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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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16.
Die Kugel des Meisterschützen

Sieger traf seine Vorbereitungen, um dem Anschlag zu begegnen. Die Sache bot einige Schwierigkeiten, denn er wollte sich nicht damit begnügen, ihn für diesmal zu vereiteln, sondern auch eine künftige Wiederholung möglichst verhindern. Dazu sollte vor allem der Schütze Ali auf frischer Tat ertappt werden, um überführt werden zu können. Wie er ihn dann unschädlich machen wollte, hatte der Ingenieur sich schon ausgedacht.

Seit der Fabrikbetrieb eröffnet war, pflegte Sieger zweimal wöchentlich, Dienstags und Freitags, die Ziegelei und die Glashütte zu besuchen, um den Fortgang der Arbeiten zu besichtigen und die nötigen Anordnungen zu treffen. Der Weg war nicht weit, und er hatte ihn früher stets zu Fuß zurückgelegt, was seinem schlichten Sinn entsprach und ihm auch lieber war.

Nun aber, da er eine wahrhaft königliche Stellung einnahm, als Herr über Leben und Tod seiner Untertanen, wozu freilich seine Behandlung als Gefangener in seltsamem Gegensatz stand, war er es seiner Stellung schuldig, mit der Würde eines Herrn aufzutreten, und so ritt er jedesmal hoch zu Kamel hinüber. Seine Wächter folgten ihm natürlich auch auf Kamelen, so daß sie den Eindruck eines Ehrengeleites machten. In Wirklichkeit mußten sie reiten, weil sie ihn sonst nicht hätten einholen können, wenn es ihm eingefallen wäre, mit seinem schnellen Dromedar durchzubrennen.

Morgen nachmittag sollte die nächste Besichtigung der Hütten erfolgen, und da würde auch Ali sein Vorhaben ausführen: es galt also, die Gegenmaßregeln unverzüglich zu ergreifen.

Sieger beriet sich mit Helling, wie die Sache am zweckmäßigsten anzufangen sei.

»Am einfachsten und sichersten wird es sein,« meinte der Leutnant, »wenn eine genügende Anzahl handfester und wohlbewaffneter Arbeiter in der Nähe versteckt wird, die den Mann überfallen und festnehmen, sobald er angeritten kommt.«

Gegen diesen Vorschlag hegte Sieger verschiedene Bedenken.

»Der Mann ist beritten,« wandte er ein: »Sobald die Häscher hervorbrechen, jagt er davon.«

»Man muß Sorge treffen, daß er umzingelt wird.«

»Das ginge im Gebirge, aber in der Ebene ist es ausgeschlossen. Alle Achtung vor deinen strategischen Fähigkeiten, allein du kennst den Platz nicht. Da ist der einsam aufragende Fels, von dessen Höhe der Schurke mich abzuschießen gedenkt. Er bietet keinerlei Versteck. Oben findet wohl ein Mann Deckung gegen den Weg hin, den ich geritten komme. Von rückwärts aber wäre er jedem Nahenden sichtbar. Hinter dem Felsen steht der Marabut, in dem sich einige Mann verborgen halten können. Aber nach rechts und links bliebe der Weg zur Flucht offen.

»Der Felsen und die Kubba liegen im Osten der Karawanenstraße gegen Omderman. Westlich treten die Ausläufer der Margayaberge ganz nahe an die Straße heran und bieten Schlupfwinkel genug. Hier könnten sich mehrere Arbeiter verstecken. Solange jedoch Ali beritten ist, haben sie keine Aussicht, die wenigen Schritte bis zum Felsen zu durchmessen, ohne daß er entweichen könnte.«

»Wie aber, wenn der Schütze schon abgestiegen ist und seinen Posten auf dem Felsen eingenommen hat?«

»Dann allerdings könnten ihn die am Berge lauernden Mannschaften umzingeln, ehe es ihm möglich wäre, sein Tier wieder zu besteigen.«

»So haben wir ihn also! Der Hinterhalt wird schon zu Mittag gelegt. Ali wird beizeiten am Nachmittag erscheinen, um zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Man läßt ihn absteigen und den Fels erklettern. Wenn er dann ahnungslos droben liegt, brechen die Leute unversehens hervor, umkreisen den Felsen und nehmen den Mordbuben fest.«

»Ganz richtig! Aber wer will ihm dann seine mörderischen Absichten nachweisen? So verdächtig die Lage ist, in der er betroffen wurde, so unmöglich wird es doch sein, ihn zu überführen. Wir müssen ihn auf frischer Tat betreffen, das heißt, wenn er den Schuß auf mich schon abgegeben hat.«

»Oho! Das wäre mehr als tollkühn! Du wirst dich doch nicht seiner unfehlbaren Kugel aussetzen wollen, in der verwegenen Hoffnung, sie könne fehlgehen?«

»Gewiß nicht! Aber ich pflege bei der Hitze tief verhüllt zu reiten. Diesmal nun befestige ich eine ausgestopfte, durch Latten gut versteifte Puppe auf meinem Dromedar. Sie wird die tödliche Kugel empfangen.«

»Das läßt sich hören!« sagte Helling nachdenklich. »So wird die Sache wesentlich einfacher und vor allem ungefährlich. Es handelt sich also nur darum, einige Mann im Marabut auf die Lauer zu legen, die sich sofort des Kamels bemächtigen und Ali den Rückweg abschneiden, während die am Berge versteckten Leute vorbrechen und ihm alle anderen Fluchtwege verlegen.«

»Jetzt haben wir's!« erwiderte der Ingenieur befriedigt: »So wird's gemacht, und ich zweifle nicht, daß der Plan gelingen muß.«

Leider erhob sich jedoch eine neue Schwierigkeit.

Sieger teilte den Wächtern, die ihn nach der Glashütte begleiten sollten, mit, was ihm über Alis Anschlag bekannt geworden war, ohne ihnen den Anstifter zu nennen, weil er dies für zwecklos hielt. Sie waren ganz mit seinen Anordnungen einverstanden. Sie erklärten, sie wollten in besonders großem Abstand hinter Siegers Kamel herreiten, damit die Kugel nicht aus Versehen einen von ihnen treffen könne. Der Kameltreiber sei durch das Tier selber gedeckt, da er auf der Seite des Gebirges schreite.

Nun ließ der Ingenieur die Arbeiter kommen, die er in den Hinterhalt legen wollte. Auch sie waren gleich bereit, die ihnen zugedachte Rolle zu übernehmen und sich am Rande des Gebirges zu verstecken. Ja, das Abenteuer freute sie offenbar, als eine aufregende und doch ziemlich gefahrlose Abwechselung in ihrem eintönigen Leben.

Allein, was den unentbehrlichen Posten im Grabmal anbelangte, so wollte auch nicht einer sich dazu, verstehen, ihn einzunehmen. Da halfen keine Versprechungen und keine Drohungen: lieber nahmen sie die schwersten Strafen auf sich, als sich bewegen zu lassen, die Behausung der gefürchteten Ghuls zu betreten.

Helling bot sich zwar sofort an, im Marabut zu lauern, da ein Mann an dieser Stätte vollauf genüge. Das ging aber auch nicht, denn der strenge Befehl des Kalifa gestattete nicht, ihn auch nur vorübergehend ohne Aufsicht zu lassen, und es fand sich unter den Wächtern keiner, der den Mut besessen hätte, ihm an diesem unheimlichen Orte Gesellschaft zu leisten.

Der Leutnant wetterte: »Was seid ihr für Ziegen! Bei den Franken gibt es leider auch solche Toren, die sich vor Geistern und Gespenstern fürchten, aber doch nur bei Nacht. Daß ihr am hellen Tage ein harmloses Grabmal zu betreten euch scheut, ist eine bodenlose Feigheit.«

»Ismain el Heliki,« antwortete der Bimbaschi, der Befehlshaber der Wache, »der Unwissende beschimpft den Tapferen aus Unverstand. Sind diese Männer nicht Helden, die den Tod nicht scheuen? Sind sie nicht im Kugelregen der Ungläubigen furchtlos vorgedrungen, wenn zur Rechten und zur Linken ihre Kameraden fielen gleich den Heuschrecken im Hagelwetter? Aber den Geistern der Finsternis trotzen, ist kein Mut, sondern Verwegenheit und sträfliche Torheit, an der Allah kein Gefallen hat.«

Glücklicherweise war noch Josef da, der ohne Überwachung in der Kubba weilen durfte und stolz darauf war, dieses wichtigen Auftrags gewürdigt zu werden.

Am Freitag zur Mittagszeit nahmen alle ihre Posten ein. Für Josef war die Sache am schwierigsten: der Eingang in den verrufenen, nie betretenen Marabut war verschüttet. Steintrümmer und Sandwehen füllten ihn beinahe aus. Immerhin blieb oben noch eine Lücke frei, durch die sich der hagere Diener hineinzuschlängeln vermochte. So konnte ein Ausräumen vermieden werden, das leicht den Verdacht Alis hätte erwecken können, weil es schwer gefallen wäre, alle Spuren so zu verwischen, daß der Eindruck des Unberührten verblieben wäre.

Durch das Loch konnte Josef den Platz und den nahen Felsen gut übersehen, mußte aber in so unbequemer Lage zusammengekrümmt sitzen, daß es eine wahre Marter war, zwei Stunden fast regungslos so auszuharren.

Endlich kam Ali bin Said gemächlich angeritten. Scharf schaute er nach allen Seiten aus. Öde und verlassen lag die Wüste in der Sonnenglut da. Zwischen dem Marabut und dem Felsen stieg der Reiter ab. Das Dromedar blieb ruhig liegen, unsichtbar für alle, die auf der anderen Seite die Karawanenstraße einherziehen würden.

Ali erklomm den Felsen und legte sich oben nieder. Die äußerste Zinne bot ihm genügend Deckung, und er konnte zwischen den oben aufliegenden Blöcken, welche diese Zinne bildeten, vorlugen und das Gewehr in Anschlag halten, ohne Gefahr, gesehen zu werden.

Josefs Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn noch einmal vergingen anderthalb Stunden, bis Siegers Kamel, geführt von einem Treiber und gefolgt von den Wächtern, die gehörigen Abstand hielten, des Weges kam. Von den Ghuls bekam der Diener nichts zu sehen, das hatte er auch nicht erwartet. Aber ebensowenig konnte er etwas von den Ankömmlingen gewahren, da sich sein Gesichtsfeld auf die Rückseite des Felsens beschränkte.

Plötzlich fiel jedoch ein Schuß, und daran erkannte er, daß jetzt die Zeit zum Handeln für ihn gekommen war. Er beeilte sich, durch das Loch ins Freie zu kriechen und freute sich des Endes seiner Qualen, die kaum mehr auszuhalten waren. Doch hatten sie eine verhängnisvolle Folge, die er nicht vorausgesehen hatte.

Als das vorderste Kamel mit der verhüllten Gestalt Siegers, wie Ali meinte, am Felsen vorbeitrabte, gab der Beduine seinen wohlgezielten Schuß ab. Auf kaum fünf Schritte Entfernung wäre ein Fehlen auch eines wenig geübten Schützen nicht wohl möglich gewesen.

Die nachfolgenden Wächter erhoben ein wildes Geschrei, aber die vermummte Gestalt auf dem vorderen Dromedar gab keinen Laut von sich. Das war nicht zu verwundern, denn sie war jedenfalls durchs Herz getroffen. Um so auffallender jedoch war es, daß sie starr und regungslos sitzen blieb, anstatt herabzustürzen, wie es eine Leiche hätte tun müssen. Das Lattengerüst war eben vortrefflich versteift und haltbar am Sattel befestigt.

Da jedoch Ali unmöglich wissen konnte, daß er es mit keiner menschlichen Gestalt, sondern mit einer vorzüglich, von gewandten Ingenieurhänden gebauten Strohpuppe zu tun hatte, geriet er in höchstes Erstaunen und gab rasch noch einen zweiten Schuß ab, der diesmal den Rücken des unheimlichen Reiters durchbohrte, weil das erschreckte Kamel in wilden Sätzen davonsprang.

Auch jetzt zeigte sich keinerlei Wirkung: hochaufgerichtet blieb der vermeintliche Ingenieur im Sattel sitzen.

Der Mordbube hatte aber keine Zeit, sich über dieses Rätsel den Kopf zu zerbrechen oder weitere Beobachtungen anzustellen, denn mit gellenden Rufen stürzte ein halbes Dutzend flintenschwingender Gestalten hinter den gegenüberliegenden Felsen vor und auch die Wächter jagten herbei.

Eiligst sprang er also hinab und bestieg sein Tier.

Wo aber blieb der treue Josef?

Ja, das war eine böse Geschichte! Als er glücklich aus dem Loche gekrochen war und sich auf die Beine stellen wollte, waren diese beide so gründlich eingeschlafen, daß ihm war, als seien sie überhaupt nicht mehr vorhanden: sie versagten den Dienst und er kollerte zu Boden.

Er wollte sich aufraffen, aber das mißlang ihm gründlich bei seinem stocksteifen, empfindungslosen Fußwerk. Darum kroch er auf Händen und Knien, so schnell es ging, auf das Kamel zu.

Inzwischen war jedoch Ali schon zur Stelle, schwang sich in den Sattel, und das Tier erhob sich mit seinem Reiter.

Josef konnte nur gerade noch den Feind am Bein erfassen, ehe er davonsprengte.

.

Der Beduine suchte den hinderlichen Anhang abzuschütteln, doch nützte ihn das krampfhafte Schlenkern seines Beines nichts, denn der Schwabe war nicht gesonnen, es fahren zu lassen. Und das war gut, denn die Araber hatten einen dummen Streich gemacht: statt den Felsen zu beiden Seiten zu umgehen und so dem Flüchtling jeden Ausweg zu verlegen, wie Sieger es angeordnet hatte, waren alle beieinander geblieben und ließen ihm den günstigsten Fluchtweg nach Süden offen.

Ali trieb sein Kamel zu höchster Eile an, und Josef wurde geschleift. Zunächst hatte das nicht viel zu bedeuten, da es durch losen Sand ging und seine Füße ohnedies empfindungslos waren. Vielmehr wurde der zurückkehrende Blutumlauf durch die Bewegung beschleunigt.

Die Verfolger wurden ihrerseits gehindert, auf das flüchtige Dromedar zu schießen – den Reiter zu verletzen hatte Sieger strengstens verboten –, solange der Diener durch ihre Schüsse hätte gefährdet werden können.

Dieser blickte empor, denn es ahnte ihm, daß Ali irgend etwas unternehmen werde, um ihn loszukriegen. Richtig! Der Mensch hatte seine Flinte erhoben, um mit einem wuchtigen Kolbenstoß Josef zu betäuben oder ihm die Hirnschale zu zerschmettern.

Des Schwaben Schädel mochte hart genug sein, dennoch war seinem Besitzer die Aussicht auf eine derartige Mißhandlung seines persönlichen Eigentums äußerst unsympathisch. Als daher der Schaft niedersauste, warf Josef den Kopf zurück, ließ das umklammerte Bein fahren und packte blitzschnell die Büchse, die er dem hierauf nicht vorbereiteten Beduinen entriß: er sank im Sand auf die Knie nieder. Aufzustehen vermochte er noch nicht; dagegen gab er sofort mehrere Schüsse auf das enteilende Kamel ab, denn der Meisterschütze war mit einem Schnellfeuergewehr bewaffnet gewesen.

Des freien Gebrauchs seiner Hinterfüße beraubt, stürzte das Wüstenschiff.

Jetzt kamen die Verfolger heran, zuvörderst die berittenen Wächter, und Alis lange Beine halfen ihm nichts mehr: er wurde gefangengenommen.

Sein eigentlicher Besieger machte inzwischen verschiedene Anstrengungen, auf die Füße zu kommen, in denen er tausend Ameisen kribbeln fühlte. Hatte er vorhin, als er geschleift wurde, einen kläglichen Anblick geboten, so gewährte es jetzt ein äußerst komisches Schauspiel, wie er sich immer wieder halb erhob, um immer wieder einzuknicken. Die Araber umringten ihn lachend und ein Spaßvogel fragte ihn: »O Sidi Jussuf, warum machst du diese Freiübungen im Sande der Wüste? Oder dankst du Allah unaufhörlich, weil er dir den Sieg verlieh über Ali bin Said?«

»Keins von beiden,« erwiderte Josef ernst: »Aber ich bin drei Stunden und eine halbe in der Behausung der Ghuls gewesen. Da sind meine Glieder so steif geworden, daß die Leichenfleischfresser meine Füße für Totenbeine gehalten haben und begannen, sie zu benagen. Als sie nun offen waren, sind tausend Ameisen hineingekrochen, und die ersticke ich jetzt nacheinander im glühenden Sand.«

Bei der Erwähnung der Ghuls verging den Spöttern alle Lachlust. Sie bedachten, wie dieser Ungläubige nicht nur den gefährlichen Gegner so kühn angegriffen, besiegt und seine nie fehlende Büchse erobert, sondern zuvor einen noch viel bewundernswerteren Heldenmut bewiesen hatte, da er stundenlang in dem verrufenen Marabut verweilte, den keiner von ihnen zu betreten wagte. Ehrfürchtig und neugierig fragten sie ihn, wie die Ghuls aussähen, und ob sie viele Leichen in die Kubba geschleppt hätten, um dort ihre abscheuliche Mahlzeit zu halten?

»Sie haben lange Nasen,« erwiderte der Held, »so spitz wie eine Lanzenspitze, ihre Augen sind rot wie Blut und liegen tief in den Höhlen, ihre gelbe Haut ist runzelig, wie die einer getrockneten Dattel. Sie haben keine Lippen, so daß ihre scharfen Schakalszähne ihnen aus dem Maul starren. Des Nachts holen sie sich die Leichen der Geköpften und Gehängten, die der erhabene Kalifa, dem Allah nach Verdienst vergelten möge, ins Paradies befördern ließ, und so halten sie ihre üppigen Mahlzeiten im undurchdringlichen Dunkel der Kubba. Ich habe alles deutlich gesehen, und ich will euch gerne hineinführen, damit ihr euch überzeugen könnet, wie wahr ich gesprochen.«

»Wir glauben dir's, wir glauben dir's!« riefen die Araber, deren keinen gelüstete, sich durch den Augenschein zu überzeugen. Die Beschreibung Josefs entsprach so genau der Vorstellung, die sie sich von den aasfressenden Hexen machten, daß sie gar nicht daran zweifelten, daß Jussuf alles so gesehen hatte, wie er es schilderte. Daß ihn das »undurchdringliche Dunkel« an solch eingehenden Beobachtungen nicht gehindert hatte, war ein Umstand, der ihnen gar nicht in den Sinn kam. Ebensowenig argwöhnten sie, daß sie selber es waren, denen der Schalk seine Kenntnis von dem angeblichen Aussehen der Ghuls verdankte.

Ali bin Said wurde nun zu Sieger in die Fabrik geführt, der über ihn Gericht halten sollte.

Daß er das Todesurteil über ihn verhängen werde, stand allen außer Frage.

Auch der Gefangene zweifelte nicht, daß er sein Leben verlieren werde, zweifellos unter ausgesuchten Martern. Nur ahnte er nicht, daß der Ingenieur selber ihm das Urteil sprechen werde, da er immer noch glaubte, ihn erschossen zu haben.

Um so größer war sein abergläubisches Entsetzen, als er ihn lebendig und gesund vor sich stehen sah. Der Mann war offenbar kugelfest, und so gleichgültig und unbewegt er weitergeritten war, mit zwei Kugeln im Herzen, so kaltblütig war er anscheinend heimgekehrt, während sein Angreifer verfolgt und eingefangen wurde.

Finster und drohend blickte Sieger auf den Missetäter herab, dem aller Mut entsunken war.

»Du wolltest mich umbringen?« fragte er mit Donnerstimme.

»Es ist so, wie du weißt,« erwiderte Ali kleinlaut, da er Leugnen für nutzlose Torheit erkannte.

»Ich frage dich nicht, wer dich zum Morde gedungen hat, denn Allah hat es mir geoffenbart. Aber wieviel wurde dir zugesagt für die schändliche Tat?«

»Tausend Piaster, o Herr!«

»Was? Schurke, um diesen schmählichen Preis hast du deine Seele verkauft? Ist mein Leben nicht mehr wert? Da hast du fünftausend Piaster, damit du nicht zu Schaden kommst. Und nun gehe heim und hüte dich, noch einmal auf einen so schlechten Handel einzugehen.«

Sieger war mit Geldmitteln reichlich versehen, denn der Kalifa gab ihm alles, was er brauchte, um seine Arbeiter zu entlohnen und zu beköstigen. So wurde es ihm nicht schwer, eine solche Summe bar auszubezahlen.

Alle Anwesenden waren starr und hielten die Sache für einen grausamen Scherz, dem der entsetzliche Ernst auf dem Fuße folgen werde. Am betroffensten war natürlich Ali selber, der keine Hand ausstreckte, das Geld anzunehmen. Als der Ingenieur ihn dazu drängte, stammelte er:

»Herr, was soll mir das Geld, wenn ich doch sterben muß?«

»Wer sagt denn, daß du sterben mußt? Ich hieß dich doch, nach Hause gehen!«

»Ich – soll – frei – sein? Wie könnte ich das glauben?«

»Hat Abd el Ziger je ein unwahres Wort geredet oder seine Zusage nicht gehalten? Willst du ihn beleidigen, dadurch, daß du an seinen Worten zweifelst? Bei Allah, das Geld gehört dir und du bist frei! Also nimm es und gehe.«

Da fiel Ali auf seine Knie nieder und rief: »O Sidi! Ali wollte dich töten um schnöden Lohnes willen, da du ihm doch nie ein Leid getan, wie auch keinem anderen. Und du willst ihn reich machen und leben lassen und frei von Strafe, statt dich zu rächen und ihn zu richten, wie es gerecht wäre? Gibt es solche Milde und Barmherzigkeit bei Menschen?«

»Bei Christen, ja!« entgegnete Sieger, reichte dem Zitternden die Hand, hob ihn auf, drückte ihm den Beutel in die Linke und sagte noch einmal: »Nun gehe heim, du bist frei. Und wenn du mich wieder erschießen willst, übe mehr Vorsicht.«

»O Sidi, erschießen? Du hast von dieser Stunde an keinen treueren und ergebeneren Sklaven als Ali bin Said. Dein Leben ist meines. O, wenn du mir gestattetest, bei dir zu bleiben, um zu wachen über deine Seele. Aber du kannst dem nicht trauen, der seine Hand wider dich erhob.«

»Doch, ich vertraue dir! So bleibe denn hier in meinem Dienst; du sollst es gut haben.«

Sieger hatte einen Freund gewonnen, der bereit war, jederzeit sein Leben für ihn zu lassen.

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