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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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23.
Ein teuflischer Anschlag

Durch die Wüste im Süden der Siegerschen Ziegelei trabte träge ein einzelnes Kamel, auf dessen Rücken ein Araber saß. Er lenkte das Tier selber, einen Saharin oder Treiber hatte er nicht.

Hätte jemand den Reiter bemerkt, so wäre ihm gewiß sein Erscheinen rätselhaft vorgekommen, denn niemals unternimmt ein Einzelner eine Wüstenreise, und wenn er es täte, so müßte er doch ein Lastkamel mit Lebensmitteln und Wasserschläuchen mit sich führen, und dann wäre zum mindesten ein Treiber unentbehrlich.

.

Einen einfachen Spazierritt in die Wüste würde aber höchstens ein Europäer unternehmen, obgleich es auch einem solchen kaum zuzutrauen war. In diesem unwahrscheinlichen Falle hätte der unternehmungslustige Sonderling aber auch einen Führer oder einen Lenker seines Tieres mitgenommen. Allein es gab in der Gegend von Omderman keinen Europäer, der frei und unbewacht Spazierritte unternehmen konnte.

Sollte es am Ende ein Flüchtling sein? Auch das mußte als eine Unmöglichkeit erscheinen, am lichten Tage. Und dann hätte der Entweichende gewiß sein Tier zu höchster Eile angetrieben.

Der Mann lenkte sein Dromedar, das außer ihm nur einen Wasserschlauch und ein Bündel mit Lebensmitteln trug, dem Gebirge zu. Als er dieses erreicht hatte, ritt er eine Strecke an dessen Fuße hin gegen Westen, bis er zwischen den Felsen einen sanft ansteigenden Abhang entdeckte, den er nun hinan ritt.

Eine halbe Stunde lang ging es so bergauf zwischen schroffen Wänden, die immer näher zusammenrückten. Dann wurde der Pfad so felsig und steil, daß kein Kamel mehr darauf weiterkommen konnte.

Der Mann ließ sein Baër, wie die Araber ein männliches Dschemel oder Kamel nennen, neben einer verkrüppelten Föhre niederknien, schwang sich aus dem Sattel und schlang das Leitseil um den Stamm des Baumes. Dann öffnete er seinen Schnappsack, füllte einen Becher aus dem Schlauche und stärkte sich durch ein bescheidenes Mahl.

AIs er nach kurzer Zeit damit zu Ende war, kletterte er durch die Felsen zu Fuß höher empor, stets eine östliche Richtung einhaltend.

Nach einer Stunde hatte er einen verhältnismäßig ebenen Sattel erreicht und gelangte bald an den Rand eines Abgrunds. Hier legte er sich auf den Steinen nieder und streckte den Kopf so weit vor, daß er den breiten und ausgedehnten Schlund übersehen konnte.

»Es geht doch nichts über meinen Ortssinn!« murmelte er befriedigt vor sich hin: »Ich hätte selber nicht geglaubt, daß ich die Stelle so rasch finden würde. Dort weiter oben stürzt sich der Wasserfall hinab, und hier links steht die Fabrik. Wie klein das gewaltige Bauwerk aussieht! Kein Wunder bei der ungeheuren Tiefe! Der Wiederaufbau scheint beinahe vollendet: wie Ameisen wimmeln die Arbeiter auf den Mauern.

»Schade um den schönen Anschlag! Weiß der Teufel, wie sie dem Verderben entrannen, da die Explosion doch so pünktlich erfolgte und so kräftig wirkte! Vorerst läßt sich das gleiche Stück leider nicht wiederholen, denn die beiden Hellings sind auf der Hut. Aber mir wird schon etwas anderes einfallen. Der Geiger wird nicht ruhen, bis seine Rache euch vernichtet hat.«

Er erhob sich wieder und schritt am Rande des Abgrunds hin, dem Wasserfalle zu. Nach etwa zweihundert Schritten stand er still und schaute hinab.

»Die Felswand ist überall so jäh, daß keine Katze heraufkönnte,« sagte er. »Aber hier ist ein Absatz, von dem aus zwar keinem Menschen, aber einem gewandten Klettertier der Abstieg bis zum Grunde der Schlucht gelingen könnte. Freilich, von der Höhe ist es noch etwa zwanzig Meter bis zu dem Vorsprung und die Wand ist bis dahin so glatt, daß er nur Vögeln zugänglich ist.

»Aber halt! Da kommt mir ein prächtiger Gedanke! Ja, das ließe sich machen! Vielleicht komme ich euch auf diesem Wege bei.«

Emin Gegr um Salamas entstelltes Gesicht überflog ein widerliches Lächeln, als er so mit sich selbst redete. Er schien befriedigt von seiner Entdeckungsreise, die ja nur den Zweck hatte, eine neue Gelegenheit zu einem Mordanschlag auszukundschaften.

Er zog sich vom Abgrund zurück und schlug die Richtung ein, die er gekommen war.

Bergab ging es schneller und er brauchte nicht viel mehr als eine halbe Stunde, um den Platz zu erreichen, wo sein Baër lagerte.

Nun labte er sich ausgiebig aus seinem Wasserschlauch; denn die Sonne brannte glühend herab, und die steile, beschwerliche Wanderung hatte ihn völlig ausgedörrt.

Dann band er sein Dromedar los und führte es den Abhang hinab, da dieser ihm für einen Ritt doch zu steil und steinig erschien.

Drunten im Wüstensand bestieg er wieder sein Tier und ließ es träge zurück nach Omderman schreiten.

Zu Hause angelangt, übergab er das Kamel seinem Sklaven Mambanga, denn die Freigebigkeit des Kalifa hatte ihm einen Neger zur Bedienung geschenkt.

Nachdem er einen Imbiß zu sich genommen hatte, berief er Mambanga und fragte ihn: »Gibt es hier viele giftige Schlangen?«

»Herr, nicht viele; aber Mambanga ein paar Schluchten am Strom wissen, wo sie zahlreich sein.«

»Getraust du dir, welche lebendig zu fangen?«

»Mambanga nicht!« erwiderte der Schwarze erschrocken. »Aber Männer dort sein, die es tun und sie verkaufen, den Zauberern und Beschwörern und vor dieser Zeit auch den Tierhändlern der Franken, die alle wilden Tiere und Schlangen haben wollen. Diese Schlangenfänger auch es verstehen, den Schlangen die Giftzähne ausbrechen.«

»Gut! So gehe dorthin und siehe, ob du ungefähr ein Dutzend recht giftiger Schlangen für mich kaufen kannst. Aber die Giftzähne dürfen ihnen nicht ausgebrochen werden: merke dir das! Ich nehme sie nicht, wenn sie keine Giftzähne haben.«

»Mambanga gehen wird, und in paar Tagen er gewiß so viel Schlangen bekommen können. Große oder kleine es sein sollen?

»Einerlei! Wenn sie nur recht giftig sind.«

Andern Tags begab sich der Sklave nilaufwärts. Er durfte das Baër seines Herrn reiten, denn der Weg war weit.

Am Abend kehrte er mit der Nachricht zurück, daß er in drei Tagen die gewünschte Anzahl Schlangen abholen könne.

Als diese Zeit um war, sandte ihn Emin Gegr wieder hin, versehen mit einem Ledersack zur Aufnahme der Reptilien, den Mambanga abends gefüllt zurückbrachte.

Emin öffnete vorsichtig die ziemlich tiefe Tasche, sie heftig schüttelnd, um die Schlangen etwas zu betäuben und am Herauskommen zu hindern. Er sah ein buntschillerndes Gemisch von Schlangenleibern, die lebhaft durcheinander krochen. Schnell band er den Sack wieder zu. Er wollte sich nicht der Gefahr eines Bisses aussetzen. Sie gar herauszulassen, um sie zu zählen, dazu hatte er den Mut nicht.

»Sind es richtig zwölf?« fragte er, nicht weil es auf diese Zahl so sehr ankam, als weil er es für wichtig hielt, die genaue Anzahl zu wissen.

»Ja, Herr! Der Mann sie Mambanga vorzählen in den Sack, sechs und wieder sechs.«

Am folgenden Tag versah sich Um Salama mit einem fünfundzwanzig Meter langen Strick, zog den Riemen um den Ledersack fester zu, da er ihm locker schien, band die Tasche an den Sattel des Kamels und ritt in die Wüste hinaus.

Er machte den gleichen Weg wie das letztemal und stand nach drei Stunden mit Sack und Seil am oberen Rande des Margayatales. Hier band er die Leine an den Sack, löste hastig den Riemen und liest die Tasche schnell an der Felswand hinab bis auf den Vorsprung, den er vor fünf Tagen zu diesem Zwecke ausersehen hatte. Der Sack legte sich auf den Stein und bald begannen die Schlangen, hervorzukriechen und dann sich die steile Mauer hinabzuwinden, bis sie den Talgrund erreichten.

Emin Gegr zählte sie, sowie sie ans Tageslicht kamen: »Vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf – – –« Dabei blieb es!

Er schüttelte den Sack so heftig er konnte, ließ ihn auf den Felsen aufschlagen, – allein, kein Reptil kam mehr zum Vorschein.

Sollte er sich verzählt haben? Nein! Außer den ersten vier Stück waren alle einzeln herausgekrochen und er hatte aufmerksam nachgezählt, um sich zu versichern, daß die Zahl auch stimmte.

Waren nur elf statt zwölf in der Tasche gewesen, so hätte das gar nichts weiter bedeutet. Aber, wenn Mambanga die richtige Zahl erhalten hatte und jetzt fehlte eine, so war dies nichts weniger als gleichgültig. Vielleicht war ja dem Sklaven unterwegs eine entschlüpft: das hätte nichts ausgemacht. Allein es bestand die unheimliche Möglichkeit, daß heute Nacht eine herausgekrochen war: hatte er den Riemen nicht erst fester gezogen, weil er ihm zu locker erschien? Dann konnte eine giftige Schlange in seiner Hütte verborgen sein, und er selber schwebte in Lebensgefahr, und das war ihm ein entsetzlicher Gedanke. Sterben wollte er nicht, vor allem keines so gräßlichen Todes.

So rasch wie möglich eilte er heim und nahm seinen Sklaven nochmals ernstlich ins Gebet:

»Bist du ganz sicher, daß es zwölf Schlangen waren und nicht nur elf?«

»Zwölf, Herr! So wahr ich zwölf Finger haben!«

»Schafskopf! Wie viel Finger hast du?«

»Zwölf, wie jeder Mensch!«

Emin seufzte verzweifelt: »Wenn es so mit deiner Rechenkunst steht, dann ist es ja ganz unmöglich, dieser schlimmen Sache auf den Grund zu kommen! Aber der Schlangenfänger wird wohl besser zu zählen verstehen und hatte keinen Grund, mich zu betrügen, da er den Preis machte und sein Betrug doch gleich herausgekommen wäre. Also, Schlingel! sage, ist dir gewiß unterwegs keines der Tiere aus dem Sack entkommen?«

»Unmöglich! Er gewesen sein ganz fest und noch fester zugebunden. Mambanga sich selber überzeugt haben, denn er haben Angst vor Schlangenbiß.«

»So müssen wir die Hütte gründlich durchsuchen, denn es sind nur elf Schlangen im Sack gewesen.«

»Nur elf? Oh, dann zwei vorher heraus sein!«

Nun begann ein ängstliches, gründliches und zugleich behutsames Durchsuchen der ganzen Hütte. Mit langen Haken wurden die einzelnen Gegenstände am Boden weggerückt, jeder Winkel durchstöbert, – ohne Ergebnis!

Dann kam der Nebenraum, Mambangas Schlafstätte, daran: auch hier war keine Spur zu finden. Jetzt blieb noch die Vorratskammer: die war so voller Behälter und Gegenstände aller Art, daß die Suche bedeutend schwieriger und zeitraubender wurde. Nichts war zu entdecken.

Aber das war kein Trost für Emin Gegr: er war überzeugt, daß eine der Giftschlangen entwichen sein müsse und zitterte für sein Leben. Diese Reptilien verstanden es ja so gut, sich zu verbergen!

Wie konnte man da sich noch ruhig in der Wohnung aufhalten und gar schlafen?

Der Einäugige stand eine solche Todesangst aus, daß ihm der kalte Schweiß ausbrach. Im Kugelregen wollte er Stand halten, aber vor diesem schleichenden Gewürm hatte er eine unüberwindliche Furcht und schwur sich, nie mehr etwas damit zu tun haben zu wollen, wenn er diesmal heil davon käme.

Er trat vor die Hütte hinaus. Da zischte etwas zwischen den Balken hervor auf ihn zu.

Er stand starr: es war die gesuchte Schlange.

Glücklicherweise kam in demselben Augenblick Mambanga heraus, stieß einen Schrei des Schreckens aus, aber schlug doch nach dem Tier und traf es glücklich zu Tode. Sonst wäre es um seinen Herrn geschehen gewesen, den das Entsetzen völlig gelähmt hatte.

Aber nun quälte den Schurken der Gedanke, ob es nicht vielleicht dreizehn Schlangen gewesen seien, und noch eine verborgen laure? Der Schlangenfänger konnte ja eine drein gegeben haben, und dann war es eine Unglückszahl!

Es dauerte mehrere Tage, bis Emin wieder unbesorgt in seiner Hütte zu schlafen vermochte.

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