Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joachim Ringelnatz >

Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 20
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

4 Tage Bad Elster

Als wir den Zug in Elster verließen, mußten wir noch einen Omnibus nehmen, um unser Ziel zu erreichen. Der kostete für uns sieben und für unser Gepäck abermals böses Geld. Er trug uns durch schöne Landschaft und am Kurhaus und am Kurtheater vorbei, beides repräsentative Gebäude, bis zum »Goldenen Anker«, wohin uns der Intendant empfohlen hatte. Das war ein nagelneues Haus. Ein Bett kostete dort pro Nacht 2.– RM., das meinige sogar noch 30 Pfennige mehr, weil ich Fließendes Wasser hatte. Ach, dieses ewige, mich betörende Fließende Wasser. Es floß aus dem Warmhahn noch kälter als aus dem Kalthahn und so tückisch plötzlich, daß ich beim leisesten Andrehen sofort nasse Hosen und nasse Schuhe bekam.

Ich legte mich gleich ein wenig aufs Ohr. Da hörte ich draußen eilige Schritte hin und her laufen, hörte eine keuchende Stimme verzweifelte Rufe ausstoßen wie »mein Gott! mein Gott!« – »Auch das noch!« – auf einmal aber laut aufjubelnd »ich habe sie! Sie lag im Örtchen.« Beim Worte »Örtchen« erkannte ich am Tonfall die Stimme von Mutter Mewes. Die gute Haut hatte plötzlich ihre Handtasche vermißt.

Wir spielten an diesem Abend nicht. Deshalb legten sich meine Kollegen bald nach dem Abendbrot zur Ruhe. Ich machte die einzige Bar im Orte ausfindig. Die war, angeblich einer Johannisfeier wegen, kitschig-sächsisch düster illuminiert, und die Pärchen in den Nischen flüsterten laut gebrülltes Sächsisch. Aber der Besitzer oder Geschäftsführer und die Kellner erkannten mich und ermangelten nicht, das ausführlich festzustellen. Von dort aus ging ich nach dem vornehmen Kurhausrestaurant, wo mich die Kapelle und die Kellner mit verständnisvollem Augenzwinkern begrüßten. Ich lernte das dort engagierte Tanzpaar van Hall kennen und den Kurdirektor Exner und den Pressechef und andere. Alle waren sehr nett zu mir, und die meisten von ihnen hatten wieder Beziehungen zu meiner Vergangenheit. Einen reichlich selbstbewußten ehemaligen Farmer aus Liberia beunruhigte ich etwas dadurch, daß ich zufällig mancherlei über diese Negerrepublik wußte.

Der Neubau »Goldener Anker« war noch so feucht, daß uns in der Nacht die Bettlaken einweichten und wir abscheulich froren. Husten bellte durch alle Etagen. Deshalb gab es morgens beim Frühstück große Debatten über das Thema: »Sollen wir uns andere Wohnung suchen oder nicht?«

Zwei von uns hatten eine Pension entdeckt, die gesünder und vor allem billiger war als der »Goldene Anker«. Wir schickten nun Sitty hin, um sich nochmals genau nach den Preisen zu erkundigen. Er brachte erfreuliche Zahlen zurück – Zimmer mit Pension soundsoviel, Zimmer ohne . . . Wir entsandten den Fürsten, die Zimmer fest zu mieten. Als das geschehen war, entstanden irgendwelche Bedenken, und wir schickten wieder jemanden aus, die Zimmerbestellung rückgängig zu machen. Darauf durchrechneten wir den Fall nochmals hin und her und kamen über tausend Erwägungen zu dem Entschluß, doch den »Goldenen Anker« aufzugeben und die weitaus billigere Pension zu beziehen. Aber keiner von uns wagte es jetzt mehr, dort vorzusprechen. Da war es wieder Mutter Mewes, die sich aufmachte und nicht nur die Zimmer fest mietete, sondern sogar von dem Mietbetrag noch etwas herunterhandelte und dabei den neuen Wirtsleuten sichtlich imponierte. Diese Leute waren einfache Menschen, vielleicht ehemalige Bauern, worauf der Name ihrer Pension »Landmannsruhe« deutete. Sie redeten mich mit »Herr Direktor« an, bis ich ihnen sagte, daß ich kein Direktor, sondern Kapitän wäre. Da ich mich dann auch einmal in Marinedreß zeigte und meine Freunde mich laut Kapitän nannten, hieß ich bei den Wirtsleuten fernerhin »Kapitän Ringelnatz«.

Wir zogen um. Sitty Smile trug meinen Koffer hinüber. Dafür zahlte ich 50 Pfennig in die Sitty-Kasse. Ich hatte Sitty besonders lieb gewonnen und diese Feststellung einmal in einer Kartengrußbeischrift seinen Eltern berichtet. Nun zeigte er mir einen Brief von zu Hause, worin die Mutter ihre Freude über meine Äußerung ausdrückte. Ich hatte auch etwas für die Allgemeinheit getan, nämlich meinem Freunde Pabst von der Konservenfabrik Türk & Pabst geschrieben, er möchte meinem Kollektiv eine Dose Rollmops spendieren. Daraufhin hatte er uns eine reichhaltige Kiste Konservenwunder nach Bad Elster gesandt. Die packten wir nun staunend aus in einer reizenden Laube im Garten der Pension und verlosten die einzelnen Dosen und Gläser. Das Los kostete 20 Pfennige, und das Geld kam in die Sitty-Kasse. Später setzten wir uns wieder in dieser Laube zusammen, um einmal gemeinsam vergleichend nach Belegen unsere bisherigen Einnahmen, Auszahlungen, Vorschüsse, Schulden usw. zu errechnen. Das dauerte sehr lange, war sehr ernst und brachte zwar ein deprimierendes Ergebnis, aber auch endlich einmal Klarheit.

25. Juni. Das Wetter kalt und trübe. Bad Elster feierte das Brunnenfest mit langem, sich über den ganzen Tag und den Abend erstreckendem Programm. Weckruf – – Ansprache des Kurdirektors – – Tanz der Bademädchen im Freien – »Zähmung der Widerspenstigen« als Nachmittagsgastspiel des Plauener Theaters auf einer Freilichtbühne – Konfetti-Schlacht – Konzerte – abends ein Hellseher, ferner ein Sonderabend des Tänzerpaares van Hall im Kurhausrestaurant und gleichzeitig im Kurtheater »Die Flasche«. Viel zuviel Veranstaltungen! Wir konnten für uns nicht viel Publikum erwarten. Wir bemerkten auch Inder in den Straßen. Sie sollten in den nächsten Tagen im gleichen Theater eine Musik und Tanzvorführung geben. Der Fürst kam mit diesen schönen Menschen ins Gespräch und wies ihnen Freiplätze für unsere »Flasche« an, wofür wir dann die indische Vorstellung frei besuchen sollten. Die Hindus beklagten sich gleichfalls über die Enttäuschungen, die ihre Tournee bisher erfahren hatte.

Mein Schwager Hermann rief mich aus Leipzig an. Er lud mich ein, die drei spielfreien Tage, die mir nach der Vorstellung in Elster aufgezwungen waren, bei ihm zu verbringen. Das lehnte ich ab. Aber der Schwager hatte noch eine andere, entzückende Idee gehabt, er hatte mir telegrafisch 150.– RM. angewiesen. Die trafen ein und lösten große Freude bei mir aus. Ich konnte die Miete an M. senden.

Keiner von uns fragte vor der Vorstellung: »Wie ist's besucht?« Keiner sah durchs Vorhangloch. Wir ließen uns überraschen. Wir waren auch untereinander niemals neugierig oder indiskret in bezug auf Kofferinhalt, Wäsche und dergleichen. Petra kam zu spät – nein nein, sie kam nie zu spät, aber immer kam sie fast zu spät. Das blutarme Frauchen schlief gern lange. Ihr treuherziger Grischa mit den verträumten Augen hatte den ganzen Tag über emsig noch an den Abrechnungen gearbeitet. Der Fürst hatte wenig Kinn, aber viele schöne Erinnerungen an ein langjähriges Engagement in Riga-Lettland. Er war von uns sieben derjenige, der die längste Bühnenpraxis hinter sich hatte. Mit seinem Lieblingsthema Riga-Lettland zogen wir ihn oft auf. Ich tat das schon deswegen gern, weil er dann in ein halb verschämtes, halb gekränktes Lächeln geriet, das ich gut leiden mochte. Mutter Mewes setzte ja auch ein ähnliches Lächeln auf, wenn ihr gelegentlich ein Lapsus unterlief. Es war ein großes Glück für unser Kollektiv, daß die beiden weiblichen Mitglieder grundgütige Menschen waren. Auch dem Regisseur war diese Eigenschaft nachzurühmen. Er hatte ein lederfarbenes Gesicht, trug die Hände meist in den Taschen seiner melierten Knickerbockers, und wenn man ihm etwas mitteilte, machte er den Mund langsam ganz weit auf und sagte dann »Ach«. Er war und blieb ein wenig seriös, wenn auch unsicher seriös und redete einige von uns bis zum Schluß der Tournee mit »Sie« an. Unser Riesen-Neger Sitty Smile mußte alle erdenkbaren Kannibalen-Witze über sich ergehen lassen. Er war keineswegs geizig. Da er sich aber alle die kleinen Ausgaben versagte, die den Moment bequem machen, aber sich doch zusammenläppern, kam er am besten von uns mit seinen Einnahmen aus, besser gesagt: er hatte am wenigsten Schulden. Ich war übermäßig pastoral, oft streng und unbequem und – doch darüber müssen meine Kollegen aussagen.

Die Vorstellung fand statt und war schlecht besucht. Da wir aber unser garantiertes Fixum bekamen, beklagten wir uns nicht. Grischa hatte die Pfötchen meines Krokodils sauber mit Brettchen von Zigarrenkisten besohlt. Der Regisseur debütierte in der Kellnerrolle und sah in seinem Frack überraschend anders aus. Sitty, der für ihn als Inspizient den Vorhang kontrollierte, ließ diesen im zweiten Akt zu früh fallen. Ich schenkte meine Bananen zum Schluß der Feuerwehr.

Das Kollektiv speiste in Villa Landmannsruhe im Salon der Mutter Mewes des beurrées und Konserven von Pabst. Es ging sehr gemütlich zu. – Dank der Spende meines Schwagers, konnte ich mir's nun wieder einmal erlauben, nachts noch vornehmste Lokale aufzusuchen, was meine Kollektivgenossen mir aufrichtig gönnten, und was sich auch meist als eine nicht zu unterschätzende Propaganda für unsere Aufführung erwiesen hatte. Diesmal fand ich beim Weggehen die Haustür verschlossen, und weil unsere Wirtsleute schon schliefen, stieg ich durch Petras Fenster aus.

Im festlich erleuchteten Kursaal musizierte noch die Kapelle. Das Publikum empfing mich mit Applaus, und die Musik spielte einen Tusch. Ich wurde mehrfach angesprochen. Später gesellten sich das Tanzpaar van Hall und der Hellseher Ludio To Rhama (aus Hannover) zu mir. Wir berichteten gegenseitig über unsere Abendergebnisse. Der Hellseher hatte besser abgeschnitten als van Halls und wir Flaschenkinder, weil ihm nach seiner Vorführung alle Zuhörer noch Horoskope abgekauft hatten.

Auch in den Wettiner Hof ging ich und ärgerte mich dort über einen geschmacklosen Dicken vom Schlage der Inflationsschieber, der an der Bar stand und drei Weiber mit Sekt traktierte. Er führte sehr laut und geschmacklos das Wort und zog alle seine Register auf, um sich als Weltmann zu legitimieren. Er gebrauchte bald französische Brocken, bald englische, und dazwischen sprach er ein besonders ordinäres Sächsisch. Es war ihm anzumerken, daß er sich gern auch mit mir angebiedert hätte. Ich wartete darauf. Ich hatte mir für diesen Fall vorgenommen, gleich zu antworten: »Ein Gespräch mit mir kostet hundert Mark.« Es war nicht ausgeschlossen, daß dieser Protz die hundert Mark gezahlt hätte, und die wollte ich dann triumphierend der Sitty-Kasse bringen. Aber er sprach mich doch nicht an. So wanderte ich heim, pochte an Grischas Fenster und entrichtete eine Einsteigegebühr von 50 Pfennigen für die Sitty-Kasse.

Sehr vergnügt erwachte ich am andern Morgen, wusch mich, rasierte mich, kleidete mich an und weckte Sitty und den Fürsten. »Hallo boys! Kommt in die Laube zum Frühstück!« Dabei beobachtete ich, wie Mutter Mewes im Pyjama aus der Tür trat und für sich und den Regisseur Kaffee aufs Zimmer bestellte. Ich fragte verstimmt: »Wollt ihr denn nicht mit uns trinken? Ich denke doch, wir gehören zusammen.«

Die Laube stand in einem Wildwachsgarten, der nach der Straße zu abfiel. Sie sah aus wie ein Eisenbahnwagen ohne Räder. Ein langer Tisch stand darin, an dem gerade sieben Personen bequem Platz fanden. Die Kollegen erschienen, zuletzt die Damen, als allerletzte – fast zu spät – Petra. Grischa gab bekannt, daß er Spielkarten aufgetrieben hätte. Mich interessierte das nicht.

Ich schrieb lange, hatte zuvor ein Ferngespräch mit M. angemeldet. Es war mir eine langentbehrte Freude, ihre Stimme zu hören, die nicht deutlich zu verstehen war, aber nach Glück und Dankbarkeit trotz allem klang. Wir sprachen der Unkosten wegen mit knappen Worten und hauptsächlich über Geschäftliches. Dresden hatte abgesagt. Nach Prag sollten wir noch – als letzte Aufführung – in Teplitz spielen. Das war immerhin um eine kurze Strecke näher an Berlin, beziehungsweise an Nordhausen.

Ich kaufte sieben Stück Quarkkuchen und eine Zeitung. Die Sonne trat endlich hervor. Ich war in sehr glücklicher Stimmung.

Ferienzeit. Einige von uns spielten Skat. Andere spazierten durch die verlockende Gegend. Niemand las Zeitungen. Ich ruderte eine halbe Stunde lang auf einem Teich oder See oder Meer, oder wie sie das dort nennen mögen. Abends delektierte sich das Kollektiv in der Gartenlaube gemeinsam an Kartoffelsalat, Würstchen, japanischen Krebsen und anderem päbstlichen Segen. Sitty Smile spendierte eine Flasche Wein dazu, die er seit Würzburg mit sich herumtrug und auf deren Etikett ein sehr unanständiger Titel stand. Danach sahen wir uns auf Freibilletts ein Gastspiel des Plauener Stadttheaters an. Wir saßen nun also im Zuschauerraum des hübschen Theaters, auf dessen Bühne wir gestern vor wenig Leuten gespielt hatten. Diesmal war das Haus sehr voll. Allerdings ein anderes Publikum. Das bog sich vor Lachen. Das Stück war ein dürftiges, sinnloses Kitschgewebe aus alten Witzen und gestohlenen Melodien. Aber es war für dieses Publikum zurechtgeschnitten. Die Aufführung dauerte fast drei Stunden. Sie hatte für uns etwas Peinliches, für mich sogar etwas Trauriges, aber selbstverständlich applaudierten wir kollegial.

Klein bei klein wuchs die Sitty-Kasse, gefüttert durch allerlei Provokationen. Vom Garten her rief mir der seriöse Regisseur zu: er würde zehn Pfennige stiften, wenn ich meinen nackten Po aus dem Zimmerfenster zeigte. Das tat ich sofort in aller Interesse. Genaue Zahlen über den Bestand der Sitty-Kasse erfuhren wir nicht. Darüber wahrte Sitty eisernes Schweigen.

Nach einer frostigen Juni-Nacht wieder ein Morgenfrühstück im sonnigen Garten: Kaffee, Butter, Marmelade und dazu jene sächsischen Käse, die der Volksmund Leichenfinger oder auch Polizeifinger nennt. Leuchtender Mohn blühte am Gartenrand. Eine Amsel trug einen Regenwurm durchs Gras. Sie ging richtig zu Fuß.

Nach dem Essen marschierten Fürst, der Neger (tagsüber natürlich weiß) und ich über die Grenze nach dem tschechoslowakischen Ort Grün. Durch eine idyllische Landschaft, an so viel heubedeckten Wiesen vorüber, daß Sitty aus dem Niesen nicht mehr herauskam. Ich überredete ihn zur Ablenkung, sich in Grün endlich einmal die Haare schneiden zu lassen. Grischa hatte das zuvor provisorisch mit sehr merkwürdigem Halbresultat an ihm versucht. Nun tranken wir drei aber vor allem einmal im »Grünen Baum« in Grün ein großes echtes Pilsner für zwölfeinhalb Pfennige und aßen vorzügliche Schinkenbrote dazu. Dann schrieb ich bei gutem Kaffee.

Rast auf Wanderschaft
        Der Lautsprecher sprach, doch ich hörte es nicht.
Er sprach zu dumm und zu laut. –
Ein Stiefmütterchen mit einem Bulldoggesicht
Hat mich angeschaut.

Wir saßen im Freien, gezwungen ganz frei,
In dem böhmischen Orte Grün.
Wir waren nicht reich, doch wir waren unsrer drei
Und Freunde. – Und Freundschaft macht kühn.

Das gelbe Mütterchen, braun getupft,
Konnte auch ein Schmetterling sein.
Ich hab's abgerupft. Unser Herz hat gehupft.
Drei Freunde bei zwei Glas Wein.

Heuwagen von Hornvieh gezogen. – Sanfte und lückenhaft bewaldete Hügel. – Wiesen mit duftigem Mischwachs. – Dazu Sonne, ein Lüftchen, Mädchen mit hellen Kleidern. Es war dort wirklich ländlich schön.

Als ich das Gedicht beendet hatte, las ich es gleich Sitty und dem Fürsten vor. Neben mir blühten in einem Kasten viele Stiefmütterchen. »Welches davon meinte ich?«

»Das!!« sagten beide Freunde gleichzeitig, und zeigten auf die richtige Blume. Die rupfte ich ab und legte sie einem Briefbericht an M. bei. Und ich malte mir aus, wie die gute M. sich morgen, übermorgen über den Brief freuen, aber ein wenig traurig sein würde, weil sie nicht in Grün mit dabei war. Ach, arme Zeit!

Wir begegneten auf dem Rückwege dem Zollmann. Er sprach uns angenehmerweise nicht an. Wir hatten für den Weg, auf dem wir gingen, nicht den vorgeschriebenen Ausweis.

Als wir an dem Teich vorbeikamen, ruderten dort einige von den Indern. Ich rief sie englisch an: »Hallo! Wir hoffen euch heute Abend zu sehen!« Einer der Hindus antwortete: »Und wir haben euch am Sonnabend gesehen. Bravo, bravo!« Abends sahen wir sie im Kurtheater. »Uday Shan-Kar« und die französische Tänzerin »Simkie« mit einem Hindu-Orchester. Das war sehr interessant, sehr echt, sehr geschmackvoll und farbig wunderschön.

Ich lachte den Regisseur und Mutter Mewes aus, weil sie den prachtvollen Nachmittag in der Lesehalle verbracht hatten und durch die Berichte über Schießereien und Unruhen in ganz Deutschland nun verstimmt waren.

Früh um sieben Uhr erhob ich mich, packte meinen Wäschesack und ordnete einmal gründlich meine Sachen. Ich frühstückte im Garten mit Grischa zusammen, der auch so zeitig aufgestanden war, um endlich einmal seine Abrechnung abzuschließen. Die andern pennten noch. Ich hatte bei dem herrlichen heißen, aber doch windigen Wetter keine Lust, auf sie zu warten. Deshalb marschierte ich allein los. Über »Das alte Forsthaus« nach Grün. Diesmal auf der richtigen Zollstraße. Ein tschechischer Zollbeamter hielt mich an und untersuchte mich. Ich hätte einige Zigaretten zu viel bei mir. Ich lachte zu allem, was der Mann sagte und flocht immer wieder das Wort peux in meine Reden. Der Zollbeamte untersuchte mich sichtlich nur aus Langeweile. Er lachte jedesmal erschüttert, wenn ich peux sagte. Und dann mußte wiederum ich lachen. Weil ich an den ängstlichen Regisseur dachte, der uns tiefernst eingeschärft hatte, in der Tschechoslowakei niemals die Peux-Sprache anzuwenden, weil diese als Verhöhnung aufgenommen würde.

Vorm »Grünen Baum«, wo wir gestern noch zu dritt gesessen hatten, wartete ich nun allein auf den Omnibus und dichtete.

An der Straße vorm »Grünen Baum«
        Wie Gold auf der Straße liegt
Vor mir ein Kuhfladen.
Dahinter baden
Tausend Käfer im Gras, das der Wind biegt.

Da gehen unter hunderten
Vielleicht drei Mädchen vorbei,
Die, wenn sie mein Gelüsten wüßten,
Sich baff darüber wunderten.
Mich gelüstet: daß jede die meinige sei.

Doch auf einmal sind meine Gedanken fort,
Weit weg und um eine Woche voraus.
Sind in Berlin. – Dort
Wohnt M. Dort bin ich zu Haus.

Ich hatte erwartet, daß mir in der ausländischen Stadt Asch, wohin ich gefahren war, das eine oder andre Abenteuerchen begegnen würde. Das traf keineswegs ein. Eine ganz langweilige Stadt, ohne Fuß und ohne Kopf, wo immer ich sie anpackte. Im Hotel Löw aß ich. Das Essen war außerordentlich billig und ebenso schlecht. Der Wirt flüsterte mir zu, daß ich ihn an einen Zirkusdirektor erinnerte.

Es gab einige Bars mit Mädchen dort. Aber das war auch nur Nepp und Nichts. Die vielen Läden mit billigen und offenbar gutem Schuhwerk interessierten mich bei dem Stand meiner Kasse nicht. Als ich in der »Post« einkehrte, um wenigstens ein gutes Pilsner zu trinken, sprachen mich drei Herren an, von denen der eine, ein Sänger Heinrich Laurin, mich aus München kannte. Ich merkte, daß die beiden andern besoffen waren, und ich trieb denen zunächst einmal das blöde »Schweinigeln« aus, womit sie sich gegenseitig überboten, um mir zu imponieren. Daraufhin wurden sie vorübergehend sehr nett, und als ich aufbrechen wollte, überredeten sie mich, noch bei ihnen zu bleiben. Einer versprach, mich in seinem Privatauto heimzubringen. Als es dann aber so weit war, hielt er nicht Wort, weil ein abscheuliches Weib an den Tisch gekommen war. Ich entwischte heimlich und fuhr in einem Omnibus, den auch das abscheuliche Weib im letzten Moment bestieg, nach Grün. Dort trank ich Kaffee in dem Lokal, wo das Stiefmütterchen-Gedicht entstanden war. Es setzte sich ein Mann zaghaft an meinen Tisch, der eine Zither auspackte. Diesen reisenden Musikus unterstützte ich durch eine gewisse Trinkgeldpropaganda, und er spielte mir dafür La Paloma.

In Landmanns-Ruh angelangt, wurde ich mit Kollektiv-Vorwürfen empfangen und wegen Heimlicher Entfernung zu dreißig Pfennigen Geldstrafe für die Sitty-Kasse verurteilt. Müde vom langen Wandern warf ich mich gleich ins Bett und erwachte erst gegen neun Uhr durch klägliches Feuerwerksgeknatter. Ich inszenierte einen Spuk an Petras Fenster, trieb noch mehr Allotria mit meinen Kollegen und zog mich dann zurück, um einen langen Trostbrief an M. zu schreiben. Sie hatte mir betrübt mitgeteilt, daß die Steuerbehörde von mir, der doch zur Zeit nichts verdiente, im Gegenteil nur zuzahlen mußte, wieder neue Vorauszahlungen verlangte.

Letzter Morgen in Bad Elster. Mein Wäschesack stand gepackt vor der Tür. Der Fürst hatte mir versprochen, ihn zur Post zu tragen. Weil er aber keine Miene machte, dieses Versprechen zu halten, schulterte ich den Wäschesack und trug ihn selber fort. Aber ich war über die Trägheit des Fürsten immerhin so verärgert, daß ich ihn später an andrer, und zwar unrechter Stelle einmal sehr hart anfuhr, worüber ich mich allerdings sofort entschuldigte.

Unsere Wirtsleute nahmen mit echter Herzlichkeit von uns Abschied. Sie hatten mir, dem Kapitän, alle Allgemeinposten auf die Rechnung gesetzt. Meine Freunde, die immer auf prompte Gerechtigkeit hielten, wollten mir diese Posten zurückerstatten. Und weil sie so beharrlich darauf bestanden, ließ ich den Betrag schließlich in die Sitty-Kasse fließen. Dazu kam noch, daß wir auf der Fahrt Eger–Pilsen–Prag ein Bild amerikanisch versteigerten, eine von Grischa gezeichnete Karikatur. So kamen wieder an fünf Mark in den geheimnisvollen Tresor.

Wir vertrieben uns die langweilige Fahrzeit so gut es ging, zuletzt mit fadenscheinigem Unsinn. Grischa, Sitty und ich unterhielten uns ganz ernsthaft über eine unbenannte, zerstückelte Leiche und deren grausige Verarbeitung; so daß eine Dame neben uns das Gruseln kriegte und der Regisseur unruhig hin und her rückte. Auch die Peux-Sprache mußte wieder herhalten. Vor Prag wurden wir von einem tschechischen Irrenhausbeamten und von einem deutschen Herrn angesprochen. Diese beiden erteilten uns alle erwünschten Auskünfte, und der eine bewirtete sogar unsre Damen mit Limonade.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.