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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 21
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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Praha-Peux

Man kam uns in Prag überaus aufmerksam und wohlwollend entgegen. Zwei Leute vom Theater holten uns ab und beförderten unser Gepäck und den Funduskorb. Aber bis das und die Zollrevision erledigt war, bis Mutter Mewes von mehreren Hotels endlich das billigste erfragt hatte, war es fast fünf Uhr geworden. Wir bezogen das Hotel »Blauer Stern«, wo schon die Hindus zu Sonderpreisen gewohnt hatten.

Aus der Zeitung ersahen wir, daß die »Flasche« für siebeneinhalb Uhr angesetzt war, und daß sie, wie eine Bemerkung zu unterst betonte, nicht für Jugendliche geeignet wäre.

Es war ein heißer Mittwoch. In Prag feierte man das Sokol-Fest. Tausende von Menschen badeten in der Moldau, oder vergnügten sich im Badekostüm an den Ufern.

Ich wusch mich mehrere Male, denn die tschechischen Waggons waren unbeschreiblich schmutzig gewesen. In neuer Wäsche wie neugeboren holte ich mir meine Bühnenstimmung im Restaurant Lippert. Ich war der einzige vom Kollektiv, der Prag schon kannte.

Im Theater hörte ich, daß der Dichter und Kritiker Max Brod und der Chefredakteur vom Prager Tagblatt, Dr. Blau, anwesend wären. Ich hatte an Dr. Blau und an seine liebenswürdige Gattin, sowie auch an gewisse andre Herrschaften nette Erinnerungen von einem Vortragsabend in der Urania her. Als ich das »Kleine Haus« nach Schluß verließ und am Ausgang niemand auf mich wartete, war ich doch arg enttäuscht. Ich pendelte unentschlossen in einem Nieselregen umher, der für uns leider zu spät eingesetzt hatte. Das Theater war ziemlich leer gewesen. Ob das Stück gefallen hatte, und wie das Publikum mitgegangen war, wußte ich nicht, wußten wir alle nicht. Als ich später nochmals am Theater vorbeikam, standen dort junge Leute, die auf mich gewartet hatten, um ein Autogramm zu erhalten, Gymnasiasten und junge Damen und ein älterer Rechtsanwalt. Der Rechtsanwalt stellte sich als Dr. Otto Arje vor und führte mich in eine Kneipe, wo er telefonisch eine Verabredung mit seinem Freunde Max Brod und mir für den nächsten Tag festlegte.

Dann ging ich lange über den illuminierten Wenzelsplatz in der Richtung nach dem pompös belichteten Landesmuseum. Und das war, wie wenn ich als Kind in ein Feenland geraten wäre, etwa durch ein abendbeleuchtetes Warenhaus geführt würde. Alles fremd um mich, aber bunt, wirr und kostbar strahlend. Nur daß dieses Kind jetzt alles Täuschende erkannte.

Und dann saß ich in der türkisch verteppichten Diele des Hotels Esplanade genau so, wie ich ein Jahr zuvor, auch in einer ersten Nacht von zwei Nächten gesessen hatte, gut bedient und in einem angenehmen Milieu, aber empfindlich einsam und trüb gesinnt. Der kleine, emsige Boy war noch da, selbst für einen Zwerg war er noch auffallend klein. Und im Nebenraum tanzten aparte oder schamlos eitle Solo-Nummern zwischen allgemeinen Tanztouren. Aber ich wußte dieser Art Unterhaltung nichts mehr abzugewinnen und entfernte mich neu enttäuscht. In einer tschechischen Arbeiterkneipe empfing man mich so offensichtlich feindselig, daß ich nur einen Schnaps trank. Als ich dann dem Wirt eine Handvoll Kleinmünzen hinhielt, weil ich mich darin nicht auskannte, nahm dieser alles, was ich ihm hinhielt. Ich trudelte lächelnd langsam heim, indem ich mir die Frage vorlegte, was ich wohl über diese erste Prager Theatervorstellung niederschreiben könnte. Der Intendant war äußerst liebenswürdig gewesen, auch der Direktor war zur Begrüßung in meine Garderobe gekommen, aber was mochten wir Spieler wohl für einen Eindruck hinterlassen haben? – Der Garderobier hatte mein Herz gewonnen, als er meine Hose vorbildlich schneidig bügelte. Auf jeden Fall war ich auf die Kritik von Max Brod gespannt.

Sie fiel so gut aus, daß sie den Schreiber mehr ehrte als mich.

30. Juni 1932. Kurz nach sieben Uhr war ich zum Frühstück bereit. Meine Kameraden schliefen noch. Sie schliefen meiner Meinung nach immer zur falschen Zeit, aber dafür gab es echte und sogar rührende Erklärungen. Als ich im Hotel noch kein Bier um diese Stunde erhielt, entfernte ich mich laut klagend, mußte aber – noch fußmüde von gestern – eine Stunde lang herumirren, bis ich zu einer mitgebrachten Semmel ungarische oder tschechische Salamiwurst und mein Pilsner bekam.

Es war ein Jugendtraum von Mutter Mewes gewesen, einmal auf der großen Brücke über die Moldau zu gehen. Das erfüllte sich nun.

Am andern Tag erreichte ich umständlich den Chef-Redakteur des Prager Tagblatt, Dr. Blau. Er gab mir gleich zwei freundliche Kritiken, die eine von Brod und eine andre von der »Bohemia«, und er war in jeder Beziehung mir behilflich und zugetan. »Kann ich Ihnen noch etwas helfen? Man muß etwas über Sie ins Abendblatt bringen. Haben Sie ein Bild von sich da?«

»Nein.«

»Dann wollen wir ein Bild von Ihrer Petra bringen, mit einem netten Text. Haben Sie eine Photo von der Dame? Aber ich brauche sie bis Mittag.«

Ich lief trotz meiner wunden Füße nach dem Hotel und anderwärts hin und suchte überall nach Petra, fand aber weder sie noch die andern Kollegen. Petra und Grischa hatten seinerzeit ihre Stellung in Nordhausen in der Begeisterung für die Flaschen-Tournee gekündigt und suchten nun eine neue Position. Dafür war nun die ungeeignetste Zeit. Beide waren Schauspieler, die man mit bestem Gewissen empfehlen konnte. Arme Petra! Da war nun eine Chance für dich! Ein Bild von dir im Abendblatt mit wohlverdientem Lob darunter!! Warum hinterließest du nicht Bescheid, wohin du gingst.

Eigentlich und letzthin war es doch erfreulich, daß sämtliche Kollegen von mir – gegen meine Erwartung – nicht die geringste Begabung dafür hatten, zum Handwerk zu klappern. Sie sammelten nicht einmal empfehlende Kritiken, und der Photo-Apparat, den einer von ihnen mitgebracht hatte, kam nie in Anwendung. Weil die Platten zu kostspielig waren.

Endlich gabelte ich Sitty und den Fürsten auf. Sie hatten Hradschin, Judenfriedhof, Alchimistengasse und andres besichtigt, hatten sich aber sehr bald von Petra-Grischa und Mewes-Regisseur getrennt, weil diese Paare vor jedem ersten besten Schaufenster beharrlich stehengeblieben waren. Wir aßen zu dritt Mittag. Mein Bierglas brach versehentlich entzwei, worauf der Kellner sofort herbeistürzte und dringend Bezahlung forderte, und dann ein Dienstmädchen, das die Scherben zusammenfegte, mich tschechisch unverständlich deutlichst beschimpfte. »Peux« sagte ich nur.

M. schrieb, daß der B.-Nachweis uns noch von Prag aus für zwei Tage Zoppot festmachen könnte. Wie dachte sich der B.-Nachweis das? Von Prag nach Zoppot?! Ich schrieb meine Antwort, unsere Antwort, im Beisein von Sitty auf der Schützeninsel, sehr drastisch, aber im Bewußtsein, daß M. meine Worte gemildert an den B.-Nachweis weitergeben würde.

Die kluge, gefällige, kleine Frau Blau holte Sitty und mich mit ihrem Auto ab, fuhr uns auf den Barrandov, jener großzügigen, geschmackvollen Anlage, die ein junger Ingenieur ohne städtische Unterstützung, also auf eigene Faust erbaut, aus einem nackten Felsen herausgesprengt, herausgezaubert hatte. Riesenlokale, Tanzflächen, Tennisplätze, modernste Villen, ein ideales Schwimmbassin, herrliche, breite Straßen und nach überall hin weiter, wundervoller Ausblick. Frau Blau lud uns zu Eis ein und interviewte mich für das Abendblatt, weil sie meinte, das wäre eine günstige Reklame für Teplitz. Auf dem Umweg über eine Taverne brachte sie uns schließlich nach dem Theater.

Das Haus noch leerer als tags zuvor. Aber die Stimmung im Publikum stärker. Es begrüßten mich Freunde vor dem Theater und hinter den Kulissen, z. B. der Bruder des Malers Orlik.

Der Regisseur war sehr niedergeschlagen wegen des schlechten Besuches. Ich redete ihm und allen zu, noch einmal – in dieser wichtigen Großstadt – den Kopf hochzuhalten, und ich illustrierte diesen Rat damit, daß ich eins von meinen rohen Trinkeiern an die Wand pfefferte.

Nach der Vorstellung saß ich mit Blaus und Max Brod und andrer Gesellschaft zusammen. In der Stadt demonstrierte man gegen die Deutschen. Der Wenzelsplatz war polizeilich abgesperrt. Darum kümmerten wir uns nicht. Ich war sehr schlecht gelaunt. Ich hatte hundertfünfzig Kronen verloren, besann mich noch, sie leichtsinnig verwahrt zu haben. Außerdem ersah ich aus dem Abendblatt, daß Herr Blau das Interview seiner Frau leider umgeändert und einen Satz weggelassen hatte, auf den ich besondren Wert legte, weil er das kameradschaftliche Verhalten meines Ensembles zu mir hervorhob. Es war dabei kein Zweifel, daß Dr. Blau das Beste gewollt hatte, wie er denn überhaupt so gern andren Menschen half.

Ich wachte schon um sechs Uhr auf und ging spazieren, bis die andren herunterkamen, als letzte wie immer Grischa und Petra. Wir waren alle gedrückter Stimmung. Sollte doch heute noch – in Teplitz – unsere Abschiedsvorstellung stattfinden, und es stand schlimm um unsre Kasse.

Aus der Morgenzeitung sprang uns eine Notiz entgegen: Der bekannte Filmschauspieler Bruno Kastner, der sich, wie ich, mit Ensemble auf einer Tournee befand, hatte sich aus Geldsorgen in Bad Kreuznach erhängt.

Ein reger Betrieb auf den reich beflaggten Straßen. Darunter besonders viel amerikanische Flaggen, weil viele tschechische Turner aus Amerika extra zu diesem Sokol-Fest herübergekommen waren. Wir Deutschen mußten sehr achtgeben, weil alle Fahrzeuge in Prag links fahren und man auch links ausweicht.

Der Regisseur sagte noch viel häufiger »– – Ach!« und wir alle sagten es, denn die Stunde der Trennung rückte immer näher. Was sollte aus dem Reisekorb, was aus dem Krokodil und was aus uns werden? Wir hatten nichts verdient, sondern nur zugesetzt. Aber wir nahmen es nun so, als hätten wir eine Vergnügungsreise gemacht. Eine beträchtlich weite Reise, und dafür waren wir dann noch verhältnismäßig glimpflich davongekommen. Ich persönlich sah einem ersehnten Ereignis herzensfroh entgegen: Wiedersehen mit M.!

Unsre Plakate »Die Flasche« waren bereits mit einem aktuelleren Plakat überklebt, das den Namen Lipinskaja nannte. Ich zog den Hut vor einem dieser Plakate, weil ich diese Lipinskaja als eine ausgezeichnete Vortragskünstlerin schätzte.

Heilsam, lehrreich und schön war unsre Kollektivreise doch gewesen, so daß wir alle Ursache hatten, dankbar zu sein. Einige von uns sprachen sogar schon ein paar Brocken tschechisch. Die andren begnügten sich mit Peux.

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