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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 22
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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In Teplitz ausgespielt

Wir bezogen in Teplitz den Gasthof »Anker« auf dem Markt. Der war uns vom Theaterportier empfohlen. Wir fanden keinerlei wichtige Post vor. Also ging unsre Tournee zu Ende.

Teplitz gefiel uns gar nicht. Wir waren bei dem schwülen Wetter auf schlechten Theaterbesuch gefaßt.

Ich entdeckte auf Alleinwegen die südmährische Weinstube: »Tatra-Keller.« Dort trank ich vor dem letzten Auftreten mein Animierschöppchen, nachdem ich meiner Kasse noch zögernd das Geld für ein letztes rohes Ei abgerungen hatte. Das große und schöne Theater war, wie erwartet, leer. Die wenigen Menschen aber, die dort saßen, applaudierten dankbar. Wir spielten nicht sonderlich gut, weil wir die Akustik des allzu weiten Raumes nicht berechneten und auch nicht an den für die Tschechen fremden Akzent unsrer Sprache dachten. Dennoch machte mir der Direktor zum Schluß ein höfliches Kompliment. Es lagen Bücher mit Autogrammwünschen vor.

Nach dem Umkleiden eilten wir schnellstens zum Anker und nahmen nach einem billigen Abendbrot unsre Schlußabrechnung mit Grischa vor. Das dauerte stundenlang und war sehr kompliziert, bei den vielen Kassen, die wir hatten, den vielen Schulden, Anrechten und Verpflichtungen. – Und Schweizer Geld umrechnen – und tschechisches Geld umrechnen. – – Wir waren auf dem Höhepunkt unsrer Nervosität, und in der lebhaften Debatte sah es aus, als ob einige von uns hart aneinanderprallen würden. Aber immer sorgten die andren dann dafür, daß alles anständig erledigt oder umgebahnt wurde. Dieser Prüfstein wurde zum Denkmal. Als wir uns noch über den Verbleib des Fundus-Koffers geeinigt hatten, was keineswegs eine einfache Frage war, verlas ich ein Gedicht, das ich jedem von uns in Handschrift zustellen wollte:

An meine Flaschenkinder
(Auflösung der Ringelnatz-Tournee)
        Das Schicksal pustet ins Kollektiv.
Freunde, die wir uns nennen,
Durch enges Gemeinsam uns kennen,
Nun müssen wir uns trennen.
Wir gingen gerade. Der Weg ging oft schief.

Wir haben – jedes nach seiner Kraft –
Uns herzlich zusammengenommen –
Haben ein gutes Erinnern geschafft. –
Anständige Sorge ist heilsamer Saft
Und wird uns gut bekommen.

Lebt wohl! Viel Glück eurer Künstlerschaft!

Ihr, die ihr euch um mich schartet,
Wenn's einmal keinen Urpepper mehr gibt,
Er liebte euch. Und ihr bewahrtet
Euer bestes an ihm. Gott mit euch!

Euer alter, strenger
Ringelnatz

Teplitz, Tatra-Keller
      1. Juli 1932

Es war ein Uhr nachts geworden. Um fünf Uhr sollten wir schon wieder geweckt werden für den Omnibus nach Dresden. Wir küßten einander und gaben uns die Hände, und der Petra kamen die Tränen. Meine Kollegen gingen schlafen. Sie wußten – und begriffen es – daß ich auch diesmal noch als Einziger weiterbummelte. Ich ging in den Tatra-Keller, um mein Tagebuch weiterzuführen. Einunddreißigmal hatten wir die Flasche gespielt.

Punkt fünf Uhr morgens donnerte es an meine Tür. Nicht nur der Hausdiener, sondern die eigne Sippe donnerte – fast klang es schadenfroh.

Bezahlt hatten wir am Abend zuvor, aber wir mußten ohne Frühstück abziehen. Und dennoch, bis Petra erschien, war natürlich immer noch so viel Zeitchen, daß ich Brot, Butter und Wurst für unterwegs einkaufen konnte. Der Autobus fuhr uns durchs Erzgebirge, an der Sächsischen Schweiz vorbei nach Dresden. Dort auf dem Hauptbahnhof frühstückten wir zum letztenmal zusammen.

Ich wußte viel Freunde in Dresden. Aber mein Portemonnaie wagte nicht, an sie zu denken.

Wir trafen die allerletzten Abrechnungen. Nun lüftete auch Sitty endlich einmal das Geheimnis der Sitty-Kasse und dividierte durch sieben. Es kam auf jede Person etwas mehr als neun Mark. Unsre Wege trennten sich in Dresden. Ich nahm Abschied von meinen Flaschenkindern. Einige brachten mich an den Omnibus, und als der sich in Bewegung setzte, stieß ich in meine Bühnen-Trillerpfeife und rief ein Ahoi, das ein kräftiges Echo fand. Diese Ahois sollten eine zarte Wehmut übertönen.

Der Omnibus fuhr nach Leipzig. Aber in einem plötzlichen Einfall löste ich nur Billett bis Wurzen. Diese Fahrt bot mir die seltene Gelegenheit, einmal meine Geburtsstadt Wurzen wiederzusehen, vielleicht kennenzulernen. Ich dachte über die ganze Kollektivirrfahrt nach, zuletzt über den Funduskorb, der leider – weil niemand wußte, wohin damit – an meine Berliner Adresse abgeschickt war. Der Korb selbst und einige Stücke darin waren für uns Allgemeinbesitz, aber nicht durch sieben zu teilen. Zum Beispiel die beiden Krokodile, die Möwe – – nein! Die Möwe hatten meine Kollegen einstimmig mir als Geschenk bestimmt. Ich meinerseits hatte Grischa das rotseidene Tuch verliehen.

Wurzen!?!?! – ach du liebe Zeit! Mein Wurzen.

Dann etwas Leipzig. Dann räusperte ich mich und fuhr nach Berlin.

Vergehe Zeit!
              Vergehe Zeit und mach einer besseren Platz!
Wir haben doch nun genug verloren.
Setz einen Punkt hinter den grausamen Satz
»Ihr habt mich heraufbeschworen.«

Was wir, die Alten, noch immer nicht abgebüßt,
Willst du es nicht zum Wohle der Jugend erlassen?!
Kaum kennen wir's noch, daß fremde Hände sich fassen
Und Fremdwer zu Ungleich sagt. »Sei herzlich gegrüßt.«

Laß deine Warnung zurück und geh schnell vorbei,
Daß wir aufrecht stehen.
Vergönne uns allen zuinnerst frei
Das schöne Grün unsrer Erde zu sehen.

Ich begrüßte M.: »Guten Tag, die Tournee ist beendet.«

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