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Die Flucht aus dem Sudan

Friedrich Wilhelm Mader: Die Flucht aus dem Sudan - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleDie Flucht aus dem Sudan
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun5. Auflage
illustratorRichard Herdtle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
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7.
Im Dunkel der Nacht

In dieser folgenschweren Nacht regte sich ein geheimnisvolles, beinahe lautloses Treiben rings um die Mauern der bedrängten Hauptstadt des Sudans. Mit solcher Vorsicht wurde dabei zu Werke gegangen, daß außer Josefs scharfem Ohr kein anderes das geringste davon wahrgenommen zu haben schien. Dem Kommandanten Farag Pascha hatte der Diener seine Beobachtungen mitgeteilt, ohne freilich zu ahnen, daß er ihm nichts Neues sagte, und daß seine Warnung der gefährdeten Stadt nichts nützen konnte, weil er sie an einen Mann gerichtet hatte, der im geheimen Einverständnis mit dem Feinde stand. Wohl hatte er auch seinem Herrn Mitteilung gemacht, aber leider glaubte dieser an keine dringende Gefahr und hatte daher die kostbarste Zeit verstreichen lassen, ehe er sich selber mit Helling auf den Weg machte, zu erkunden, was sich vor den Mauern vorbereitete.

Um zu verstehen, was sich da in der Stille abspielte, wollen wir die Vorgänge des verflossenen Tages im Lager der Derwische kennen lernen.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Sieger seinen Freund Helling bewog, den gefährlichen Platz auf der Umfassungsmauer zu verlassen, begab sich der Kalisa Abdullahi in das Zelt des Mahdi.

»Wie lange sollen die Ungläubigen noch dem Erwählten Allahs trotzen dürfen?« fragte er. »Was hindert uns, noch diese Nacht Khartum zu überrumpeln? Dann ist das letzte Bollwerk gebrochen und du bist der Herr des ganzen Sudans.«

»Und wie gedenkst du dies Ziel zu erreichen?« lautete Mohamed Achmeds Gegenfrage.

»Du weißt, daß Farag Pascha uns das Tor öffnen will, das seiner Verteidigung anvertraut ist. Da können wir ungehindert eindringen. Sind wir einmal im Innern der Stadt, so werden wir sie leicht überwältigen; wir haben ja Freunde genug in ihren Mauern, die darauf brennen, sich uns anschließen zu dürfen.«

»Farag ist ein Verräter. Jeder Verräter ist mir verächtlich und verhaßt, auch wenn er meine Feinde verrät. Aber wer klug ist, traut auch keines Verräters Versprechungen. Es wäre nicht unmöglich, daß uns der Schurke eine Falle stellt. Doch wenn wir das auch nicht befürchten, so stünden uns noch schwere und verlustreiche Kämpfe bevor, wenn wir nur von einer Seite in die Stadt eindrängen. Ich gedenke, die Wälle von allen Seiten zugleich zu erstürmen, und so die ganze Stadt zu überfluten. Dann wird aller Widerstand in kürzester Frist gebrochen, und den Feinden bleibt kein Ausweg zur Flucht.«

»Wird uns nicht die Erstürmung der Mauer mehr Opfer kosten? Noch ragt sie aus der Tiefe des Grabens, in den wir zuvor hinabklettern müssen.«

»Nichts soll uns aufhalten: morgen ist der Tag, an dem ich in Khartum einziehen soll, nach der Verheißung des Propheten. Berufe die Emire, daß ich ihnen meinen Willen kund tue.«

Gehorsam entfernte sich der Kalifa und versammelte die Befehlshaber. Mit ihnen begab sich Mohamed Achmed auf das Ostufer des Nils, wo der Mahdi sie folgendermaßen anredete:

»Die Zeit ist gekommen, da Allah die letzte Burg der Ungläubigen in unsere Hände gibt. Morgen ist der Tag, da Khartum in unsere Hände fallen wird, und morgen schon werde ich als Herr dort einziehen, denn also hat es mir der Prophet des Höchsten geoffenbart. Jeder von euch wird das seinen Kriegern verkünden und dafür sorgen, daß pünktlich geschehe, was ich jetzt anordne.«

Er wies nun jedem Emir seinen Platz an, von dem aus er den Wall erstürmen solle. Nach Eintritt der Dunkelheit sollten alle Hütten und Gebäude zwischen dem Lager und der Stadt niedergerissen werden. Sobald der Mond unterging, sollte in der Finsternis unter tiefstem Schweigen und völliger Lautlosigkeit der Wallgraben mit den Trümmern ausgefüllt werden. Dies mußte so rasch geschehen, daß die ganze Arbeit vor Tagesanbruch beendet wäre. Ehe es tagte, sollte Abu Karga mit seiner Abteilung durch die Bresche und das Kalakletor eindringen, wo der Verräter Farag mit seinen Leuten stand und sie nicht aufhalten würde. In bezug auf diese erteilte der Mahdi dem Emir noch besondere geheime Befehle.

Beim ersten Schimmer der Dämmerung sollten alle anderen Abteilungen gleichzeitig die Mauer ersteigen, was nach Ausfüllung des Grabens keine nennenswerte Schwierigkeit mehr bot, wenn es gelang, die Vorbereitungen unbemerkt zu treffen und die Wächter zu überraschen. Wer Widerstand leistete bei der nun folgenden Eroberung der Stadt, sollte niedergemacht, wer sich ergab, gefangen genommen, Frauen, Kinder und Wehrlose aber schonend behandelt werden.

Letzteres ordnete Mohamed Achmed an, um sein Gewissen von den zweifellos erfolgenden Greueltaten zu entlasten. Denn daß die entfesselten Beduinenhorden ihre grausamen Triebe nicht zähmen würden, wußte er aus Erfahrung nur zu wohl.

Nach diesen Anordnungen kehrte der Mahdi in seine Wohnung zurück, wo ihn gegen Abend Emin Gegr um Salama aufsuchte, wie wir bereits wissen.

Kaum dämmerte die Nacht, als tausende von Händen sich daran machten, nach dem Befehl des Herrschers alle Hütten in der Nähe der Stadt abzubrechen. Der Mond stand im ersten Viertel und verbreitete wenig Licht. Sobald er untergegangen und alles in undurchdringliche Finsternis gehüllt war, wurden Bretter, Balken und Schutt nach dem Stadtgraben gebracht. Dieser wurde nun an möglichst zahlreichen Stellen derart aufgefüllt, daß der breiten Brücken genug waren, die ein leichtes Erklimmen der Schanzen ermöglichten.

Obgleich nun die Arbeit mit einer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit vor sich ging, so daß sie tatsächlich noch vor Tagesgrauen beendigt war, geschah sie mit solcher Geräuschlosigkeit, daß niemand etwas von den Vorgängen merkte, außer Siegers Diener. Das wäre freilich kaum möglich gewesen, wenn alle Wächter auf ihrem Posten gewesen wären und gewacht hätten.

Nun aber lag alles im Schlummer, auch die pflichtvergessenen Hüter der belagerten Stadt. Wohl waren sie erschöpft von den Anstrengungen und Entbehrungen der letzten Wochen: aber konnten sie damit eine so gröbliche Verletzung ihrer Aufgabe entschuldigen? Und doch war ihr Leichtsinn erklärlich, wenn nicht entschuldbar: es fehlte an der wachsamen Aufsicht und daher an der notwendigen Zucht. Hätte der Statthalter nach dem Rechten gesehen und sich mehr darum bekümmert, ob seine Beamten und Offiziere auch ihre Pflicht erfüllten, so wären solche Nachlässigkeiten angesichts einer so drohenden Gefahr undenkbar gewesen.

Nun aber schlummerte Khartum, nicht ahnend, wie nahe ihm ein gräßliches Geschick war, und die es bewachen und schützen sollten, lagen auch in den Banden des Schlafes und sollten nur erwachen, um in einen noch tieferen Schlummer versenkt zu werden, aus dem es kein irdisches Erwachen mehr gab. Fand sich kein Warner, fand sich kein Retter?

An einer Stelle war die Wachsamkeit nicht erloschen, aus einer Wachstube strahlte noch helles Licht. Da saß finstern Angesichts und dumpf vor sich hinbrütend Farag Pascha und wachte, – doch nicht zum Heile, sondern zum Verderben der Stadt. Seine Leute waren auch auf dem Posten: an der Bresche, am Tor und auf dem Walle kauerten sie oder schritten auf und ab. Wer sie gesehen hätte, würde sich gefreut haben, so pflichtgetreue Wächter zu finden, wo alle anderen ihre Aufgabe so schmählich vernachlässigten.

Das waren die Leute, die wußten, daß noch heute nacht das Verderben über die Stadt hereinbrechen werde, und die es förderten, statt ihm zu wehren. Doch schien es ihnen nicht wohl zu sein bei der Sache. Düster starrten sie ins Dunkel hinaus, als hätten sie eine Vorahnung des Loses, das ihnen bevorstand, und des Lohnes, den sie für ihren Verrat ernten sollten.

»Die Stunde naht!« murmelte Farag Pascha vor sich hin. »Noch möchte es Zeit sein, Gordon zu warnen, und wer weiß, vielleicht würde ich besser dabei fahren, denn dieser Mahdi hat etwas in seinem Betragen gegen mich, das mir nicht gefällt, ja geradezu unheimlich erscheint.«

Da nahten sich Schritte. Ein Mann in arabischer Tracht trat ein.

Farag sah ihn unwirsch an. Der Besuch schien ihm nicht willkommen: vielleicht hinderte er ihn noch im letzten Augenblick, einen Entschluß zu fassen, der sein Gewissen beruhigt und das Leben Tausender gerettet haben würde.

»Was willst du, Emin Gegr um Salama?« fragte er unfreundlich.

»Sehen, ob alles in Ordnung ist. Die Arbeit dort draußen ist nahezu vollendet. In weniger als einer Stunde wird sich der Ungläubigen Geschick erfüllen.«

»Der Ungläubigen? Bist denn du ein Gläubiger? Du bist kein Sohn der Wüste, wie du vorgibst: falsch ist dein Sinn, wie deine Gestalt. Weh mir, daß ich mich von dir verführen ließ, die Wege der Finsternis zu betreten, du Scheitan!«

»Reut dich dein Entschluß?« zischte der Einäugige. »Soll ich zum Mahdi hinüber und es ihm künden?«

Farag lachte bitter und höhnisch auf. »Glaubst du, du könnest die Stadt verlassen, wenn ich es hindern will? Was hindert mich, dich sofort zu durchbohren und den Statthalter zu warnen?«

Emin Gegr wich erschrocken zurück. Doch verächtlich winkte ihm der Pascha, zu bleiben. »Du bist ein elender Feigling, wie alle deines Gelichters,« sagte er, auf den Boden spuckend. »Ich aber will mich nicht mit deinem Blute beflecken. Ich überlasse es Allah und deinem Gewissen, dich zu strafen. Deine Seele möge sich beruhigen, ich lasse dem Verderben seinen Lauf: es naht sich schneller, als du und ich geglaubt haben. Ja, hätte ich noch eine Stunde Zeit –, aber ich höre sie nahen: es ist zu spät!«

»So will ich eilen, meine Freunde in der Stadt aufzusuchen, die darauf brennen, sich zu vereinigen mit denen, die von Allah zum Werke der Rache erwählt sind.«

»Geh denn zu deinen Teufeln, du Satan!« knirschte Farag Pascha und erhob sich, während sein unheimlicher Besucher in die Stadt zurückeilte.

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