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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 19
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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Wieder in Kissingen, Plauen abgesagt

In Kissingen klapperten wir viele Pensionen ab, in Vierteln, die weiter vom Stadtinnern entfernt waren. Aber es dauerte lange, bis wir alle ein Unterkommen zu erschwinglichen Preisen hatten. Petra, Grischa, Sitty und ich wohnten in dem Kurhaus Carola.

Die Nachricht von dem ausverkauften Haus war erfunden. An sich war es ja überhaupt schon ein erfreuliches Zeichen, daß uns dieses Theater ein zweites Mal geholt hatte. Wir fanden auch meinen Wäschesack und andere verirrte Postsachen vor. So daß wir zunächst mal alle uns mit Genuß auffällig in saubere Taschentücher schneuzten. Sonst aber schien alles zunächst gegen uns verschworen zu sein. Es regnete unaufhörlich. Der Intendant des Theaters in Plauen, dem auch das Theater in Bad Elster unterstellt war, rief mich an. Er riet uns, die Vorstellungen in diesen beiden Orten abzusagen, da der Vorverkauf und die Aussichten katastrophal wären. Wir baten uns Bedenkzeit aus und berieten. Wir hätten gern auf Plauen und Bad Elster verzichtet, wenn man uns die teure Reise nach Prag erlassen hätte. Aber das Prager Theater bestand auf unserem Gastspiel. Der B.-Nachweis hatte ja leider alle Verträge so geschlossen, daß sie von den Theatern jederzeit gelöst werden konnten, während wir die Vorstellungen von uns aus nicht absagen durften. Aber nun lagen zwischen Bad Elster und Prag außerdem drei unbesetzte Tage – – nein nein – – wir wollten Plauen und Bad Elster nicht absagen. Denn wenn wir nur eine Mark verdienten, so war das doch mehr als nichts. Also wir depeschierten entsprechend nach Plauen.

Ich schrieb ein Gedicht:

Schauspieler-Tournee-Panne
        Trifft das Leid gute Einigkeit,
Daß das Dach zerbricht,
Dann bleiben doch die Wände.
Und dann sorgen warme Hände
Dafür, daß das Allerherz nicht
Verregnet noch verschneit.

Wenn der Allersinn
Dann noch Treue liebt
Und zu beten vermag,
Wird aus allem Verlust doch Gewinn
Noch herausgesiebt,
Und kommt immer wieder ein heller Tag.

Armes Deutschland, arme deutsche Kunst,
Eins, neun, drei und zwei!
Aber Gemeinheit ist Teufelsdunst,
Stinkt, stickt – und geht doch vorbei.

Im Theater eine mäßige Aufführung bei mäßigem Besuch. Nach dem ersten Akt wollte ich mich in den Schatten eines angrenzenden Gartens verdrücken, wurde dort aber von einem Münchner Bekannten aufgestöbert. Den bat ich, mit mir in eine Kneipe zu gehen, und zwar verabredeten wir, sie getrennt zu betreten, uns getrennt zu plazieren, um dann eine Szene dort aufzuführen »Gentleman spricht einfachen Schiffsmann an und traktiert ihn mit Grog«. Der Münchner war aber schauspielerisch völlig unbegabt und verpatzte mir dann alles bis auf den Grog.

Andern Morgens erhob ich mich sehr früh, weil ich meine Uhr in der Theatergarderobe vergessen hatte und darüber beunruhigt war. Denn ich liebte diese Uhr sehr und noch mehr eine goldene Kugel, die mit einer goldenen Kette daran hing und die ein interessantes Freimaurerzeichen war, das ich anno 1901 in Amerika einem Matrosen abgekauft hatte. Diese Kugel führte ich als Talisman bei mir. Wir besaßen alle solche Amulette. So trug Petra immer eine Kette aus kleinen weißen Muscheln um den Hals. M. hatte ihr die Kette bei Antritt unserer Reise geschenkt.

Eine Reinmachefrau war schon zu so früher Stunde in der Garderobe tätig. Sie regte sich über meine Frage nach der Uhr unnötig auf. Ich entdeckte die Uhr sehr bald. Sie lag wohlverwahrt im Schminkfach. Froh darüber, mischte ich mich unter die lustwandelnden Menschen im Kurpark und traf dort Bekannte. Eine gute Kapelle spielte. Ich trank Marksbrunnen, kaufte mir zwei gekochte Eier und einen Rollmops und wanderte nach der Pension Carola zurück. Ich weckte Sitty und wartete dann auf ihn mit dem Frühstück in dem niedlichen Gärtchen, obwohl es noch sehr kühl im Freien war. Die Hälfte des Rollmopses und ein Ei hatte ich neben Sittys Marmelade aufgebaut, vergessend, daß er keinerlei Speisen vertrug, an denen eine Ei-Zutat war. Er freute sich aber über den halben Rollmops und plauderte froh und stimmungsbewußt mit mir, wobei der Bedauernswerte hundertmal heunieste.

Ich wurde ans Telefon gerufen und nahm Sitty mit. Es lag ein Telegramm vor: ich möchte das Stadttheater Plauen anrufen. Das tat ich sofort, und ich hatte denselben Gedanken wie Sitty: Plauen wollte uns nochmals zureden, die Vorstellung abzusagen, hatte ein verdächtiges Interesse daran, uns abzuwimmeln. Vielleicht ließ sich da eine anständige Abfindungssumme herausschinden. In einem langen Gespräch einigte ich mich (unterstützt von Sitty und dem hinzugekommenen Grischa) mit dem Intendanten dahin: Wir verzichteten auf die Plauener Vorstellung. Dafür sollten wir gewisse Vergünstigungen in der Abrechnung am Theater in Elster erhalten. Außerdem wurde uns für unseren Gewinnanteil dort als Mindestbetrag ein Fixum von 200.– RM. garantiert. Und überdies hinaus wollte der Intendant uns noch billige Wohngelegenheit verschaffen.

Alle Nordhäuser begrüßten das Ergebnis freudig und gratulierten mir zu diesem Erfolg. (Wir schnitten, wie sich später ergab, mit dieser Vereinbarung besser ab, als wenn wir normalerweise auch in Plauen gespielt hätten. Allerdings ersetzte man uns nicht das lange Telefongespräch. Es kostete zehn Mark fünfzig.)

Wir nahmen am Bahnhof vom Kellner herzlich Abschied. Er sollte nach Hause fahren, denn es hatte keinen Sinn, daß er sich noch in die Unkosten teilte, die wir von Prag zu erwarten hatten, und seine Heimkehr war ja genügend motiviert. Wir winkten ihm, und er winkte uns noch lange nach, und ich hatte noch versucht, ihn mit einer hübschen, jungen Dame zu verkuppeln, die auch auf dem Bahnsteig zurückblieb und mich als Ringelnatz-Verehrerin begrüßt hatte.

Wir vertrieben uns die Fahrzeit mit Kreuzworträtseln und mit einem anderen Ratespiel zugunsten der Sitty-Kasse. Da wir mancherlei Postsachen nach Plauen bestellt hatten, z. B. eine Kellner-Ausrüstung für den Regisseur, und weil wir die telefonische Verabredung mit dem Intendanten noch einmal mündlich erhärten wollten, unterbrachen wir unsere Fahrt in Plauen. Als wir durch die lange Hauptstraße dieser Stadt marschierten und dabei die Menschen studierten, wurden wir noch mehr damit zufrieden, daß wir unser Gastspiel dort abgesagt hatten.

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