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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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22.
Die Macht des Bösen

Das nächste Mal, daß unsere Freunde wieder gemütlich am Bache lagerten, begann Helling: »Wollen wir nicht unser Gespräch über das Übel in der Welt fortsetzen, mit dem wir das letzte Mal nicht zu Ende kamen?«

Sieger lachte: »Zu Ende?« sagte er: »Wir sind schon ganz im Anfang stecken geblieben, denn wir haben im wesentlichen nur vom seelischen Übel geredet, soweit es in Gedanken und Vorstellungen besteht. Und selbst das haben wir weit nicht erschöpfend behandelt. Bei den argen Gedanken, die wir über unsere Mitmenschen hegen, haben wir viele der schlimmsten außer acht gelassen, wie etwa falschen Verdacht, ungerechtfertigtes Mißtrauen, Zweifel, Unglauben und so manches, dessen Aufzählung allein schon zu weit führen würde. Aber es genügt für unsere Zwecke, zu wissen, daß dies vermeidliche Übel sind, wenn alle Menschen so treu, wahrhaftig und zuverlässig wären, daß sie einen nie täuschen und enttäuschen würden, und die rechte Liebe zu Gott und zum Nächsten unsere Herzen beherrschte.«

»Also gehen wir zum Bösen über, das sich in Mienen und Gebärden äußert,« schlug der Leutnant vor. »Wer weiß solches zu nennen?«

»Wenn man einen so finster und böse ansieht, wie die schlechten Menschen,« meinte Fanny. »Oder wenn man einem mit der Faust oder dem Messer oder gar mit der Flinte droht, daß man so Angst bekommt, wenn es auch nur Spaß ist.«

»Ja, das sind schlechte, gottlose Spässe,« sagte Sieger, »die oft zum bittersten Ernst führen und schwere Unglücksfälle im Gefolge haben. Aber alle bösen Gebärden sind vom Übel. Wie weh kann uns schon allein die kalte Miene eines geliebten Menschen tun! Und vollends zur Schau getragene Unfreundlichkeit oder gar spöttische, höhnische Gebärden, und wenn sie sich nur in einem Zucken um die Mundwinkel äußern. Wie war dem Erzvater Jakob zu Mut, da es heißt: ›Und Jakob sahe das Angesicht Labans, und siehe, es war nicht gegen ihn wie gestern und ehegestern.‹ Diese schmerzliche Beobachtung genügte, um ihn in die Flucht zu treiben. Der unwillige, mürrische Ausdruck eines Gesichtes kann die hoffnungsvolle Bitte um einen Gefallen in unserer Kehle ersticken und uns bewegen, auf die Hilfe zu verzichten, die uns so notwendig wäre, uns aber nur so ungern geleistet wird, daß sie uns nur quälen würde.«

»Und nun gar, wenn uns Zorn, Wut oder Haß aus einem Antlitz entgegengewittert,« bemerkte Helling wieder, »wie es vom ersten Brudermörder heißt: ›Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärden verstelleten sich‹«

»Vergessen wir nicht die häßlichen, unanständigen Gebärden, die nicht nur widerlich, sondern gemütsvergiftend wirken können, besonders auf die kindliche Unschuld,« nahm der Ingenieur wieder das Wort, »ferner Trotz und Widerspenstigkeit im Angesicht eines ungehorsamen Kindes, üble Laune oder der beständig schwer leidende Ausdruck, in dem sich gewisse Frauen gefallen, besonders solche, die gar nicht schwer zu leiden haben, mit dem sie nur Mitleid und Bedauern erregen und veranlassen wollen, daß alles sich um ihre Person drehe, und mit dem sie ihrer Umgebung, namentlich dem bedauernswerten Gatten jede Freude vergällen. Solche traurige Geschöpfe mahnt eine sonnige Schriftstellerin: ›Lauf nicht den ganzen Tag umher, Wie ein geschundner Märtyrer!‹«

»Damit kommen wir auf die heuchlerischen Gebärden, die mir vor allen anderen zuwider sind,« rief Onkel Siegmund: »Die süßen, katzenfreundlichen Mienen, denen man die Falschheit ansieht, das ewige Lächeln, das auf manchen Gesichtern versteinert zu sein scheint, frommer Augenaufschlag mit betend bewegten Lippen, die absichtlich zur Schau gestellt werden: das sind die Heuchler in den Schulen und auf den Gassen, von denen Jesus in der Bergpredigt sagt.«

Sieger fügte hinzu: »Das Gesicht ist der Spiegel der Seele. All diese schmerzenden, ängstigenden oder Abscheu erregenden Gebärden würden von selber verschwinden, wenn Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit und Geduld die Gemüter erfüllte. Aber auch eine gesunde christliche Erziehung könnte erreichen, daß jeder sich bemühen würde, seinen Gesichtsausdruck und seine Gebärden so zu beherrschen und zu gestalten, daß sie erfreulich und nie verstimmend auf die Umgebung wirken.«

»Das Gleiche läßt sich von den bösen Reden sagen,« meinte Helling: »Kalte, unfreundliche, spitzige, kränkende, beleidigende Worte, wie können sie so bitter wehe tun, verwunden und einem das Dasein vergällen, Herzen entzweien und unheilbare Feindschaft entzünden! Wo Neid und Zank ist, da ist Unordnung und eitel böses Ding: wie widerlich ist das ewige Streiten und Nörgeln, vor allem zwischen Geschwistern, das beständige Widersprechen und Besser-wissen-wollen, das Trutzen und Maulen oder gar Drohworte, zornige und gehässige Reden, schmutzige Spässe und unanständige Ausdrücke! Ganz besonders aber schnitt mir immer ins Herz das gottlose Fluchen und Lästern, das auf den Kasernenhöfen gang und gäbe ist. Es gibt wahrhaftig Unteroffiziere, die da meinen, sie können sich nur durch greuliche Flüche bei den Soldaten in Respekt setzen, und doch habe ich immer gefunden, daß man sich damit wohl gefürchtet machen kann, aber auch verhaßt. Wirkliche Ehrfurcht vor dem Vorgesetzten und Liebe zu ihm erwächst nur da, wo er sich solcher verwerflicher Mittel enthält, und das ist die Wurzel der besten und haltbarsten Manneszucht. Unser Heeresdienst ist eine gesunde, unentbehrliche Schule für die Jugend, aber sein hoher Wert wird sehr beeinträchtigt, wenn nicht zerstört dadurch, daß er für viele auch eine Schule der Unzucht und der Gottlosigkeit wird, und dagegen hilft zwangsweiser Kirchenbesuch wenig. Ich würde am liebsten jeden Fluch, jedes unsittliche Wort und das Singen unanständiger Lieder in den Kasernen unter schwere Strafe stellen. Es wird genug mit dummen und wahrheitswidrigen Gründen gegen den Militarismus gehetzt. Diese vaterlandsfeindliche Hetze kann aber nur dann Erfolg haben, wenn wir sie stärken, indem wir Fluchen, Sittenlosigkeit und zwecklose Mißhandlung im Heere dulden.«

»Da hast du einen besonders wunden Punkt berührt,« sagte Sieger: »Gebe Gott, daß diese verhängnisvollen Schäden beseitigt werden, ehe sie unsere Heeresmacht, den Schutz und die Hoffnung des Vaterlandes, untergraben und zugrunde richten! Jakobus klagt: ›Die Zunge kann kein Mensch zähmen, das unruhige Übel voll tötlichen Gifts!‹ Ach! was wird doch mit der Zunge gesündigt, Unheil angerichtet und Glück zerstört, das stille und beseligend blühen könnte, wenn wir nur dieses kleine Glied im Zaume zu halten lernten!«

»Da ist eine Hausfrau, die durch ihr ewiges Klagen und Jammern sich und dem ganzen Hause zur Qual wird, oder die durch ihr giftiges Keifen und Zanken ihrem Manne das Leben verbittert. Keine Magd hält es lange bei ihr aus. Die Kinder werden den ganzen Tag gescholten, meist ohne ernstlichen Anlaß, statt daß die Mutter sie besser erziehen würde in mütterlicher Liebe, verbunden mit Festigkeit: aber unter Schelten gibt sie nach, um Ruhe zu haben, sie droht immer, aber nie macht sie mit ihren Drohungen Ernst. Sie sagt: ›Ich sollte dir das nicht geben, dies nicht erlauben‹ – und zugleich gibt und gestattet sie es doch. Sie droht: ›Du darfst morgen nicht mit, du bekommst nichts zu Weihnachten‹ und die Kinder wissen aus Erfahrung, daß das alles nur leere Worte sind. So wird die Jugend verderbt und zu Trotz und Zügellosigkeit erzogen. Das Schlimmste ist noch, wenn sie die Kinder durch Angst zum Gehorsam bringen will, statt durch liebevolle Strenge und Strafe, wo diese nötig ist. Ich hörte einmal in einem Hause, wo ich zu Gast war, ein dreijähriges Kind in der Nacht brüllen: ›Der schwarze Mann kommt!‹ Da half kein Zureden. In Todesangst schrie es an einem fort die gleichen Worte. Schließlich geriet die Mutter in Zorn und schlug das Kind ganz erbärmlich, wodurch sein Geschrei nur heftiger wurde, ohne daß ihm die Angst genommen werden konnte. Ich mußte denken: die Mutter ist es, die Schläge verdient hat, weil sie durch lügnerische Drohung dem Kinde diese abergläubische Furcht vor dem schwarzen Manne einflößte. Wie grausam ist es nun, das arme Kind durchzuprügeln für das, was ihre Torheit an ihm verschuldete!«

Josef wollte nun auch einen Beitrag zum Kapitel der Zungensünden geben und sagte deshalb: »Das mit dem schwarzen Mann ist ja eine Lüge, und am besten wäre es, wenn man uns von Kind auf lehren würde, ja nicht zu lügen. Aber das hilft nichts, wenn uns die Erwachsenen selber anlügen. Manche lügen nur aus Eitelkeit: da prahlen sie und schneiden auf und sagen Sachen, die nicht wahr sind, nur damit man sie recht bewundern soll. Manche lügen, um zu schmeicheln und sich wohl dran zu machen. Viele lügen auch aus Not, wie sie sagen, aber wenn man recht zusieht, war die Lüge gar nicht nötig, denn es ist nie nötig, eine Unwahrheit zu sagen, wenn auch Petrus das glaubte, als er den Herrn verleugnete: das war nicht schön und er hat es auch eingesehen und bitterlich geweint. Und so habe ich oft gesehen, daß das mit der Notlüge nur Heuchelei und leere Entschuldigung ist, und man sich durch die Notlüge oft erst in die Not bringt, statt heraus, weil alles nur daher kommt, daß man den wahren Glauben nicht hat, daß Gott einem helfen kann, wenn man bei der Wahrheit bleibt, und so meint, man müsse lügen, um sich selbst herauszuhelfen. Aber, wenn es auch helfen könnte und man die ganze Welt gewönne, so nimmt man ja doch nur Schaden an seiner Seele. Deshalb ist Notlüge nichts als eine dumme Lüge. Dann lügt man auch aus Heuchelei, um sich besser zu machen als man ist, statt lieber wirklich besser zu werden. Und man lügt, um irdische Vorteile und Geld und Gut zu gewinnen durch Betrug und Schwindel und Hochstaplerei. Schlechte Kerle lügen auch andere an, um sich über sie lustig zu machen oder sie ins Unglück zu stürzen und sie zu verführen, wie die Schlange im Paradies. Und wenn sie etwas Böses getan haben, so wollen sie sich herauslügen, wie Kain, wo er gesagt hat: »Ich weiß nicht, wo mein Bruder ist, soll ich sein Hüter sein!« Oder Josefs Brüder, als sie seinen Rock blutig machten und ihren Vater fragten, ob das der Rock seines Sohnes sei, damit er meinen sollte, ein wildes Tier habe ihn zerrissen. So führt einer den anderen hinters Licht. Aber die ärgsten sind doch die, welche über einen anderen lügen und Böses von ihm sagen, das gar nicht wahr ist oder doch übertrieben und verschlimmert oder ganz falsch verstanden. Wenn es aber auch wahr ist, sollten sie es doch nicht weiterschwatzen, um ihn überall schlecht zu machen, denn was sie selber Böses tun und denken, schwatzen sie auch nicht überall weiter. Und das sind die Verleumder und Verlästerer und die Ehrabschneider, und bei mir zu Haus hat sich einer einmal das Leben genommen, weil ihn ein solcher Tropf verschwätzt hat, und dann wird der Lügner auch noch zum Mörder. Überhaupt warum tut man einem immer so gern weh mit bösen und dummen Reden, mit Necken und Hänseln und Sticheleien und immerfort Ärgern? Da sind die Araber fast alle viel höflicher, wenn es ihnen vielleicht auch nicht immer ganz Ernst ist.«

»Brav so, wackerer Josef!« lobte ihn sein Herr: »Du hast uns da einen Vortrag über Lüge und Verleumdung gehalten, der in aller Kürze doch das Meiste ins Licht stellt, was darüber gesagt werden kann. Nur noch eine Art der Lüge möchte ich hervorheben: die Unzuverlässigkeit, die in Untreue, Treubruch, Meineid und Verrat gipfelt. Treulosigkeit, falsches Schwören und Verrat, besonders Bruch des Fahneneides, Fahnenflucht und Vaterlandsverrat werden ja auch bei uns als besonders ehrlose Verbrechen verabscheut. Aber leider nimmt man es mit dem gewöhnlichen Wortbruch nicht so schwer. Wie viel wird versprochen und nicht gehalten! Besonders mit der Unpünktlichkeit nimmt man es leicht und stiehlt dem besten Freunde seine kostbare Zeit, indem man ihn lange warten läßt.«

»Davon weiß ich auch eine traurige Geschichte,« sagte Josef, »und das war nämlich in Stuttgart. Da hat einer einen Bekannten von mir auf den Marktplatz bestellt um fünf Uhr und ist aber selber erst um sechs Uhr gekommen. Mein Freund hatte so lange auf ihn gewartet, aber weil es ein nasser kalter Abend war und er nicht gedacht hatte, so lange herumstehen zu müssen und darum nicht warm genug an war, hat er sich so schlimm erkältet, daß er nach drei Tagen daran gestorben ist, nur wegen der ganz unnötigen Unpünktlichkeit des Anderen.«

»Merkt euch das, meine lieben Kinder!« sagte Sieger zu Fanny und Johannes: »So schwere Folgen kann sogar eine bloße Unpünktlichkeit haben. Darum und in Rücksicht auf all das andere, das ihr gehört habt, möchte ich euch besonders Robert Reinicks Worte ans Herz legen: ›Vor allem eins, mein Kind, sei treu und wahr!‹«

»Sind wir jetzt zu Ende mit den Zungensünden?« fragte Helling.

»Oh, ich weiß auch noch eine,« fiel Fanny ein: »Wenn man so hochmütige Reden führt und den Anderen so verächtliche gibt, als sei man alles und Andere gar nichts wert, wie der Bimbaschi es macht – aber nicht immer – mit Hussein, Selim und Halef. Aber, ich glaube, sie machen sich nichts daraus, nur mir tut es allemal weh für sie, weil sie so gut zu mir sind.«

»Du hast recht,« sagte Onkel Siegmund: »Und da finden wir gleich ein neues Übel, das Mitleid.«

»Dürfen wir das zu den Übeln rechnen?« fragte der Ingenieur: »Es ist doch edel und gut, ein Balsam für die Wunden.«

»Gewiß! Aber herzliche Teilnahme muß dem weh tun, der sie empfindet: er leidet mit dem Leidenden; ohne Leid gäbe es kein Mitleid.«

»Das ist allerdings unbestreitbar: so ist das Übel auch Ursache des Mitleids.«

»Ich weiß auch noch eine Zungensünde,« sagte nun Osman: »Wenn man einen verspottet und verhöhnt, wie David so viel in den Psalmen klagt.«

»Ja, das tun schon die kleinen Kinder so gerne,« warf Josef ein: »Sie machen ›Ätsche!‹ und ›Ätschgäbele‹ gegeneinander und schaben mit den Fingern, und dann sehen sie so häßlich aus. Aber auch die Alten verspotten sie und rufen ihnen nach: ›Großvater!‹ oder ›Alter Kracher‹. Wenn es bei uns noch Bären gäbe, wie die, welche die zweiundvierzig bösen Buben zerrissen haben, die den Propheten Elisa verspotteten, weil er einen Kahlkopf hatte, wir hätten bald keine Kinder mehr.«

»Aber von wem lernen das die Kinder?« fragte Sieger: »Doch nur von den Erwachsenen, die noch darüber lachen, statt ihnen zu wehren. Leider ist diese Unart gerade in Deutschland zu Hause. Da fährt ein Herr auf einem Damenrad, weil dies die einzig vernünftige Radform ist. Nicht nur die Kinder, auch Erwachsene rufen ihm auf Schritt und Tritt spöttische Bemerkungen nach: sie verhöhnen in ihrer Dummheit, was sie nicht verstehen. Überhaupt belästigen sie Unbekannte mit ihren dummen, ungezogenen und vorlauten Zurufen. In keinem anderen Land der Welt begegnet einem das, und deshalb sind wir Deutsche überall als ein rohes, ungebildetes Volk verschrien. Das kommt eben daher, daß wir übertriebenen Wert darauf legen, unserer Jugend möglichst viel, oft zweifelhaftes und eben wegen der geistigen Überladung auch rasch vergessenes und daher nutzloses Wissen einzutrichtern, statt sie vor allem zu Anstand und Bescheidenheit zu erziehen. So züchten wir Halbbildung, Einbildung und ungeschliffene Flegel.«

»Das alles sind Übel, die durch gesunde Erziehung zu vermeiden wären. Genau so ist es mit dem Übel, das sich in der Tat äußert, und von dem wir schon vieles vorweggenommen haben. Weise Erziehung könnte alle Verbrechen aus der Welt schaffen, denn Vererbung und angeborene verbrecherische Anlagen sind ein Wahn, wie sich leicht nachweisen läßt. Schon allein die Geschichte der Meuterer auf Pitcairn, die ich euch später erzählen will, ist ein schlagender Beweis dafür, von den unzähligen anderen ganz zu schweigen. Alle Taten des Zornes, des Hasses und der Bosheit ließen sich ebenso unmöglich machen: Unduldsamkeit, Verfolgung, Bedrückung, Ungerechtigkeit, Knechtung, Roheit, Zerstörungswut, Verwüstung, Beschädigung fremden Eigentums und Vernichtung der Früchte fremden Fleißes ließen sich ausschalten, aber auch Trägheit und Faulheit, Schüchternheit, Ängstlichkeit, Furchtsamkeit, Feigheit und alle daraus entspringenden Übel.«

»Vor allem täte Erziehung zur Bescheidenheit not,« nahm der Leutnant wieder das Wort: »Hochmut ist eine Ursache vieler Übel: er treibt zur Verachtung, Verspottung und schlechten Behandlung der Mitmenschen. Er ist dumm, aber mit Dummheit kämpfen ja bekanntlich Götter selbst vergeblich.«

»Am unerträglichsten ist sie,« erklärte der Ingenieur, »wenn sie uns bei Menschen begegnet, die irgendwie Gewalt über uns haben, als Beamte, Richter und Herrscher. Aber in einem Staate, wie ich ihn im Auge habe, würde kein nach chinesischem Muster übertriebener Wert auf Schulzeugnisse und Prüfungsergebnisse gelegt und nur wirklich vernünftigen und vor allem bescheidenen und einsichtsvollen Persönlichkeiten eine einflußreiche Stellung anvertraut werden, keinem Selbstbewußten und Unbelehrbaren. Übrigens bei einer Erziehung zu Demut und Bescheidenheit, die im Nächstendienst ihre Pflicht und Freude sieht, wird auch die unheilbare Dummheit unschädlich.«

»Was ich vor allem aus der Welt schaffen möchte, ist der teuflische Trieb zur Grausamkeit, zur Quälerei und Mißhandlung der Mitmenschen. Sollte es je Menschen geben, bei denen die beste Erziehung grausame und verbrecherische Triebe nicht auszurotten vermöchte, was ich übrigens für ausgeschlossen halte, so müßten sie unschädlich gemacht werden durch Überweisung in besondere Anstalten für Unverbesserliche.«

Da die Nacht hereinbrach, wurde das Gespräch für heute abgebrochen.

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