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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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Premiere in Hannover

Fürst, Kellner und Sitty Smile fuhren voraus, um die bühnlichen Vorbereitungen zu treffen. Es war ein erquickender Morgen, als M. und ich auf dem Bahnhof Charlottenburg zu den übrigen Schauspielern stießen. Im Speisewagen beschnüffelten wir einander, fachsimpelten, prophezeiten und toitoitoiten. Einige Nordhäuser hatten sich vorher die Karten legen lassen. Übrigens waren die Nordhäuser nicht etwa gebürtige Nordhäuser, sondern Grischa z. B. stammte aus Gustrow und die »Dänin Petra« aus Wiesbaden. Ich bat Petra, es mir nicht zu verübeln, wenn ich im dritten Akt statt ihres Konterfeis das der Asta Nielsen hervorzöge und bewunderte. Asta hatte mir dazu auf meinen Wunsch einige Photokarten von sich und für die Premiere eine besonders schöne mit einer lieben Widmung mitgegeben. Petra verstand. Sie lachte sonnig und hatte schöne Zähne.

M. und ich zogen in Hannover in das uns vertraute Hotel Kasten. Für die andern hatte Sitty Smile im Waterloo Zimmer bestellt. Ich ging sofort schlafen, denn ich wollte bei meinem Schauspielerdebut frisch sein. Eine leichte Heiserkeit hatte mich befallen, aber die war vielleicht nur auf die große Hitze zurückzuführen, die sich entwickelt hatte und die für den abendlichen Theaterbesuch nichts Gutes versprach.

Um fünf Uhr trafen wir uns im Schauspielhaus, stellten uns dem Direktor Dr. Altman und dem technischen Personal vor. Auf der Drehbühne wurde mit lärmender Betriebsamkeit am Aufbau der beiden Bühnenbilder gearbeitet. Ich sah mir die Eingänge und Ausgänge an und floh dann aus der lebensgefährlichen Atmosphäre.

Zwei junge Berichterstatter interviewten mich, aber sie wußten nicht zu fragen, und aus dem, was ich ihnen zur Anregung mitteilte, machten sie hinterher ein so albernes und entstellendes Geschreibsel, daß ich mir vornahm, in künftigen Fällen nur auf präzise Fragen zu antworten und auch nur unter der Bedingung, daß man die Fragen und meine Antworten dann wörtlich wiedergäbe. Schon im Hotel hatten mich einige Besucher mit durchaus nicht überraschenden Anliegen nervös gemacht. Andererseits hatte ich aber auch Blumen und freundliche Briefe dort vorgefunden.

Abends lagen in meiner Garderobe wieder zwei Sträuße. Den einen hatten mir meine Kollegen mit einer herzlichen Widmung hingebracht. M. wollte der Petra einen Strauß auf die Bühne schicken, aber das war an diesem Theater verboten, weil einmal vor Jahr und Tag ein Schauspieler durch einen herabfallenden Lorbeerkranz verletzt worden war.

Ich lugte einmal flüchtig durch das Vorhangloch. Das Theater war gut besetzt, in Anbetracht der drückenden Hitze sogar sehr gut. Ich sah M. im Zuschauerraum sitzen.

Wir waren im letzten Moment alle ruhig. Im Vorbeigehen spuckten wir uns gegenseitig an.

Bei meinem Auftritt wurde ich mit Applaus empfangen. Ich war ebenfalls ruhig und sehr glücklich darüber, daß ich weder Heiserkeit noch Fußschmerzen verspürte. Dem Rate M.s und der Kollegen zuwider hatte ich mich weder geschminkt noch mir die Haare gefärbt.

Als ich »die durchschmuggelte Whiskyflasche aus meinem Seesack packte«, merkte ich, daß man vergessen hatte, sie zu füllen. Ich half mir, indem ich »meiner Braut Petra« extemporierend vorlog, die Flasche wäre unterwegs ausgelaufen. Diese Bemerkung wurde vom Publikum als verdächtig belacht.

Schon nach dem ersten Akt wurden wir Schauspieler herausgerufen. Im zweiten vergaß ich einen allerdings unwichtigen Satz. Auch nach diesem Akt mußten wir uns wiederholt zeigen. Uns war wohl zumut. M. besuchte mich in der Garderobe. Sie hatte anerkennende und rührende Bemerkungen belauscht, auch einige ungünstige. So hatten Leute, die wohl Matrosen nur in Kriegsmarineuniform oder in Lunapark-Luftschaukeldreß kannten, Anstoß an meiner gerade so echten Kauffahrteikleidung genommen.

Da ich im letzten Akt nicht mehr mitspiele, kleidete ich mich um, tastete mich im Halbdunkel leise nach einer unbesetzten Loge und sah mir von dort aus einige Szenen an. Das Publikum konnte mich nicht sehen, und ich sah auch das Publikum nicht. Ich hörte nur vielfach jenes heisere Räuspern, das ein Weinen verdecken will. Und ich war selbst gerührt und dankbar und glücklich. Meine wieder und wieder herausgerufenen Kollegen zerrten mich dann allzu oft auf die Bühne. Sie wollten alle Anerkennung nur auf mich wälzen.

Wir speisten hinterher zusammen, und ein mir befreundetes Ehepaar spendierte den Wein dazu. Es gab nicht wenig zu erzählen nach dieser ersten Schlacht. Ich fragte Grischa: »Warum sind Sie nicht so fidel wie die anderen? Und warum rechnen Sie nicht erst mit uns ab, wie das doch vereinbart ist?«

»Gerade wegen der Abrechnung bin ich traurig«, antwortete Grischa und schob mir verstohlen unterm Tisch einen Zettel mit Zahlen zu. Die Abrechnung zwischen ihm und dem Theater hatte vertragsgemäß in der Pause nach dem zweiten Akt stattgefunden.

Ich studierte die Ziffern. Nach dem pflichtgemäßen Abzug von behördlichen Abgaben, Vermittlungsprovisionen, Tantiemen usw. verblieben für uns acht Personen: . . ., verblieb also, nach Punkten errechnet, für mich: ach, du lieber Gott! Nicht einmal soviel, daß ich das Reisegeld Berlin-Hannover für mich und M. damit bestreiten konnte.

Aber die Aufführung und mein Debüt als Schauspieler waren ein Erfolg gewesen. So tröstete ich Grischa und trank mit ihm und allen Brüderschaft.

Sittys Vater war ein bekannter Kammersänger in Hannover. Seitdem er pensioniert war, hatte er jahrelang kein Theater mehr besucht. Aber nun war er doch zu unserer Premiere erschienen, um seinen Sohn zu bewundern, wie der auf der Bühne, schwarz angepinselt, zweimal »U–ah!« sagte.

Wir sahen nun notgedrungen vier arbeitslosen Tagen entgegen. Meine Kollegen wollten diese Zeit in einer billigen Pension bei Hildesheim verbringen. M. und ich zogen es vor, nach Berlin zurückzukehren. So trennten wir uns. »Auf Wiedersehen am 25. Mai nachmittags im Kleinen Theater in Kassel!«

M. und ich bummelten noch bis vier Uhr durch Nachtlokale, Erinnerungen auffrischend und immer wieder von der Aufführung sprechend. Sie war wohl gut gewesen. Aber wir mochten das nicht direkt aussprechen. Es kam nun ja noch darauf an, wie sich die Zeitungen äußern würden, und wovon hing das nicht alles ab.

Auf meinem Bett lag ein Sträußchen Maiglöckchen. M. hatte es hingelegt, weil Maiglöckchen die Lieblingsblumen meines verstorbenen Vaters waren, dessen Geburtstag der 20. Mai war. Durchs offne Fenster drang in dieser warmen Nacht aus Richtung Oper her der Sang einer Nachtigall.

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