranlaßt. Doch wir werden noch von ihnen reden. Betrachten wir zuerst die Krankheiten. Schon jetzt gibt es Menschen genug, die sich rühmen können, ihr Leben lang nie krank gewesen zu sein. Warum sollte dies nicht für alle Menschen möglich gemacht werden? Zunächst können wir uns wohl denken, daß es gelingen wird, alle Krankheiten leicht und schmerzlos zu heilen, sobald die Heilkunde lernt, den einzig vernünftigen Weg der naturgemäßen Behandlung einzuschlagen. Alsdann scheint es nicht unmöglich, daß auf eben diesem Wege die Krankheiten überhaupt aus der Welt geschafft werden können: ja, ich werde euch später schlagende Beweise hierfür liefern, denn solche Zustände wurden tatsächlich schon erreicht.

»Was nun Gebrechen, wie Krüppelhaftigkeit – Buckel, Zwerghaftigkeit, Kropf, Hinken, Fehlen einzelner Glieder –, Taubheit, Blindheit und Stummheit betrifft, so kommt es ja vor, daß solche von Geburt an bestehen, aber das ist äußerst selten und es fragt sich, ob es dann nicht Schuld der Eltern oder Fremder ist, die sich wohl vermeiden ließe. Meistens sind alle diese leiblichen Fehler und Gebrechen durch leichtfertiges oder böswilliges Verschulden verursacht, vielfach durch die Betroffenen selber, vielfach auch durch verkehrte Behandlung von Erkrankungen, die auf richtigem Wege leicht hätten geheilt werden können.

»Bleiben die Unglücksfälle. Denket einmal nach und ihr werdet selber überrascht sein, wie wenig von diesen oft so entsetzlichen Übeln übrig bleibt, wenn wir alle diejenigen ausscheiden, die durch menschliche Schuld veranlaßt wurden, durch Unachtsamkeit, Unvorsichtigkeit, Leichtsinn, Dummheit oder Tollkühnheit, die ja auch Dummheit ist. All die unzähligen Verletzungen, namentlich bei der Bedienung von Maschinen, Transmissionen oder sonst bei der Arbeit, – sind sie etwa unvermeidlich? Alle die oft so viele Opfer fordernden Explosionen, setzen sie nicht stets menschliches Verschulden voraus, mit vielleicht verschwindenden Ausnahmen, sei es, ob es sich um Sprengstoffe, schlagende Wetter und Dampfkessel handle, oder um Gas, Erdöl, Weingeist und Karbid? Unzählig sind die schweren Unglücksfälle, die durch leichtfertiges Umgehen mit Schußwaffen entstehen, und die so leicht vermieden werden könnten durch Erziehung zur Vorsicht und durch Gesetze, die schon die gefährliche Unvorsichtigkeit unter Strafe stellen würden, wie das Richten einer auch ungeladenen Schußwaffe auf Menschen.

»Eisenbahnunfälle, Zusammenstöße von Fuhrwerken, Überfahren von Menschen, Stürze aus dem Fenster, Unfälle beim Rodeln, beim Baden und Schlittschuhlaufen, Abstürze in den Bergen, Verbrennungen, Verbrühungen, Feuersbrünste, Ertrinken, Vergiftungen durch Gift, Nahrungsmittel oder Gas, Blutvergiftungen, Tötungen durch den elektrischen Strom und was dergleichen mehr ist, – wären all' diese Unfälle nicht vermeidbar mit vielleicht ganz wenigen Ausnahmen?«

»Aber wenn einer vom Blitz erschlagen wird oder der Blitz in ein Haus einschlägt und es verbrennt?« warf Fanny ein.

»Gewiß, mein Kind, es gibt auch Unglücksfälle, an denen kein Mensch schuldig ist, aber das sind verschwindend wenige Vorkommnisse. Selbst diejenigen, die durch Blitzschlag verursacht werden, sind in der großen Mehrzahl durchaus nicht unverschuldet. Äußerst selten schlägt der Blitz in Wohnungen, die durch Blitzableiter geschützt sind, und er trifft meist solche Personen, die unter Bäumen oder in engen Hütten Schutz suchten, obgleich ihnen oft gesagt wurde, wie gefährlich das ist.«

»Aber ein Schiffbruch?« fragte jetzt Johannes.

»Selbst Schiffbrüche sind fast immer durch irgend eine Nachlässigkeit oder Unvorsichtigkeit verschuldet.«

»Und Flutwellen?« warf jetzt Helling ein.

»Gegen Flutwellen, Hochwasser und Überschwemmungen kann man sich durch Dämme schützen, die sorgfältig instand gehalten werden. Wo es aber nicht möglich ist, sich genügend davor zu wahren, sollte man sich nicht ansiedeln.«

»Wenn aber ein starkes Erdbeben kommt, da kann man doch gar nichts machen,« triumphierte Josef.

»Fehlgeschossen, mein Lieber! Fast alle die furchtbaren Verheerungen durch Erdbeben wären undenkbar, wenn die Wohnbauten in den erfahrungsgemäß bedrohten Gegenden so ausgeführt würden, daß sie nicht einstürzen können. In Amerika sind ganze Städte durch Erdbeben zertrümmert und zahllose Menschen unter den Trümmern begraben worden, während die Holzhäuser der Indianer daneben unversehrt blieben.

»Allerdings bei der entsetzlichen Katastrophe auf der Insel Martinique, wo die siedenden Schlammfluten aus dem Mont Pelé eine ganze Stadt erstickten, hätten keine Vorsichtsmaßregeln etwas nützen können. Allein die Einwohner waren lange zuvor durch das unheimliche Brodeln und Rumoren in dem feuerspeienden Berge und durch einzelne Ausbrüche gewarnt, so daß sie sich anschickten, auf das Festland zu flüchten. Aber unglückseligerweise kamen europäische Sachverständige, Professoren und Gelehrte, Fachmänner von Ruf, um ihre unfehlbaren Untersuchungen anzustellen und ihr maßgebendes Urteil zu verkündigen. Diese beruhigten die Bevölkerung durch das sichere Ergebnis ihrer Nachforschungen, das lautete: es sei nicht die geringste Gefahr zu befürchten. Dadurch wurden die Einwohner bewogen, zu bleiben und gingen gleich darauf fast alle zugrunde. Hier trägt der Unfehlbarkeitswahn anmaßender und doch so unfähiger Sachverständiger die furchtbare Schuld an dem grausigen Schicksal Tausender.«

»Es bleiben immerhin noch wirklich unvermeidliche Übel,« erklärte der Leutnant: »Nämlich das Alter mit seinen Schwächen und Gebrechen und der Tod.«

»Selbst dagegen habe ich etwas einzuwenden,« widersprach der Ingenieur: »Das Altern scheint unvermeidlich, wenigstens hat man bis jetzt kein Mittel dagegen entdeckt, obgleich nicht ganz ausgeschlossen scheint, daß man auch ein solches noch findet. Aber wie mancher bleibt gesund und rüstig, auch geistig klar bis ins höchste Alter, über hundert Jahre hinaus. Sind Schwäche, Blindheit, Taubheit oder Abnahme des Gehörs und der Sehkraft unzertrennliche Begleiterscheinungen des Alters? Ganz gewiß nicht! Ebensowenig Verblödung, wie ja auch Blödsinn, Wahnsinn und andere Geisteskrankheiten, diese ganz besonders schrecklichen Übel, sicher in vielen Fällen auf eigener und fremder Verschuldung beruhen. Wenn ein Mensch in allem so lebt wie er sollte, so wird er auch ein leiblich und geistig ungetrübtes Alter erreichen können, und dann wird ihm das Alter nicht als Übel erscheinen. Der Tod freilich ist unvermeidlich, aber einem echten Christen, der sein Tagewerk treu vollbracht hat, wird selbst er nicht ein Übel sein, sondern ein solcher wird im Gegenteil mit Paulus sprechen: ›Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre.‹ Sein Tod wird ein seliges Entschlafen werden, und auch den Seinigen, die ihn so lange bei sich haben durften, keinen trostlosen Schmerz verursachen.«

»Das ist wahr!« rief Helling warm aus: »Ich sehe schon klarer, was du mit der Erlösung von allem Übel meinst; doch bin ich begierig, wie du sie dir im einzelnen denkst.«

»Nun denn,« sagte Sieger ...

Aber er kam nicht weiter.

Fanny, die eben ihre Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte, um mit den zarten Füßchen im Bach zu plätschern, stieß einen Schrei aus.

Josef sprang auf, erhob einen Stein und zerschmetterte einer buntschillernden Schlange das widerliche Haupt.

Aus Fannys rechtem Füßchen aber quollen Blutstropfen: sie war von der Schlange gebissen worden.

Allgemeine Sorge und großer Schrecken wurde laut.

Hier war wieder ein Beweis, daß es noch weit hin war, bis das Übel aus dieser Welt des Jammers verschwunden sei. Und dies schien nun eines der wenigen unvermeidlichen Übel zu sein. Da war keine Unvorsichtigkeit schuld, denn nie hatte sich ein lebendes Tier in der Schlucht blicken lassen, außer den beiden Geiern letzthin, so daß man an eine derartige Gefahr gar nicht hatte denken können.

Und doch war die Unvermeidlichkeit auch hier nur Schein, handelte es sich doch um einen Anschlag teuflischer Bosheit.

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