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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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Mit der »Flasche« auf Reisen

(Ein Tagebuch von 1932)

Einleitung und Vorbereitung

Den Drei-Akter »Die Flasche« hatte ich seinerzeit auf Hiddensee bei Asta Nielsen und für Asta Nielsen geschrieben. Es war so gedacht, daß sie die Petra und daß Gregory Chmara den Grischa spielen sollte. Ich selbst hatte von Anfang an mit der Rolle des Hans Pepper geliebäugelt. Diese Besetzung kam nicht zustande. Aber für mich steht das Stück sozusagen unter dem Protektorat der Asta Nielsen. »Eine Seemannsballade« nannte ich es. Einerseits um das Publikum darauf vorzubereiten, daß es sich hier um kein gewichtiges, hochdramatisches Opus handelte und andererseits, um a priori den Vorwurf zu entkräften, das Stück wäre zu sentimental. Denn ich wußte aus Erfahrung, wie sentimental Seeleute sind, wie sentimental das Volk in den Häfen ist. Und ich meinte, daß eine Ballade sich in der Beziehung etwas herausnehmen dürfte.

Im Januar 1932 fand die Uraufführung im Schauspielhaus in Leipzig statt. Das wurde – vielleicht nur durch die geniale Regie des Direktors Otto Werther – ein großer Erfolg, der mir für den Weitergang Hoffnung gab. Bald danach folgten Aufführungen in Nürnberg, Hamburg und Nordhausen.

Als das Nordhäuser Stadttheater für die Sommersaison schloß, wandte sich eine Gruppe der dortigen Schauspieler und Schauspielerinnen an mich. Ob ich mit ihnen eine Gastspielreise durch Bäder und Städte unternehmen wollte, um »Die Flasche« zu spielen. Ich sollte den Hans Pepper mimen. Das Geschäftliche sollte auf kollektiver Basis aufgebaut werden. Das war damals, aus der Not der Zeit geboren, Mode geworden.

Wir korrespondierten darüber hin und her, dann suchte mich einer der Nordhäuser zu einer mündlichen Besprechung in Frankfurt am Main auf. Es war der Herr, der den Fürsten spielen wollte. Er schilderte das Übernehmen und seine Aussichten in so festen Strichen und so rosigen Farben, daß ich zusagte.

Die organisatorische Leitung der Tournee übernahm der Bühnen-Nachweis. Verantwortliche Leiter wurden der erwähnte Fürst und der Schauspieler, der Grischa darstellte. Dieser Grischa übernahm auch die Abwicklung des geschäftlichen Teils. Ich selbst gab nur und unverbindlich meinen Namen her und war im übrigen wie die andern Teilnehmer in der Gageanteilsberechnung nach Punkten beteiligt.

Während die Nordhäuser schon in Berlin die Vorarbeiten einleiteten, war ich noch durch ein kabarettistisches Gastspiel an Frankfurt gebunden. Aber ich fing sofort an, meine Rolle zu studieren nach einem Textbuch, das mir »unser Regisseur« mit seinen Strichen versehen zugesandt hatte. Auch kümmerte ich mich um meine Bühnenausrüstung, erstand eine Seemannsmütze, und der Schauspieler Walter Janßen, der mir zufällig begegnete, schenkte mir einen echten, herrlichen Jumper. Andere Kleidungsstücke besaß ich noch aus meiner Seefahrtszeit. Aber ein Überzieher der ehemaligen Kaiserlichen Marine mit breitem Kragen und breitem Revers war nicht aufzutreiben, obwohl ich sämtliche Schifferkneipen am Main durchforschte.

Seestiefel suchte ich auch. Sie sollten bequem sitzen, denn ich litt an wunden Füßen. Deshalb zog ich zwei Paar Strümpfe übereinander, als ich die Trödlerläden in der Altstadt durchstöberte.

Eines Morgens legte mir der Kellner lächelnd das Stadtblatt der Frankfurter Zeitung vor. Da stand unter dem Titel »Ein belauschter Dichter« ein witziges Gedicht, das etwa fragte: »Was tut Kuttel Daddeldu beim Altkleiderhändler?« Darüber war ein Bild, das mich von hinten zeigte, wie ich gerade einen Trödlerladen betrat. Ein Zeitungsphotograph hatte mich dort zufällig erwischt. Ich antwortete im gleichen Blatt mit einem Gegenreim und einem mich rechtfertigenden Photo, auf dem ich triumphierend meine gekauften gigantischen Seestiefel vorwies.

Endlich traf ich in Berlin mit meinem Ensemble zusammen, und wir probten vier Tage lang trotz einer tollen Hitze unermüdlich. Manchmal war M. dabei. Sie hatte einige der Nordhäuser schon vor mir kennengelernt, und was sie darüber Sympathisches berichtete, fand ich nun bestätigt. Wohl erschien mir die »Petra« etwas molliger als die Petra, die mir vorgeschwebt hatte, aber sowohl sie wie auch die andre Dame, die »Mutter Mewes« darstellte, gewannen sehr rasch mein Herz durch ihr natürliches und frohes Wesen. Diese zwei Damen hatten Männer, der von Mutter Mewes war unser Regisseur. Er übernahm gleichzeitig die Rolle des »Heizers«, und zwar diese im Programm unter andrem Namen (um seiner Würde nicht Abbruch zu tun). Er war überhaupt der Seriöseste in der Gesellschaft, und die andern hatten etwas Dampf vor ihm, was mir sehr günstig erschien als Gegengewicht zu dem leichten und allzu optimistischen Naturell des Fürsten. Petras Gatte war der Grischa, ein kleiner, dunkeläugiger Mann mit weichem Gemüt, wie es für seine Rolle paßte. Baumlang dagegen war »Sittty Smile«, der als Neger nicht viel mehr zu sagen hatte als zweimal »U–ah! U–ah!«, aber mit studierter und bewährter Erfahrung für das Bühnenbild sorgte. Auf des Fürsten eifrige Fürsprache hin nahm für die kleine Rolle des Kellners noch ein junger Mann teil, der gerade, vor dem Abitur, das Gymnasium verlassen hatte. So waren wir mit mir zusammen acht Personen.

Aus finanziellen Gründen mußten auf dieser Tournee alle Nebenpersonen wie der Kapitän, der Steuermann, die Hafenmädchen usw. wegfallen, und darum gewisse Szenen leider verändert oder ganz gestrichen werden. Der Regisseur hatte das geschickt ausgeführt. Er lobte mich gleich zu Anfang, weil ich meine Rolle so fließend auswendig konnte.

Die Generalprobe veranstalteten wir auf einer dazu gemieteten Saalbühne. Asta Nielsen war zugegen und ein Freund von mir, der einen Eiskühler und Sekt mitbrachte, und natürlich M., die gar zu gern mit uns gereist wäre. Asta gab mir noch einige gute Ratschläge, die ich dankbar annahm. Denn es war das erstemal, daß ich ohne kabarettistischen Rahmen als Schauspieler auf Theaterbühnen auftreten sollte. Ich war etwas besorgt, ob meine Sprache ausreichen würde, ob meine wunden Füße rechtzeitig heilen würden, ich war in manch andrer Beziehung besorgt. Aber auch wiederum unternehmungslustig. Denn es gefiel mir bei meinen neuen, durchweg jüngeren Kollegen, die alle Lust und Eifer mitbrachten. Wenn wir mit Ausnahme des Fürsten uns auch keinen übertriebenen pekuniären Hoffnungen hingaben, so galt es doch, sich in der wirtschaftlich unerträglich schweren Zeit über Wasser zu halten. Das mit Reisen verbunden lockte mich ehemaligen Seemann.

Auch in Berlin war kein altes Seemannsjackett aufzutreiben. Schließlich versuchte ich's einmal beim Reichsmarineamt. Der Portier dort verband mich telephonisch mit einer Kleiderkammer. Die wies mich an eine Stelle X. Um dahin zu kommen, mußte ich einen peinlich ausführlichen Fragebogen ausfüllen. Als ich daraufhin ein Duplikat dieses Schriftstückes anfertigen sollte, lehnte ich das mit einem energischen »Nein« ab. Die erschrockene Ordonnanz brachte mich durch kilometerlange Korridore zu einer Dame. Die brachte mich Kilometer weiter nach dem Süd-, Nord-, Ost- oder Westflügel des Gebäudes. Ein subalterner Beamter ließ mich zu einem Kapitänleutnant führen. Der hörte mich sehr höflich an und wollte mich mit einem Geheimrat verbinden. Ich unterbrach ihn: »Bitte, bringen Sie mich nicht noch bis zum Großadmiral. Ich will doch nur einen gebrauchten, speckigen Matrosenüberzieher kaufen. Für die Bühne!« Der wohlwollende Kapitänleutnant riet mir, mich mit einem schriftlichen Gesuch an die Stelle Y., Abteilung B, Sektion 3, Zimmer 4 in Wilhelmshaven zu wenden, und er gab mir zum Abschied noch kilometerweit das Geleit. Unten händigte mir der Portier das Paket ein, das ich bei ihm deponiert hatte. Es enthielt vier leere, vierkantige Flaschen Whisky Black Label, auch für die Bühne bestimmt. Als das Tor des Reichsmarineamts hinter mir ins Schloß fiel, schien die Sonne.

Von drei an verschiedenen Stellen ermittelten ausgestopften Möwen, die alle übereinstimmend sieben Mark fünfzig kosten sollten, wählten wir aus Platzmangel die kleinste. An Stelle der zwei unerschwinglichen, ausgestopften Krokodile hatte Sitty Smile künstliche Tiere angefertigt. Das kleinere, das ich »meiner Braut mitbringen« sollte, gefiel mir gar nicht, denn ich konnte nur seinen Rücken dem Publikum zeigen, weil es am Bauch sich als Gipswerk verriet.

Für diese und einige andere unentbehrliche Requisiten erstanden wir nach langstündiger Kostendebatte einen großen Reisekorb, der von Ort zu Ort als Passagiergut aufgegeben werden und auch die empfindliche Salongarderobe Petras und den Frackanzug des Kellners aufnehmen sollte.

Zeitungsnotizen erschienen. – Wir setzten die Kollektivpunkte fest und schlossen und unterschrieben die Kontrakte. Die Nordhäuser hatten ein ebenso wirkungsvolles wie geschmackvolles Plakat anfertigen lassen: »Gastspiel Ringelnatz mit Ensemble-Berlin in Die Flasche, Seemannsballade . . . Hans Pepper, Matrose – Joachim Ringelnatz«. Dahinter bescheiden gedruckt die Namen der anderen Mitwirkenden. Diese Plakate und Photos von mir und sonstiges Reklamematerial versandte der B.-Nachweis an die Theater, mit denen er abgeschlossen hatte. Die Tournee konnte beginnen. Es waren bereits etwa 12 Orte festgelegt. Hannover war der Ausgangspunkt. Vier anschließende Badeorte sagten im letzten Moment ab, des plötzlich eingetretenen schönen Wetters wegen. Das war unsere erste Enttäuschung.

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