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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 8
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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Zwangsurlaub und drei Tage Kassel

In Berlin ließ ich mir vom B.-Nachweis über die weiteren Abschlüsse für die Tournee berichten. Der übliche Ärger blieb nicht aus. Verschiedene Badeorte hatten nachträglich wieder abgesagt, ohne Recht, aber mit der allgemein übereinstimmenden Begründung, daß sie viel zu wenig Badegäste hätten, um auch nur den geringsten Erfolg für uns zu erhoffen.

Ich las Kritiken über die Hannoversche Aufführung. Mehrere tadelten den Fürsten, der allerdings auch die schriftstellerisch schwächste Figur in meinem Stück vertrat. Einige Blätter fanden das Stück zu sentimental. Ein Herr R. M. nannte mich in einer durchaus strengen, aber anständigen Kritik eine »tragische Kruke« und einen »dürren Sandhering«, worüber ich herzlich lachen mußte. Was mich aber am meisten freute, war, daß alle Zeitungen meine schauspielerische Leistung lobten. »Er macht seine Sache ganz famos, er stand fest und sicher in der Rolle . . .« (Hannoverscher Anzeiger) . . . usw.

Ab nach Kassel! Hoffentlich haben mir die Kasselaner verziehen, daß ich einmal vor Jahren in einem gereimten Reisebrief nichts weiter an ihrer Stadt rühmte als »Die Karpfen Wilhelmstr. 15«.

Erster Abend im Kleinen Theater. Das Haus ist noch kleiner, als sein Name erklärt. Aber es hat drei Direktoren, einen künstlerischen Beirat und sogar eine kleine Bühne. Die war allerdings so eng, daß wir beim Spielen Angst hatten, in den Souffleurkasten zu fallen.

Die Dekoration für die »Seemannskneipe« war verblüffend primitiv. Nur ein großes Büffelhorn fiel auf. Der Dramaturg war stolz darauf, dieses Stück als »typisch fürs Milieu« herangeschafft zu haben. Er übersah dabei, daß dieses Horn zu einem prunkvollen korpsstudentischen Trinkgefäß aufmontiert war.

Applaus nach allen Akten. Den dritten sah ich mir von der Galerie aus an. Viele Leute lachten an den unpassendsten Stellen und brachten andererseits für Humor keinen Sinn auf.

Mir war zumut, als hätte ich schon jahrelang Theater gespielt. – – Hatte ich ja eigentlich auch.

Die drei Direktoren erwiesen sich als überaus zuvorkommend und waren eifrigst um uns und um das Stück bemüht. Ich verwechselte sie dauernd.

Am nächsten Tag unternahmen wir einen Ausflug nach Wilhelmshöhe. Dann schickte ich die Kollegen in die herrliche Bildergalerie. Ich selber suchte die Fisch- und Feinkosthandlung Klippert auf. Ich hatte für die Firma durch das erwähnte Karpfengedicht einmal gute Propaganda gemacht. Darauf wollte ich mich berufen und hoffte dabei eine Sprottenspende oder etwas Ähnliches für mein Ensemble herauszuschinden, zumal ich einen der Gebrüder Klippert inzwischen irgendwo kennengelernt hatte. Aber die Dame an der Kasse, bei der ich mich meldete, benahm sich so, daß ich das Gespräch abbrach und den Laden verärgert verließ.

In Kassel gibt es so seriöse Leute, daß der liebe Gott, wenn er ihnen begegnete, wahrscheinlich stramm stehen würde.

Sitty Smile und der Kellner überbrachten mir, von einem Spaziergang zurückkehrend, drei Gänseblümchen. – Mehrere auswärtige Bekannte besuchten mich. Ich kaufte mir Trinkeier, die ich zum Wohle meiner Stimme vorm Auftreten ausschlürfen wollte. In unserer Garderobe stand der »Kellner«. Er ließ sich gerade vom Garderobier schminken und befahl diesem – unbewußt im hochmütigen Ton seiner Rolle – »süffisanten Zug um die Lippen!« Ich mußte lachen.

Wir waren etwas deprimiert über die schlechten Einnahmen. Am dritten Tag setzten sich der Fürst und der Kellner abwechselnd zur Kassiererin an die Schalter der Tages- und Abendkassen um den Billettverkauf zu kontrollieren.

Ich suchte eine alte, mir aus früherer Zeit vertraute Kneipe auf und wurde durch die Reden eines Schornsteinfegers gefangen, der einem blöden Schafkopf in auffallend klugen Bemerkungen die politische Lage erklärte. Es regnete an diesem Tage ununterbrochen. Ich sah mir trotzdem den achteinhalb Meter langen Walfisch an, den der Taucher Sievers bei Cuxhafen gefangen hatte und nun im Freien zur Schau bot. Das Tier war schon tot. Es hätte in der Sündflut und in dem Schlamm auf dem Friedrichplatz eigentlich noch leben können.

Unsere letzte Vorstellung war sehr schwach besetzt. Die wenigen Anwesenden waren allerdings dankbar und sehr ergriffen. Sogar die Souffleuse kam ins Weinen.

Kaum hatte ich nach Schluß die »sechs Bananen«, die vertragsmäßig vom Theater gestellt wurden, der Petra geschenkt, so kam eine Angestellte vom Bühnenpersonal herbeigestürzt und rief: »Essen Sie die Bananen schnell auf! Der Direktor hat angeordnet, daß sie nach Beendigung des Gastspiels ihm zurückgegeben werden.«

Mein Anteil an der Abendeinnahme betrug zehn Mark. Sitty Smile und der Kellner übernahmen es wie immer, die uns gehörenden Requisiten einzusammeln, sie kunstgerecht in den Funduskorb zu packen und diesen als Passagiergut aufzugeben. Wir schieden sehr unzufrieden von diesem Kasseler Theater. Aber nachts als Gäste des freundlichen Wirtes vom Herkules-Bräu wurden wir wieder vergnügt.

Am nächsten Morgen holte ich meine Kollegen in ihrem Hotel ab. Sie saßen mit dicken Köpfen beim Frühstück und zählten während des Essens Geld und rechneten und rechneten immer wieder. Nur der Kellner rechnete nicht, sondern futterte sorglos. Er wurde nach Punkten am schlechtesten bezahlt. Aber er aß am meisten und sorgte dafür, daß an unserer Tafel niemals Speisen übrig blieben. Seine Jugend rechtfertigte das. Dieser Kellner war wie so viele Jungens dieser Zeit, dieser unglücklichen Zeit, unbekümmert, ungeistig, farblos und durch keinerlei Respekt gehemmt.

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