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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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21.
Greuel der Verwüstung

Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Verwüstung, davon gesagt ist durch den Propheten Daniel ... Diese Worte Jesu fielen unsern Freunden ein, als sie durch den Donner der furchtbaren Sprengung aus ihrer behaglichen Ruhe im Mondschein aufgeschreckt wurden, der Fabrik zueilten, und beim Biegen um die Felsenecke einen rauchenden Trümmerhaufen vor sich sahen, aus dem einzelne Flammen emporzüngelten.

Der mittlere Teil des Gebäudes war vollständig zerstört, während die beiden Flügel noch aufrecht standen.

»Es ist genau so, wie der Prophet Daniel sagt,« sprach Sieger nach einer geraumen Weile allgemeinen stummen Schreckens: »Und bei den Flügeln werden stehen Greuel der Verwüstung.« Dann aber raffte er sich auf und fuhr fort: »Kinder, das ist eine wirklich wunderbare Bewahrung! Wären wir nicht ganz gegen unsere Gewohnheit noch über eine Stunde in der Nacht draußen geblieben, so wäre keines von uns mehr am Leben. Lasset uns Gott danken für seine gnädige Fügung!« Und nun sprach er ein warmes Dankgebet.

Die aufgetürmten Trümmer machten das Betreten des Hauses unmöglich, und es galt erst, sie wegzuräumen, um sich Bahn zu schaffen. Das war eine schwere Arbeit, denn es gab da einzelne recht große Mauerstücke unter kleineren Brocken und Schuttmassen.

Immerhin gelang es den drei kräftigen Männern, Sieger, Helling und Josef, mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft, auch die schwersten Steine wegzuwälzen. Sie arbeiteten die ganze Nacht, während Fanny und Johannes sich unter einem vorspringenden Felsen schlafen legen mußten.

Nach Sonnenaufgang gönnten sich auch die Männer einige Stunden Ruhe, ehe sie ihr anstrengendes Werk fortsetzten, denn es gab noch viel Arbeit, bis der Zugang so weit freigelegt war, daß man das Innere des Gebäudes betreten konnte.

Schon in der Nacht hatten übrigens hundert Hände begonnen, auch auf der andern Seite die Aufräumungsarbeiten in Angriff zu nehmen.

Die faulen Wächter hatten sich gestern frühzeitig zum Schlaf niedergelegt, nachdem sie das Tor, wie üblich, fest verwahrt hatten. Sie konnten des Nachts getrost schlafen, da der einzige Ausgang von der Fabrik her durch ihr Wachlokal führte, und der Bimbaschi zu aller Vorsicht sein Lager immer quer vor die Torflügel rückte.

Kaum aber waren sie eingeschlummert, als der heftige Knall sie jäh auffahren ließ. Das war ein Poltern und Krachen! Einzelne Trümmer flogen weit über die Sperrmauer und ein gewaltiger Stein durchschlug das Dach des Wächterhauses und fiel zwischen den entsetzten Arabern nieder, glücklicherweise ohne einen zu treffen.

Erst als wieder völlige Stille wurde, wagten sie das hintere Tor zu öffnen und nun sahen sie im hellen Mondschein das Bild der Verwüstung. Fast der ganze Zwischenraum zwischen der Mauer und dem Fabrikgebäude war hoch mit Schutt und Trümmerhaufen angefüllt. Auch Flammen sah man emporzüngeln, doch erloschen sie bald, denn alles war aus Stein und Backsteinen erbaut, und die brennbaren Stoffe der Inneneinrichtung waren unter den unverbrennlichen Massen derart verschüttet, daß nur einzelne Teile so viel Luftzutritt hatten, um verbrennen zu können. Die feuergefährlichen Vorräte in den Kellerräumen waren offenbar von der Explosion nicht berührt worden.

»Allah!« rief Raschid bin Karam, als ihm die Sprache wiederkehrte: »Sie sind alle tot, unter dem Schutt begraben. So geht es, wenn die Vermessenheit schwacher Menschen Kanonen bauen will und verderbliche Stoffe anhäuft, in denen die Blitze des Himmels verborgen ruhen. Ein Wink des Höchsten läßt die Blitze herausfahren zu ihrem eigenen Verderben. Es tut mir wahrhaftig leid um die Ungläubigen, denn wenn ihre Seelen auch verdunkelt waren, daß sie den wahren Glauben nicht erkannten, so waren sie doch gut und taten niemand etwas zuleide. Allah sei ihnen gnädig!«

»Es ist wahr,« sagte der Wächter Selim mit aufrichtiger Betrübnis: »Und die Kinder waren wie die Huris des Paradieses: ihr Anblick war Lust den Augen und ihre Rede Balsam dem Herzen.«

Und Halef fügte hinzu: »Osman war wie ein junger Löwe und Fatme gleich der schlanken Gazelle und ihr Gesang beschämte die Stimme Bülbüls.«

»Gehe hin und wecke die Arbeiter!« befahl der Bimbaschi dem Selim: »Und ihr, Halef und Hussein, leget gleich Hand mit mir an: wir müssen die verschütteten Leichen ausgraben, um sie bestatten zu können.«

Selim eilte von dannen. Er brauchte die Arbeiter nicht zu wecken, das hatte schon der erste, erderschütternde Knall besorgt. Als sie jetzt erfuhren, welch furchtbares Unglück sich ereignet hatte, und daß ihr Herr mit den Seinigen ihm zweifellos zum Opfer gefallen sei, trauerten sie alle und beeilten sich, die Aufräumungsarbeiten vorzunehmen.

Raschid bin Karam hatte inzwischen schon damit begonnen, unterstützt von Hussein und Halef. Ganz gegen seine Gewohnheit legte der Bimbaschi selber mit Hand an, während er zugleich die andern anfeuerte, so rasch als möglich zu arbeiten.

»Aber nicht allzu hastig!« rief er den Arbeitern zu: »Traget alles vorsichtig ab, daß kein Stein den Halt verliert und die Trümmer nicht in sich zusammenstürzen. Es gibt Beispiele, da der Schutz Allahs, des Allgütigen, Verschüttete unter den Trümmern ihres Hauses am Leben erhielt, bis sie befreit wurden, und vor allem Kinder unversehrt unter deckendem Gebälk bewahrte.«

So wurde ebenso schnell wie umsichtig gearbeitet, und da der Kräfte so viele am Werk waren, ging es auch rasch voran.

Auch in Omderman war die Explosion vernommen worden, und noch in der Nacht strömten viele Neugierige und auch manche ernstlich Besorgte herbei, Hassan und Amina allen voran. Ihr Schreck und ihre Trauer waren unbeschreiblich, als sie erfuhren, was geschehen war. Hassan machte sich sofort mit an die Arbeit und mancher andere bot seine Dienste an. Wenn nun auch kein Raum für alle Helfer war, sich am Rettungswerk zu beteiligen, so konnten doch die ermüdeten Arbeiter jeweilig abgelöst werden, so daß keine Unterbrechung in der emsigen Tätigkeit eintrat.

Inzwischen hatten auch Sieger, Helling und Josef auf der anderen Seite die Arbeit wieder ausgenommen, gestärkt durch kurzen Schlaf. Johannes und Fanny halfen nach Kräften mit. Ihr Frühstück hatte freilich nur aus einem Trunk frischen Wassers bestanden; doch die Aufregung ließ sie den Hunger kaum empfinden.

Der Lärm und die Rufe im Taleingang belehrten sie, daß ihnen von dort aus zu Hilfe gekommen wurde, und das war für sie ein großer Trost und kräftiger Ansporn.

Sieger benutzte einen Augenblick verhältnismäßiger Stille, um mit lauter Stimme hinüberzurufen: »Wir sind alle am Leben, durch Allahs Gnade! Machet voran, daß die Bahn frei werde.«

Als die Menge bei der Mauer seine Stimme vernahm, trat sofort lautlose Stille ein und Sieger wiederholte seine Worte. Da brach ein Jubel aus, der unseren Freunden warm zu Herzen ging, denn sie ersahen daraus, welche Teilnahme ihr Schicksal erweckt hatte und welche Liebe ihnen von vielen ihrer Leute entgegengebracht wurde.

In der Tat freuten sich die Araber fast alle von Herzen, als ihnen die unerwartete Kunde wurde, daß sämtliche Europäer dem Verderben entronnen seien, und diese Gewißheit trieb sie zu nur um so rüstigerer Tätigkeit an. Einer, dem diese Botschaft eine schwere Enttäuschung sein mußte, hatte sich wohl gehütet, sich an den Ort seiner schwarzen Tat zu begeben. Er sollte noch bald genug das Fehlschlagen seines Mordanschlags erfahren.

Es ist begreiflich, daß der Bimbaschi und seine Wächter über dem jähen Schrecken den Besuch Emin Gegrs völlig vergessen hatten, der ihnen überhaupt kein irgend bemerkenswertes Ereignis gewesen war.

Mit keinem Gedanken hätten sie daran gedacht, daß die Explosion, die sich erst über eine Stunde nach seiner Entfernung ereignet hatte, mit diesem Besuche zusammenhängen könne. Sonst hätten sie sich wohl dieses immerhin ungewöhnlichen Vorkommnisses erinnert. Aber sie dachten eben nur an das Nächstliegende, nämlich, daß der Unfall die Folge einer Unvorsichtigkeit bei der Aufbewahrung der gefährlichen Sprengstoffe sein müsse.

Drüben stieß Sieger einen Jubelruf aus, in den die Seinen alsbald einstimmten: unter dem Schutt hatten sie die Bibel völlig unversehrt gefunden.

»Gott sei Dank!« rief der Ingenieur: »Das war meine größte Sorge, daß wir diesen köstlichsten Schatz verloren hätten. Es ist ja unser einziges Buch, aber eben dasjenige, das uns alle andern am leichtesten vermissen läßt, weil es doch das schönste, beste und unentbehrlichste ist. Alles andere, das der Zerstörung zum Opfer fiel, kann wiederhergestellt oder ersetzt werden, so viel Mühe und Zeit es kosten mag. Unsere Bibel jedoch wäre ein unersetzlicher Verlust gewesen. Sehet, wie gut es der himmlische Vater mit uns meint, daß er uns diese Lebensquelle nicht rauben ließ.«

Am späten Nachmittag wurde die Verbindung mit der Außenwelt so weit frei, daß man über den verbleibenden Schutthaufen hinüber und herüber konnte.

Das war eine Freude auf beiden Seiten: besonders Hassan und Amina lachten und weinten, als sie ihre Freunde wohlbehalten sahen und Osman und Fatme umarmten. Jetzt konnten sich die Geretteten auch mit Speise und Trank stärken und die unversehrten Schlafzimmer wurden vor Abend wieder zugänglich gemacht, so daß sie bezogen werden konnten.

Die Ursache des furchtbaren und doch so glücklich abgelaufenen Unglücks war Sieger völlig rätselhaft, angesichts der so trefflichen Vorsichtsmaßregeln, die er getroffen hatte, um derartige Unfälle unmöglich zu machen. Bald konnte auch festgestellt werden, daß die Kammer mit den Sprengstoffen, sowie ihre Zugänge durchaus unberührt geblieben waren. Alles war wohlverschlossen. Die Schlüssel hatten sich alle mit dem zersplitterten Schlüsselbrett in den Trümmern gefunden.

Erst viel später erwähnte der Bimbaschi Raschid bin Karam einmal zufällig den Besuch Emin Gegrs am Unglückstage, als er ihm infolge irgend eines Umstandes wieder einfiel. Sieger erfuhr nun, daß der Mensch gegen anderthalb Stunden im Fabrikgebäude geweilt hatte. Der Bimbaschi meinte freilich, er sei beim Ingenieur in der Schlucht gewesen, und dieser fand es nicht nötig, dem Araber mitzuteilen, daß dies nicht der Fall gewesen sei, daß er den Einäugigen überhaupt nicht zu Gesicht bekommen habe, von dem er schon so viel Schlimmes gehört hatte, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Ihm selber war es nun klar, daß es sich wiederum um einen Anschlag dieses Schurken handeln müßte. Wie er jedoch die Sache bewerkstelligt habe, konnte er nicht erraten, da der Zugang zu den Sprengstoffen so gut verwahrt gefunden worden war, und bei der großen Zahl der im Gewölbe befindlichen Fässer das Fehlen eines einzigen nicht bemerkt wurde.

Da waren nichts als unlösbare Rätsel: Sieger konnte sich gar nicht denken, daß er sich je einen Menschen ernstlich verfeindet habe. Und hier hatte er offenbar einen wütenden Todfeind, den er gar nicht kannte, ja den er nie gesehen hatte. Denn nach der Beschreibung, die ihm von dem Einäugigen gegeben wurde, mußte dieser ein so auffallendes und abschreckendes Äußere haben, daß sein auch nur einmaliger Anblick nicht wieder vergessen werden konnte.

Dieser rätselhafte, unheimliche Mensch war es, der den Scharfschützen Ali bin Said meuchelmörderisch gedungen hatte, Sieger zu erschießen. Derselbe hatte nun einen Teil der Fabrik in die Luft gesprengt, offenbar in der Absicht, die Insassen ums Leben zu bringen. Was für Gründe konnte dieser tödliche Haß haben?

Jedenfalls galt es, vor dem Verfolger auf der Hut zu sein.

Der Wiederaufbau der Fabrik wurde sofort in Angriff genommen. Es dauerte Wochen, bis alles wieder im alten Stande war und auch der Garten auf der Terrasse wieder in seiner vorherigen Pracht, lückenlos und wohlgepflegt das Auge erfreute.

Noch ehe es so weit war, begannen unsere Freunde wieder, ihre Sonntagnachmittage in der Schlucht zuzubringen, was ihnen in der ersten Zeit etwas entleidet war. Es wurde aber fortan stets eine Wache im Fabrikgebäude zurückgelassen, wenn alle Europäer dasselbe verließen. Zu Wächtern wählte der Ingenieur die treuesten und zuverlässigsten seiner Arbeiter aus, namentlich Ali bin Said, der selber darum gebeten hatte, da er ganz besonders für das Wohlergehen seines neuen Herren, den er einst hatte morden wollen, besorgt war.

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