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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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17.
Der Maulwurf

Tags darauf sagte Sieger zu Helling: »Willst du mit mir kommen? Ich muß nach meinem Maulwurf sehen und die Fortschritte seiner Arbeit feststellen. Johannes ist schon seit zwei Stunden bei ihm.«

»Du sprichst in Rätseln,« erwiderte der Leutnant: »Ein Maulwurf? Ich habe in dieser Gegend noch nie einen gesehen. Haust einer hier in der Nähe, so begreife ich, daß du ein so seltenes Tier schonst und deine Freude daran hast. Auch mich würde es freuen, es zu sehen: es wäre etwas Heimatliches. Was meinst du aber mit den Fortschritten seiner Arbeit, die du feststellen willst? Das klingt ja fast, als hättest du einen Maulwurf gezähmt, der nun in deinen Diensten arbeite!«

»Ganz richtig bemerkt! Es ist auch so etwas Ähnliches. Dieser Maulwurf ist das Geheimnis, dessen Enthüllung ich dir noch schulde, mit ihm hängt die Dynamomaschine und der Staudamm zusammen.«

»Also, voran! Du siehst mich begierig auf die Lösung dieser Rätsel.«

Sieger führte den Freund in den Hintergrund des Felsentales. Der Weg ging über den Staudamm, vorbei am Wasserfall und den Anlagen zur Ausnützung oder wenigstens teilweisen Ausnützung der Wasserkraft. Dann ging es in das trockene Bett des Stausees hinab und weiter bis zur abschließenden Rückwand des Felsenkessels.

»Was nun?« fragte Helling: »Hier hört ja die Welt auf!«

»Nur scheinbar,« entgegnete der Ingenieur lächelnd. Er griff in eine Höhlung, die sich in einem scharf vorspringenden, beinahe rechteckigen Felsblock befand, und zog ein starkes, zylinderförmiges Eisenstück heraus an einem ringartigen Handgriff. Dann schob er den schweren, anscheinend seit Jahrhunderten hier stehenden Felsen ohne Anstrengung beiseite.

Dahinter öffnete sich eine Höhle in der Felswand. Die beiden traten hinein. Hier konnte man nur gebückt stehen.

An einer eisernen Handhabe schob Sieger den Block wieder vor, so daß er das Grottentor wieder verschloß und es vollkommen Nacht wurde.

Ein eigentümliches knirschendes und stampfendes Geräusch, das aus dem Hintergrunde der Höhle scholl, setzte Helling in das größte Erstaunen.

Sein Freund aber faßte ihn an der Hand und führte ihn zwei Schritte weiter.

»Jetzt kannst du dich aufrichten,« sagte er: »Wir befinden uns in einem hohen Gewölbe. Aber daß du mir ja ruhig stehen bleibst, bis ich Licht gemacht habe: ein einziger Schritt weiter in dieser Finsternis könnte dein sicherer Tod sein.«

Ein Streichholz flammte auf, und Helling sah vor sich einen dunkeln Abgrund gähnen, der unergründlich schien.

Sieger griff in eine Felsennische, in der zahlreiche Fackeln lehnten und entzündete eine derselben, die er seinem Begleiter gab. Sich selber versah er mit einer zweiten, die er an der ersten ansteckte.

»Immer am Rande des Schlundes weiter,« gebot der Ingenieur.

Bald war das Ende des Abgrundes erreicht. Hier stand auf Schienen ein Kippkarren.

Die Schienen liefen weiter in eine enge, tunnelartige Höhle, aus der das rätselhafte Geräusch drang.

»Das ist ja ganz, als ob eine Bohrmaschine dort hinten in Tätigkeit wäre,« sagte Helling kopfschüttelnd: »Dazu das Geleise und der Kippkarren – – –! Mensch! Willst du denn einen Tunnel graben und eine Eisenbahn durch das Margayagebirge bauen?«

»Erraten!« antwortete der Gefragte zur grenzenlosen Verblüffung des Fragenden. »Allerdings bohre ich einen Tunnel und arbeite schon seit Jahren daran: an eine Eisenbahn denke ich freilich dabei nicht, aber ein Weg zur Flucht soll sich uns hier öffnen. Dies ist mein lang gehütetes Geheimnis, in das kein Mensch außer Johannes und Josef eingeweiht ist, deren Hilfe ich brauchte, und das ich nun dir offenbare.«

Sie schritten nun zwischen den Schienen in der Höhle vor. Diese mochte etwa dreihundert Meter lang sein. Ein Lichtschimmer drang ihnen entgegen und zugleich eine Stimme, die rief: »Papa, heute sind wir ein bedeutendes Stück weiter gekommen!«

Helling erkannte sofort die Stimme des jungen Johannes oder Osman, wie ihn die Araber nannten, und jetzt erblickte er ihn auch im Scheine einer Laterne. Gleichzeitig gewahrte er eine regelrechte Bohrmaschine, von allerdings kleinen Abmessungen, in voller Tätigkeit.

»Schau, das ist mein Maulwurf,« erklärte Sieger, auf die Maschine deutend: »Er hat schon großartige Arbeit geleistet, wie du siehst.«

»Und du hoffst wirklich das ganze Gebirge mit ihm zu durchgraben?« fragte der Leutnant zweifelnd.

»Allerdings hoffe ich das, sonst hätte all die Mühe und Arbeit keinen Zweck. Das ganze Gebirge – das klingt ja wohl sehr entmutigend. Aber ich sage dir, das Gebirge ist nicht überall so ausgedehnt, wie du dir vorstellst, und wie es von Omderman aus den Anschein hat. Glücklicherweise besitze ich eine sehr genaue und äußerst zuverlässige Karte der hiesigen Gegend. So konnte ich berechnen, daß in der Richtung, in der ich bohre, ein Seitental des Wadi Chemba bei Abu Umra erreicht werden muß. Das zu durchbohrende Gestein ist vierhundert, allerhöchstens fünfhundert Meter dick. Es bleiben mir also jetzt noch fünfzig bis hundertfünfzig Meter zu durchbohren, die Arbeit von einigen Monaten, wenn das weiche Gestein sich gleich bleibt und zum Schluß nicht noch unerwartete Zwischenfälle den Durchbruch verzögern oder gar in Frage stellen.«

»Was meinst du damit?«

»Nun, es ist nicht ausgeschlossen, daß ich noch zu guterletzt auf eine andere Gesteinsschicht stoße, deren Durchbohrung ungleich schwieriger ist. Noch schlimmer wäre es, wenn ich auf loses, bröckeliges, nachgiebiges Gestein oder Erdreich, wenn nicht gar Sand stieße. Da könnten sich fortwährende Einstürze ereignen, die gefährlich wären und die ich unter Umständen überhaupt nicht bewältigen könnte. Ebenso schlimm oder noch schlimmer könnte das Anschlagen eines stärkeren Wasserlaufes sein. Das alles wären Hindernisse, die unter Umständen Hunderte oder Tausende von Arbeitern erfordern würden, um überwunden zu werden. Doch zeigte sich das Gestein bisher so unwandelbar gleichmäßig, daß ich hoffen darf, es wird vollends so bleiben, zumal mein Tunnel sich dem Ende nähert.«

»Wo hast du aber all den Abraum untergebracht?«

»Hierzu kam mir der breite und ziemlich tiefe Spalt am Eingang der Höhle vortrefflich zustatten. Er ist nun schon zu Dreivierteln ausgefüllt, aber noch immer tief genug, um alle Gesteinstrümmer bis zum völligen Durchbruch aufzunehmen.«

»Natürlich! Ich sah ja den Kippkarren, und die Schienen haben selbstverständlich nur den Zweck, die Abfuhr des Abraums zu erleichtern, da es sich ja bloß darum handelt, den Berg zu durchbrechen und nicht etwa eine Eisenbahn anzulegen, wie ich anfangs beinahe geglaubt hätte.«

»Der Abgrund,« nahm Sieger wieder das Wort, »in den ich beinahe gestürzt wäre, als ich die Höhle entdeckte, war mir von unschätzbarem Wert. Er allein hat es mir ermöglicht, so ganz im Verborgenen mein eigentlich ungeheures Unternehmen zu betreiben. Hätte ich das ausgebohrte Gestein ins Freie schaffen müssen, so hätte ich die Höhle während dieser Arbeit offen stehen lassen müssen und auch die wachsenden Geröllberge hätten meine heimliche Tätigkeit verraten. Ich sorge ja wohl dafür, daß möglichst selten ein Unberufener in die Margayaschlucht kommt, aber ganz verhindern kann ich es nicht: das würde auch notwendigerweise Verdacht erregen. Und dann kommt ja der Kalifa selber von Zeit zu Zeit zur Besichtigung meiner Anlagen und ihn interessieren stets der Wasserfall und die dort aufgestellten Maschinen, wenn er auch glücklicherweise nichts davon versteht: sonst müßte er Verdacht schöpfen.«

Helling bewunderte immer wieder die Bohrmaschine und fragte jetzt: »Wie war es dir nur möglich, dieses Ungetüm hierher zu bringen? Es ist ja wohl verhältnismäßig klein und genügt gerade, ein Loch zu bohren, in dem man aufrecht stehen und gehen kann: mehr brauchen wir ja auch nicht. Aber wenn ich an den engen, niedern Eingang denke, so erscheinen mir die Ausmessungen deines Maulwurfs dennoch riesenhaft. Jedenfalls ist es mir ein Rätsel, wie du ihn da hindurchschaffen konntest.«

»Das wäre freilich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen: ich habe eben die Maschine in der Höhle selber gebaut. Das heißt: die einzelnen Teile stellte ich in der Fabrik her und schaffte sie dann in die Höhle, wo ich sie zusammensetzte. Das alles hat viel Zeit erfordert, da ich unauffällig arbeiten mußte und mich nicht allzuoft auf längere Zeit unbemerkt entfernen konnte.«

»Wie aber wird dein Maulwurf getrieben, um so rastlos und kräftig zu arbeiten?«

»Durch Elektrizität. Die Dynamomaschine dient fast ausschließlich diesem Zweck. Die Leitungsdrähte mußte ich natürlich unsichtbar hierherführen. Ich verlegte sie unterirdisch in dicke Glasröhren, die ich in meiner Glashütte anfertigen ließ. Sie sind vorzüglich isoliert und es hat noch nie Kurzschluß gegeben. Auch diese Anlage war äußerst schwierig und langwierig, angesichts der gebotenen Heimlichkeit. Nun aber liegt die Leitung so verborgen, daß kein europäischer Techniker ihr Vorhandensein ahnen könnte, wenn je einer das Margayatal besuchen würde.«

»Das ist alles wahrhaft bewundernswert! Aber das begreife ich nicht, wie ihr die viele Zeit finden konntet, hier so heimlich zu arbeiten, da doch niemand etwas ahnen durfte und ihr nicht zu lange und zu oft abwesend sein durftet, wenn dies nicht den Arbeitern oder Wächtern auffallen sollte?«

»Das war eben die Hauptschwierigkeit und darauf mußte ich mein Augenmerk beim Bau der Bohrmaschine vornehmlich richten: sie durfte nämlich keine ständige Aufsicht und Bedienung erfordern, sondern, auch sich allein überlassen, selbständig fortarbeiten. Diese vortreffliche Eigenschaft meiner Maschine ist meine eigenste Erfindung und veranlaßte und berechtigte mich, ihr den Namen ›Maulwurf‹ zu verleihen; denn sie wühlt sich ins Gestein, wie der Maulwurf in die Erde. Die elektrische Kraft setzt die Bohrer selbsttätig in Bewegung, so lange der Strom eingeschaltet ist: das ist ja nichts Neues. Aber ich gab meinem Maulwurf so viel Leben, daß er auch nachrückt und so lange fortarbeitet, als seine Arme reichen. Stößt schließlich die Maschine an der angebohrten Felswand an, so schaltet der Druck den Strom von selber aus und die Arme, das heißt die Bohrer, sowie das ganze Werk stehen still. Josef und Johannes haben dann nur den Maulwurf auf dem Schienenweg zurückzuführen, die Bohrlöcher mit dem Sprengstoff zu füllen, die Sprengung vorzunehmen und die Trümmer in den Schlund zu befördern. Gelegentlich kann ich dies auch selber besorgen. Ist dies geschehen, so wird der Schienenstrang um die geräumte Strecke verlängert; der Maulwurf vorgeschoben und in Tätigkeit gesetzt, worauf er wieder bis zur nächsten Sprengung unbeaufsichtigt weiterarbeiten kann.«

»Genial, wirklich genial!« rief der Leutnant begeistert. »Wie ist's aber mit den Sprengungen? Machen sie sich nicht in verdächtiger Weise vernehmbar?«

»In der Höhle selber verursachen sie ein Donnergetöse, daß man das Trommelfell in acht nehmen muß. Aber nach außen dringt der Schall nur in so geschwächtem Maße, daß ihn das Brausen des Wasserfalls völlig übertönt.«

»Ich möchte doch gar zu gern einer solchen Sprengung beiwohnen,« meinte Helling: »Wenn ich die Sache einmal mit angesehen habe, kann ich auch zuweilen Josef und Johannes diese Arbeit abnehmen, da es von Vorteil sein muß, wenn nicht immer die gleichen Personen längere Zeit vermißt werden.«

»Ich habe gerade Zeit,« erwiderte der Ingenieur, »und da es soeben an der Zeit ist, eine Sprengung vorzunehmen, kann dein Wunsch sogleich erfüllt werden.«

Die Bohrmaschine, die nunmehr zum Stillstand gekommen war, weil sie die Löcher so tief gebohrt hatte, als ihre Bohrer reichten, wurde mit leichter Mühe bis gegen den Abgrund zurückgeführt, wo sie auf ein Nebengeleise geschoben werden konnte, das hier, wo die breite natürliche Höhle sich ausdehnte, hatte angebracht werden können. Hier stand der Maulwurf völlig außer Gefahr, von irgend einem Sprengstück getroffen zu werden, zumal er sich nicht einmal mehr in der Linie des Tunnels befand.

Bis Sieger und Helling zurückkehrten, hatte Johannes bereits die Bohrlöcher geladen und die elektrische Zündung vorbereitet.

Alle drei eilten nun bis zum Eingang der Höhle hinter dem Abgrund zurück.

Hier drückte der Ingenieur auf einen Knopf, und alsbald erfolgte ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem Donnern und Rollen, das den ganzen Berg in den Grundfesten zu erschüttern schien. Obgleich alle die Vorsicht gebraucht hatten, sich die Ohren fest zuzuhalten, tat ihnen das Getöse ordentlich in den Ohren weh. Es dauerte lange, bis sich der Schall verzog.

Als Sieger erklärte, es sei nun möglich, wieder in den Tunnel einzudringen, wurde der Kippwagen hineingeschoben, das gesprengte Gestein mit Schaufeln eingeladen, zum Spalt geführt und hinuntergeschüttet. Dies wurde so lang wiederholt, bis die Sprengstelle geräumt war.

Der Schienenstrang wurde, nachdem der Grund mit dem Pickel etwas eingeebnet und mit Schwellen belegt worden war, durch bereitliegende Schienen verlängert. Zuletzt wurde der Maulwurf wieder vorgeschoben und begann alsbald seine selbsttätige Arbeit von neuem.

Nach einem so langen Aufenthalt im Schoße der Erde atmete der Leutnant, der diese unterirdische Arbeit nicht gewohnt war, tief auf.

Als Sieger das Felsentor wieder verriegelte, fragte ihn Helling: »Wie entdecktest du eigentlich diese Höhle? Jedenfalls hast erst du den Zugang so wohl verwahrt?«

»Selbstverständlich!« lautete die Antwort: »Wäre er von Natur so gut versteckt und verschlossen gewesen, so hätte er niemals gefunden werden können. Er war aber auch so zunächst unauffindbar. Das Eingangsloch war völlig mit Geröll angefüllt, und erst als ich zufällig einmal begann, die Steine an dieser Stelle wegzuräumen, zeigte sich eine Vertiefung, die mich vermuten ließ, hier könne sich der Zugang zu einer Höhle befinden. Dies bestätigte sich nach kurzer Weiterarbeit, und bald hatte ich das Loch bloßgelegt. Dahinter fand ich den weiten dunkeln Höhlenraum. Glücklicherweise drang ich nicht gleich weiter vor, sonst wäre ich im Abgrund zerschellt. Ich war so vernünftig, mir zu sagen, es sei Torheit und Verwegenheit, im Dunkeln ins Unbekannte zu gehen. Und die Richtigkeit dieses Bedenkens bestätigte sich mir, als ich bald darauf mit der Laterne die Höhle untersuchte und den Schlund gleich hinter dem Eingang gähnen sah.

»Ohne noch recht zu wissen, was mich das Geheimnis der Höhle später nützen könne, hatte ich doch eine Ahnung, daß es mir noch von Wert sein werde. Ich beschloß daher, meine Entdeckung zu verheimlichen und den Zugang so zu verbergen, daß ihn niemand ahnen, geschweige denn finden könne. Vor dem Loch befand sich eine Felsrinne, in der ich einen äußerst starken, niedern Rollwagen barg, auf den ich dann den Block wälzte, der jetzt den Eingang verdeckt. Vom Wagen sieht man nichts, weil der Block ihn ganz verbirgt. Er ermöglicht, den schweren Felsen leicht vor- und zurückzuschieben, sobald der geheime Riegel entfernt wird, mit dem ich die Platte fest an die dahinterbefindliche Felswand verankerte.«

»Noch eins!« sagte Helling: »Der Zweck der Staumauer ist mir immer noch unklar.«

»Ja so! Schau, sobald mein Tunnel fertig ist, schließe ich die Schleuse. Es bildet sich dann ein Stausee, dessen Spiegel bald den Höhleneingang erreicht. Der Torfelsen schließt nicht so dicht, daß das Wasser nicht eindringen könnte. Es wird nun zunächst den mit dem Abraum verschütteten Abgrund anfüllen. Ist dies geschehen, so öffne ich das Schleusentor wieder. Unternehmen wir dann die Flucht durch den Tunnel, so wird es im Vorbeigehen geschlossen. Wir begeben uns unbemerkt in die Höhle, schieben den Felsen wieder vor, und entfliehen durch unseren geheimen Gang. Hinter uns steigt das Wasser in der Höhle entsprechend dem Steigen des Seespiegels und füllt den Zugang völlig aus. Die Staumauer baute ich absichtlich so hoch, um diesen Zweck zu erreichen, aber nicht höher. Unser Tunnel liegt höher als der Damm, da die Höhle ziemlich ansteigt. Das Wasser kann also nicht so hoch in der Höhle steigen, daß es den Gang erreicht und uns bei unserer Flucht durch denselben bedrohen könnte. Anderseits macht es, wenn unser Entweichen bald bemerkt werden sollte, eine Entdeckung der Höhle ganz unmöglich.

»Rechnen wir jedoch mit dem Fall, daß irgendwie alle meine Geheimnisse entdeckt oder verraten würden, so müßte erst der See abgelassen werden, ehe man uns durch den Tunnel verfolgen könnte. Das würde die Verfolger so lange aufhalten, daß wir unsere weiteren Vorkehrungen ungestört treffen könnten.«

»Und was für Vorkehrungen sollen das sein?«

»Am Ausgang des Tunnels gegen den Wadi Chemba werde ich eine starke Sprengladung niederlegen. In weniger als zehn Minuten werden wir die achthundert Meter vom Eingang der Höhle bis zur Mündung des Tunnels durchmessen haben. Kaum sind wir im Freien, so stecken wir die Lunte an, und ehe unsere Verfolger den Ausgang erreichen, wird er durch die gewaltige Sprengung verschüttet sein.«

»Da hast du wahrhaftig alle nur denkbaren, ja sogar die fast undenkbaren Möglichkeiten ins Auge gefaßt und ihnen zu begegnen gewußt!« rief der Leutnant bewundernd. »Hoffen wir, daß die Stunde der Befreiung bald schlägt, und Gott schenke deinen Plänen Gedeihen. Also, Glück auf zu deiner Maulwurfsarbeit!«

»Geht alles gut und so wie ich hoffe,« sagte Sieger, »so wird das Entweichen bis hinter das Gebirge keine großen Schwierigkeiten bieten. Aber was dann? Bis zur ägyptischen Grenze ist es noch weit, und bis dahin erstreckt sich das Gebiet der Derwische und die Macht des Herodes.«

»Die Hauptsache wird es doch sein,« tröstete Helling, »daß wir dem Unmenschen einmal aus den Augen und aus den Klauen sind. Vielleicht wird unsere Flucht nicht so bald entdeckt und vor allem bleibt es wohl verborgen, wie sie uns gelang und wohin wir uns gewendet haben. Dann können wir einen Vorsprung gewinnen, der uns vor den Verfolgern sichert. Jedenfalls haben wir noch Zeit genug, auch für die Weiterreise Pläne zu schmieden, und im übrigen dürfen wir Gott sorgen lassen, auf dessen Schutz und Hilfe es schließlich doch allein ankommt.«

»Ja, Papa! Onkel Helling hat recht, wie immer!« sagte Johannes vertrauensvoll.

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