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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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14.
Die Kanonenfabrik

Der Fabrikbau schritt langsam voran, weil Sieger, wie gesagt, die Herstellung von Kanonen so lange als möglich hinausschieben wollte und noch andere geheime, aber hochwichtige Gründe hatte, möglichst viel Zeit damit zu verlieren.

Nun hatten die Bauarbeiten sechs Jahre gewährt und es war allerhöchste Zeit, damit zu Ende zu kommen, denn der Kalifa begann ernstlich ungeduldig zu werden, und wenn ein so blutdürstiger Wüterich die Geduld verlor, so war das lebensgefährlich, wie Sieger nur zu gut wußte.

Der Ingenieur hütete sich daher wohlweislich, dem Drängen des Herrschers weitere Ausflüchte entgegenzusetzen; vielmehr machte er vollends rasch voran, und da nicht mehr viel zu tun war, konnte er dem Kalifa bald erklären, der Bau aller notwendigen Anlagen und Räume sei nun vollendet, und er sei jetzt in der Lage, die ersten Versuche mit der Kanonenfabrikation wagen zu können; doch müsse der Kalifa Nachsicht üben, wenn es ihm nicht auf den ersten Wurf gelinge, brauchbare Geschütze zustande zu bringen; denn das gehöre zu den allerschwierigsten Dingen, und er habe sich damit noch nie befaßt, wie er ja gleich zu Anfang gesagt habe. Jedenfalls sei ihm Hellings Rat und Beihilfe unentbehrlich, da dieser zwar nicht mit der Herstellung von Kanonen vertraut sei, dagegen als Artillerieleutnant genau wisse, wie ein fertiges Geschütz auszusehen habe, welche Eigenschaften es besitzen müsse, und wie es zu handhaben sei.

Der Kalifa hatte Verstand genug, um dies einzusehen und Sieger zu versichern, daß ihm keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt werden sollten, daß er vielmehr jede Unterstützung und Förderung genießen solle, die ihm notwendig oder wünschenswert erschienen. Insbesondere sollten ihm Arbeiter zur Verfügung stehen, so viele er wolle, er dürfe sich nach Ermessen die geeignetsten Hilfskräfte aussuchen, nur keine weiteren Europäer.

Um seine Zwecke leichter und schneller zu erreichen, solle er auch unumschränkter Herr in der Fabrik sein und unbedingten Gehorsam von seinen Arbeitern und Angestellten fordern dürfen, über die er nach Belieben Strafen verhängen dürfe, ja das Recht über Leben und Tod seiner Leute solle ihm zustehen. Die nötigen Geldmittel und die Lieferung von Rohmaterialien stünden ihm ebenfalls unbeschränkt zur Verfügung.

Sieger traf demgemäß eine äußerst sorgfältige Auswahl der Männer, die fortan unter seiner Leitung stehen und seine Genossen und Gehilfen im Margayatale sein sollten.

Die Wahl wurde ihm nicht schwer, denn er hatte nun seit sechs Jahren eine große Zahl von Arbeitern beschäftigt, die er in dieser Zeit genau kennengelernt hatte, und die großenteils sehr anhänglich an ihn waren, so daß er sich auf ihre Ergebenheit verlassen konnte.

Zunächst suchte er sich die treuesten und zuverlässigsten aus unter denen, die sich zugleich als die geschicktesten und anstelligsten erwiesen hatten. Neben diesen, die ihm wegen ihres unbedingten Gehorsams nicht gefährlich werden konnten, suchte er sich noch zu den groben Arbeiten die einfältigsten aus, von denen ihm infolge ihrer Dummheit die wenigste Gefahr drohte.

Johannes war inzwischen zu einem kräftigen Jüngling herangewachsen. Zählte er auch erst zwölf Jahre, so hätte man ihn doch schon für vierzehn- oder fünfzehnjährig halten können, so stark hatte er sich körperlich und geistig entwickelt in einem Klima, das eine rasche Reife begünstigt, und unter der sorgsamen Pflege und Anleitung seines Vaters und seines Onkels Helling.

In den letzten Jahren hatte ihn Sieger bei dem Bau und der Einrichtung der Fabrik viel beschäftigt und er war stets mit Eifer und jugendlichem Interesse seinem Vater zur Seite gestanden, so daß er frühe zu gründlichen Kenntnissen und praktischem Geschicke kam.

Fanny zählte nun zehn Jahre, erschien aber auch bereits als eine heranblühende Jungfrau von ungemeiner Lieblichkeit.

Es war November, als Sieger den Kalifa um die Erlaubnis anging, nunmehr mit den Seinigen und Leutnant Helling in die fertiggestellte Fabrik übersiedeln zu dürfen, da die Herstellung der Kanonen die ununterbrochene Anwesenheit beider dort notwendig mache.

Die Genehmigung wurde erteilt. Allein das Mißtrauen des Herrschers gegen die Europäer war gerade jetzt dadurch gesteigert worden, daß es dem Pater Ohrwalder vor wenigen Tagen geglückt war, aus der Gefangenschaft zu entfliehen. Er traf daher noch ganz besondere Vorsichtsmaßregeln, um dem Ingenieur und seinem Freunde ein Entkommen ganz unmöglich zu machen.

Die Fabrikgebäude verschlossen, wie wir wissen, den Taleingang vollständig; doch standen sie in der etwa fünfzig Meter langen Felsenenge, die den äußersten Zugang bildete, um dreißig Meter zurück.

Der Kalifa ließ nun den Engpaß völlig zumauern, dadurch, daß er eine hohe Mauer am äußersten Eingang aufrichten ließ, die also einen Raum von rund dreißig Metern zwischen sich und dem Bau frei ließ, der rechts und links von den unersteiglichen Wänden eingefaßt war.

Durch diese wahrhaftige Gefängnismauer führte ein starkes, wohlverwahrtes Tor, vor dem ein steinerner Vorbau errichtet war, in dem sich die ständigen Wächter aufhielten. Vor der Mauer wurden noch einige weitere Hütten errichtet, in denen Wachen angesiedelt wurden. Niemand konnte von außen in die Fabrik und somit in das Margayatal gelangen, ohne das Wachthaus zu durchschreiten, also mitten durch die Wächter zu gehen. Ebenso war dies der einzige Weg, um aus der Fabrik in die freie Ebene zu gelangen.

Wollten Sieger oder Helling heraus, wenn auch nur um die Ziegelei oder die Glashütte zu besuchen, so schlossen sich ihnen sofort einige bewaffnete Soldaten an, die sie auf Schritt und Tritt begleiteten. So konnte sich Abdullahi versichert halten, daß sie nicht entweichen könnten, da ja das ihnen allein ungehindert zugängliche Felstal keine Möglichkeit des Entkommens bot.

Nachdem Sieger mit Johannes, Fanny und Josef sich häuslich eingerichtet und auch zwei Zimmer für seinen Freund behaglich ausgestattet hatte, hielt auch Helling seinen Einzug. Ihm war die ganze Anlage neu, da er in den mehr als sechs Jahren seiner Gefangenschaft Omderman auch nicht für eine einzige Stunde hatte verlassen dürfen.

Wie atmete er auf, als er nun zum ersten Male aus dem unendlichen Hüttenmeere herauskam, das ihm mit Recht wie ein Zuchthaus erschienen war.

Als er aber den so wohl befestigten und bewachten Taleingang zu Gesichte bekam, äußerte er: »Eine hübsche Lage, doch ein enges Gefängnis! Sei's drum! Viel lieber läge ich hier in Ketten, als daß ich die blutigen Greuel in Omderman länger mit ansähe, von denen ich übergenug habe. Das ewige Hängen, Köpfen und Verstümmeln ist eine Liebhaberei Abdullahis, die beginnt mich nervös zu machen. Auch weiß man nie, wann man selber daran kommt. Nun, mir kann es ja einerlei sein; doch muß ich gestehen, in deiner liebenswürdigen Gesellschaft ist meine erstorbene Lebenslust wieder etwas erwacht und zuzeiten vergesse ich beinahe die düsteren Schatten, die über meiner Vergangenheit lagern.«

Als sie das Tor durchschritten hatten, das durch die Mauer in das Tal führte, bemerkte der Leutnant, daß der Eingang des Tales in einer Breite von zehn Metern vor dem Fabrikgebäude mit Metallplatten gepflastert war.

»Was hat das für einen Zweck?« frug er erstaunt?

»Ja,« lachte Sieger, »darf ich nicht hinaus, so darf auch ohne meinen Willen niemand herein: ich vermag durch diese Platten einen elektrischen Strom zu leiten, der eine Elefantenherde mit einem Schlage töten würde. Auf diese Weise habe ich meine Anlage zu einer uneinnehmbaren Festung gemacht: man weiß nicht, wozu man's noch brauchen kann.«

Mit großem Interesse besichtigte Helling die Fabrikanlage.

»Die Sache ist einfacher, als ich mir gedacht habe,« meinte er.

»Ja, dadurch, daß ich bloß Holzkohle verfeuere, welche auf meine Anordnung in den Wäldern der Margayaberge gebrannt wird, erspare ich mir das Puddeln, das notwendig wird, um dem Eisen den von der Steinkohle angenommenen Schwefel zu entziehen. Ich treibe übrigens reichlich gepreßte Luft durch die schmelzenden Massen, um ein reines, schlackenfreies Eisen zu erzielen: wer weiß, wenn es mir gelingt, gute Kanonen herzustellen, ob wir nicht eines Tages selber damit dem Kalifa seine Residenz zusammenschießen.«

»Na, na! das sind kühne Pläne! Da müssen wir uns wohl mit Neufeld verschwören, der vom Kalifa zur Pulverfabrikation gezwungen wird, aber – ich vermute, mit Absicht – bis jetzt kein brauchbares Erzeugnis erzielte.«

»Das sieht ihm gleich, er ist ein Prachtmensch. So todesmutig, wie er, hat noch keiner dem Tyrannen getrotzt, und er ist imstande, ihn zum Narren zu halten, wenn es auch sein Leben in Gefahr brächte; wenn wir je einmal eine Revolution anzetteln, hält er gewiß zu uns.«

»Und Slatin ist auch dabei!« fügte Helling hinzu, »schade, daß es uns nie gelingt, uns den beiden zu nähern. Ich glaube, sie ahnen überhaupt nichts von unserem Hiersein, so streng hat uns der schurkische Abdullahi von jedem Verkehr abgeschlossen.«

Am höchsten stieg Hellings Bewunderung, als ihn Sieger in den Hintergrund der Schlucht führte, und ihm die großartigen Kraftanlagen zeigte, die durch den tosenden Wasserfall getrieben wurden und namentlich eine Dynamomaschine speisten.

»Was treibt denn dieser kolossale Motor?« fragte der Leutnant.

»Das ist mein Geheimnis,« sagte Sieger. »Glücklicherweise verstehen meine Arbeiter nichts von der ganzen Anlage, sonst müßte er ihnen verdächtig vorgekommen sein. Bis jetzt sind nur Johannes und Josef in meine Pläne und geheimen Vorkehrungen eingeweiht; aber dir werde ich natürlich alles zeigen und erklären, sobald wir eine ruhige Stunde dazu finden.«

Vor dem Wasserfall war ein starker Staudamm von mäßiger Höhe errichtet. Am Fuße desselben, etwa in der Mitte, durchbohrte ihn eine tunnelartige Öffnung, durch die der Bach floß, den der Wasserfall bildete. Das Loch konnte durch ein Schleusentor verschlossen werden. Dann mußte sich das Wasser hinter der Mauer stauen und zu einem kleinen See anwachsen, bis es die Höhe des Dammes erreichte und über diesen abfloß.

Helling fragte auch nach dem Zwecke dieser Anlage.

Sieger antwortete lachend: »Jedem, der von derartigen Anlagen etwas versteht, muß sie völlig überflüssig und zwecklos erscheinen, und deshalb wunderst du dich mit vollem Rechte darüber. Denn der von ungeheurer Höhe herabstürzende Wasserfall stellt eine so gewaltige Kraftquelle dar, daß ich sie gar nicht ausnützen kann, wollte ich auch ganz Omderman mit elektrischer Beleuchtung und Kraft versehen. Für meine bescheidenen Bedürfnisse in der Kanonenfabrik genügt ein geringer Bruchteil derselben. Folglich ist ein Stausee an dieser Stelle ein Unding.«

»So erkläre mir, warum du ihn dennoch anlegen ließest. Denn die gewaltige Mauer muß ordentlich Arbeit gekostet haben, und sicherlich ist das keine bloße Schrulle und Spielerei von dir. Oder war es nur eine Gelegenheit, deine Arbeiter unnötig zu beschäftigen, um die Fertigstellung der ganzen Anlage in die Länge zu ziehen?«

»Doch nicht,« erwiderte der Ingenieur: »Das gehört auch zu dem Geheimnis, in das ich dich so bald als möglich einweihen will. So lange mußt du dich eben gedulden.«

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