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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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19.
Das Übel in der Welt

Sieger fuhr fort: »Die Arten des Übels sind schon schwer auseinanderzuhalten: leibliches Übel wird zumeist auch seelisches sein. So ist zum Beispiel körperlicher Schmerz mit Trauer, Ärger oder Ungeduld verbunden. Wir können aber auch vielerlei Übel unterscheiden, je nachdem es nur in Gedanken besteht oder sich äußert in Mienen und Gebärden, Worten oder Werken. Aber auch da ist eine strenge Trennung nicht möglich. Beispielsweise ist der Zorn zunächst innerlich, doch zeigt er sich in finsteren Blicken, drohenden Bewegungen, heftigen Worten oder feindlichen Handlungen.

»Ebenso schwierig ist die Unterscheidung zwischen vermeidlichem und unvermeidlichem Übel: so kann etwa eine Krankheit, ein Unfall selbstverschuldet sein, aber ebensogut ohne Zutun des Betroffenen ihn befallen. Selbst Sünde und Übel gehen ineinander über, denn die Sünde ist selbst ein fressendes Übel, und alles Übel, das wir anderen zufügen, ist Sünde. Dennoch müssen wir der Ordnung halber Unterscheidungen machen, wenn wir auch nicht vermeiden können, daß sie sich als mangelhaft erweisen.«

»So wollen wir einmal mit den seelischen Übeln beginnen,« schlug Helling vor: »Sie sind ja wohl die zahlreichsten. Forschen wir nach ihren Ursachen, und sage du uns dann, wie du dir die Möglichkeit ihrer Überwindung denkst.«

»Seelische Übel,« sagte Sieger, »sind zunächst solche, unter denen wir allein zu leiden haben, die aber sofort unsere Umgebung in Mitleidenschaft ziehen, wenn wir sie irgendwie äußern, sei es im Ausdruck des Antlitzes, sei es in Klagen oder Handlungen. Wer will uns solche Übel nennen?«

»Kummer und Sorgen!« rief Fanny.

»Ja, das ist schon zweierlei,« erwiderte ihr Vater: »Doch macht Kummer Sorgen und Sorgen bereiten wiederum Kummer. Leid, Betrübnis, Trauer und Traurigkeit können die verschiedensten Ursachen haben. Welche zum Beispiel?«

»Trennung von lieben Freunden,« sagte Johannes, der an die Fluchtpläne Hassans und Aminas dachte.

»Ja, scheiden tut weh! Besonders wenn der Tod uns trennt. Das ist wohl meist ein unvermeidliches Leiden, wenn es sich nicht um verschuldeten Tod oder freiwillige Trennung handelt. Aber gibt es dafür keinen Trost?«

»Wenn Freunde auseinandergehn, so sagen sie auf Wiedersehn!« bemerkte jetzt Josef.

»Das ist's!« stimmte der Ingenieur bei: »Nehmen wir an, die Menschheit wäre so fortgeschritten, daß alle Getrennten die Mittel besäßen, häufig wieder zusammenzukommen, so wäre dem Abschied alle Bitterkeit genommen. Ferner, setzen wir den Fall, daß niemand mehr sterben würde, ehe er ein hohes Alter erreicht hat, und ich hoffe später zu zeigen, daß dies nicht undenkbar ist, so wäre auch die Trennung durch den Tod nicht mehr so schmerzlich. Ja, erreichten wir wieder die hohe Stufe des Glaubens und der Hoffnung, die den ersten Christen ermöglichte, Freudenfeste zu feiern, wenn ihre Lieben ihnen in die Seligkeit vorangingen, wie könnten wir noch traurig sein, wie die Heiden, die keine Hoffnung haben? Ist unsere Trauer nicht im Grunde Selbstsucht, die nur an den eigenen Verlust denkt, statt sich für den Geschiedenen zu freuen, daß er es nun besser hat?«

»Wenn es sich aber um ein unseliges Ende handelt?« warf Helling ein.

»Das ist freilich etwas anderes. Aber das ist ein vermeidliches Übel. Jedem ist es möglich, so zu leben, daß er selig stirbt, und wir können durch Erziehung, Vorbild und Gebet viel dazu helfen. Solche Trauer scheidet aus, sobald jeder seine Pflicht erfüllt.

»Die häufigste Trauer bekümmert sich aber um armselige Nichtigkeiten, vergängliche Verluste, Kränkungen und Enttäuschungen. Sie würde überwunden durch echt christliche Erziehung, die lehrt, auf das Irdische keinen übertriebenen Wert zu legen, sich unverdienter Schmach zu freuen und verdiente zu meiden oder still zu tragen, und vor allem zu glauben, daß uns alles zum besten dienen müsse. Wären aber alle Menschen in christlicher Nächstenliebe verbunden, so würden alle Ursachen zu solchem Leid wegfallen, oder würde einem jeder Verlust ersetzt, jedes Leid verklärt.«

»Besonders schwer scheint mir die Trauer über ungeratene Kinder,« meinte der Leutnant wieder: »Aber ich gebe zu, daß auch diese durch christliche Erziehung vermeidlich wäre. Hat es an dieser nicht gefehlt, so liegt die Schuld an den Kindern selber und zugleich an denen, die sie aufreizen und verführen.«

»Wehe den Verhetzern und Verführern der Jugend!« rief Sieger: »Auch wenn sie es mit schönen Schlagworten, wie ›Jugendbewegung‹ und ›Rechte der Jugend‹, bemänteln. Fluch vor allem denen, die das Kind um eigennütziger Parteizwecke willen zum Klassenhaß reizen oder ihm die höchsten Güter, den christlichen Glauben und Religionsunterricht, stehlen. Von ihnen sagt der größte Kinderfreund: es wäre ihnen besser, daß ein Mühlstein an ihren Hals gehängt und sie ersäuft würden im Meer, da es am tiefsten ist!«

»Noch eine Trauer möchte ich nennen,« sprach Helling düster: »Vielleicht die bitterste und unheilbarste von allen: die Qual und Scham wegen eigener schwerer Schuld.«

»Ja, ein böses Gewissen und peinigende Reue sind besonders drückend. Aber für sie haben wir die Heilmittel Gnade und Vergebung, wie sie selbst einen Schächer am Kreuze beseligten. Sie sind aber auch vermeidlich. Wer sie jedoch verschuldete und die Gnade im Unglauben oder aus Hochmut zurückstößt, verfällt in Trübsinn und Schwermut, die Luther zu ›Schand und Laster‹ rechnet.

»Ist nicht auch alle Furcht und Sorge, die uns so quälen können, nichts als Mangel an Glauben und Gottvertrauen?«

»Oder eine Frucht des Aberglaubens,« ergänzte Helling: »Ich sehe ein: Scham und Schande, Geiz, Habgier und alle Laster, Raub, Diebstahl, Betrug, Lüge, Verleumdung, Mord, Totschlag und alle Verbrechen, Haß, Unfriede, Zank, Streit und Krieg müßten verschwinden, wenn wir alle von christlicher Nächstenliebe beseelt wären.«

»Ach ja! Wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!« sagte Osman und dachte an seine Schwester, Hassan und Amina.

»Und wie häßlich und töricht ist es,« fügte sein Vater hinzu, »wenn Nachbarn oder gar Verwandte und Geschwister sich selber und anderen das Leben verbittern durch Zanksucht und meist so kleinliche Streitereien und boshafte Sticheleien! Zu den schlimmsten Übeln aber gehören Neid und Eifersucht, die Klassenhaß erzeugen und Kriege entzünden.«

»Da muß man Geduld und Zufriedenheit lernen,« meinte Jussuf: »Überhaupt möchte man auch gern reich sein und es besser haben, aber braucht man es dann den Reichen zu mißgönnen, daß sie haben, was man selber möchte? Das ist doch Schlechtigkeit und auch Dummheit; denn wenn man recht hineinsieht, sind sie gar nicht glücklicher, weil sie an nichts eine rechte Freude haben, wie unsereiner schon an Kleinigkeiten und oft andere, viel schwerere Sorgen und Schmerzen leiden müssen.«

»Ja!« bestätigte Sieger: »Und Neid erzeugt Haß, das Häßlichste, was es gibt. Es ist das Teuflischste und Gemeinste, wie die Liebe das Göttlichste und Edelste ist. Liebe beglückt den Gebenden und Empfangenden und bessert beide. Haß macht den Hassenden und Gehaßten unglücklich, er kann weder Menschen noch Zustände bessern, sondern verschlimmert alles und führt zur Verwilderung und Verrohung. Er ist stets ein Zeichen geistigen und sittlichen Tiefstandes, und die verderblichsten Krebsgeschwüre der menschlichen Gesellschaft sind diejenigen, die zum Haß aufreizen oder sich dazu aufreizen lassen.«

»Und der häufigste und giftigste Haß trifft den Schuldlosen,« bemerkte der Leutnant: »Der Böse haßt den Guten, der Dumme den Weisen, und nicht umgekehrt: das Gefühl der Minderwertigkeit und das schlechte Gewissen treiben dazu, den höher Stehenden zu hassen: ach! das habe ich an mir selber erfahren! Auch ich haßte einen, der so viel besser war als ich!«

»Beschwere dich nicht mit dem, was du bereust,« tröstete ihn Sieger. »Aber Tatsache ist, daß Haß ein Zeichen von Schlechtigkeit und Dummheit ist. Manchmal fiel ein Tyrann dem Mordstahl zum Opfer, aber meist waren es die Besten und Schuldlosesten, die der Haß mordete oder zu morden versuchte: ich nenne nur Sokrates, Jesus, Heinrich IV. von Frankreich, Philipp von Schwaben, Ludwig XVI., Marie-Antoinette, Abraham Lincoln, Zar Alexander, König Humbert, Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Elisabeth von Österreich.«

»Solche Fälle,« sagte Helling, »bestätigen uns, daß die schroffen Klassengegensätze von unten, nicht von oben kommen, und erst durch gewissenlose Hetzer, die nur ihren eigenen Vorteil suchen, erzeugt oder verschärft werden! Sie könnten ausgeglichen werden, indem die unteren Volksschichten gehoben würden, wenn in der Schule mehr Gewicht auf wahre Bildung und anständiges Benehmen gelegt würde als auf Vielwisserei. Dies geschieht in anderen Ländern, wo auch so schroffe Gegensätze oder gar ein solcher einseitiger Klassenhaß infolgedessen unbekannt sind. So, wie es bei uns steht, fordert der auf niedrigerer Bildungs- und Sittlichkeitsstufe Stehende von den Höherstehenden, daß sie herabsteigen in seine Gemeinheit, statt daß er den Gegensatz dadurch ausgliche, daß er sich bemühte, eine höhere Stufe der Bildung und Gesittung zu erreichen. Und deshalb eben ist die Kluft so unüberbrückbar und der Haß so giftig und unversöhnlich, weil der Höherstehende, bei allem guten Willen zur Verbrüderung, sich unmöglich dazu verstehen kann, roh und gemein zu werden, nur um die Rohen und Gemeinen mit sich auszusöhnen.

»Und wie dieser künstlich durch Verhetzung erzeugte Klassenhaß ist der Völkerhaß, der auch durch beständige absichtliche Verhetzung geschürt wird: immer ist es das minderwertige, geistig, sittlich und an Bildung niedriger stehende Volk, welches das überlegene, höherstehende haßt, und nie umgekehrt. Das haben wir selber so oft erfahren. Überhaupt hassen diejenigen, die Andern Unrecht zufügten, aus heimlichem Schamgefühl und schlechtem Gewissen, diese viel unversöhnlicher, als sie von ihnen gehaßt werden.

Über all den Gesprächen war die Sonne untergegangen und es dunkelte rasch, so daß Sieger sagte: »Es ist Zeit, daß wir uns heimbegeben: ich sehe schon, daß wir heute doch nicht mit dem Übel in der Welt fertig werden!«

»O Papa!« bat Fanny: »Sieh doch: gerade steigt der Mond so silberhell über den Bergrand. Laß uns noch eine Weile im Mondschein hier weilen und plaudern: das muß herrlich sein!«

Die anderen stimmten ein, und der Ingenieur gab gerne nach. Und das sollte allen das Leben retten.

Sie plauderten noch eine volle Stunde über andere Dinge, als plötzlich ein furchtbarer Schlag erfolgte. Die Felsen erbebten und ein roter Feuerschein blitzte an ihnen auf.

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